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Schachschule 64 ::

Momentaufnahmen in Turmendspielen (2)

Wahlfreiheit ist manchmal ein zweischneidiges Schwert




Zwischen mehreren Möglichkeiten wählen und sich frei entscheiden zu können, klingt gut, gewisse Regeln sollten (manchmal müssen) aber beachtet werden. Und so manche Entscheidung erweist sich im Nachhinein als falsch.

Dies ist das Thema dieses Beitrags. Es werden Spielsituationen vorgestellt, in denen bei einem flüchtigen Blick zwei oder mehr Züge plausibel erscheinen, doch nicht selten sind auch Nieten darunter.



R. Kawyjew - A. Mischin
St. Petersburg 2017
Weiß am Zug


Nicht immer ist "vorwärts" die richtige Strategie. Hält der König die Opposition aufrecht, 45. Kf2 Kh1 46. Kf1 Kh2 47. Kf2 Kh3 48. Kf3 Kh4 49. Kf4 usw., endet die Partie unweigerlich remis. Nur glaubte Weiß in dieser Schnellschachpartie in 45. Kf4? eine Alternative erspäht zu haben, aber … Irrtum! Dies war zwar ein frei gewählter, dennoch schlechter Zug: 45. …Kg2! mit Gewinn in jeder Variante: 46. Ke5 Kg3 oder 46. Ke4 Kg3 47. Kd4 Kxg4 48. Kxc4 h5, und Schwarz wandelt bald einen Bauern in eine Dame um: 46. g5 hxg5+ 47. Kg4 Kf2 48. Kxg5 Kf3 49. Kh5 Wahlweise 49. Kg6 Kf4 50. Kxg7 Kxf5 51. Kf7 Ke4 nebst …Kd3 und gewinnt. 49. …Kf4 50. Kg6 Kg4 0:1

Das nächste Beispiel stammt aus einer Partie mit Turnierbedenkzeit. Auch mit mehr Zeit auf der Uhr ist man vor einer falschen Zugwahl nicht gefeit.



A. Uschenina - V. Gunina
Frauen-EM, Bilbao 2014
Stellung nach 57. …Taa1


Die Drohung …Th1 matt kann (bzw. muss, soweit zur Wahlfreiheit in diesem Stadium der Partie) mit einem Zug des Königs (Kh3) oder des g-Bauern verhindert werden. Weiß, die ukrainische Spitzenspielerin und zeitweise (Dezember 2012 bis September 2013) Weltmeisterin, hatte die Wahl und traf die falsche Entscheidung. Statt mit 57. Kh3! Kg5 (erneuert die Drohung …Th1 matt) 58. g3! eine zuverlässige Verteidigung auf der zweiten Reihe (58. …Th1+ 59. Th2 oder 58. …hxg3 59. Kxg3 Tg1+ 60. Tg2) aufzubauen, spielte sie sofort 57. g4? und nach 57. …Th1+ 58. Kg2 Tag1+ 59. Kf2 hat der schwarze Freibauer die Partie entschieden: 59. …h3! 60. Txa5 Tg2+ 61. Ke3 Txe2+ 62. Kxe2 h2 droht …Te1+ nebst …h1D 63. Th5



und der klassische taktische Trick 63. …Ta1 64. Txh2 Ta2+ 65. Kd3 Txh2 brachte der Nachziehenden den vollen Punkt ein. 0:1

Im nächsten Beispiel hat Weiß eine kleine Stellungsveränderung erkannt und sich richtig entschieden.



J. Jakowitsch - A. Charitonow
Russisches Pokalturnier, Sotschi 1997
Weiß am Zug


Natürlich berechnet man zuerst die Variante mit dem Turmgewinn, die jedoch remis endet: 65. Kc6 f5 66. Kc7 Txb7+ 67. Txb7 f4 68. Kd6 f3 69. Ke5 Kg3 70. Tf7 f2 71. Ke4 Kg2 Dann hat sich Weiß nochmals in die Stellung vertieft, einen anderen Zug gefunden und sich beim Vergleich für diesen entschieden.

65. Tb4+!! Die Pointe des Turmschachs sehen wir nach 65. …Kg3 66. Ke5!, und der weiße König holt sich den gegnerischen Bauern. Und falls 65. …Kg5, nutzt Weiß den Tempogewinn wie folgt aus: 66. Kc6 f5 67. Kc7 Txb7+ wahlweise 67. …Tf8 68. b8D Txb8 69. Txb8 f4 70. Tf8 usw.) 68. Txb7 f4 69. Kd6 Kg4 70. Tf7 f3 71. Ke5 Kg3 72. Ke4 f2 73. Ke3. Es folgte 65. …Kf3 66. Ke5 Ke3 67. Kf6 Kd3 68. Kxf7 Kc3 69. Tb1 – 1:0

Nun sind wir bereit für das Finale, einer Komödie von Wirrungen und Irrungen, mit einem versöhnlichen Ende, wo schließlich der Spieler, der weniger Fehler gemacht hat, die Kampfarena siegreich verlassen kann.



