Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Damen, nein danke!


Überraschende Bauernumwandlungen führen zum Ziel (Teil 2)



Bereits in der Folge 66, veröffentlicht in der Novemberausgabe 2015 dieser Serie, stand das o. g. Thema im Mittelpunkt. Ein neues Beispiel aus einer wenige Wochen zurückliegenden Veranstaltung regte zu einer weiteren Folge an.



D. Dordchijewa - A. Kosteniuk
Russ. Frauenliga, Sotschi Mai 2018
Schwarz am Zug


Nach weit über einhundert Zügen und sechs Stunden Spiel wehrte die Schwarzspielerin alle Schachgebote ab und brachte sogar ihren Freibauern bis "vor die Tür". Ein letzter Blick auf die Stellung erfordert noch einmal volle Konzentration: Die ersehnte Bauernumwandlung in eine Dame beendet die Partie zwar schnell, jedoch nicht im Sinne der Nachziehenden, nach 116. …f1D? 117. Dxd2+! Kf3 (oder 117. …Kxd2 patt) 118. De3+ bleibt ein einziger legaler Zug, 118. …Kxe3, doch der setzt zugleich patt. Deshalb spielte die frühere Weltmeisterin 116. …f1T! und gewann das Duell von drei Türmen gegen eine Dame leicht. Konkret geschah 117. Dc6 Tgf4 mit den Ideen 118. Dxa6+ Kf3+ 119. Kh3 Th1 matt oder 117. …Tgf4 118. Db7 T1f2+ 119. Kh1 (119. Kh3 Td3+) 119. …Td1 matt. - 0:1

Alexandra Kosteniuk wurde in der russischen Berichterstattung für diese Endspielbehandlung sehr gelobt. Nicht, weil sie nicht in die Falle mit der verfehlten Bauernumwandlung in eine Dame getappt war, das hatte auch niemand wirklich von der Exweltmeisterin mit dem GM-Titel aller Klassen erwartet, sondern weil sie mit der Umwandlung in einen Turm eine stille Lösung wählte. "Eine Umwandlung mit einem Schachgebot sieht ja jeder", so der Kommentator.

Richtig ist, dass die alternative Bauernumwandlung am häufigsten mit einem Springer - der im selben Moment Schach gibt - erfolgt. Aber nicht jeder sieht dies in jedem Fall. Die Kontrahenten in der folgenden Partie waren WM-Kandidaten, Samuel Reshevsky zählte lange Zeit zur Topten der Welt, im Oktober 1953 war er vorübergehend die Nummer eins. An der Spitze oder unweit des Gipfels wäre er wohl noch länger geblieben, wenn er nicht ständig in Zeitnot geraten wäre.



S. Reshevsky - R. Byrne
Zonenturnier Sousse 1967
Schwarz am Zug


Wie man sich schon denken kann, setzten sich die weit vorgerückten weißen Freibauern durch, sogar schneller als erwartet: 37. …Tc8? 38. Txf6+! und Aufgabe wegen 38. …Kxf6 39. d8D+ Tfxd8 40. cxd8D+ Txd8 41. Txd8 e2 42. Te8 - 1:0

Nach der Partie kam der Zug 37. …e2 zur Sprache, wonach die durch die vorangegangene Zeitnot konsternierten Kontrahenten den Bauernzug nach e2 zunächst für eine verpasste Chance hielten, denn nach 38. Txf6+ Kxf6 39. cxd8D+ Txd8 40. Te1 Txd7 41. Txe2 Td4 kann Weiß bestenfalls remisieren, was nicht einmal sicher ist.

Als sich die Aufregung der Zeitnotschlacht gelegt hatte, wurde der schöne Gewinnweg gefunden: 38. cxd8S+! Txd8 39. Te1 Txd7 40. Txe2, und die Mehrqualität sollte sich auf Dauer durchsetzen.

Auch in der nächsten Partie verbot sich die Bauernumwandlung in eine Dame, dafür betrat ein Springer die Bühne.



Bron - Ordel
Charkow 1936
Weiß am Zug


Das Bauernendspiel nach 1. d8D+ Dxd8 2. Txd8 Kxd8 endet nur remis, z. B. 3. gxf4 Kc7 4. Kg2 Kxc6 5. Kf3 Kd5 6. Kg4 Ke4 7. f3+ Ke3. Der Gewinn wurde so erzielt: 1. Te1+ Kf7 Nichts bringt nun 2. Td1 Ke7 ein. 2. Te8! Dxc6



Die automatische Umwandlung in eine Dame, 3. d8D?, verschenkt einen halben Punkt wegen 3. …Dxe8. Aber 3. d8S+! Kxe8 4. Sxc6 gewinnt.



