Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Lehrreiche Endspiele

Teil 143: Eine Rundschau interessanter Motive


Mit dieser Folge führen wir das in der letzten Ausgabe begonnene Thema fort. Es werden lehrreiche Endspielmotive präsentiert. Da jedoch die Keimzelle des späteren Endspiels oft im vorangegangenen Mittelspiel oder gar bereits in der Eröffnung gebildet wird, lassen wir die dem zu behandelnden Endspiel vorangegangenen Züge kurz Revue passieren.

Die erste Partie stammt aus der diesjährigen Bundesliga, die Pandemie-bedingt ihre Saison 2021-22 erst Anfang März starten konnte. Dabei kam das eine oder andere Ergebnis nicht unerwartet, für eine Sensation sorgte Amir Rezasade mit seinem Sieg gegen den nominell viel stärkeren Großmeister Sergej Movsesian. Dabei war nicht nur das Ergebnis spektakulär, schauen Sie nur, wie der 26-jährige FIDE-Meister den (mit Armenien) mehrfachen Olympiasieger auspunktete.

Damenbauerspiel D 11
A.Rezasade (Mülheim Nord)
S.Movsesian (OSG Baden-Baden)


1.Sf3 Sf6 2.g3 d5 3.Lg2 c6 4.0–0 Lf5 5.d4 e6 6.Sbd2 h6 7.Te1 Sbd7 8.c4 Le7 9.Db3 Db6 10.c5 Dc7 11.Sf1 0–0 12.Lf4 Dc8 13.Se5 Te8 14.Tad1 b6 15.cxb6 axb6 16.Sxd7 Sxd7 17.Se3 Lh7 18.Sg4 c5 19.e4 c4 20.De3 dxe4 21.Lxe4 Lxe4 22.Dxe4



Zuschauer mögen sich gewundert haben, warum sich der Großmeister nicht einfach den a-Bauern einverleibt. Schwarz missfiel möglicherweise 22.…Txa2 23.Lxh6!, wonach 23.…gxh6 24.Sxh6+ Kg7 25.Sxf7 Kxf7 26.Dh7+ Kf8 27.Dh6+ zum Dauerschach führt. Falls auf 22.Txa2 23.Lxh6 Txb2 geschieht, ergibt 24.d5 Sf6 25.De5 eine wilde Stellung. Vielleicht zu wild, befand der Profi und setzte anders fort. 22.…Lf8 23.Db1 b5 24.a3 Db7 25.h4 Sb6 26.Dc1 Sd5 27.Ld2 Tac8 28.Te5 Se7 29.Lxh6 f5 30.Lxg7 Lxg7 31.Sh6+ Kh7 32.Txe6 Sg8 33.Txe8 Lxh6 34.Te3 Lxe3 35.Dxe3 De4 36.Dd2 Te8 37.d5 Sf6 38.d6 Sd7 39.Da5 Df3 40.Te1



Es bahnt sich eine Punkteteilung an: 40.…Te5! 41.Txe5 Sxe5 42.Da7+ Kg6 43.De7 Dd1+ 44.Kh2 Df3 mit Zugwiederholung oder Dauerschach nach 45.Dxe5 Dxf2+. Dies wäre keine schlechte Entwicklung gewesen, doch der Favorit wollte mehr: 40.…Txe1+ 41.Dxe1 De4 42.Dxe4! fxe4 43.Kf1 Kg6 44.Ke2 Kf5 45.Ke3 Ke5 46.g4 Sf6 47.f4+ exf3 48.Kxf3 Kxd6 49.g5 Sd5 50.h5 Ke6 51.h6 Kf7 52.Ke4 c3 53.bxc3 Sxc3+ 54.Kf5 Sd5 55.g6+ Kg8 56.Ke6 Sf4+ 57.Kf5 Sd5 58.Ke5.



