Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Taktische Standardmotive


Das Zwischenschach: ein Spezialfall des Zwischenzugs – mal ein Störenfried, mal ein Retter in der Not



In dem Standardwerk "Meyer Schachlexikon" wird der Begriff Zwischenzug wie folgt definiert: Ein Zug, der bei der Variantenberechnung auf den ersten Blick nicht auffällt, da andere Züge naheliegender sind. Ein Zwischenzug liegt z. B. vor, wenn bei einem Abtausch ein schlagender Stein nicht unmittelbar genommen wird, sondern erst ein anderer Zug eingebaut wird, mit dem in der Regel eine starke Drohung aufgestellt wird, um den Rückzug des schlagenden Steins zu verhindern. Mit Zwischenzügen hat sich die Folge 49 der SCHACHSCHULE 64 beschäftigt. Ein Zwischenzug, mit dem zugleich Schach geboten wird, wird als Zwischenschach bezeichnet. Im Gegensatz zu einer Drohung kann ein Zwischenschach nicht ignoriert werden, deshalb ist seine Wirkung manchmal enorm und kann dem Partieverlauf eine ganz andere Wendung geben. Beginnen wir mit einem "Blattschuss" aus einem schon etwas länger zurückliegenden Turnier:



W. Bagirow - R. Cholmow
Baku 1961
Schwarz am Zug


Schwarz zog 25. …Te2! und sein Gegner gab auf. – 0:1

Nanu, wo bleibt das Zwischenschach, fragen Sie sich vielleicht? Es droht sowohl …Dxf2+ nebst Matt als auch …Dxc3, und nach 26. Dxf6 - jetzt kommt's - gewinnt das Zwischenschach …Txe1+ einen Turm.

Manchmal kann ein Zwischenschach auch "zerstörerisch" wirken und eine gegnerische Kombination als inkorrekt entlarven. Dieses Thema kommt in den drei nächsten Beispielen vor.



R. Edouard - F. Vallejo
Bundesliga 2010
Schwarz am Zug


Zuletzt war La6xLb7 geschehen. Der Anziehende hatte sich 20. …Txc2+ 21. Kxc2 Dxf2+ 22. Sd2 zurechtgelegt, in diesem Fall hätte er mit seinem Turm und zwei Leichtfiguren gegen Dame plus Bauern gute Chancen gehabt. Bei der Vorausberechnung war ihm jedoch das Zwischenschach 20. …Df4+ entgangen. Nach 21. Sd2 (oder 21. Td2) 21. …Txc2+ 22.Kxc2 Dc7+ geht der Läufer verloren. – 0:1



Der Schwarzspieler hat sich auf diese Stellung eingelassen, weil er den Abtausch 25. Lxg7 Kxg7 bzw. 25. Lxb5 Lxb5, jeweils mit vollem Ausgleich, erwartete. Aber das Zwischenschach 25. Lc4+ änderte die Lage nachhaltig. Nach 25. …Kh8 schlägt Weiß nämlich nicht auf b5, sondern gewinnt eine Figur: 26. Lxg7+ (mit einem Schachgebot verbunden, deshalb war das Zwischenschach auf c4 notwendig!) 26. …Kxg7 27. Te7+, gefolgt von Txd7, deshalb gab Schwarz auf – 1:0



S. Wolkow - S. Ionow
Russische Meisterschaft 2004
Weiß am Zug


Auch hier hat Schwarz kombiniert und dabei ein Zwischenschach übersehen. Er hat sich zuvor mit …Sg6xBe5 einen Bauern einverleibt. Sofort dxe5 scheitert an der ungedeckten Stellung des Läufers e3. Doch das Zwischenschach 32. g6+! veränderte die Stellung nachhaltig. Dieser Bauer kann nicht gut mit dem Springer zurückgeschlagen werden, danach geht der Turm f3 verloren. Und nach 32. …Kf6 fällt der Springer e5 mit Schach. Also muss der König ziehen, jedoch gibt es in allen Fällen Ärger:

32. …Ke6 33. Lf2 Dd6 34. T1h5 kostet den Springer;
32. …Ke7 33. Lg5+ führt sogar zum Matt;
32. …Ke8 (oder Kf8) 33. Th8+ Ke7 34. Lg5+ ebenso, und
32. …Kg8 kann man wegen 33. Th8 matt gleich vergessen.

Es blieb also nur 32. …Kxg6 übrig, mit der Folge 33. Dc2+ Kf7 34. dxe5 Lxe3 35. Txg7+! Kxg7 36. Dh7+ – 1:0

Gleich zwei Zwischenschachs in Folge waren bei der nächsten Kombination möglich:



A. Cherniaev - S. Yeke
Europameisterschaft, Silivri 2003
Weiß am Zug


20. Se5! greift die Dame h5 und den Läufer f7 an. Nach 20. …Dxe2 folgt erst einmal das Zwischenschach 21. Sxd7+ und nach …Ke8 hat Weiß noch das zweite Zwischenschach 22. Sf6+, wonach er die Kombination mit einer Figur mehr abschließt – 1:0

Manchmal ist ein Zwischenschach nur Teil einer etwa komplexeren Kombination.



