Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Über den Rappen auf e4

Mal als eine wertvolle Verstärkung, mal als ein Spiel mit dem Feuer (Teil 2)




Diese Thematik haben wir bereits in der letzten Folge angeschnitten und führen sie nun fort. Es geht um den schwarzen Springer, der manchmal inmitten des weißen Lagers auftaucht und wenn die Umstände günstig sind, dort für Ungemacht sorgen kann. Mit einem extremen Beispiel fangen wir an.

Damenbauerspiel A 45
Hoang Thanh Trang – G.Franchini
„First Saturday“, Budapest 2005


1.d4 Sf6 2.Lg5 e6 3.Sd2 c5 4.dxc5 Lxc5



Man kann mit Weiß die Eröffnung so spielen, sollte dann aber schleunigst zu Entwicklungszügen wie 5.Sf3 oder 5.e3 greifen. Doch die Weißspielerin verfiel auf die Idee 5.Se4?? offensichtlich, um mit dem folgenden Sxf6+ die gegnerische Bauernstruktur am Königsflügel zu demolieren. Sie verließ sich auf die Fesselung auf der Diagonale h4-d8, doch Schwarz spielte ungerührt 5.…Sxe4! und gewann einen Springer, denn 6.Lxd8 hätte 6.…Lxf2 matt zu Folge. – 0:1

Ein fürchterlicher Fehler, der übrigens keinem Anfänger, sondern der in Ungarn lebenden vietnamesischen Großmeisterin widerfuhr. Sie spielt gewöhnlich sehr gut, war aber an dem Tag von Schachblindheit geschlagen. Genauso wie Herr Dusan Orgon, der ein Jahr zuvor bei einem kleinen tschechischen Open auf exakt die gleiche Weise gegen IM Ivan Hausner verlor; in dieser Partie kam es tatsächlich zu der Mattsetzung 6.Lxd8 Lxf2.

Irren ist menschlich. Hat nicht auch eine wahre Größe, der frühere Weltmeister Wladimir Kramnik, einmal in einer Partie gegen ein Schachprogramm ein einzügiges Matt übersehen?

In der nächsten Partie sorgte ein auf e4 auftauchender Rappe besonders verblüffend für eine frühe Entscheidung.

Damenbauerspiel A 45
O.Jahn – H.Kauschmann
Berliner Sommer 1988


1.d4 Sf6 2.Lg5 Se4 3.h4 Ein spielbarer Zug, der auch schon von namhaften Großmeistern angewandt wurde. Der Abtausch auf g5 überlässt dem weißen Königsturm die halboffene h-Linie. 3.…d5 4.Sd2 Diese Stellung ist bereits in 467 elektronisch erfasste Partien vorgekommen und wurde zumeist mit …Lf5 beantwortet. Der Zug des überregional bekannten Berliner Spielers Herbert Kauschmann 4.…Dd6 ist nicht besser, trägt aber die Handschrift eines erfahrenen Fuchses:



Natürlich ist jetzt einfach 5.Sxe4 möglich (und wurde auch schon gespielt) oder auch 5.e3; in letzterem Fall wäre das Opfer 5.…Sg3 nicht nur nicht ausreichend, sondern wegen 6.Lf4 ein Verlustzug. Aber 5.c3? ermöglicht den Rösselsprung mitten ins weiße Lager 5.…Sg3! 6.fxg3 verbietet sich wegen 6.…Dxg3 matt. 6.Th2 ist nicht direkt verboten, überlässt aber Schwarz nach 6.…f6 7.Le3 Sf5 8.Th3 e5 einen klaren Positionsvorteil. Da kann man mit Weiß auch die Lust verlieren, was auch der Fall war – 0:1

Wie schon in der zweiten Überschrift angedeutet, ist ein Ausfall des schwarzen Springers nach e4 stets zu beachten, will dennoch wohlüberlegt sein. Hier eine Partie in der beide Gegner bessere Züge hätten finden müssen.