J. Vovk - A. Delchev
Padova Open 2014
Stellung nach 45. …Tc8-c3+


Nach dem Schachgebot muss sich der weiße König in Richtung Königsflügel (Kg4) oder ins Zentrum (Ke4) bewegen. Der Anziehende entschied sich für 46. Ke4? weil sein Gegner wegen der Drohung d6-d7 augenscheinlich nicht auf g3 schlagen kann. Gut war dieser Zug dennoch nicht. Der Anziehende verwarf den optimalen Zug 46. Kg4! wegen 46. …Ke8 (46. …Tc8 47. Kf5 und weiter Ke5 und Tc5) 47. Te5+ Kd8 48. Te7 g6, was ihm unklar erschien, dann aber folgt 49. Txf7 gxh5+ 50. Kh4 Tc4 (50. …Td3 51. f5! Txd6 52. Kxh5 Td3 53. Tg7 mit Gewinn. 46. …Ke8 47. Tc5 Aus diesem Grunde hat Weiß seinen König nach e4 gezogen, ihm schwebte vor, seinen König nach d5 zu stellen. Übersehen hat er dabei den möglichen Konter 47. …Tc4+! 48. Kd5 (48. Txc4 bxc4 49. Kd4 Kd7 50. Kxc4 Kxd6 ist remislich) 48. …Kd7!, und in der Folge kann sich Schwarz spektakulär behaupten: 49. f5 Txb4 50. Tc7+ Kd8 51. Txf7 Tg4 52. Kc6 Tc4+ 53. Kb6 (53. Kd5 Tg4 =) 53. …b4 54. Txg7 b3 55. Ka7 Tb4 56. f6 b2 57. f7











Analysediagramm

Weiß droht mit Matt, aber das geschickte 57. …Tb7+! rettet den Nachziehenden: → a) Nach 58. Kxb7? verliert Weiß sogar noch wegen 58. …b1D+ 59. Ka7 Dg1+ 60. Kb7 Dg2+ 61. Ka7 Df2+ 62. Ka8 Df3+ 63. Ka7 De3+ 64. Ka8 De4+ 65. Kb8 Db4+ 66. Ka8 Dxd6 67. Tg8+ Kc7 68. f8D Dc6+ 69. Ka7 Db7 matt.
→ b) Es bleibt nur noch 58. Kxa6 mit der denkbaren Folge 58. …Tb6+ (Es geht auch 58. …Txf7 59. Tg8+ Kd7 60. Tb8 Tf2 61. Tb6) 59. Ka5 Tb5+ 60. Ka4 Tb4+, und der weiße König kann sich vor dem stets Schach bietenden Turm nicht verstecken - remis!

In der Partie geschah jedoch 47. …Txc5?! 48. bxc5 Schon wieder hat einer der Kontrahenten, diesmal der Schwarzspieler, die Freiheit der Wahl und schon wieder greift er daneben. Mit der richtigen Antwort 48. …b4! verschafft sich der Nachziehende ein zum Remis ausreichendes Gegenspiel, man sehe 49. Kd4 a5 50. Kc4 Kd7 51. g4 f6 52. Kd5 b3 53. c6+ Kd8 54. Ke6 b2 55. c7+ Kc8 56. d7+ Kxc7 57. Ke7 b1D 58. d8D+ Kc6 59. Dxa5 Db7+ 60. Kf8 (60. Ke6?? Dd7 matt) 60. …Dc8+ 61. Kxg7 Dxg4+ 62. Kxh6











Analysediagramm

In diesem lehrreichen Endspiel erweisen sich die viel zitierten Grundfaktoren Raum und Zeit wichtiger als Material.

→ a) 62. …Dxf4+? gewinnt ein bisschen Material, bringt jedoch Schwarz noch einige Probleme nach 63. Kg7 Dg3+ 64. Kf7, während
→ b) 62. …Kd7!! aus der Position der Stärke remisiert. Der schwarze König kommt seiner Gemahlin zur Hilfe, während der weiße auf der h-Linie gestrandet ist. Weiß muss sich mit einem Dauerschach begnügen.

Schwarz verpasste die mit 48. …b4! eingeleitete Rettung durch 48. …Kd7? jedoch nur für einen Zug. Wieder wurde die Wahlfreiheit schlecht genutzt: 49. g4? Gewonnen hätte Weiß mit 49. Kd5! b4 50. c6+ Kd8 51. Kc4 a5 52. f5 Kc8 53. g4 f6. Spielt Schwarz nicht …f6, so bricht Weiß mit g4-g5 nebst f5-f6 durch.











Analysediagramm nach 53.…f6

Diese Stellung mag remislich aussehen und die beiden spielstarken Gegner (beide sind Großmeister mit Elo deutlich über 2500) glaubten es auch. Sie kannten möglicherweise ein Studienmotiv nicht, von dem die folgende Gewinnführung inspiriert ist, 54. Kb3!! Kd8 55. d7 Kc7 56. Kc4 Kd8 57. Kd5 droht Kd6 nebst c7 matt 57. …Kc7 58. Ke6 b3 59. Ke7 b2 60. d8D+ Kxc6 61. Db8 usw.

Im 49. Zug verpasste also Weiß den Gewinn mit Kd5, doch dies war noch nicht das Ende der wechselseitigen "Geschenke": 49. …a5 50. Kd4 b4? Einfacher remisiert 50. …a4! 51. Kc3 a3 52. Kb3 b4. 51. Kc4



Hier verspielte Schwarz seine letzte Chance 51. …f6!, dies remisiert wie bereits angegeben; vgl. die zu 48. bxc5 angegebene Variante. Der Partiezug 51. …Kc6? verliert dagegen forciert: 52. g5 f5 53. g6 Im Gegensatz zu den zuvor erwähnten Damenendspielen verschafft der weit vorgerückte Bauer g6 dem Weißen einen entscheidenden Vorteil. Der weitere Verlauf ist auch ohne viel Kommentar gut verständlich. 53. …Kd7 54. Kd5 b3 55. c6+ Kd8 56. Ke6 b2 57. c7+ Kc8 58. d7+ Kxc7 59. Ke7 b1D 60. d8D+ Kb7 61. Dxa5 Kc6 62. Dc3+ Kd5 63. De5+ Kc4 64. Kf8 Db7 65. Dxf5 – 1:0



 


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Teil 124 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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