Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Glanz und Elend einer Angriffsaufstellung

Pillsbury-Angriff, näher betrachtet und hinterfragt (Teil 2)




In der ersten Folge (vgl. die Juniausgabe) haben wir uns mit dem sogenannten Pillsbury-Angriff bekannt gemacht, charakterisiert durch den weißen Aufbau mit einem Springer auf e5, der von dem Bauern d4 und oft zusätzlich von einem weiteren Bauern auf f4 gestützt wird. Bei solch einem stabilen Zentrum kann Weiß getrost einen Flügelangriff wagen. Mehrere kommentierte Partien haben diese These gestützt.

Im gleichen Beitrag wurde auch die Schattenseite des Pillsbury-Angriffs angesprochen und mit dem Schlagwort „das Feld e4 besetzen“ umschrieben. Wie dies auszusehen hat, demonstrierte 1999 der damalige Weltmeister Viswanathan Anand, siehe letzte Ausgabe, Seite 27.

Im vorliegenden Beitrag wird dieses Thema vertieft und mit weiteren Beispielen erläutert. Insbesondere widmen wir uns dem weißen Aufbau mit den Zügen Sbd2 und Ld3, was sich gegen die Besetzung des Feldes e4 richtetet.

Eine der ersten Partien mit dem „Pillsbury-Motiv“ stammt aus dem Jahr 1873. Der 1872 geborene Pillsbury konnte also nicht der Erfinder des Motivs gewesen sein, aber er kreierte Jahrzehnte später die inhaltsreichsten Partien zu diesem Thema, so dass die Namensgebung passt. Erfinder war der deutsche Schachmeister Louis Paulsen, der bereits 1861 so spielte. 12 Jahre später verwirklichte Oscar Gelbfuhs aus Böhmen eine ähnliche Idee, die später Pillsbury perfektionierte. Und die Partie fand Beachtung.

Französisch C 01
O.Gelbfuhs – J.Blackburne
Wien 1873


1.e4 e6 2.d4 d5 3.exd5 exd5 4.Sf3 Sf6 5.Ld3 Ld6 6.0–0 0–0 7.h3 Le6 8.Lg5 Sbd7 9.Sbd2 Te8 10.c3 Sf8 11.Se5 Auf Umwegen ist diese Stellung entstanden, die fast alle Merkmale des Pillsbury-Angriffs trägt, allein der Zug f2-f4 fehlt noch, aber der kommt gleich. Zunächst geschah 11.…Dc8? Das sieht nicht gut aus und wurde zu Recht nie wieder angewandt. Hier basierte dieser Zug auf einer Kombination, die der Nachziehende absichtlich herbeiführte, mit der jedoch leicht eine Bauchlandung hätte erleben können. Gut genug war nun 12.Lxf6 gxf6 13.Sg4 Lxg4, aber Weiß hatte etwas anderes im Sinn, nämlich 12.f4, wonach 12.…Se4 13.Lxe4 dxe4 14.Sxe4 f6 15.Lxf6 folgte, mit der Idee 15.…gxf6 16.Sxf6+, weswegen Schwarz 15.…Ld5 zog.



Schwarz greift zwei weiße Leichtfiguren an, und sein Gegner weiß sich keinen besseren Rat, als sich mit einer Remiskombination aus der Affäre zu ziehen: 16.Dh5? Lxe5 17.fxe5 Lxe4 18.Lxg7 Kxg7 19.Df7+ Kh8 20.Df6+ Kg8 mit Dauerschach und – remis

Der Anziehende war mit dem Ergebnis zufrieden, denn sein Gegner James Henry Blackburne war damals eine internationale Größe. Dennoch hätte Herr Gelbfuhs einen noch größeren Erfolg verbuchen können, wenn ihm in der Diagrammstellung 16.f5!! eingefallen wäre, mit der Pointe 16.…Lxe4 17.Dg4 (droht Matt) 17.…Sg6 18.Dxe4 gxf6 19.Dd5+ Kh8 20.Sxg6+ hxg6 21.fxg6 nebst Dh5 und Gewinn.

Dieser Erfolg, einen Weltklassespieler der damaligen Zeit zu besiegen, war Oscar Gelbfuhs (1852-1877) nicht vergönnt. Dennoch ging er in die Schachgeschichte ein: Er gilt als Erfinder des ersten brauchbaren Systems für die Wertung punktgleicher Spieler bei Rundenturnieren. Seine Grundidee wurde von William Sonneborn und Johann Berger weiterentwickelt, das S.-B.-System ist bis heute im Gebrauch.

Zurück zum eigentlichen Thema. Wie bereits erwähnt, ist der Zug …Se4 in den Stellungsbildern des Pillsbury-Angriffs ein häufiger Gast. So war es auch bei der Partie zweier US-amerikanischer Schachfreunde der Fall, deren Namen eine deutsche Abstammung vermuten lassen.

