Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Ein Blick in die taktische Trickkiste

Gefahren erkennen macht das Leben leichter




Schachtechnisch ist der Terminus Falle mit einer Verlockung oder Irreführung gleichbedeutend. Besonders gefürchtet sind Eröffnungsfallen, also Spielsituationen in einem frühen Partiestadium, wo eine Seite mit einem naheliegenden, aber falschen Zug, bei dem meist taktische Folgen übersehen werden, die Partie sofort verlieren oder zumindest in Nachteil geraten kann. Eine sehr alte Falle wird symbolträchtig als "Arche-Noah-Falle" bezeichnet, die im siebten Zug einer Variante der spanischen Partie entstehen kann: 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 d6 5. d4 b5 6. Lb3 exd4



Nach 7. Sxd4? büßt Weiß eine Figur ein wegen 7. …Sxd4 8. Dxd4 c5 9. Dd5 Le6 10. Dc6+ Ld7 11. Dd5 c4, und der Läufer auf b3 ist verloren.

Einer der ersten, der Eröffnungsfallen systematisch gesammelt hat, war der russische Meisterspieler Snosko-Borowski. Veröffentlicht hat er seine Ergebnisse 1939 in dem Buch "Eröffnungsfallen am Schachbrett". Weitergeführt wurde diese Arbeit von Rudolf Teschner. Inzwischen liegen zahlreiche Publikationen zum Thema vor.

Eröffnungsfallen sind in ihrem Aufbau meist sehr stringent, und man kennt sie oder man kennt sie nicht. Bei Fallen im Mit-telspiel oder Endspiel kommt es dagegen weniger auf die konkrete, hundertprozentig identische Stellung an, da spielen vor al-lem bekannte Stellungsmerkmale und verwandte Motive eine Rolle. Da hilft es schon ungemein, eine ähnliche Stellung schon einmal gesehen zu haben, um eine potenzielle Gefahr zu vermeiden, und vielleicht gar eine Falle zu stellen:

Damengambit D 20
O. Romanischin - A. Brenke
Lippstadt 2004


1. d4 d5 2. c4 dxc4 3. e4 c5 4. d5 Sf6 5. Sc3 b5 6. Lf4 La6 7. Sf3 b4 8. Lxb8 bxc3 9. Da4+ Dd7 10. Dxa6 cxb2 11. Tb1 Txb8 12. Se5



Die schwarze Dame ist angegriffen und muss ziehen. In der vorliegenden Partie beschloss Schwarz offenbar, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und stellte seine Dame nach b5 12. …Db5? um die gegnerische von a6 zu verscheuchen. Doch der Weißspieler, ein bekannter ukrainischer Großmeister, erkannte blitzschnell das Standardmotiv der schwachen (schwarzen) Grundreihe und zog 13. Txb2! und Schwarz resignierte. Auf 13. …Dxa6 folgt ja 14. Txb8+ Dc8 15. Txc8 matt. 1:0

War das nun ein Einfall am Brett oder ein Déjà-vu? Möglicherweise Letzteres, denn die obige Stellung war bereits ein Jahr früher in der Partie Shirov-Motylew (Moskau 2003) aufs Brett gekommen. Dort spielte Schwarz statt 12. …Db5 den Zug 12. …Db7, doch nach 13. Tb2! gewann Weiß mit dem gleichen Motiv, einem Damenopfer, um auf der Grundreihe mattzusetzen.

Ein anderes Beispiel ist gut dokumentiert, beteiligt waren weltbekannte Spieler, und die Moral der Geschichte wird sein: Auch Spitzenspieler sind nur irrende Menschen …

Damengambit D 63
M. Euwe - A. Rubinstein
Bad Kissingen 1928


1. Sf3 d5 2. c4 e6 3. d4 Sf6 4. Lg5 Sbd7 5. e3 Le7 6. Sc3 0-0 7. Tc1 c6 8. Ld3 a6 9. cxd5 exd5 10. 0-0 Te8 11. Db3 h6 12. Lf4



