Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Figuren aktiv einsetzen

Eine kleine Übungsstrecke mit taktischen Motiven




Die Wiederholung des Gelernten ist das A und O des Lernens, damit der Stoff auch dauerhaft im Gedächtnis bleibt. Diese Binsenweisheit ließ uns bereits den vorletzten Beitrag zu dieser Trainingsserie schreiben, hier folgt eine weitere Folge. Alles, was hier präsentiert wird, wurde in einer der vielen Folgen der SCHACHSCHULE 64 erwähnt, gestreift oder aufbereitet. Eines der zentralen Themen ist der aktive Einsatz der Figuren. Im ersten Beispiel geschieht dies mithilfe eines raffinierten Manövers.

Grünfeldindisch D 94
F. Döttling - P. Salzmann
Bundesliga 2008/2089


1. d4 d5 2. Sf3 Sf6 3. c4 c6 4. e3 g6 5. Sc3 Lg7 6. Le2 0-0 7. 0-0 Lg4 8. h3 Lxf3 9. Lxf3 dxc4 10. De2 Sbd7 11. Dxc4 e5 12. Td1 exd4 13. exd4 Sb6 14. Db3 Dd7 15. a4 Sbd5 16. a5 h6 17. Ld2 b5 18. Tac1 Tac8 19. Sxd5 Sxd5



Schwarz hat sich darauf kapriziert, mit aller Kraft den Punkt d5 zu halten. Er könnte damit durchaus Erfolg haben. Doch mit einem feinen Manöver 20. Lg4! investiert Weiß zwei Tempi, um im schwarzen Lager ein Einbruchsfeld (e6) zu schaffen. 20. …f5 21. Lf3 Es droht Txc6, gefolgt von dem vernichtenden Einschlag Lxd5. 21. …Kh7 22. Lxd5 Dxd5?! Jetzt wird die weiße Idee mühelos verwirklicht. Zäher ist …cxd5 23. Tc5 Txc5 24. dxc5. Weiß steht zweifellos besser, sein Bc5 ist stärker als der Bd5, dennoch war diese Variante aus der Sicht von Schwarz das kleinere Übel. 23. Dxd5 cxd5 24. Lb4 Txc1 Auch nach 24. …Tfe8 25. Txc8 Txc8 26. Lc5 a6 27. Te1 (droht Te6) 27. …Tc6 28. Te7 Kg8 29. Td7 gewinnt Weiß einen Bauern. 25. Txc1 Tf7 26. Lc5 a6 27. Te1



Es droht Te6 nebst Txa6. Immer wieder entscheidet der Einbruch via e6, ebendiesem Feld, das durch 20. Lg4! geschwächt wurde. Diese Partie muss zwar nicht unbedingt in ein Buch über die Bundesliga aufgenommen werden, aber sie liefert ein prima Beispiel zum Thema "wie schafft man eine Schwäche im gegnerischen Lager". 27. …Tf6 28. Te5 g5 29. Txd5 Kg6 30. Kf1 Te6 31. Td7 - 1:0

Die Aufgabe kam nicht zu früh. Gegen Ta7 nebst d5 ist kein Kraut gewachsen.

Der Weißspieler in dieser Partie, Fabian Döttling (Jahrgang 1980) gehörte eine Zeit lang zu den größten Talenten des Deutschen Schachbunds. Mit 16 wurde er Jugendeuropameister, später Großmeister und zeitweise Nationalspieler. Im Gegensatz zu manchem seiner Zeitgenossen hat er seine Schachkarriere nicht intensiv verfolgt und sich für eine gesicherte Existenz als Lehrer für Englisch und Geschichte entschieden.

Auf der Suche nach einem "Eingang" in die gegnerische Stellung ist manchmal ein materielles Opfer nötig, wonach der Weg schön geräumt wird.



Ruan Lufei - Zhao Xue
Jermuk 2012
Weiß am Zug


Die Weißspielerin hat lange gegrübelt, ob es in den Varianten, in denen sie gegnerische Schachgebote zulässt, wie etwa 48. …Se4+ 49. Ke5 Kg7 50. Tc7+ Kh6 oder 48. …Sg4+ 49. Kd6 Kf6 einen zuverlässigen Gewinnweg gibt oder nicht. Dann kam ihr eine viel bessere Lösung in den Sinn: 48. Txf6+! Kxf6 49. Kd6! - 1:0 mit Gewinn im Bauernendspiel: 49. …Kf7 50. Kd7! Kf6 51. Ke8! Kg7 52. Ke7 Kg8 53. Kf6! Kh7 54. Kf7 Kh6



und wegen 55. Kg8! was 55. …g5 erzwingt und zum Gewinn führt: 56. hxg5+ Kg6 57. Kf8 usw.

