Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Über originelle Ideen und ihre Protagonisten

Teil 148: Beobachtungen bei der Schacholympiade


Kürzlich ist die Schacholympiade, über die schon in dieser und noch viel mehr in der kommenden Ausgabe berichtet wird, zu Ende gegangen. Pandemiebedingt war es die erste Schacholympiade seit vier Jahren und in der Zwischenzeit hat sich viel mehr als sonst verändert.

Auffällig ist die leistungsmäßige Explosion bei jungen Spielern, insbesondere bei vielen Jugendlichen aus Indien und Newcomern aus dem zentralasiatischen Raum wie z.B. Usbekistan, wohin in diesem Jahr das schacholympische Gold ging. Und bei genauem Hinsehen entdeckt man die Ursache.

All diese Junggroßmeister wurden von Trainergrößen zu dem gemacht, was sie heute sind. Man kann die Goldmedaillen beinahe nicht zählen, die von Schülern des indischen Trainers Ramachandran Ramesh (45) geholt wurden. Knapp zwei Jahre älter ist der renommierte deutsche Trainer Dr.Karsten Müller. Ivan Sokolov, der die Usbeken zur Goldmedaille führte, ist 54. Da erinnert man sich an den Spruch von Alexander Panchenko (GM und einer der besten Trainer der UdSSR), der eine (angeblich von Botwinnik stammende) Weisheit kolportierte: Mit 5 offenbart der Schüler sein Talent, mit 15 seine möglichen Grenzen, dann kriegt er einen fünfzigjährigen Trainer zur Seite, der die Schachausbildung vollendet.

Der Sohn von Ramachandran Ramesh heißt Rameshbabu Praggnanandhaa. Er ist 16, und einer der besten jungen Schachspieler weltweit. Und an seinen Partien kann man erkennen, welch gründliche Schachausbildung er von seinem Vater und Trainer in Personalunion genossen hat.

Königsindisch E 95
R.Pragganandhaa (Indien)
J.Sindarov (Usbekistan)
Schacholympiade Chennai 2022


1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Sf3 0–0 6.Le2 e5 7.0–0 h6 8.Te1 Sbd7 9.Dc2 Te8 10.dxe5 dxe5 11.Le3 c6 12.Sa4 Dc7 13.c5 b5 14.cxb6 axb6 15.h3 Db8 16.Ted1 b5 17.Sc5 Sxc5 18.Lxc5 Le6 19.Ld6 Db6 20.Lxe5 Txa2 21.Txa2 Lxa2 22.Lxf6 Lxf6 23.b3



Wie alle Partien an den Spitzenbrettern der Schacholympiade wurde auch diese online übertragen und von Fans lebhaft begleitet bzw. kommentiert. An dieser Stelle jubelten die mutmaßlich indischen Beobachter, denn Gold für Indien 2 schien sich früh anzubahnen. Der Läufer des Usbeken Sindarov, hat sich wohl auf a2 verlaufen Er wird doch irgendwann einmal ins Gras beißen müssen, oder?

In der Tat stand dieser Läufer jetzt und viele Stunden noch in Mittelpunkt dieser Partie, doch simpel abgeholt wurde er nicht.

Die Partie ging weiter mit 23.…Da5 24.Dxc6! 24.Td2 will den Läufer a2 fangen, doch nach 24.…Lc3 25.Dxa2 Lxd2 26.Dxd2 Dxd2 27.Sxd2 Ta8 ist das Ergebnis für Weiß nicht ganz so zufriedenstellend wie erwartet. Die Entscheidung von „Pragg“, wie das Wunderkind wegen seines schwer auszusprechenden Namens in der internationalen Schachszene genannt wird, war goldrichtig. 24.…Te6 Was sonst? 25.Dc8+ Kg7 26.Dc2 Weiß trachtet weiterhin nach dem Leben des schwarzen Läufers, hat sich aber zwischendurch auf der c-Linie mit einem Bauern versorgt. 26.…Da3 Greift den Bauern b3 an. 27.e5 Lxe5 28.Sxe5 Txe5



Hier hätte Weiß mit 29.Td2 Lxb3 30.Dc3 f6 31.Ld1 Te1+ 32.Kh2 Txd1 33.Txd1 Beute machen können, er nahm aber davon Abstand. Er wollte ja den Skalp eines Läufers an seinen Gürtel heften und nicht bloß die Qualität gewinnen!