Französisch C 01
G.Koehler – B.Koehler
New York 1887


1.e4 e6 2.d4 d5 3.exd5 exd5 4.Sf3 Sf6 5.Ld3 Ld6 6.0–0 0–0 7.Lg5 Lg4 8.Sbd2 Sbd7 9.c3 c6 10.Dc2 Dc7 11.Tae1 h6 12.Lxf6 Sxf6 13.Se5 Tae8 14.f4 c5 15.Kh1 cxd4 16.cxd4 Dxc2 17.Lxc2 Lb4 18.Tf2 Tc8 19.Ld3 Lh5 20.h3 Tfe8 21.f5



Einmal mehr hätte sich der Rappe nach e4 begeben sollen. Die taktische Rechtfertigung lautet 21.…Se4! 22.Lxe4 dxe4 23.Txe4 f6 24.Sg6 Kh7! 25.Txe8 (nicht 25.Sf4? Lxd2 26.Txe8 Tc1+ 27.Kh2 Lxf4+ 28.Txf4 Lxe8) 25.…Txe8 26.Sf4 Lf7, und Schwarz besitzt mindestens gleiche Chancen.

Es geschah jedoch 21.…Tc7? und nach 22.g4 gewann Weiß bald: 22.…Lxg4 23.hxg4 Sxg4 24.Tg2 Sxe5 25.dxe5 Tce7 26.f6 Lxd2 27.Txg7+ Kh8 28.Th7+ Kg8 29.Tg1+ Lg5 30.fxe7 Txe7 31.Txh6 Txe5 32.Tf6 Kg7 33.Tf5 Txf5 34.Lxf5 – 1:0

Neben Pillsbury leistete Isidor Gunsberg (1854-1930) einen weiteren Beitrag zur Erforschung der hier besprochenen Stellungen. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts gehörte Gunsberg zu den sechs, sieben besten Spielern der Welt. Einmal, 1889, war er gar die Nummer 1 und konnte (1890) folgerichtig ein Match gegen den Weltmeister Steinitz bestreiten, das er nur mit 8,5:10,5 verlor.

Damenbauerspiel D 05
I.Gunsberg – J.Blackburne
Match Gunsberg-Blackburne


1.d4 d5 2.e3 Sf6 3.Ld3 e6 4.Sf3 c5 5.b3 Sc6 6.Lb2 Ld7 7.0–0 Tc8 8.a3 cxd4 9.exd4 Ld6 10.Sbd2 0–0 11.Se5 g6 12.De2 Sh5 13.f4 Sg7 14.Dg4 f5 15.Dh3



Eine wichtige Stellung, in der Schwarz unbedingt 15.…Sxe5! spielen muss, mit der Folge 16.fxe5 Le7, und hier geht Dh6 nicht wegen …Lg5, Oder 16.dxe5 Lc5+ 17.Kh1 Db6, mit der Idee 18.b4 a5!

15.…Lxe5? schwächt dauerhaft die schwarzen Felder, was in der Partie anschaulich ausgenutzt wird. 16.dxe5 Db6+ 17.Kh1 Sd8 18.Tf3 Sf7 19.Tg3 Lb5 20.Lxb5 Dxb5 21.Sf3 Dd7 22.Sd4 a6 23.a4 Tfe8 24.Te1 De7 25.c3 g5? Relativ besser ist 25.…Sd8, allerdings mit sehr passiver Stellung. 26.fxg5 Sxg5



27.Dh6! Es folgt ein Sturm auf den schwarzen Feldern: 27.…Se4 28.Txe4! dxe4 29.Sxe6! Tc7 30.Txg7+ Dxg7 31.Sxg7 Txg7 32.Dh5 Tg6 33.Dd1 e3 34.c4 f4 35.Dd4 Tge6 35.…e2 36.De4 +– 36.Dd5 e2 37.De4 Tb6 38.Dxe2 Txb3 39.e6 Kf8 40.De5 Ke7 41.c5 Td3 42.Df6 matt – 1:0

Damenbauerspiel D 05
M.Tschigorin – I.Gunsberg
Match 1890


1.Sf3 d5 2.d4 Sf6 3.e3 e6 4.Ld3 Ld6 5.b3 Sbd7 6.Lb2 0–0 7.Sbd2 Te8 8.Se5 Sf8 9.f4 c5 10.0–0 a6 11.Tf3 b5 12.dxc5 Lxc5 13.Tg3 Sg6 14.h4 Db6 15.Sf1