Zweispringerspiel C 44
E.Yancari – J.Vega
U16-Jugendopen, Lima 2000


1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.d3 Sc6 4.Lg5 Le7 5.Sc3 0-0 Beide Seiten haben schnell jeweils drei der vier Leichtfiguren entwickelt und hätten hier weiter so verfahren können, etwa 6.Le2 d6 7.0-0 Le6, um sich danach zu überlegen, was sie mit den Schwerfiguren anstellen wollen. Doch der Weiße wollte die Ereignisse forcieren und spielte 6.Sh4?!



mit der offensichtlichen Absicht, mit f2-f4 und anschließender Öffnung der f-Linie fortzufahren. Doch solche Aktionen sind erfahrungsgemäß erst nach dem Abschluss der Figurenentwicklung von Erfolgt gekrönt. Hier kann Schwarz mit dem typischen Zug 6.…h6! Stark kontern, und er erreicht damit sofort das etwas bessere Spiel:
→a) 7.Le3? Sxe4 8.dxe4 Lxh4 verliert ersatzlos einen Bauern.
→b) 7.Lxf6 Lxf6 8.Sf5 d5 9.Sxd5 Lxf5 10.Sxf6+ Dxf6 11.exf5 Dxf5 mit augenscheinlichem Entwicklungsvorsprung des Nachziehenden.
Das Einschalten des Zuges …h7-h6 ist wichtig, wie der Verlauf dieser Partie überzeugend belegt. Das sofortige 6.…Sxe4? ist nicht gut wegen 7.Lxe7! Sxc3 8.Lxd8 Sxd1 9.Lxc7 Sxb2 10.a4!, und der schwarze Springer hat sich verlaufen. Doch Weiß erkannte diese Möglichkeit nicht und verlor nach 7.Sxe4? Lxg5 einfach einen Bauern. In der Folge machte er alles noch schlimmer: 8.Sf5 d5 9.Seg3 Te8 10.Dg4 Sd4 11.h4 Lf6 12.0-0-0 g6 13.h5 Sxf5 14.Df3 Sh6 15.Kb1 Lg4 – 0:1

Wenn der schwarze Springer auf e4 einen natürlichen Verbündeten (die Dame oder einen Läufer) hat, können die beiden Eindringlinge gemeinsam viel Unheil anrichten, wovon die nächsten Beispiele ein beredtes Zeugnis ablegen.

Wiener Partie C 26
D.Drury – G.Alexopoulos
New Rochelle 1995


1.e4 Sf6 2.d3 d5 3.Sc3 e5 4.a3 Sc6 5.h3 Lc5 6.Lg5 dxe4



Zwingend notwendig ist hier das Zurückschlagen mit dem Bauern. 7.Sxe4? ermöglicht 7.…Sxe4!! mit Figurengewinn nach 8.dxe4 Dxg5 oder einer noch größeren Katastrophe nach 8.Lxd8 Lxf2+ 9.Ke2 Sd4 matt 0:1

Seltene Variante mit 1.b3
E.Reichmann – E.Steflitsch
Open Balatonbereny 1986


1.b3 e5 2.e4 Sc6 3.Sc3 Lc5 4.Sf3 Sf6 5.a3 d5 6.d3 Lg4 7.Lg5 dxe4 8.Sxe4 Das weit kleinere Übel ist 8.dxe4 Dxd1+ 9.Txd1 Lxa3, und es bleibt nur beim Verlust eines Bauern. 8.…Sxe4 9.Lxd8? Lxf2+ und spätestens jetzt wird klar, dass der weiße Springer f3 keinen Schutz bietet: 10.Ke2 Sd4 matt – der Sf3 ist ja gefesselt! 0:1

Altindisch A 54
A.Koukolik – R.Sykora
Prag 1994


1.d4 Sf6 2.c4 d6 3.Sc3 e5 4.dxe5 dxe5 5.Lg5 Sbd7 6.Sf3 c6 7.Se4? Sxe4 8.Lxd8 Lb4+ und wegen 9.Sd2 Lxd2+ 10.Dxd2 Sxd2 mit einer schwarzen Mehrfigur als Saldo – 0:1

