Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Lerne von den Klassikern!


Unterschätze nicht die Bedeutung der Erkenntnisse der Altvorderen



Der frühere Weltmeister und wahrscheinlich immer noch der bekannteste Schachspieler aller Zeiten, Robert James ("Bobby") Fischer, stellte sich 1970 in Jugoslawien für Fernsehaufnahmen zur Verfügung. Dabei zeigte und kommentierte er auf dem Demonstrationsbrett eine Partie, die der legendäre Paul Morphy anno 1858 in der Pariser Oper gegen das sich beratende Duo Herzog von Braunschweig und Graf Isouard de Vauvenargue spielte. Die Adligen wurden klar besiegt, dennoch war die Partie nicht so schlecht und angesichts der Umstände avancierte sie zu einer der bekanntesten Partien weltweit, erschien in unzähligen Zeitungsschachecken und Büchern über die Taktik. Auch vielen Lesern dieser Zeilen mag sie schon untergekommen sein, dennoch wollen wir sie wenigstens kurz präsentieren, denn es gibt hierfür zwei konkrete Anlässe.

Zum einen wurde das angeblich erst 2013 entdeckte Video des Fischervortrags inzwischen ins Internet gestellt und kann an der Adresse https://youtu.be/6urb6b2oNOY angeschaut werden. Man muss freilich wegen der mäßigen Tonqualität und der störenden Nebengeräusche schon die Ohren spitzen. Zum anderen gibt es für schachgeschichtlich Interessierte ein englischsprachiges Dokument im Internet (www.chesshistory.com/winter/extra/morphy.html), wo ein bekannter Historiker einiges rund um die Partie zusammengetragen hat.

Hier sind wir aber in einer anderen "Abteilung", beim Schachtraining nämlich, und verraten gerne, was dies mit Bobby Fischer zu tun hat. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass das Nachspielen kommentierter "Klassiker" das Schachverständnis schärft und überhaupt eine der wirkungsvollsten Methoden beim Schachtraining darstellt. Gerade Fischer soll sich in diesem Sinne geäußert haben, berichteten glaubhafte Zeitzeugen (der Autor dieser Zeilen hat es von Wolfgang Unzicker gehört), und er handelte auch in diesem Sinne.

So erblickte zum Beispiel die folgende Idee das Licht der Welt:

Sizilianisch B 46
B. Spasski - R. J. Fischer
WM-Match (21), Reykjavik 1972


1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 a6 5. Sc3 Sc6 6. Le3 Sf6 7. Ld3 Diese Eröffnung wurde in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts viel gespielt und die Schwarzspieler, darunter auch namhafte wie Kortschnoi, Portisch und Larsen, setzten zumeist mit …Dc7 fort, manche andere probierten auch …Lb4, …Le7 oder …d6. Fischers Zug 7. …d5 überraschte Spasski total. Fischer kannte den Zug offensichtlich aus einer 1877 gespielten Partie Göring-Anderssen, wo ebenso wie in der WM-Partie zunächst 8. exd5 exd5 9. 0-0 Ld6 folgte, dann verzweigten sich die Wege, Göring spielte 10. Lf5, Spasski 10. Sxc6 bxc6 11. Ld4 0-0 12. Df3 Le6 13. Tfe1 c5 14. Lxf6 Dxf6 15. Dxf6 gxf6



Der schwarze Doppelbauer spielte fortan keine besondere Rolle, umso mehr das schwarze Läuferpaar und das die Brettmitte kontrollierende Bauernpaar. Gut möglich, dass Fischer bei seiner Vorbereitung auch diese Stellung auf dem Brett hatte, den Grundstein des Erfolges legte er jedoch im 7. Zug. Sein Gegner war "aus der Theorie raus", Fischer bewegte sich eine Zeitlang auf vertrautem Terrain: das Resultat der Lektüre von Partien alter Meister.