29.Dc3 Dc5 30.Db2 Lxb3 31.Te1 31.Dxb3?? Txe2 31.…Le6 32.Lg4 Kf6 33.Kh2 g5 34.g3 Lxg4 35.f4 Ist es vorbei? Noch lange nicht! 35.…Lf5! 36.Txe5 36.fxe5+ Kg6 36.…Dc2+ 37.Dxc2 Lxc2 38.Txb5



Nach der großen Gratwanderung ergab sich das Standardendspiel Turm gegen Läufer bei gleicher Bauernzahl an einem Flügel. Da die Bauernstruktur instabil ist, kann die Turmseite mit fxg5 nebst h3-h4 einen Freibauern bilden, was in der Regel zum Gewinn führen kann.

38.…Kg6 39.Tb4 f6 40.Kg2 Ld3 41.Kf2 La6 42.g4 gxf4 43.Txf4 h5 44.gxh5+ Kxh5 45.Txf6 Ld3 46.Kg3 Lg6 47.Ta6 Ld3 48.Ta5+ Kh6 49.Kh4 Kg6 50.Tg5+ Kh6 51.Td5 Lc2 52.Td6+ Kg7 53.Kg5 Lb1 54.Td7+ Kg8 55.Tc7 Ld3 56.Kh6 Lf5 57.Tg7+ Kf8 58.Tg3 Lc2 59.Tg2 Le4 60.Tg1 Kf7 61.Tg4 Ld3 62.Tg3 Lc2 63.Tg2 Ld3 64.Tg7+ Kf8 65.Tg3 Lc2 66.h4 Kf7



Pragg ist am Ziel (oder genauer, er war einen Zug lang am Ziel. Forciert gewonnen hätte 67.Kh5! (und nicht 67.h5?? Kf8 mit typischer Festung) mit Zugzwang: 67.…Ld1+

Alles andere verliert:
a) 67.…Kf6 68.Tc3 Lb1 69.Tc7 Ld3 70.Kh6 Lb1 71.Tc1 Ld3 72.Td1 Lc2 73.Tf1+ nebst Kg7, und der h-Bauer rückt entscheidend vor;
b) 67.…Kf8 68.Tg5+–;
c) 67.…Le4 68.Kg5+–;
d) 67.…Lb1 68.Tg5 Kf6 69.Kg4+–) 68.Kg5 Kg7 69.Tc3








Analysediagramm


und Schwarz erreicht die rettende Aufstellung mit dem Läufer auf der Diagonale b1-h7 nicht, man sehe 69.…Le2 70.h5 Ld1 71.Tc7+ Kh8 72.Kg6 Lb3 73.h6 Ld5 74.h7 Le6 75.Te7 Ld7, und jetzt natürlich nicht 76.Txd7?? patt!, sondern 76.Kh6 Lc6 77.Tf7 nebst Mattsetzung.

67.Tc3 Entgegen dem ersten Eindruck ist dieses Endspiel außerordentlich schwer zu gewinnen. Sollte der weiße Bauer bereits auf h5 stehen, ist die Stellung tatsächlich ein technisches Remis! Das Problem für Weiß besteht darin, dass der schwarze Läufer ungehindert auf hellen Feldern herumreist, jedes Turm-gegen-Läufer-Endspiel ist aufgrund der Pattmöglichkeiten mit schwarzem König auf h8 und Läufer auf g8 remis.

Bis zu diesem Punkt war Praggnanandhaa sehr geduldig, hat seinen Bauern erst vor zwei Zügen nach h4 geschoben (und nicht weiter!) und bekommt jetzt den Zug, auf den er gewartet hat …

67.…Lb1? Vorzuziehen war 67.…Le4!? 68.Tg3 Lc2. 68.Tf3+ Kg8 69.Tg3+ Kf7 70.Tg7+ Kf8 71.Tg5



71.…Kf7 Oder 71.…Lc2 72.Kh5 Ld1+ 73.Kg6 Kg8 74.Tc5, und Schwarz hat keinen guten Zug mit dem Läufer. 74.…Lg4 75.Tb5 Kf8 76.Kf6 Ke8 (76.…Kg8 77.Tg5+ mit Läufergewinn) 77.h5 usw. 72.Kh5 Kf6 73.Kg4 Lc2 74.h5 Ld1+ 75.Kf4 Lc2 76.h6 Lg6 77.Tg1 und wegen 77.…Lh7 78.Tg7 Lb1 79.Tc7 nebst h6-h7 oder 77.…Lc2 78.Tg7 Lg6 79.Tc7 und h6-h7 – 1:0

Das war eine große Partie mit entsprechendem Platzbedarf. Hier noch zwei Endspiele zum entspannten Nachspielen, mit Kurzkommentaren von GM Dr.Müller.