Auch diese Stellung war noch remis, am einfachsten nach 58.…Se3 59.Kf6 Sg4+ 60.Kg5 Sf2 61.Kf5 Kf8 62.Ke6 Sg4 63.h7 Kg7 64.Kd5 Sf2 65.Kc5 usw. Doch es kam anders: 58.…b4? Schwarz überzieht und läuft in einen unglaublichen Konter.59.axb4 Sxb4



60.Ke6!! Die unglaubliche Königspointe. 60.…Kf8 scheitert an 61.h7 Kg7 62.h8D+ Kxh8 63.Kf7+– 60.…Sd3 Nach 60.…Sc6 geht der König mit 61.Kf6+– in die sogenannte Karpow-Distanz und es ist aus, man sehe 61.…Sd8 62.h7+ Kh8 63.Ke7 Sc6+ 64.Kf8 nebst g7+ oder 61.…Kh8 62.h7 Sd8 63.Ke7 Sc6+ 64.Kf8. 61.Kf6 Kh8 Und nun nicht 62.g7+? Kh7 remis, sondern 62.h7! und wegen 62.…Sf4 63.g7+ Kxh7 64.Kf7 Sh5 65.g8D+ Kh6 66.Dg6 matt – 1:0

Mit einem überraschenden Matt-Abschluss endete auch eine andere Partie am gleichen Bundesligawochenende.

Italienisch C 54
D.Gavrilescu (Turm Kiel)
N.Coenen (Aachener SV)


1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.c3 Sf6 5.d4 exd4 6.e5 d5 7.Lb5 Se4 8.cxd4 Lb6 9.Sc3 0–0 10.Le3 Lg4 11.h3 Lh5 12.Dc2
Lxf3 13.gxf3 Sg5 14.0–0–0 Sxf3 15.Lxc6 bxc6 16.h4 f5 17.De2 f4 18.Dxf3 fxe3 19.Dxe3 De7 20.Tdg1 Df7 21.Tg2 Df4 22.Se2 Dxe3+ 23.fxe3 c5 24.Thg1 Tf7 25.Sf4 c6 26.Sh5



Der Angriff auf g7 hätte unbedingt mit 26.…g6! beantwortet werden müssen. Danach hält Schwarz remis, z.B. 27.Sf6+ Kf8 28.h5 cxd4 29.hxg6 hxg6 30.Txg6 Ke7 31.Sg8+ Txg8 32.Txg8 dxe3 33.T8g7 c5 34.Txf7+ Kxf7 35.b3 Ke6 36.Kc2 c4 37.bxc4 dxc4 38.Tg4 Kxe5 39.Txc4 remis.

26.…cxd4? war verfehlt: Der weiße Angriff schlägt mehr oder weniger direkt durch. 27.Txg7+ 27.e6! Te7 28.Txg7+ Txg7 29.Txg7+ Kh8 30.Tf7+– nebst Sf6 war sogar noch besser. 27.…Txg7 28.Txg7+



28.…Kf8?! 28.…Kh8 war weit zäher, hilft aber auf lange Sicht auch nicht: 29.Te7 Tc8 30.exd4 h6 (30.…Lxd4?! läuft in 31.Sf6+–) 31.Kc2 Tc7 32.Te8+ Kh7 33.Kd3 +– 29.e6 Wie aus dem Nichts taucht ein Mattnetz auf… 29.…Ld8 30.Txh7 Kg8 31.e7 dxe3 31.…Kxh7 32.e8D+–32.Sf6 matt – 1:0

Auch unsere letzte Partie wurde in der Bundesliga gespielt, und zwar zwischen zwei „altgedienten Recken“. Am Brett sahen wir Robert Kempinski (Jahrgang 1977) und Alexander Berelowitsch (1967).

Holländisch A 84
R.Kempinski (Hamburger SK)
A.Berelowitsch (Düsseldorfer SK)


1.d4 f5 2.Sf3 Sf6 3.c4 g6 4.e3 Lg7 5.b4 0–0 6.Lb2 c6 7.Le2 d6 8.0–0 Sbd7 9.Sbd2 a5 10.a3 Se4 11.Sxe4 fxe4 12.Sd2 Sf6 13.d5 cxd5 14.cxd5 Lf5 15.Sc4 axb4 16.axb4 Txa1 17.Lxa1 h5 18.Dd2 Sd7 19.Lxg7 Kxg7 20.Dd4+ Sf6 21.Ta1 Dc7 22.h3 h4 23.Ta7 g5 24.b5 Kg6 25.b6 Dc8 26.Kh2 Sd7 27.Sd2 Sc5 28.f3 exf3 29.Lxf3 Dd8 30.Db4 Tf7 31.Sb3 Dh8



Bis hierhin verlief die Partie recht ruhig. Der Springerabtausch auf c5 hätte eine remisträchtige Stellung hervorgebracht, z.B. 32.Sxc5 dxc5 33.Dxc5 De5+ 34.Kh1 Dg3 35.Dc1 Lxh3 36.Le4+ Lf5 37.Lxf5+ Txf5 38.Txb7 h3 39.Dc6+ Tf6 40.De8+ mit Dauerschach.

