Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Ein Angriff „aus dem Stand“

Schwarz belässt den König im Zentrum und attackiert mit …h6/…g5 die weiße Rochadestellung (Teil 2)


Verbreitet rochieren beide Seiten in schneller Folge nacheinander und auch das macht oft Sinn. Doch in einer bestimmten Gruppe von Stellungen erweist es sich als sinnvoll, die eigene Rochade etwas zurückzustellen und den Umstand zu nutzen, dass sich die Gegenseite schon festgelegt hat, und man greift unverzüglich ihren König an. Dies war bereits das Thema der Rubrik "SCHACHSCHULE 64" in der letzten Ausgabe. Dort wurde am Schluss erwähnt, dass der Läuferzug Lc1-g5 mal gut, mal nicht so gut ist. Gut ist er in der Regel nach einer bereits erfolgten kurzen Rochade von Schwarz. Hat aber Schwarz noch nicht rochiert, wird der Läufer g5 nur gejagt. Einen Beleg für diese These lieferte bereits vor 145 Jahren Michail Iwanowitsch Tschigorin (1850 - 1908), der später mit Steinitz vergeblich, aber sehr ehrenvoll um die Schachweltmeisterschaft kämpfte. Eine seine Spezialitäten waren taktische Überfälle in einem frühen Stadium der Partie.

Italienisch C 50
V. Knorre - M. Tschigorin
St. Petersburg 1874


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. 0-0 Sf6 5. d3



Diese Eröffnungsvariante ist heutzutage (wieder) sehr populär und wird vom Großteil der Weltklassespieler angewandt; allein der Weltmeister Magnus Carlsen hat so in 16 Partien gespielt. In allen hat er den natürlichen Entwicklungszug 5. …d6 grundsätzlich mit 6. c3 (Idee d3-d4 durchzusetzen) beantwortet, jedoch niemals mit 6. Lg5?! Auf das Urteil des Weltmeisters kann man sich verlassen und Zweifler können sich zusätzlich durch eine Computerauswertung überzeugen lassen, der zufolge bei 6. Lg5 die weiße Punktausbeute nur 38,5% beträgt. 6. …h6 7. Lh4 Es ist sogar relativ besser, stattdessen auf f6 zu schlagen, dies wirkt jedoch ein bisschen hilflos: da bringt man einen Läufer ins Spiel, um ihn gleich abzutauschen. 7. …g5 8. Lg3 h5



In der letzten Folge wurde die Partie Du­bois-Steinitz besprochen, in der Weiß mit 9. h4 reagierte. In der vorliegenden Partie schlug Weiß den einstehenden Bauern 9. Sxg5 und kam sehenswert unter die Räder: 9. …h4! 10. Sxf7 hxg3!! 11. Sxd8 Lg4 Der f-Bauer ist gefesselt, weswegen f2-f3 nicht möglich ist. 12. Dd2 Sd4 droht …Se2+ 13. Sc3 Sf3+! 14. gxf3 Lxf3 0:1



Es droht …gxh2 matt, auf 15. hxg3 folgt 15. …Th1 matt, und alle anderen Züge haben nur aufschiebende Wirkung, die Mattsetzung ist in keiner Variante zu verhindern.

Diese wunderschöne Kombination wanderte fortan von einer Schachzeitschrift zu anderen und noch ein Jahrhundert später erschien sie in Büchern über Schachtaktik.

Bei der Verfolgung des Läufers g5 mit …h6 nebst …g5 muss man bedenken, dass eben dieser Läufer sich nicht zwangsläufig zurückziehen muss, sondern in bestimmten Stellungen auch geopfert werden kann. Hierzu zwei lehrreiche Beispiele.

Italienisch C 50
I. Gunsberg - J. Metger
DSB Kongress, Breslau 1889


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. d3 Sf6 5. Lg5 h6 6. Lh4 d6 7. Sc3 Lb4 8. 0-0 g5 9. Sxg5 hxg5 10. Lxg5 Tg8 11. h4



Weiß spielt mit dem Gedanken, mit Sd5 und/oder f2-f4 (öffnet die f-Linie) den Springer f6 so unter Druck zu setzen, dass Schwarz mit …Txg5 die Qualität opfern muss. Dies ist schon wiederholt vorgekommen, mal mit Erfolg für die eine, mal für die andere Seite. Darauf kommen wir noch zurück. In der vorliegenden Partie erlaubte die spezielle Konstellation die verblüffende Antwort 11. …Dd7!! mit der Pointe 12. Lxf6 Txg2+ 13. Kxg2 Dh3+ 14. Kg1 Lg4 mit Damengewinn. 15. f3? führt gar zum Matt nach 15. …Lc5+ 16. d4 Sxd4. Auch auf 12. f4 muss sich Schwarz um den Springer f6 keine Sorgen machen, er zieht 12. …Dg4! mit der Folge 13. Dxg4 (ja nicht 13. Lxf6?? Dxg2 matt und auch nicht 13. Tf2 wegen 13. …Lc5) 13. …Sxg4 14. Sd5 Lc5+ 15. Kh1 Lb6, und Weiß hat nur zwei Bauern für die Figur.