Noch war das Spiel halbwegs ausgeglichen, Schwarz hätte jedoch mit 15.…d4! die Diagonale schließen sollen, z.B. 16.Lxg6 (nicht 16.exd4? Lxd4+ 17.Lxd4 Dxd4+ 18.Kh1 Dxf4) 16.…hxg6 17.exd4 Td8. Weiß hat zwar einen Bauern verloren, kann aber nach …Lb7 noch ganz gut mitmischen. Nach dem Partiezug 15.…Sxh4? schlägt der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel ein. 16.Sxf7! Kxf7 17.Lxf6 gxf6 18.Dh5+ Ke7 19.Dxh4 Ld7 20.Tg7+ Kd6 21.Dxf6 Lxe3+ 22.Sxe3 Dxe3+ 23.Kf1 Tad8 24.Te1 Die Partie ist faktisch entschieden, z.B. 24.…Dc5 25.Txe6+ Txe6 (25.…Lxe6 26.De5+ Kc6 27.Dc7 matt) 26.Dxd8 oder 24.…Dd2 25.Te2 Dc1+ 26.Kf2 Kc6 27.Txh7 Tf8 28.Txe6+ Kc7 29.Tc6+ Kb7 30.Tb6+ – 1:0

Zum Schluss noch eine Reminiszenz, natürlich im Zusammenhang mit dem Thema dieser Folge der SCHACHSCHULE 64. Anno 1895 wurde in dem englischen Badeort Hastings die erste Auflage eines Turniers gespielt, das später mit großer Regelmäßigkeit zum Jahreswechsel mit namhafter internationaler Beteiligung durchgeführt wurde, und bis heute das Turnier mit der längsten Tradition ist. Das Niveau der Premiere wurde allerdings nie wieder erreicht. Hastings 1895 vereinte fast die gesamte Schachelite der damaligen Zeit. Gewonnen hat es Pillsbury vor Tschigorin, dem Weltmeister Lasker, Tarrasch und dem Exweltmeister Steinitz. Der spätere Turniersieger hat wohl das Spielgeschehen an einem der unteren Bretter mit Interesse verfolgt. „Seine“ Eröffnung kam aufs Brett, Weiß befand sich auf der Siegerstraße, doch im entscheidenden Moment fand Tinsley den krönenden Abschluss nicht.

Damenbauerspiel D 05
S.Tinsley – J.Mieses
Hastings Masters 1895


1.d4 d5 2.e3 Sf6 3.Ld3 e6 4.Sf3 b6 5.0-0 Lb7 6.Se5 g6 7.Sd2 Lg7 8.b3 Se4 9.f4 f6 10.Sg4 Möglicherweise wollte Schwarz mit 10.…h5 den weißen Springer gänzlich zurückwerfen, war aber dann mit den Folgen von 11.Sf2 f5 12.Sf3 nebst Se5 nicht ganz zufrieden. 10.…f5 11.Se5 Da ist er wieder! 11.…Sd7 12.Sdf3 Sxe5 13.Sxe5 Lxe5?! Ähnlich wie in der oben aufgeführten Partie Gunsberg – Blackburne wird dem Nachziehenden sein schwarzfeldriger Läufer fehlen. 14.fxe5 De7 15.a4 h5 16.a5 h4 17.Lxe4 dxe4 18.De2 g5 19.c4 0-0-0 20.axb6 axb6 21.Ta2 Thg8 22.La3 Dh7 23.c5!



Schwarz hat keine Möglichkeit, den Königsflügel zu öffnen, denn auf …h3 blockiert 24.g3 die Stellung. Weiß kann allerdings noch entschiedener vorgehen: 23.…h3 24.cxb6! hxg2 25.Tc1 Tg7 26.Tac2 Tdd7 27.Lf8!! Tgf7 28.d5 mit Gewinn nach
→ a) 28.…Txf8 (28.…exd5 29.e6) 29.Txc7+ Txc7 (29.…Kd8 30.dxe6) 30.Txc7+ Dxc7 31.bxc7 f4 32.dxe6 f3 33.e7! Te8 34.Dd1 Kxc7 35.Dd6+ Kc8 36.e6 +–;
→ b) 28.…Txd5 29.Txc7+ Txc7 30.Txc7+ Dxc7 31.bxc7 f4 32.Ld6 f3 33.De1 +–.

In der Partie geschah 23.…bxc5 und nun verspielte der Engländer mit 24.dxc5? den Sieg. Richtig war 24.Lxc5 nebst Tfc1, Tac2 und ggf. Ld6 und Spiel auf ein Tor. Nach dem Fehler 24.dxc5 konnte der Nachziehende das Blatt wenden: 24.…Td3 25.Dc2 Dd7 26.Lc1 f4! 27.exf4 gxf4 28.Lxf4 e3 29.Dc4 Td2 30.Txd2 exd2 31.Td1 Txg2+ 32.Kf1 Dc6 33.Dd3 La6 – 0:1

 


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Teil 122 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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