Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Mal so, mal so

Spezialmotive in Endspielen mit ungleichfarbigen Läufern




Im Gegensatz zu anderen Figuren können Läufer ihre Felderfarbe nicht wechseln. So kann sich zum Beispiel der in der Grundstellung auf f1 stehende Läufer mit dem gegnerischen von f8 niemals auf einer Diagonale treffen. Besitzt jede Seite einen andersfarbigen Läufer, spricht man von Stellungen mit ungleichfarbigen Läufern und diese bergen ein großes Remispotenzial in sich. Um ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern überhaupt gewinnen zu können, werden zwei (Mehr-)Bauern benötigt, und manchmal reicht auch das nicht aus. Schon fast rekordverdächtig ist das folgende Endspiel, das wir zwar vor 12 Jahren bereits veröffentlicht haben, an das sich aber möglicherweise nicht jeder erinnert.



Wäre da nicht der Bauer h7, müsste Schwarz nur mit seinem Läufer auf der langen Diagonale pendeln, etwa …La1 ziehen und fortan auf den Feldern b2 und a1 bleiben. So bequem hält man das Endspiel mit zwei Bauern weniger. In der vorliegenden Stellung, in der Weiß über einen zusätzlichen Mehrbauern verfügt, ist die Sache nicht so einfach, denn nach einem Läuferzug z. B. 1. …La1? (oder …Lb2, …Lc3 oder 1. …Ld4) entscheidet jeweils die kleine Kombination 2. f6+ Lxf6 3. h8D+ Kxh8 4. Kxf6 nebst g7 und Ld5.

Das rettende 1. …Kh8! nutzt den Umstand, dass das Schlagen des Läufers zum Patt führt, ebenso wie 2. Kf7 Lg7 3. f6 Lxf6 4. Kxf6. 2. g7+ Der letzte Versuch, in der Hoffnung auf 2. …Kxg7? 3. h8+ mit Gewinn, aber nach dem richtigen 2. …Lxg7 ergibt sich Remis.

Ein anderes, etwas komplizierteres Endspiel wurde kürzlich von dem weltbesten Junior Alireza Firouzja remis gehalten, obwohl der Iraner zeitweise mehrere Bauern weniger hatte.



N. Grandelius - A. Firouzja
Schachfestival Prag 2020
Schwarz am Zug


Zuletzt geschah 56. Ke1-f1 mit der offensichtlichen Idee, mit dem König zum gegnerischen h-Bauern zu laufen und diesen zu erobern. Dabei muss ein kleiner "Unfall" (auf Kf1-g2?? folgt …e3+ mit Abzugsschach) vermieden werden, aber das fällt nicht schwer, dann nimmt man halt die Route g1-h2-g3-h4. Schwarz kann sich nicht gut mit seinem König dagegenstemmen. Lehrreich ist der folgende Trick: 56. …Kf5 57. Kg1 h4 58. Kh2 Kg5 59. Kh3 Kh5 60. Lb6 Kg5 61. Le3+ Kh5 62. Kh2, und Schwarz ist im Zugzwang:



Nach 62. …Kg4 63. e6 läuft ihm einer der weißen Bauern davon; 62. …Kg6 63. Ld4 Kf5 64. Lc3 Lc6 (64. …Ke6 65. Kh3) 65. Kh3 Kg5 66. e6 Kg6 67. Kxh4 mit baldiger Entscheidung.

In der Partie umschiffte Schwarz diese Gefahren mit 56. …h4! 57. Kg1 h3 58. Kh2 e3!



Im Falle von 59. fxe3 hält Schwarz das Endspiel mit 59. …Lg2. Damit werden alle drei weißen Freibauern an die kurze Leine genommen. Für Schwarz genügen die Königszüge nach d7 und zurück nach e6. Den letzten Trick hat sich Schwarz bis zum Schluss aufgespart. 59. f4 e2 60. La5 Lg2 61. Le1 Kf5 62. Kg1 Ld5 63. Lg3 Kg4 64. Kh2 Kf5 65. Lf2 Lg2 66. Kg3 Ld5 67. Le1 Lg2 68. Ld2 Ld5 69. Kh2 Lg2 70. Kg1 Lc6 71. Le1 Ld5 72. Lg3 Kg4 73. Kh2 Kf5 74. Kxh3 e1D! 75. Lxe1 Kxf4 76. Lg3+ Kf5 77. Kh4 Ke6 78. Kg5 Kd7 79. Kf6 Kc8 80. e6 Kb7 - remis



Es hätte noch folgen können 81. e7 Lc6 82. Lf2 Ka8, und das war's. Zusätzlich zu dem obigen Blockademotiv kommt noch das Motiv des "falschen Läufers", was bereits in einer der früheren Folgen erläutert wurde. Hier konkret: 83. Kf7 La4 84. e8D+ Lxe8+ 85. Kxe8 Kb7 86. Kd7 Ka8. Der schwarze König kann nicht aus der Ecke getrieben, sondern allenfalls dort pattgesetzt werden.

In einer anderen Partie, die in die Geschichte einging, hätten die ungleichfarbigen Läufer eine Hauptrolle spielen können.