S. Matsenko - S. Fasuljanow
Tscheljabinsk 2008
Weiß am Zug


Der Anziehende legte los mit 17. Sxb5! axb5 18. Txa8+ Dxa8 19. Lxb5+ mit der Absicht, den gegnerischen Läufer nach c6 zu treiben. Schwarz kann schlecht abweichen. Nach 19. …Kd8 (oder 19. …Ke7 20. Lc5+ Kd8) 20. Lb6+ Ke7 (20. …Kc8 21. Dc2+ und gewinnt) 21. Dc2 entscheidet eine der Drohungen 22. Dc7 matt und 22. Dc5 matt. Also 19. …Lc6



20. Da1! Die Pointe. Nach …Dxa1 gewinnt das Zwischenschach auf c6 viel mehr als nur die Figur zurück: 21. Lxc6+ Kd8 22. Lb6+! Kc8 (22. …Ke7 23. Txa1 führt zum Matt) 23. Txa1, und die Mattsetzung kann nur durch …Lc5+ hinausgezögert werden. In der Partie folgte noch 20. …Kd8 21. Lxc6 Dxc6 22. Da5+ Ke8 23. Tc1 Dxc1+ 24. Lxc1 Se7 25. Db5+ Kd8 26. Lg5 – 1:0

Das Universalwerkzeug Zwischenschach kann auch in "anderen Werkstätten" eingesetzt werden, im Endspiel kommt es oft vor, wobei die Stellung manchmal nur geringfügig verändert wird, jedoch mit großen Folgen.



J. Sucharewa - J. Ubjennych
Schnellschach-WM Frauen, 2014
Schwarz am Zug


In der Partie geschah 61. …Tc8? (richtig war das Zwischenschach …Tc2+, siehe weiter) und Weiß gewann nach 62. Txb2 Kxh4 63. Kf3 Kh5 64. Tg2 Tg8 65. Kf4 Kh6 66. Kf5 Kh7 66. …Txg7 67. Th2 matt 67. Kf6 Tf8+ 68. gxf8S+ und wegen 68. …Kh8 69. Th2+ Kg8 70. Th1 Kxf8 71. Th8 matt – 1:0

Im Endspiel kommt es sehr oft auf die Stellung der Könige an. Aus eigener Sicht "je aktiver, desto besser" und auf den gegnerischen König bezogen "je mehr der Feind zurückgedrängt wird, desto besser". In diesem Sinne war in der Ausgangsstellung das Zwischenschach 61. …Tc2+! richtig, nach 62. Kg1 (oder Kf1, Kh1) remisiert Schwarz mühelos mit 62. …Tc8 63. Txb2 Tg8 64. Tg2+ (oder 64. Tb7 Kxh4 nebst …Kh5-h6 und …Txg7) 64. …Kxh4, und dann macht …Kh5-h6 alles klar, der weiße König gelangt nicht nach f6, ja nicht einmal in die Nähe dieses Schlüsselfelds.



G. Ligterink - V. Hort
Amsterdam 1994
Schwarz am Zug


Naheliegend, aber schlecht wäre jetzt 60. …Tg8, was dem Bauern g3 vermeintlich eine "größere Schubkraft" verleiht - Schwarz denkt an 61. Tb1 g2 62. Tg1 Kf5 nebst …Kf4-f3 usw. -, tatsächlich aber den Gewinn verspielt. Das Zwischenschach 61. Tf3+! treibt den König zurück 61. …Ke7 (61. …Kg6 62. Txg3+ remis) und erst dann folgt 62. Tf1 g2 63. Tg1 Kf6. Das eine Zwischenschach hat Schwarz zwei Tempi (Kf6-e7-f6) gekostet und dem Gegner ein zum Remis entscheidendes Tempo verschafft: 64. Ke4 nebst Kf3 und Txg2.

In dieser Nebenvariante fungierte das Zwischenschach als ein Mittel zur Rettung. In der Partie ermöglicht es einen sehenswerten Gewinn. 60. …Te5+! 61. Kd4 g2 Das Zwischenschach …Te5 lässt 62. Tg3 Tg5 zu. Der weiße Turm muss sich deshalb auf die Grundreihe zurückziehen. 62. Tb1 Tg5 63. Tg1 Tg3! wegen 64. Ke4 Kg5 – 0:1



Der weiße Turm kann wegen …g1D nicht gut wegziehen, und der König kann den gegnerischen Kollegen nicht am Eindringen hindern, z. B. 65. Kd4 Kf4 66. Kd5 Kf3 und …Kf2, oder 65. Ke5 Kg4 66. Ke4 Kh3 67. Kf4 Kh2 usw.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 101 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Unbändiger Vorwärtsdrang

Obwohl er schon ein gestandener Mann von 68 Jahren war, freute er sich wie ein Kind. Endlich sollte in seiner Heimatstadt Minsk ein Spitzenturnier ausgetragen werden, die Europameisterschaft nämlich, und sie sollte sein schachliches Schwanenlied werden.
 

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