Schwarz wollte den Läufer f4 vertreiben oder abtauschen, spielte 12. …Sh5? und fiel nach 13. Sxd5! aus allen Wolken. 13. …cxd5? verbietet sich wegen Lc7 mit Damenfang. Schwarz musste sich also …cxd5 verkneifen und mit einem Bauern weniger weiterspielen. Trotz einer heroischen Gegenwehr verlor er letztlich die Partie. 13. …Sxf4 14. Sxf4 Ld6 15.Se2 Db6 16. Sd2 Dxb3 17. Sxb3 Sf6 18. Sc5 Sd7 19. Se4 Lf8 20. S2g3 g6 21. Tc2 Td8 22. Lc4 Sb6 23. Lb3 a5 24. a3 a4 25. La2 Kg7 26. Tfc1 Sd5 27. Sc5 Sb6 28. Sd3 Ld7 29. h4 h5 30. Se5 Le8 31. Se4 f6 32. Sd3 Lf7 33. Lxf7 Kxf7 34. Sec5 Ta7 35. Tb1 Sd7 36. Tc4 Sxc5 37. Sxc5 Lxc5 38. Txc5 Ke6 39. Tbc1 Td5 40. Txd5 Kxd5 41. Tc5+ Kd6 42. Kf1 Ta6 43. Ke2 Tb6 44. Tc2 Tb3 45. Kd2 Ke6 46. Kc1 Kf5 47. Tc4 g5 48. hxg5 fxg5 49. Txa4 Tb5 50. Tb4 Ta5 51. Txb7 h4 52. Kd2 g4 53. Ke2 c5 54. Th7 Kg5 55. f4+ 1:0

Zwei Jahre später wurde Rubinstein, zeitweise einer der besten Spieler der Welt, mit einem ähnlichen Motiv konfrontiert:

Damengambit D 65
A. Aljechin - A. Rubinstein
San Remo 1930


1. d4 d5 2. Sf3 Sf6 3. c4 e6 4. Lg5 Sbd7 5. e3 Le7 6. Sc3 0-0 7. Tc1 Te8 8. Dc2 a6 9. cxd5 exd5 10. Ld3 c6 11. 0-0 Se4 12. Lf4



Diese Stellung ist etwas anders als die des letzten Diagramms, aber das Motiv ist das gleiche. Aljechin bekräftigte, dass er sich gut an die Partie Euwe-Rubinstein erinnerte, aber Rubinstein war sie irgendwie entfallen.

12. …f5? 13. Sxd5 mit Bauerngewinn und Sieg für den damaligen Weltmeister im 46. Zug. 13. …Ld6 14. Lxd6 Sxd6 15. Sf4 Sf6 16. Db3+ Kh8 17. Tfd1 De7 18. Se5 Le6 19. Lc4 Lxc4 20. Txc4 Dc7 21. Tc2 Te7 22. Tdc1 Tae8 23. h3 g5 24. Sd5 Sxd5 25. Dxd5 Dd8 26. Sxc6 bxc6 27. Txc6 Se4 28. Dxf5 Tf8 29. Tc8 Txf5 30. Txd8+ Kg7 31. f3 Sf6 32. e4 Ta5 33. a3 Tb5 34. b4 a5 35. Tc5 Teb7 36. bxa5 Txc5 37. dxc5 Tc7 38. a6 Kf7 39. Tb8 Ke6 40. Tb6+ Ke5 41. Tb7 Tc6 42. a7 Ta6 43. c6 Se8 44. Te7+ Kf4 45. Txe8 Txa7 46. Kf2 1:0

In der ersten der beiden Partien Rubinsteins war ein taktischer Fehler (Schwarz hatte Sxd5 übersehen) für die Niederlage ursächlich. Danach war das Motiv schon bekannt, weshalb die Partie Nummer zwei schon der Gattung "Eröffnungsreinfall" zuzurechnen ist, oder vielleicht eher ins Kabinett der Kuriositäten gehört. Dies gilt erst recht für das nächste Beispiel.

Bei einer der wenigen, in Deutschland ausgetragenen Schacholympiaden (Siegen 1970) spielte der deutsche Rekordnationalspieler Wolfgang Unzicker (1925-2006) gegen den Neuseeländer Ortwin Sarapu die folgende Partie.