Im nächsten Beispiel hat der Verteidiger die Aktivität seines Königs ohne Not eingeschränkt umd bekam die Quittung.



A. Aljechin - E. Bogoljubow
WM-Match (14), 1929
Weiß am Zug


Weiß überprüfte 70. Kc7 mit Angriff auf den Turm und verwarf das Vorgehen wegen 70. …Tf8 71. b6 Ke4 72. b7 f5 73. b8D Txb8 74. Txb8 f4 mit remislichem Ende, da das Gespann aus König und Bauer leicht vorwärtskommt. Dann traf Weiß eine andere Entscheidung: 70. b6 und das war eine gute, denn sein Gegner schickte seinen König in die falsche Richtung: 70. …Kg4?? 70. …Ke4! ist aktiver und remisiert nach den weiteren Zügen 71. b7 f5 72. b8D Txb8 73. Txb8 f4 74. Te8+ Kd3. 71. b7 f5 72. b8D Txb8 73. Txb8



Im Gegensatz zu der vorher angegebenen Variante (mit dem aktiven König auf e4) ist der weiße König schneller und bringt den Sieg:73. …f4 74. Kd5 f3 75. Ke4 f2 76. Tf8 Kg3 77. Ke3 - 1:0

Auch im nächsten, einem etwas komplizierteren Beispiel wird die Aktivierung des Königs ausschlaggebend sein.



B. Gratschew – W. Potkin
Russische EM, Ulan-Ude 2009
Stellung nach 36. g2-g4


Schwarz hätte hier die Partie verpatzen können, wenn er voreilig einen Freibauern bilden und den gegnerischen König nach e4 lassen würde, man sehe 36. …d4? 37. cxd4 c4 (37. …cxd4? 38. Ke4 Kc5 39. f5 usw.) 38. Ke4 b4 39. axb4 c3 40. Kd3! cxb2 41. Kc2, und Weiß siegt.

36. …c4! Das ist die Lösung. Jetzt ist der c-Bauer ein Feld weiter vorgerückt als in der letzten Variante, der bereits angedeutete Bauerndurchbruch bringt die Entscheidung zugunsten des Nachziehenden. 37. g5 d4 38. cxd4 Wahlweise 38. Ke4 d3 39. Ke3 Ke6 nebst …Kf5 und Gewinn. 38. …b4!



Am Damenflügel wird nun ein Freibauer entstehen: 39. Ke4 b3 40. Ke3 c3, und der Vorhang fällt. In der Partie geschah noch 39. Kg6 bxa3 40. bxa3 c3 41. f5 c2 42. Kxg7 c1D 43. g6 Dc7+ - 0:1

Im letzten Beispiel ändert sich das Bühnenbild etwas (wir bereiten damit einen Übergang zur nächsten Folge vor), aber das Hauptmotiv - die Aktivität der Figuren - bleibt.



J. Tairowa – I. Nepomniachtchi
Moskau 2006
Schwarz am Zug


Der Nachziehende sucht nach einer Möglichkeit, in die gegnerische Stellung einzudringen, oder den Läufer d5 zu aktivieren, oder am besten beides. In der Partie geschah 42. …Txe3 43. Dxe3 Df3+! 44. Dxf3 exf3 Drohend …f2+ nebst Matt, weswegen z. B. 45. Tf1 nicht gut spielbar ist. 45. h3 f2+ und die Weißspielerin gab auf.



Auf Dauer ist dieses Endspiel, mit nur zwei Bauern für die Figur, sicherlich für Weiß verloren, weswegen die Entscheidung einleuchtet.

Nicht einleuchtet aber die Bewertung des einleitenden Zuges …Txe3 im Turnierbulletin, nämlich mit "!!" für einen "Hammerzug" oder sonstigen Superlativ. Das trifft nicht zu, viel stärker und eleganter war 42. …Tf2!! was forciert zum Matt führt:



Die primäre Drohung ist …Df3+ und Matt, was zwar verhindert werden kann, jedoch stets um den Preis einer entscheidenden Aktivierung des Läufers d5. Sehen Sie selbst:

43. Dd1 Dh3 44. Lxf2 e3+;
43. Tg2 Txd2 44. Txd2 Df1+ 45. Lg1 e3+;
43. Lxf2 e3+ 44. Tg2 exd2
43. Dxf2 Dxf2 44. Lxf2 e3+ 45. Tg2 exf2 46. h3 f1D+ 47. Kh2 Dxg2 matt.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 118 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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