In der Partie tauschte Weiß die Damen und musste in der Folge gegen einen übermächtigen Springer ankämpfen.

32.Dd4 Dxd4 33.Sxd4 Tf8 34.Kg1 Kf6 35.Sxf5 Kxf5 36.Kf2 Ke5 37.Ke2 Tb8 38.Ta5 Sd7 39.Ta4 Kf6 40.Te4 Sc5 41.Tb4 Ta8 42.Kd2 Ta6 43.Le2 Ta2+ 44.Ke1 Kf5 45.Kf1 Ta4 46.Tb2 Ke5 47.Lf3 Sa6 48.Tc2 Sc5 49.Tb2 Tc4 50.Tb5 Se4



Der schwarze „Monsterkrake“ sollte den Gewinn garantieren, aber leicht ist es nicht: 51.Ta5?! Das verliert direkt den Bauern b6. Schwarz steht wegen seines schwarzfeldrigen Powerplays vermutlich ohnehin auf Gewinn wie folgende Computervarianten zeigen: 51.Tb2 Sc5

a) 52.Tb1 Tc3 53.Ke2 Tc2+ 54.Kf1 (54.Kd1 Tf2 55.Tb4 Ta2 56.Tg4 Kf6 57.Tb4 Sd3 58.Tb1 Tb2–+) 54.…Sd3 55.Tb3 (55.Ta1 Tc1+ 56.Txc1 Sxc1 57.Lg4 Sd3 58.Ke2 Sc5 59.Kf3 Kxd5 –+) 55.…Sb2 56.Ke1 Sc4 57.Le2 Tc1+ 58.Kf2 Sd2 59.Tb4 Se4+ 60.Kf3 Sf6 61.Lc4 Tc2 62.Ld3 Tc8 63.Tb5 Tc5 –+;

b) 52.Tb5 Sa6 53.Ke1 Tb4 54.Le2 Ta4 55.Lf3 Sc5 56.Kf1 Ta3 57.Ke2 Ta2+ 58.Kf1 Sd3 –+.

51.…Tb4 Nun fällt die weiße Stellung in sich zusammen. 52.Ta8 Sf6 53.Tc8 Txb6 54.Tc7 Sxd5 55.Lxd5 Kxd5



Das Turmendspiel ist wegen des starken Freibauern auf der b-Linie für Weiß verloren. 56.Txe7 56.Ke2 e5 57.Kf3 e4+ 58.Kg4 Tb2 59.Kxg5 Txg2+ 60.Kxh4 b5 –+ 56.…Tb2 57.Kg1 57.Tg7 b5 58.Txg5+ kann sogar mit 58.…Ke4 –+ beantwortet werden. 57.…b5 58.Tg7 b4 Schwarz ist nun im Rennen viel zu schnell: 59.Txg5+ Kc4 60.Tg4+ Kc3 61.Txh4 b3 62.Th8 Te2 63.Tc8+ Kd3 64.Tb8 b2 65.Kh2 65.Kf1 Tc2 66.Tb3+ Ke4 67.h4 Tc1+ 68.Kf2 b1D 69.Txb1 Txb1–+ 65.…Kc2 66.Tc8+ Kd1 67.Tb8 Kc1 68.h4 Nichts ändert 68.Tc8+ Tc2 69.Tf8 b1D 70.Tf1+ Kb2 71.Txb1+ Kxb1 72.Kg3 Kc1 73.h4 Kd2 74.Kf4 Kd3 75.g4 Tf2+ 76.Kg3 Kxe3 –+ 68.…b1D 69.Txb1+ Kxb1 70.h5 d5 71.h6 Txe3 72.g4 d4 73.h7 Te8 74.g5 d3 75.g6 d2 76.g7 d1D 77.g8D



In der vierten Partiephase gewinnt in aller Regel die Seite, die das erste Schach geben kann bzw. die Seite mit dem sichereren König und hier liegt keine Ausnahme vor: 77.…Te2+ 78.Kh3 Df1+ 79.Kh4 Df4+ – 0:1

 


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Teil 143 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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