Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Vorsicht vor dem frühen Springerausfall nach d6!

Variationen eines alten Motivs




Im Jahre 1950 wurde in Polen ein internationales Turnier ausgetragen. Der prominenteste Teilnehmer war der Este Paul Keres, zu dieser Zeit einer der besten Spieler der Welt. In der elften Runde wurde die folgende Partie gespielt, die wegen ihres kuriosen Verlaufs in die Schachgeschichte eingegangen ist.

Caro-Kann B 11
P. Keres - E. Arlamowski
Szczawno Zdroj 1950


1. e4 c6 2. Sc3 d5 3. Sf3 dxe4 4. Sxe4 Sf6 Diese Eröffnung wurde schon oft gespielt, wobei die Weißspieler zumeist auf f6 die Springer abtauschten. Keres spielte den ungewöhnlichen Zug 5. De2 worauf sein Gegner etwas überlegte.



Das weitere Geschehen wurde in dem wunderbaren Buch von Michael Ehn und Hugo Kastner "Alles über Schach: Mythen. Kuriositäten. Superlative." wie folgt geschildert.

"Nach dem 5. Zug war Keres vom Tisch aufgestanden und betrachtete gerade nachdenklich die Stellung hinter dem Rücken des Gegners. Als Edward Arlamowski seinen Selbstmordzug (5. …Sbd7) ausgeführt hatte, ergriff Keres still, über dessen Schulter hinweg, seinen weißen Springer und zog auf das tödliche Feld (6. Sd6). Als Gentleman, der er war, ließ Keres ein kaum wahrnehmbares "Matt" hören."

Die Partie machte sofort die Runde um die Welt. Erst später wurde bekannt, dass es Vorläufer gab. Der frühere Weltmeister Alexander Aljechin hatte einmal (1935) im Simultan einen Amateur so mattgesetzt, nur geschah dies in einem Simultanspiel in Palma de Mallorca vor nur wenigen Zeitzeugen. Es hat sich jedenfalls nicht herumgesprochen, ebenso wenig wie die Amateurpartie Vogt-Lehmann, Weidenau 1947, die genauso verlief. Und so wird dieser Eröffnungsreinfall wohl für immer mit dem Namen des großen Keres verbunden sein.

In den folgenden Jahren gab es einige Reprisen, jedoch immer weniger, da die o. g. Partie von einer Zeitschriftenecke zur anderen wanderte und einem immer größeren Publikum bekannt wurde. Das Motiv mit dem Springermatt auf d6 kam jedoch in vielen Variationen vor und es ist Zeit, dass diese vorgestellt werden. Und es wird eine nicht uninteressante Reise sein.

Wolga-Gambit A 57
P. Hultin - T. Fromm
Schwed. Meisterschaft, Vaxjö 1992


1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cxb5 a6 Nanu, das ist doch kein Caro-Kann wie in der Keres-Partie, auch wurde der e-Bauer nicht einmal gezogen, wie soll die weiße Dame nach e2 und der weiße Springer nach d6 gelangen? Warten Sie ab, Schach ist ja so reich an verschiedenen Metamorphosen. 5. Sc3 Gängiger ist die Annahme des Gambits mit 5. bxa6. Der Partiezug verfolgt eine andere Strategie, Weiß verzichtet auf die Beute und forciert seine Figurenentwicklung mit 5.…axb5 6. e4 b4 7. Sb5



Das alles ist bekannt und nach Erfahrungen mit vielen so eröffneten Partien hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass 7. …d6, was die Stellung stabilisiert, der beste Zug ist. An den Bauern e4 darf Weiß nicht einmal denken, denn nach 7. …Sxe4? 8. De2! ist der Springer futsch: 8. …f5 9. f3. Oder Schwarz tappt voll in die Falle 8. …Sf6 9. Sd6 matt - 1:0

Damenbauerspiel D 00
H. Eis - S. Hirt
Oberliga Baden 1999


1. d4 Sf6 2. Lg5 c6 3. Sc3 d5 4. f3 Lf5 5. Dd2 Sbd7 6. 0-0-0 h6 7. Lh4 Schon wieder eine andere Eröffnung als in der Keres-Partie. Sinnvoll ist nun die Vervollständigung der Eröffnung mit …e6, …Le7 und …0-0. In der Partie ließ Schwarz ohne Not den Gegner zu dem Zentrumsdurchbruch e2-e4 kommen. 7. …Sb6?! 8. e4 dxe4 9. Lxf6 e3?! Schwarz wollte offenbar 9. …exf6 10. fxe4 mit Bildung des idealen Zentrums verhindern, nun aber gelangt die weiße Dame auf die e-Linie. 10. Dxe3 gxf6 11. g4 Le6 12. d5!



Die Stellung der Dame auf e3 zahlt sich aus. Weiß kommt in Vorteil nach
a) 12. …Sxd5 13. Sxd5 Lxd5 14. c4
b) 12. …cxd5 13. Lb5+ Ld7 14. Sxd5, drohend Sxf6 matt
c) Das kleinste Übel ist noch 12. …Ld7 13. dxc6 bxc6, wenngleich Weiß auch hier besser steht.
In der Partie geschah 12. …Lxd5 13. Se4 mit der unangenehmen Drohung 13. …e6 14. c4, und wegen der Fesselung auf der d-Linie verliert Schwarz eine Figur. 13. …Sd7?? verhindert dies zwar, verliert aber nach dem uns bereits vertrauten Springerzug 14. Sd6 matt - 1:0

Unfälle dieser Art kommen öfters vor. Im Bestreben bestimmte Drohungen zu verhindern, übersieht der eine oder andere Spieler die noch viel größere Gefahr.

