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Schachschule 64 ::

Ein Beitrag für Optimisten und für Spieler, die es werden wollen

Verlust des Rochaderechts muss kein Beinbruch sein | Stellungen mit dem schwarzen König auf f7 oder f8


Einem bekannten Spruch zufolge kann ein zur Hälfte gefülltes Glas je nach Stimmungslage oder genereller Lebenseinstellung unterschiedlich betrachtet werden: Pessimisten sehen es als halbleer, Optimisten als halbvoll! Angesichts der Gegenwart (Corona) bei aufkeimender Hoffnung (Impfstoffe) ist das Thema "halbgefülltes Glas" aktuell.

Mit diesem Beitrag wollen wir uns bei den Optimisten einreihen und behandeln ein schon länger bekanntes Thema (vgl. Folge 10 in der Märzausgabe 2011) differenzierter. Die Nachteile des Verlustes des Rochaderechts werden nicht geleugnet, doch wir konzentrieren uns mehr auf die Chancen der "Verunfallten" und zeigen zugleich, dass manchmal die Aufgabe des Rochaderechts sogar auch als ein Lockmittel oder als eine Falle eingesetzt werden kann. In den konkreten Stellungen, allesamt in der frühen Partiephase entstanden, werden Sie wiederholt den schwarzen König auf f7 oder f8 sehen. Damit wird das Thema der Folge 10 (in der Märzausgabe 2011) der SCHACHSCHULE 64 fortgeführt und vertieft.

Das erste Beispiel stammt aus einer lang vergangenen Zeit, rund zwei Jahrzehnte nach den napoleonischen Kriegen. Zu der Zeit waren der Franzose Louis Charles Mahe de Labourdonnais (1795-1840) und der britische Staatsbürger irischer Abstammung Alexander McDonnell (1798-1835) die beiden besten Schachspieler der Welt. Sie lieferten sich zwischen Juni und November 1834 das erste bedeutende Match der Schachgeschichte, oder genauer eine Serie von Matches. La Bourdonnais gewann 44, verlor 30 und spielte 14 Partien unentschieden. Danach galt er für vier Jahre, bis zu seinem frühen Tod, als der beste Spieler der Welt. In die Schachgeschichte ging er zudem durch die Herausgabe der ersten Schachzeitschrift der Welt (Le Palamèd, gegr. 1836) ein.

Italienisch C 53
L. De Labourdonnais - A. McDonnell
1. Matchpartie 1834


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Der Franzose spielte Italienisch, was schon damals eine beliebte Eröffnung war und in den letzten Jahren wieder häufiger zu sehen ist. 3. …Lc5 4. c3 d6 5. d4 exd4 6. cxd4 Lb6 7. d5 Heutzutage ist 7. 0-0 beliebter. 7. …Sce7 8. e5 Lg4 9. Lb5+



Die Absicht ist klar, der gerade nach g4 entwickelte Läufer soll zum Rückzug nach d7 ermuntert werden. Doch Schwarz erkannte richtig, dass die Läuferstellung auf g4 stärker ins Gewicht fällt als das Rochaderecht und er spielte . 9.…Kf8! 10. e6 fxe6 11. dxe6 Sf6 12. h3 Lxf3 13. Dxf3 c6 14. Ld3 Dc8 15. Lf5



15. …Ke8! Der 1798 geborene Meister spielte genauso wie das 2020 geschriebene Schachprogramm Fritz 17. Die grauen Zellen und die Elektronik kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass der König in der Brettmitte derzeit ungefährdet steht und dass es viel wichtiger ist, das Feld f8 für den Turm zu reservieren, von wo aus er dann die weißen Figuren auf f5 und f3 anvisieren kann. 16. 0-0 Tf8 17. Dd3 Sxf5 18. Dxf5 Ke7 19. Lg5 Dxe6 20. Dxh7