Englisch A 28
M.Al Magboul – C.Hon Kah Seng
Hangzhou 1981


1.c4 e5 2.Sc3 Sf6 3.Sf3 Sc6 4.d3 d5 5.Lg5 d4 6.Se4 Lb4+ Will man größere Schäden vermeiden, muss sich nun der Springer von e4 nach d2 zurückziehen. 7.Sfd2? verliert analog der vorherigen Partie Material: 7.…Sxe4! – 0:1

Gewöhnlich erscheint der schwarze Springer auf e4, um sich dort festzusetzen oder an einer Abtauschaktion mitzuwirken. In beiden Fällen kann es mitunter zu großen Überraschungen kommen.

Damengambit D 10
C.Voiteanu – Chessmaster 6000
Portocom Open Debrecen 1999


1.d4 d5 2.c4 c6 3.cxd5 cxd5 4.Sc3 Sf6 5.Lg5 Sc6 6.e3 Se4 7.Sxe4?! Besser ist 7.Lh4 g5 8.Lg3 nebst bei Bedarf Sge2. 7.…dxe4 Vorsicht, es droht …Da5+ mit Läufergewinn. 8.Lh4 g5! 9.Lg3 9.Lxg5?? Da5+ kennen wir bereits. 9.…e5



Nun war eine „Vollbremsung“ nötig: 10.Lc4, und weiter 10.…Lb4+ 11.Kf1 oder 10.…exd4 11.exd4 Lg7 12.Se2, und Schwarz kommt mit einem blauen Auge davon. Der Partiezug 10.Lxe5?? Da5+ verliert wegen 11.Ke2 Db5+ 12.Ke1 Lb4+ oder 11.Dd2 Lb4 usw. – 0:1

Zum Schluss noch zwei wilde Partien mit der …Se4-Thematik.

Sizilianisch B 56
H.Zieher – A.Kovalew
Wichern Open, Hamburg 1993


1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.f4 e5 7.Sf3 Le7 8.f5 g6 9.fxg6 hxg6 10.Lg5 Le6 11.Dd2 Da5 12.0-0-0 Td8



Der Weißspieler war oder ist wahrscheinlich noch ein guter Spieler mit vielen Zweitligaeinsätzen und hat vermutlich den für solcher Stellungen typischen Konter …d6-d5 erwogenen. Dieser hätte mit dem ebenso ebenso typischen Sicherheitszug 13.Lxf6 entschärft werden können, denn dann folgt auf 12.…Td8 13.Lxf6 Lxf6 14.Kb1 nebst Sd5 und verteilten Chancen. Doch er passte nicht auf, spielte sofort 13.Kb1? und wurde Opfer des typischen Einschlags 13.…Sxe4! und gab sogleich auf. – 0:1

14.Sxe4 scheitert ja an 14.…Dxa2+ 15.Kc1 Da1 matt und 14.De3 an 14.…Sxc3+ 15.Dxc3 Dxa2+ 16.Kc1 f6 17.Le3 d5, gefolgt von …Lb4 oder …d5-d4.

Damenbauerspiel D 03
I.Dombai – G.Mester
Ungarische Liga


1.d4 Sf6 2.Sf3 d5 3.Lg5 c6 4.e3 Db6 5.b3 Se4 6.Lf4 Lg4 7.Le2 Lxf3 8.Lxf3 Da5+ 9.c3 Mit 9.Kf1 hätte Weiß unnötige Komplikationen vermeiden können. Er vertraute jedoch auf seine Rechenküste und ließ sich „auf den Tanz mit dem Teufel“ ein. 9.…Sxc3 10.Dd2 e5 11.Lxe5 Lb4 12.a3 Sa6 13.Ld6? Tief enttäuscht bekannte der Weißspieler, dass er seine letzte Chance 13.0-0 Sxb1 14.Dd3 Sxa3 15.Lxg7 Tg8 16.Dxh7 0–0–0 17.Le5 erst in der nachträglichen Analyse gefunden hat. 13.…Sxb1 14.Lxb4 Sxd2 – 0:1

 


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Teil 126 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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