Sizilianisch B 23
V. Kuljabin - A. Habibi
Budapest 1994


1. e4 c5 2. Sc3 g6 3. d4 cxd4 4. Dxd4 Sf6 5. e5 Sc6 6. Df4 Sh5 7. De3 d5 8. exd6 Dxd6 9. Sb5 Dd8 10. Ld2 a6



Hier kam der russische Spieler mit einigem Glück zu seinem Punkt. Er kombinierte verfehlt mit 11. 0-0-0? und hätte nach 11. …axb5! 12. Lc3 Ld7 13. Lxh8 Txa2 eine miserable Materialbilanz gehabt. Doch sein Gegner Ali Habibi, übrigens als guter Blitzschachspieler bekannt und späterer Internationaler Meister, war wohl wegen der offenen d-Linie besorgt und schloss diese Linie auf eine denkbar ungeeignete Art und Weise: 11. …Ld7?? 12. Sd6 matt - 1:0

Ähnlich endete die nächste Partie:

Skandinavisch B 01
V. Pravec - L. Mamula
Jugendturnier Frydek Mistek


1. e4 d5 2. exd5 Dxd5 3. Sc3 Da5 4. d4 Sf6 5. Sf3 Lf5 6. Se5 c6 7. g4 Lg6 8. h4 Sbd7 9. Sc4 Dc7 10. Df3 h6 11. Ld2



Schwarz hätte sich hier mit 11. …e6 verteidigen können, z. B. 12. Lf4 Dd8 13. 0-0-0 (Nach 13. Sd6+ Lxd6 14. Lxd6 ist vielleicht 14. …Lxc2!? spielbar.) 13. …Sd5 14. Sd6+ Lxd6 15. Lxd6 S7b6 16. La3 Sxc3 nebst …Dd5 und unklarer Stellung.

Er schlug aber verfehlt den c-Bauern 11. …Lxc2? was mit einer lehrreichen Kombination widerlegt wurde. 12. Lf4! "tritt" die schwarze Dame und gewinnt nach 12. …Dd8 13. De2! durch den Angriff auf den Läufer c2 ein Tempo. Weiß holt sich nun den Läufer oder setzt nach dessen Rettung 13. …Lh7?? gleich matt: 14. Sd6 matt - 1:0

Versteckte Angriffe gegen das Feld d6 kommen wiederholt in einer populären Eröffnungsvariante vor. Hier zwei Beispiele aus neuerer Zeit.

Sizilianisch B 33
L. Genova - A. Calotescu
Szombathely 1993


1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 e5 6. Sdb5 d6 7. Sd5 Sxd5 8. exd5 Se7 9. c3



Dieser unauffällige Zug ist giftig, Weiß droht mit dem Damenausfall nach a4. Deshalb wird hier 9. …Sf5 gespielt. 9.…g6? ist ein verbreitet vorkommender Fehler. 10. Da4 Es droht vor allem Sc7 oder Sd6, jeweils mit Doppelschach und zugleich Matt. Und nach 10. Da4 Dd7 kommt es zu dem "Zahltag" 11. Sxd6++ Kd8 (die von der Dame a4 gefesselte Dame d7 kann ja nicht auf d6 schlagen) 12. Sxf7+ Kc7 13. Dc4+ nebst Sxh8. Die Partie war zu diesem Zeitpunkt bereits verloren, 10. …Ld7 verkürzt sie lediglich. 11. Sxd6 matt - 1:0



D. Moody - D. Sturgis
Detroit 1994
Stellung nach 9. …a6?


Der Springer b5 muss nicht ziehen: 10. Da4! Das kleinste Übel ist nun der Qualitätsverlust nach 10. …axb5 11. Dxa8. Aber es geschah 10. …Ld7?? 11. Sxd6 matt - 1:0

Zum Schluss noch ein Klassiker, wo die Mattsetzung Sd6 in einer etwas komplizierteren Version verwirklicht wurde. Der Weißspieler, der Russe Michail Tschigorin, gehörte zu den besten Spielern des 19. Jahrhunderts.

Ponziani-Eröffnung C 44
M. Tschigorin - G. Gossip
New York 1889


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. c3 d5 4. Da4 f6 5. Lb5 Sge7 6. exd5 Dxd5 7. 0-0 Ld7 8. d4 e4 9. Sfd2 Sg6 10. Lc4 Da5 11. Db3 f5 12. Lf7+ Ke7? Hier hätte …Kd8 geschehen müssen, mit Vorteil für Weiß, aber noch keiner Entscheidung. 13. Sc4 Da6



14. Lg5+ Kxf7 15. Sd6 Doppelschach und zugleich Matt - 1:0

In der Schachliteratur stehen viele Beiträge zu Kombinationen mit dem Zielfeld f7 oder h7; zu Recht. Aber man soll auch das Feld d6 nicht aus den Augen lassen. Zumindest dann, wenn sich auch die weiße Dame in der Nähe befindet.

 


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Teil 113 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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