Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Ein Springer als Damoklesschwert


Angriffsaufstellungen mit einem Springer auf f5 und was man damit anfangen kann



Die Idee zu dieser Folge der SCHACHSCHULE 64 kam beim Schreiben eines anderen Artikels in dieser Ausgabe, des Bundesligaberichts auf den Seiten 46-48. Darin findet sich ein sehr schöner Sieg der weltbesten (noch aktiven) Schachspielerin Hou Yifan, die - klassischen Beispielen folgend - ihren Springer nach f5 stellte, ihn zwecks Königsangriffs auf h6 opferte, um dann ihren anderen Springer nach f5 zu stellen, und schon war es vorbei. Da kam dem Autor die Idee, dieses Thema sollte man einmal in der SCHACHSCHULE 64 umfassender als nur mit einer Partie behandeln.

Für dieses Thema wurde die Überschrift "Ein Damoklesschwert" gewählt, das alte Sinnbild für eine stets drohende Gefahr. Das passt gut zu dem Springer auf f5, der in der Regel nicht sofort zuschlägt. Oft passiert lange Zeit nichts, der Springer steht nur da und droht latent, so wie in der antiken Legende beschrieben: Das nur an einem Rosshaar befestigte Schwert hängt über dem Haupt eines Mannes. In der Legende überlebt Damokles, bei einem König auf dem Schachbrett weiß man das nie; manchmal reißt das Rosshaar auch …

Welche Kraft die Stellung des Springers auf f5 besitzt, das wurde bereits vor mehr als anderthalb Jahrhunderten entdeckt.

Spanisch C 65
H. Bird - A. Anderssen
London 1857


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. c3 Sxe4 5. d4 exd4 6. 0-0 Le7 7. Te1 Sf6 8. cxd4 0-0 9. d5 Sb8 10. Sc3 a6 11. La4 b5 12. Lc2 d6 13. Lg5 h6 14. Lh4 Sbd7 15. Sd4 Einer der möglichen Wege, wie der Springer nach f5 gelangen kann. Schwarz kann ihn auch nicht einfach mit 15. …g6?? vertreiben, weil das nach 16. Sc6 De8 17. Txe7 die Dame kosten würde. Diese Erkenntnis hilft dabei herauszufinden, was in der Eröffnung für Schwarz schiefgelaufen ist: Der Fehler war 14. …Sbd7 (besser ist 14. …c5), weil damit das Feld c6 geschwächt wird, obendrein kontrolliert der Lc8 nicht mehr das Feld f5. 15. …Lb7 16. Dd3 Besser war sofort 16. Sf5, wonach 16. …Te8 nicht gut möglich gewesen wäre. 17. Se4 sichert dann Weiß sehr gute Angriffschancen. 16. …Te8 17. Sf5 Lf8 18. Se4 Weiß würde gerne mit seiner Dame nach h7 gelangen und mattsetzen, z. B. so: 18. …Te5 19. Sxf6+ Sxf6 20. Sxh6+ gxh6 21. Lxf6 und Dh7+. Schwarz spielte 18. …Txe4 19. Txe4 Das war noch in Ordnung, aber nun war …g5 notwendig, um den Springer f6 zu entfesseln. Er spielte stattdessen 19. …Sc5? und erhoffte sich durch den Angriff auf die Dame d3 und den Turm e4 eine Entlastung.



Doch der Springer auf f5 machte ihm einen dicken Strich durch die Rechnung: 20. Sxh6+! gxh6 21. Tg4+ Nun verbietet sich …Sxg4 wegen eines Matts auf h7 und 21. …Kh8 scheitert an 22. Lxf6+ Dxf6 23. Dh7 matt. 21. …Lg7 22. Dg3 Das war's eigentlich schon; die Drohung Txg7+ ist vernichtend und nach anderen Zügen verliert Schwarz seine Dame. 22. …Sxg4 23. Lxd8 Txd8 24. Dxg4 Es folgte noch 24. …Lxd5 25. Te1 Le6 26. Dg3 a5 27. Te3 Kf8 28. Df4 Lxa2 29. b3 a4 30. bxa4 bxa4 31. Dh4 f6 32. Lxa4 Lf7 33. Lc6 Tb8 34. h3 Tb6 35. Lf3 Sd7 36. Da4 Se5 37. Da8+ Le8 38. Lh5 – 1:0