In der Partie folgte 12. g3 mit dem Plan, mit dem nachfolgenden Zug f2-f4 die g-Linie zu schließen. 12. …Lxc3 13.bxc3 Sh7 14. f4 Dg4



Traurige Notwendigkeit aus der Sicht von Weiß war nun die Abwicklung 15. Dxg4 Lxg4, wonach Weiß mit nur zwei Bauern für die Figur im Endspiel einen schweren Stand hat. Auf diesen frustrierenden Kampf ums Überleben wollte sich Weiß nicht einlassen und startete einen verzweifelten Gegenangriff, um dann mit fliegenden Fahnen unterzugehen. 15. De1 Le6 16. Lb5 f6 17. d4 fxg5 18. fxg5 Ld7 19. Le2 Dh3 20. Lh5+ Kd8 21. Lf7 Tg7 22. De3 Ke7 23. g6 Tf8 24. Tf3 Sd8 25. gxh7 Sxf7 26. Taf1 Txh7 27. dxe5 Tg8 28. exd6+ cxd6 29. Df4 De6 30. De3 Se5 31. Tf5 Thg7 und Aufgabe wegen des zu erwartenden Tg5. 0:1

In der nächsten Partie sehen wir eine andere Eröffnung, aber die Motive gleichen sich.

Zweispringerspiel C 55
W. Steinitz - H. Bird
London 1862


1. e4 e5 2. Sc3 Lb4 3. Sf3 Sc6 4. Lc4 Sf6 5. 0-0 Lxc3 6. dxc3 d6 7. Lg5 h6 8. Lh4 Le6 9. Ld3 g5 10. Sxg5 hxg5 11. Lxg5 Tg8 12. Lh4



Mit seinem letzten Zug vermied Weiß das uns bereits vertraute Qualitätsopfer 12. h4 Txg5 13. hxg5 Sh7. Der Rückzug Lh4 will die Fesselung auf der Diagonale h4-d8 aufrechterhalten, doch gleich wird das Gegengift verabreicht.

12. …Lh3! droht …Txg2+ 13. Lg3 Jetzt wäre gxh3 schon gut möglich, also muss der Läufer h3 ziehen. Aber wohin? 13. …Lg4! Eine zweite Feinheit. Nach 13. …Le6 14. Lh4 ergibt sich erst einmal eine Zugwiederholung. Wer wäre damit eigentlich besser bedient bzw. wer wäre damit eher zufrieden gewesen? Steinitz wurde später Weltmeister, zu dem Zeitpunkt jedoch, als diese Partie gespielt wurde, stand der damals 26-Jährige erst am Beginn seiner großen Karriere und war in etwa gleich stark wie sein Gegner Henry Bird. So gesehen, hätte ein frühes Remis dem Renommee beider Spieler nicht geschadet. Doch Bird war auf Kampf aus, sonst hätte er eben …Le6 gespielt, er wählte jedoch den ehrgeizigeren Zug …Lg4. 14. Dd2 Sh5 15. f3 Sxg3 16. hxg3 Ld7



Das Opfer auf g5 hat sich erneut nicht sonderlich bewährt, womit das von Schwarz angewandte Konzept aufs Neue bewiesen wird. Die obige Stellung mit der Mehrfigur gegen die beiden weißen Mehrbauern sieht Schwarz unterm Strich etwas im Vorteil. Weiß hätte sich nun mit 17. Kf2! nebst Th1 und ggf. Tag1 noch sehr hartnäckig verteidigen können. Dies hat er versäumt und unterlag schließlich.

17. g4 Dh4 18. Df2 Dh6 19. Tfe1 Se7 20. Kf1 Sg6 21. g3 Ke7 22. Ke2 Th8 23. Th1 Dxh1 24. Txh1 Txh1 25. De3 Tah8 26. Dg5+ f6 27. Dxg6 T8h2+ 28. Ke3 Te1+ 29. Le2 Thxe2+ 30. Kd3 Le6 0:1

Italienisch C 54
S.Chanin - M.Tschigajew
Russ. Rapid-Grand-Prix 2017


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. 0-0 Sf6 5. d3 d6 6. c3 a6 7. Lg5 h6 8. Lh4 La7 9. Sbd2 g5 10. Lg3 De7 11. b4 h5 12. h4 gxh4 13. Lxh4 Tg8 14. Kh1 So ähnlich wie Altmeister Steinitz in der Beispielpartie Nr. 3, hat ein neuzeitlicher Meister ebenfalls auf h4 einen Läufer installiert und hofft, später aus dieser Fesselung Kapital schlagen zu können, z. B. mit Sg5 und f4. Der Nachziehende reagierte optimal: 14. …Tg4! Jetzt geht Sg5 noch nicht, da der Läufer h4 verloren ginge. 15. g3 Tg6! Die Aufgabe Nr. 2 ist erfüllt, Schwarz hat jetzt Felder auf der Diagonale h3-c8. 16. Sg5 Le6 Ist das etwa ein Versehen? Nein! 17. Sh7 Lxc4 18. Sxc4



18. …De6! 19. Sxf6+ Txf6 So war es gemeint. 20. Lxf6? scheitert an 20. …Dh3+ 21. Kg1 Dxg3+ 22. Kh1 Dh3+ 23. Kg1 Kd7 nebst …Tg8+.

Die Partie ging noch lange weiter und Schwarz gewann schließlich, aber dabei wollen wir es belassen und etwas Wichtigeres erwähnen.

Für viele tolle Ideen findet sich in der Schatzkiste der Schachgeschichte ein (oder mehrere) Vorgänger. Hier hat die geniale Idee 11. …Dd7!! aus der Partie Gunsberg-Metger den Schwarzspieler zu der oben gezeigten Idee 18. …De6! inspiriert. Ist dies nur eine Spekulation? Im Prinzip ja, aber um es so weit zu bringen wie Tschigajew (Teilnehmer der riesenstarken russischen Meisterschaft), muss man klassische Partien und Standardkombinationen kennen. Die Leser dieser Rubrik haben nun einige weitere Klassiker gesehen. Viel Erfolg bei einer eventuellen Anwendung und wenn's diesmal nicht klappt, dann beim nächsten Mal.

 


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Teil 112 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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