Nur hier meckert das Schachprogramm und gibt die noch stärkere Fortsetzung 20. …Kd7! an. Sowohl nach 21. Lxf6 Dxf6, als auch nach 21. Dg6 Se4! 22. Dxe6+ Kxe6 23. Le3 (sonst folgt einfach …Sxf2+) 23. …Lxe3 24. fxe3 Txf1+ 25. Kxf1 Tf8+ steht Schwarz klar besser. 20. …Df7 21. Sc3 Kd7 22. Df5+ Kc7 23. Lf4 Tad8 24. Dc2 Kb8 Der schwarze König ist ausgewandert und steht sicher. Wegen des möglichen Drucks auf der f-Linie sind die Aussichten von Schwarz als etwas besser einzuschätzen. In der Folge setzte sich der Nachziehende durch. 25. a4 Sh5 26. Lg5 Tde8 27. a5 Lc5 28. Sa4 Ld4 29. Dd2 Sg3 30. Tfd1 Lxf2+ 31. Kh2 Se4 32. Dc1 Lg3+ 33. Kg1 Df2+ 34. Kh1 Le5 35. Td3 Sg3+ 36. Txg3 Dxg3 37. Dg1 Dxg5 38. a6 Dg3 39. axb7 Tf7 40. Ta3 Df4 41. Sb6 Tff8 42. Sd7+ Kc7 43. b8D+ Txb8 44. Sxb8 Ld4 – 0:1

Auch dem Sieger in dieser Partie, Alexander McDonnell, war kein langes Leben beschieden. Sein Nachfolger als bester Spieler Großbritanniens war Howard Staunton (1810-1874), dem fast jeder deutsche Schachspieler der älteren Generation bereits auf besondere Weise begegnete. Staunton entwickelte vor mehr als 150 Jahren neue, besser unterscheidbare Schachfiguren, den "Staunton-Typ", mit den griechischen Pferdeskulpturen auf der Akropolis nachempfundenen geschnitzten Springern. Diese Figurengestaltung wurde in Deutschland zur sog. "Bundesform" vereinfacht. Die Verwendung von Staunton-Figuren wird vom Weltschachbund bei Turnierkämpfen empfohlen. Ein ausgesprochen interessanter Beitrag zu diesem Thema findet sich im Internet an der Adresse www.schachmuseum.com/

Eine lesenswerte Abhandlung über den Ursprung der Springer der Staunton-Schachfiguren findet sich wiederum an https://karl­online.org/420_2. Überhaupt ließe sich über das Schachgenie und den Shakespeare-Forscher (!) Howard Staunton seitenweise schreiben, aber jetzt kehren wir zurück zu dem vorliegenden Artikel und seiner eigentlichen Thematik, zu der Staunton mit folgender glänzend gespielten Partie einen Beitrag leistete.

Schottisches Gambit C 44
J. Cochrane - H. Staunton
Freie Partie, London 1841


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. d4 exd4 4. Lc4 Lb4+ 5. c3 dxc3 6. bxc3 La5 7. e5 h6 8. Db3 De7 9. La3 d6 10. 0-0



Angesichts der Stellung des weißen Läufers auf a3 und des bald möglichen Zuges Te1 erscheint die schwarze Stellung stark gefährdet. Doch Staunton bewies seine Klasse mit dem folgenden Konzept:

10. …Sxe5!! 11. Sxe5 Dxe5 12. Lxf7+ Kf8 Das verlorene Rochaderecht ist nebensächlich. Der König auf f8 ist keineswegs bedroht, denn das Bollwerk c7/d6/e5 schützt ihn auf der Diagonale, und auf der f-Linie kann Weiß keinen Angriff entfalten. Schwarz hat einen Bauern mehr und kommt nach dem Abschluss der Figurenentwicklung gut ins Spiel. 13. Lb2 Df6 14. Lc4 Lb6 15. Sd2 Lf5 16. Tae1 Se7 17. Se4 Dg6 18. Sg3 Lc2 19. Db5 c6 20. Dh5 Dxh5 21. Sxh5 d5 22. Le2 Kf7 Verbindet die Türme und mobilisiert diese anschließend. 23. Lg4 Ld3



Allein mit dem Kunststück 24. La3! Sf5 25. Sf4! hätte Weiß das Spiel noch ausgeglichen halten können, man sehe 25. …Lxf1 26. Lxf5 Lc4 27. Le6+ Kf6 28. Sh5+ Kg6 29. Sf4+ Kh7 (nicht 29. …Kg5? 30. Le7+ Kxf4 31. h3!, und Weiß setzt matt) 30. Lf5+ Kg8 31. Le6+ und Remis durch Dauerschach.