Pirc-Verteidigung B 07
H. Wolf - M. Tschigorin
Karlsbad 1907


1. d4 Sf6 2. Sf3 d6 3. Sbd2 Sbd7 4. e4 e5 5. c3 Le7 6. Ld3 0-0 7. 0-0 c6 8. Te1 Dc7 9. Sf1 Te8 10. Sg3 Sf8 11. Sh4 Eine weitere Route nach f5. Bei sofort 11. Sf5 wird der Eindringling mit 11. …Lxf5 beseitigt. 11. …Sg6 12. Shf5 Jetzt bringt 12. …Lxf5 13. Sxf5 dem Schwarzen nichts ein, der Sf5 wurde durch einen anderen Schimmel ersetzt. Das Springergespann Sf5+/Sh4 kommt in diesem Stellungstyp nicht selten vor. 12. …Lf8 13. Lg5 Sd7 14. Df3 Sb6 15. Sh5 Falls jetzt 15. …Lxf5 16. exf5, verliert Schwarz nach 16. …Sf4 17. Lxf4 einen Bauern; nach den Springerzügen nach h8 oder e7 ist f5-f6 sehr günstig für Weiß. 15. …Sd7 16. Lc4 Schwarz versuchte sich nun mit 16. …d5 17. exd5 e4 aus seiner passiven Lage zu befreien, aber 18. Txe4! Txe4 19. d6! machte ihm den Garaus.



Nach 19. …Lxd6 bringt der Springer f5 die Entscheidung: 20. Sh6+! Kh8 21. Dxf7 (Doppeldrohung Dxg7 und Dg8) 21. …Sf6 22. Lxf6 Dxf7 23. Sxf7+ Kg8 24. Lxg7 h6 25. Sxh6+ Kh7 26. Lg8 matt.

Schwarz hätte ruhig aufgeben können, doch er machte uns die Freude und ließ den Entscheidungszug des Springers f5 auf dem Brett geschehen: 19. …Tf4 20. Lxf4 Dd8 21. Lg3 De8 22. Kf1 Kh8 23. Te1 Dd8 24. Sh6! und wegen 24. …gxh6 25. Dxf7 Sf6 26. Te8 Dxe8 27. Dxf6+ Lg7 28. Dxg7 matt – 1:0

Der in dem Bundesligaartikel zitierte Siegbert Tarrasch gelangte zu seiner hohen Wertschätzung des Springers auf f5 möglicherweise aufgrund eigener bitterer Erfahrung. In der folgenden Stellung hatte der Weißspieler sehr wohl bemerkt, dass sein Gegner dem Turm b7 nach dem Leben trachtet (…Da6 soll kommen), da ihm die entscheidende Idee entgangen war:



D. Janowski – S. Tarrasch
Oostende Masters 1905
Weiß am Zug


30. Sf5 Da6 31. Sxh6+!! gxh6 32. Txf7 Kxf7 "Mit seinen letzten 2 Zügen hat der Anziehende den schwarzen Monarchen ohne Verteidiger gelassen. Der arme König wird bald zur Beute der weißen Figuren", schrieb Ivo Donev, ein Internationaler Meister im Schach und Großverdiener im Poker (über zwei Millionen Dollar gewonnen). Geld (einen Preis für die beste Partie des Turniers) gab es auch für Herrn Janowski, leider nur 250 Francs. 33. Dxh6 Kg8 34. Dg6+ Kh8 35. Dxf6+ Kg8 36. Dg6+ Kh8 37. Te5 – 1:0

Oft schlägt der Springer von f5 auf h6. Manchmal steht dort aber gar nichts, nichtsdestotrotz kann sich so ein Ausflug lohnen.

Caro-Kann B 15
A. Chalifman - Y. Seirawan
Wijk aan Zee 1991


1. e4 c6 2. d4 d5 3. Sc3 dxe4 4. Sxe4 Sf6 5. Sxf6+ exf6 6. c3 Ld6 7. Ld3 0-0 8. Se2 Te8 9. 0-0 Dc7 10. Sg3 Le6 11. f4 c5 12. d5 Ld7 13. c4 Sa6 14. Df3 Db6? Nachträglich betrachtet hätte Schwarz besser 14. …b5! 15. cxb5?! Sb4 mit Gegenspiel versuchen sollen (GM Ian Rogers). 15. b3 Lf8 16. Lb2 Sc7



Seirawan hatte sich hier einen raffinierten Trick zurechtgelegt. Auf 17. f5 folgt verblüffend 17. …Sxd5!!, denn 18. Dxd5 kostet nach …Lc6 die Dame und auf 18. cxd5 c4+ gewinnt Schwarz das Material mit Zinseszins zurück. (Rogers) Exweltmeister Chalifman hat diesen Trick durchschaut und vermieden. 17. Lf5! Lxf5 18. Sxf5 Ted8 19. Tae1 Se8 20. Dh5 Weiß hat zu Recht keine Angst vor 20. Dh5 g6 21. Sh6+ Kg7 wegen 22. Dh4 nebst Sg4. (Rogers) 20. …Da5 21. Txe8! Txe8



22. Sh6+! mit der Hauptpointe 22. …Kh8 23. Dxf7 Ld6 24. Dg8+ Txg8 25. Sf7 matt. 22. …gxh6 23. Dg4+ nebst Lxf6 und Matt. – 1:0