V. Topalov - G. Kamsky
Kandidatenfinale, Sofia 2009


In dem Qualifikationsmatch Topalov gegen Kamsky stand es nach sechs Partien 3,5:2,5, aber Kamsky befand sich auf der Siegerstraße und alles sah danach aus, dass er den Punkt nach Hause bringt. Doch er ließ den Gegner entkommen. Nach einem Remis wäre der Ausgang des Matches noch offen gewesen, doch auch das hat nicht sollen sein.

In der Diagrammstellung hätte Schwarz den ungleichfarbigen Läufern zu einem großen Auftritt verhelfen können: 32. …Ld3!! 33. Txc4 bxc4 und nun führen beide sinnvollen Varianten zu einer Punktteilung:



→ 34. h4 Tb1+ 35. Kh2 Txa1 36. d7 Th1+ 37. Kg3 h6 38. d8D+ Txd8 39. Dxd8+ Kh7 40. Lf6! (sonst gewinnt Schwarz nach …a1D) 40. …gxf6 (40.…a1D 41. Lxa1 Txa1 42. Dd4 endet wohl auch remis) 41. De7+ mit Dauerschach.
→ 34. Dxb8+ Txb8 35. f3 Tb1+ 36. Kf2 Txa1 37. d7 Tf1+ 38. Kg3 h6 39. d8D+ Kh7 40. Lf6 wie vor.

In der Partie geschah nicht das riesenstarke 32. …Ld3, sondern 32. …Tc8? mit späterem Sieg von Schwarz. In der Konsequenz führte die Wende in der gezeigten Partie zum WM-Match zwischen Kramnik und Topalov, das wie seinerzeit berichtet kein Ruhmesblatt war.

32. …Tc8? 33. Dxc4 Txc4 34. d7 Lb1 35. Td1 Kg8 36. d8D+ Txd8 37. Lxd8 Lc2 38. Tdc1 b4 39. Txa2 b3 40. Ta8 Kf7 41. Tb8 Ke6 42. Te1+ Kd5 43. Le7 Ta4 44. Lf8 Ta7 45. h4 - 1:0

Zum Schluss noch eine brillante Partie, in der einer der ungleichfarbigen Läufer für eine lehrbuchmäßige Gewinnführung verantwortlich zeichnet.



A. Grischuk - Wang Yue
Linares 2009
Weiß am Zug


In den seinerzeitigen Livekommentaren wurde Grischuks Entscheidung 41. Lxe3!! ambivalent bewertet, schließlich ergibt sich nun ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern. Doch der Weißspieler war schon damals einer der besten Spieler der Welt (und er ist es immer noch), der eine Besonderheit der Stellung erkannte, nämlich dass der schwarze Doppelbauer auf der e-Linie letztlich die Eroberung des Bauern h5 ermöglicht. 41. …dxe3 42. h4 Kg7 43. Kf3 Kf7 44.Ld3! Der Läufer muss auf die Diagonale d1-h5 geführt werden, dort stoppt er den gegnerischen e-Bauern und hält den Punkt h5 unter Beschuss. 44. …Ld4 45. Le2 Kg7 46. Ke4 Kg6 47. Ld1



Zieht der König, fällt der Bauer h5 mit fatalen Folgen für Schwarz, der gegen die drei verbundenen weiße Freibauern auf verlorenem Posten steht. Zieht jedoch der Läufer nach c5, fällt der Bauer auf e5, Weiß gewinnt wie folgt: 47. …Lc5 48. Kxe5 Lb4 49. Le2 La3 50. Ld3+! Kf7 51. Kf5. Jetzt kann der schwarze König nicht mehr nach g6 zurückkehren. 51. …Lb4 52. Le2. Weiß holt sich den h-Bauern, kehrt mit dem Läufer nach e2 zurück und schickt dann seine Freibauern los, zuerst marschiert der h-Bauer bis nach h6. Beide genannten Varianten führen zu einer Gewinnstellung für Weiß.

Der Schwarzspieler versuchte 47. …Lc3 48. Kxe3 Kf5 Oder 48. …Ld4+ 49. Ke4 Lf2 50. Kf3 Le1 51. Lc2+ Kg7



Analysediagramm

Einen Moment lang könnte man denken, Schwarz habe sich gerettet, denn nach z. B. 52. g4? remisiert …Lxh4. Doch in Stellungen dieser Art, mit drei Bauern (davon einer verdoppelt) entscheidet das lehrreiche Manöver 52. Kg2 Kf7 53. Kh3! Kg7 54. g4 hxg4+ 55. Kxg4 und nach dem folgenden h5-h6+ gewinnt Weiß mühelos.

49. Lxh5 Le1 50. Kf3 e4+ 51. Kg2 Lc3 52. Le2 Le1 53. Kh3 Lf2 54. Lb5 Le1 55. Ld7+ Ke5 56. Kg4! Weiß hält den gegnerischen König von seinen Bauern fern und schickt sich an, mit h5-h6 die Ernte einzufahren. Die Partie ist faktisch entschieden. Der Chinese spielte noch reflexartig 56. …e3 57. Lb5 Kd5 und ohne 58. h5 abzuwarten - 1:0

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 119 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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