Damengambit D 52
S.Tania (Indien, 2399)
A.Navrotescu (Frankreich, 2373)


1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.c4 c6 4.Sc3 e6 5.Lg5 Sbd7 6.e3 Da5 7.Sd2 Lb4 8.Dc1 dxc4 9.Lxf6 Sxf6 10.Sxc4 Dc7 11.Le2 0–0 12.0–0 Td8 13.a3 Lf8 14.b4 b6 15.Dc2 Lb7 16.Tfd1 c5 17.dxc5 bxc5 18.b5 g6 19.Tac1 Tac8 20.Da4 Sd5 21.Sxd5 exd5 22.Sa5 La8 23.Lg4 Tb8 24.Sc6 Lxc6 25.bxc6 Ld6 26.g3 h5 27.Ld7 d4 28.exd4 cxd4 29.Dxd4 Lxa3 30.Ta1 Lb2 31.Dxa7 Le5 32.Dxc7 Lxc7 Ungleichfarbige Läufer können gut für Angriffszwecke eingesetzt werden. 33.Ta7 Lb6 34.Tb7 Txb7 35.cxb7



35.…Lc7?! Dies verliert, aber die schwarze Stellung war ohnehin schlecht: 35.…Kg7 36.Tc1 La7 37.La4 Td4 38.Le8 Tb4 39.Tc7+–; 35.…Kf8 36.Tc1 Ke7 37.Tc8 La7 38.Lb5 g5 39.Lc4 h4 40.gxh4 gxh4 41.Kg2 f6 42.Kf3 Lb8 43.Ke4 Le5 44.h3 Td4+ 45.Ke3 Td8 46.Lb3 Lb8 47.Ke4 Tf8 48.Kf5 Td8 49.La4 Le5 50.Lc6 Lb8 51.Kg4+– 36.Tc1! Ld6 36.…Txd7 37.Txc7 Td1+ (37.…Txc7 38.b8D++–) 38.Kg2 Tb1 39.Tc8+ Kg7 40.b8D+– 37.Tc8 Tf8 38.Le8 – 1:0

Spanisch C 60
O.Kiolbasa (Polen, 2376)
A.M.Ciolacu (Rumänien, 2163)


1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 g6 4.c3 a6 5.Lxc6 dxc6 6.d4 exd4 7.cxd4 Lg4 8.Le3 Lg7 9.Sc3 Se7 10.0–0 0–0 11.h3 Lxf3 12.Dxf3 f5 13.Lg5 h6 14.Lxe7 Dxe7 15.e5 Tad8 16.Tad1 Tfe8 17.Se2 c5 18.Dxb7 Tb8 19.Dxa6 Txb2 20.Sf4 cxd4 21.Dc4+ Kh7 22.Sd3 Tbb8 23.f4 Ted8 24.Tc1 Da3 25.Tf3 Ta8 26.Tc2 Ta7 27.Sb4 Da4 28.Sc6 d3 29.Txd3 Dxc4 30.Txc4 Txd3 31.Sxa7 Ta3 32.Txc7 Txa2 33.Sb5 Te2 34.Sd6 Kg8 Dies ist ein Lied von einem starken Springer und einem schlechtstehenden Läufer.



35.Se8! Lh8 36.Tc8 Kh7?! Weiß gewinnt auch nach anderen Fortsetzungen: 36.…Lg7 37.Kf1 Te3 38.Td8 Lf8 39.Sc7 Kf7 40.Td7+ Kg8 41.Sd5 +– 36.…Lxe5 37.fxe5 Txe5 38.Sd6+ Kg7 39.Tc7+ Kf6 40.Sf7 Te8 41.Sxh6 Th8 42.Sf7 Th7 43.Sd6 Txc7 44.Se8++– 37.Sf6+ Lxf6 37.…Kg7 38.Tg8+ Kf7 39.Txh8+– 38.exf6 38.exf6 Te6 39.f7 Tf6 40.f8D Txf8 41.Txf8+– – 1:0

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 148 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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