Sizilianisch B 29
W. Unzicker - O. Sarapu
Siegen 1970


1. e4 c5 2. Sf3 Sf6 3. e5 Sd5 4. Sc3 e6 5. Sxd5 exd5 6. d4 Sc6 7. dxc5 Lxc5 8. Dxd5 Db6 Mit dem Angriff auf f2, wo das Schlagen mit Schach erfolgt, will Schwarz seinen Gegner zu dem Rückzug Dd2 veranlassen. Aber Weiß kann den Einschlag auf f2 gut verkraften: 9. Lc4! Lxf2+ 10. Ke2 0-0 11. Tf1 Lc5 12. Sg5 mit vierfachem Angriff auf das Feld f7. Schwarz muss unbedingt die Diagonale a2-g8 versperren. 12. …Sd4+ 13. Kd1 Se6 14. Se4 d6 Schwarz will, koste es, was es wolle, den Läufer c8 aktivieren. 15. exd6



Nun wurde nach 1965 einige Male …Td8 gespielt. In der vorliegenden Partie opferte Schwarz seinen Läufer im Glauben, dass er nach 15. …Lxd6 16. Sxd6 Td8 die Figur zurückgewinnt. Doch 17. Lf4! widerlegt dieses Ansinnen und die ganze Eröffnungsvariante; der Läufer auf f4 ist nämlich tabu. Und Tabus dürfen bekanntlich nicht gebrochen werden: 17. …Sxf4?



Weiß machte sich das Motiv des "erstickten Matts" zunutze. 18. Dxf7+ Kh8 19. Dg8+ und wegen 19. …Txg8 20. Sf7 matt 1:0

Eine wahre Glanzpartie! Vor allem die Schlusskombination wurde immer wieder publiziert und ist wohlbekannt. Nicht jedermann bekannt ist, dass Unzickers Sohn Alexander nicht nur alle Züge dieser Partie präsent waren, sondern er sie 12 Jahre später bei einem Turnier in München in einer Partie anwenden konnte.

Die Herren Boris Kharchenko und Gojko Vucinic sind mit den Unzickers weder verwandt noch verschwägert, dennoch konnten sie anno 2007 in Aluschta (Ukraine) bzw. 2012 in Belgrad ihre Gegner Michail Livak bzw. Aleksandar Stamatovic auf exakt dieselbe Weise mattsetzen!

Zum Schluss wollen wir auf ein weniger bekanntes Motiv namens "Anastasias Matt" eingehen. Damit wird Bezug genommen auf den ersten deutschsprachigen Schachroman (Wilhelm Heinse "Anastasia und das Schachspiel", 1803). Und so kann es entstehen:

Spanisch C 67

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. 0-0 Sxe4 5. Te1 Sd6 6. Sxe5 Sxe5 7. Txe5+ Le7 Alle diese Züge sind heutzutage durchweg gängig, jedoch fahren die Profis zumeist mit 8. Lf1 0-0 9. d4 Lf6 10. Te1 fort. Aber auch 8. Sc3 ist vorgekommen, um es nach 8. …Sxb5 9. Sd5!? mit dem Anastasia-Matt zu versuchen: 9. …0-0 10. Sxe7+ Kh8 11. Dh5



Und falls nun 11. …Sd4? so 12. Dxh7+ Kxh7 13. Th5 matt.

Versucht wurde auch 11. …g6 12. Dh6 Te8 13. Th5!, und wegen …gxh5 14. Df6 matt gab Schwarz in der Partie Collins-Spanton, Hastings 2009, auf.

Was ist denn da schiefgelaufen? Mehrere Züge sind zu bekritteln, aber es fing mit 8. …Sxb5? an. Solide ist der Aufbau 8. …0-0 9. Ld3 Te8 10. b3 Lf6 11. Te1 Txe1+ 12. Dxe1 Se8 13. La3 d5 14. De2 Le6 mit verteilten Chancen.

Nach dieser Einstimmung fahren wir in der nächsten Ausgabe mit einer ähnlichen Thematik fort.

 


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Teil 114 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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