Schwarz kann nicht beide weißen Bauern loswerden und sein König wird abgedrängt. Für Neugierige hier der denkbare Abschluss: 4. …fxg3 5. fxg3 Kf7 6. Kf2 Ke6 7. Kf3 Kd6 8. Sd4 Ke5 9. Ke3 Kf6 10. Kf4 g5+ 11. Kg4 Kg6 12. Sf3 Kf6 13. Sxg5 Ke5 14. Sf3+ Kf6 15. Kf4 Kg6 16. g4 Kf6 17. g5+ Kg6 18. Kg4 Kf7 19. Kf5 g6+ 20. Ke5 Ke7 21. Sh4 Kf7 22. Kd6 Kg7 23. Ke6 Kh7 24. Kf6 nebst Kxg6.

Wladimir Bron war ein herausragender Pro­blemkomponist, weswegen dieses Beispiel auch als Studie durchs Internet geisterte oder vielleicht noch geistert. Es handelt sich aber um einen Einfall am Brett.

Bei einem klassischen Schachturnier wurde auch diese Kombination geboren:



B. Gulko - K. Grigorian
Vilnius 1971
Weiß am Zug


Mit der Kombination 38. Tf8+ Txf8 39. Dd5+! Kh7 bahnte Weiß seinem Bauern den Weg zu einer Beförderung. Jedoch nicht in den Rang einer Dame, dies wäre ein wahrer Schuss in den Ofen gewesen (40. exf8D?? Dg1 matt), sondern zwei Besoldungsgruppen tiefer: 40. exf8S+! und der Springer gerät ins Rampenlicht. Wegen 40. …Kh8 41. Seg6 matt - 1:0

Von den vier Bauernumwandlungsmöglichkeiten im nächsten Beispiel sind zwei falsch und zwei spielbar.



M. Narciso Dublan - J. Kryvoruchko
Plovdiv, 2008
Schwarz am Zug


Eine Bauernumwandlung in eine Dame verbietet sich, denn nach dem automatischen Zug 80. …e1D? rettet sich Weiß mit dem Trick 81. Dg6+! Kg8 (81. …Kxg6 patt!) 82. De8! Kh7 (82. …Dxe8 patt) 83. Dg6+! usw. remis.

Der Idee basiert darauf, dass die Dame auf e1 den Bauern g3 fesselt, einen Zug des g-Bauern verhindert und dadurch die Pattkombination ermöglicht. Deswegen funktioniert die Rettungskombination auch bei einer Bauernumwandlung in einen Läufer; dieser fesselt ja ebenfalls den Bauern g3. Eine Umwandlung in einen Turm ist dagegen spielbar, ebenso wie der Partiezug 80. …e1S! wonach Schwarz gleich auch noch mit einem Springermatt droht - 0:1

Wie bereits erwähnt, kommt bei den alternativen Bauernumwandlungen die in einen Läufer am seltensten vor. Wir haben bei der Recherche nur ganz wenige gefunden. Eine davon war aber eine Perle.



Studie Mario Matous
Ceskoslovenky Sach 1997
Weiß am Zug gewinnt


Der Turm h6 steht ein und 1. Txh7? verliert nach …Te1 nebst …f2. Naheliegend erscheint deshalb 1. e7?, aber dann folgt 1. …Te1 2. Te6 f2 3. e8D f1D+ mit Schach. Das war wohl nichts.

Der Lösungsweg beginnt mit 1. f6 Jetzt verliert 1. …Te1 2. f7 f2 3. Tf6! f1D+ 4. Txf1 Txf1 5. e7. 1. …Td1+ 2. Ke3 Te1+ 3. Kf2 3. Kxf3? Kxh6. 3. …Te2+ 3. …Txe6 hilft nicht, es folgt 4. f7 Txh6 5. f8D. 4. Kxf3 Txe6



Alles klar, Weiß spielt Txh7 und nach …Txf6+ ist die Stellung remis. Das schon, aber hieß es nicht eingangs, Weiß würde gewinnen? Da muss man schon seine Phantasie bemühen - oder aber sich an die Motive in dieser Trainingsfolge erinnern. 5. f7!! Txh6 6. h4+ 6. f8D? Tf6+ 6. …Kg6



Und nun nicht 7. f8D patt und auch nicht 7. fx8T remis und schon gar nicht 7. f8S+?? wegen …Kf7, und es gewinnt Schwarz, sondern 7. f8L!! und Weiß gewinnt den Turm!

Einfach super. Kein Wunder, dass der Autor dieser Aufgabe zu den besten Studienkomponisten der letzten Jahrzehnte zählt.

 


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Teil 98 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Unbändiger Vorwärtsdrang

Obwohl er schon ein gestandener Mann von 68 Jahren war, freute er sich wie ein Kind. Endlich sollte in seiner Heimatstadt Minsk ein Spitzenturnier ausgetragen werden, die Europameisterschaft nämlich, und sie sollte sein schachliches Schwanenlied werden.
 

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