Sizilianisch B 52
M. Adams - N. Grandelius
Gibraltar 2018


1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. Lb5+ Ld7 4. Lxd7+ Sxd7 5. 0-0 Sgf6 6. Te1 e6 7. d4 cxd4 8. Sxd4 Le7 9. c4 0-0 10. b3 Te8 11. Lb2 Sc5 12. Sc3 d5? Dies ist ein ungeeigneter Moment für diesen bekannten Zentrumskonter, besser waren laut Adams die Abwartezüge 12. …a6 oder 12. …Tc8. 13. exd5 exd5 14. Sf5! Lf8 Sofort verlieren die Züge 14. …Dd7 15. Sxg7! Kxg7 16. Sxd5 oder 14. …dxc4 15. Sxe7+ Txe7 16. Dxd8+ Txd8 17. Txe7. 15. Txe8 Dxe8 16. Sxd5 Sxd5



17. Sh6+! Ein "killing intermezzo", so Adams im Turnierbulletin. Ein zu treffender Ausdruck, um ihn zu übersetzen. 17. …Kh8 17. …gxh6 18. Dg4+ matt. 18. Dxd5 De6 Oder 18. …f6 19. Dg8 matt bzw. 18. …Se6 19. Te1! Td8? 20. Dxd8! Dxd8 21. Sxf7+ mit einer Gewinnstellung. (Adams) 19. Sxf7+ Kg8 20. Dxe6 Sxe6 21. Se5 und Weiß gewann das Endspiel mit zwei Mehrbauern nach den weiteren Zügen 21. …Td8 22. Lc3 Lc5 23. Kf1 Ld4 24. Lxd4 Txd4 25. Te1 Sc5 26. Sf3 Td6 27. Sg5 Td8 28. g3 h6 29. Se6 Sxe6 30. Txe6 Kf7 31. Te5 Td2 32. a4 Tb2 33. Tb5 b6 34. h4 Ke6 35. h5 Kd6 36. a5 Kc6 37. axb6 axb6 38. Kg2 – 1:0

Wie gelangt der Springer nach f5? Oft wandert der Damenspringer von b1 über d2 und f1 nach g3. Das setzt natürlich voraus, dass die Route auch frei ist, also dass der d-Bauer bereits gezogen hat. Um f1 freizumachen ist ein Zug des Läufers erforderlich, dies geschieht früh mit Lb5 in der Spanischen Partie oder mit Lc4 (Italienisch). Am schnellsten geht es via h4: ein frühes Sg1-f3 - und voilà - h4.

Manchmal kommt der Springer nach f5 angeritten, manchmal wird er regelrecht hereingebeten. Da gibt es sogar ein Beispiel aus der Praxis der neuzeitlichen Spitzenprofis. Der Besiegte, der Ungar Peter Leko, gehörte seinerzeit zur Topten der Welt.

Caro-Kann B 19
M. Adams - P. Leko
Linares 1999


1. e4 c6 2. d4 d5 3. Sd2 dxe4 4. Sxe4 Lf5 5. Sg3 Lg6 6. h4 h6 7. Sf3 Sf6 8. Se5 Lh7 9. Ld3 Lxd3 10. Dxd3 e6 11. Ld2 Sbd7 12. f4 Le7 13. 0-0-0 0-0 14. De2 c5 15. dxc5 Sxc5 16. Lc3 Dc7 17. f5 Hier war die Stellung für Schwarz noch in Ordnung, er hätte nun mit …Sd5 fortfahren sollen. Er entschloss sich jedoch zu 17. …exf5? wofür es Kritik hagelte. "Wie kann einer, der in Linares (das war seinerzeit so etwas wie Wimbledon bei den Tennisspielern) mitspielt, so etwas machen?" 18. Sxf5 Tfe8 19. Df3 Lf8



20. Sxh6+! Das scheint nur einen Bauern zu gewinnen (20. …gxh6 21. Dxf6), aber warten Sie ab! 20. …gxh6 21. Sg4!! Das Rosshaar ist gerissen. Die schwarze Stellung kollabiert, z. B. 21. …Sxg4 22. Dxg4+ Kh7 23. Df5+ Kg8 24. Df6 analog der Partie, oder 21. …Sfe4 22. Sf6+ Sxf6 23. Dxf6 wie vor. 21. …Sxg4 22. Dxg4+ Kh7 23. Df5+ Kg8 24. Df6 Kh7 25. Dh8+ Kg6 26. h5+ – 1:0

 


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Teil 104 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Unbändiger Vorwärtsdrang

Obwohl er schon ein gestandener Mann von 68 Jahren war, freute er sich wie ein Kind. Endlich sollte in seiner Heimatstadt Minsk ein Spitzenturnier ausgetragen werden, die Europameisterschaft nämlich, und sie sollte sein schachliches Schwanenlied werden.
 

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