Dies wäre ein schöner Abschluss des Kampfes gewesen. Weiß spielte jedoch 24. Le2? und verlor nach den weiteren Zügen 24. …Lxe2 25. Txe2 The8 26. Tfe1 g5 27. Te6 Sg8 28. Txe8 Txe8 29. Txe8 Kxe8 30. g4 Kf7 31. Kg2 Sf6 32. Sxf6 Kxf6 33. Kf3 Ke5 34. h4 gxh4 35. Lc1 La5 36. Lxh6 Ke6 – 0:1

Auch in einem anderen Duell zweier namhafter Altvorderen kam das Motiv der gelungenen Aufgabe des Rochaderechts zugunsten bestimmter Vorteile vor. Am Brett begrüßen wir die deutschen Meisterspieler Johann Jacob Löwenthal (1810-1876) und Tassilo von Heydebrand und der Lasa (1818-1899). Beide waren ähnlich starke Turnierspieler. Der preußische Adlige Tassilo von Heydebrand und der Lasa machte sich obendrein als ein renommierter Schachforscher und Autor einen Namen. Auch über ihn gäbe es noch viel berichten und auch hier muss dies aus Platzgründen auf später verschoben werden. Eilige können zwischendurch die Lektüre der Rezension auf https://johannes-fischer.net/blog/2018/04/16/der-neue-karl-ist-da-schwerpunkt-tassilo-von-heydebrand-und-der-lasa-adolf-anderssen/ genießen. Nur eine Begebenheit soll schon hier stehen, um diese große Persönlichkeit zu würdigen (zitiert aus Wikipedia):
"Der heutigen Schachwelt ist Tassilo von Heydebrand und der Lasa vor allem durch die im Jahr 1843 erstmals vorgenommene Herausgabe des Handbuchs des Schachspiels bekannt, das Paul Rudolph von Bilguer konzipiert hatte, der jedoch, im Jahr 1840 verstorben, das Erscheinen seines Werkes nicht mehr erlebte. Von Heydebrand und der Lasa setzte die Arbeit des Verstorbenen fort und setzte dessen Namen selbstlos in der Autorenschaft voran, so dass das legendäre Buch seither als das Handbuch (der "Bilguer") bekannt wurde." Hut ab, alle andere Worte erübrigen sich.

Evans-Gambit C 51
J. J. Löwenthal - T. von Heydebrand und der Lasa
Freie Partie, Berlin 1846


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. b4 Lxb4 5. c3 La5 6. 0-0 d6 7. d4 exd4 8. cxd4 Lb6 9. Lb2 Lg4 10. Lb5



Die unmissverständliche Drohung d4-d5 würde schwächere Spieler zu der automatischen Antwort …Ld7 verleiten. Aber der Berliner Meister erkannte offensichtlich die gegnerische Absicht, als da wäre 10. Lb5 Ld7 11. d5 Se5 12. Lxd7+ Dxd7 13. Lxe5 dxe5 14. Sxe5 De7 15. Da4+ mit klarem Vorteil für Weiß, und er vermied dies mit 10. …Kf8! Es folgte 11. Lxc6 bxc6 12. Te1 Tb8 13. Te3 c5 mit Aktivierung des Läufers b6. 14. Dd3 Lxf3 15. Txf3 cxd4 16. Lxd4 Se7 17. Sd2 Sg6 18. Sc4 h5 19. Td1 De7 20. Tf5 Te8 Weiß hätte sich nun auf 21. Dc3 Lxd4 22. Txd4 mit verteilten Chancen einlassen sollen. Der Partiezug 21. Lc3? wurde elegant widerlegt: 21. …Dxe4! 22. Sxd6 cxd6 23. Dxd6+ Kg8 24. Tg5 Lxf2+! 25. Kh1 Oder 25. Kxf2 De3+ 26. Kf1 Dxg5 -+. 25. …Lh4 und wegen der Springergabel nach 26. Tb5 Sf4 (droht …Dxg2 matt) 27. Tg1 Se2 – 0:1

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 129 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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