In der Folge gewann Fischer diese, die 21. Matchpartie und kam seinem Ziel, Spasski die Schachkrone zu entreißen, entscheidend näher. 16. Tad1 Tfd8 17. Le2 Tab8 18. b3 c4 19. Sxd5 Lxd5 20. Txd5 Lxh2+ 21. Kxh2 Txd5 22. Lxc4 Td2 23. Lxa6 Txc2 24. Te2 Txe2 25. Lxe2 Td8 26. a4 Td2 27. Lc4 Ta2! Dies ist besser als 27. …Txf2 28. a5 Tb2 (28. …Ta2? 29. b4) 29. a6. 28. Kg3 Kf8 29. Kf3 Ke7 30. g4 f5 31. gxf5 f6 32. Lg8 h6 33. Kg3 Kd6 34. Kf3 Ta1 35. Kg2 Ke5 36. Le6 Kf4 37. Ld7 Tb1 38. Le6 Tb2 39. Lc4 Ta2 40. Le6 h5 41. Ld7 Nach …Kg4 nebst …h4-h3+ gewinnt Schwarz. – 0:1

Nach Fischer haben wiederholt renommierte Spieler und Trainer (Dworetzki) die Bedeutung der Kenntnis der Klassiker hervorgehoben. Wir machen uns diese Erkenntnis jetzt zunutze und starten das Thema "Angriff auf den im Zentrum steckengebliebenen König" mit dem erwähnten historischen Beispiel.

Philidor-Verteidigung C 41
P. Morphy - Herzog Karl von Braunschweig und Graf Isoard des Vauvenargue
Paris 1858


1. e4 e5 2. Sf3 d6 3. d4 Lg4 Dies ist bereits ein schlechter Zug. Schon der selige Steinitz hat gesagt, dass die Läufer nicht vor den Springern entwickelt werden sollen. Eine gute Faustregel für Anfänger, sagte Fischer sinngemäß auf dem erwähnten Video. So mancher Schachblogger hätte es hier bei einer Computervariante belassen, eine richtige vermutlich, aber Faustregeln prägen sich einfach viel besser ein, selbst wenn sie natürlich ihre Ausnahmen haben, sind sie oft nützlich für Praktiker. 4. dxe5 Lxf3 Erzwungen, da 4. …dxe5 5. Dxd8+ Kxd8 6. Sxe5 einen Bauern verliert. 5. Dxf3 dxe5 6. Lc4 Sf6 7. Db3 Mit Doppelangriff auf b7 und f7. 7. …De7



Weiß hätte hier einen Bauern gewinnen können mit 8. Dxb7 Db4+ 9. Dxb4 Lxb4+ 10. c3 und auch 8. Lxf7+ Dxf7 9. Dxb7 Lc5 10. Dc8+ Ke7 11. Dxh8 Lxf2+ 12. Ke2 ist laut Fischer für Weiß günstig, allerdings um den Preis einer unnötig kompliziert gewordenen Stellung. Morphy spielte seinem Stil getreu einfach und gediegen 8. Sc3 c6 9. Lg5 Weiß vervollständigte bereits seine Leichtfigurenentwicklung. Schwarz kann es ihm schlecht nachmachen, auf 9. …Sbd7 folgt 10. Dxb7 Tb8 11. Dxc6, diesmal mit zwei Bauern mehr und keinen unnötigen Verwicklungen. Schwarz verhinderte den Zugriff auf b5 mit 9. …b5 und Morphy startete seine berühmte Kombination:



10. Sxb5 cxb5 11. Lxb5+ Sbd7 Oder 11. …Kd8 12. Lxf6 gxf6 13. Dd5+ Kc8 14. 0-0-0 mit Gewinn. 12. 0-0-0 Td8 13. Txd7 Txd7 14. Td1 De6 15. Lxd7+ Sxd7 16. Db8+ Sxb8 17. Td8 matt – 1:0

Eine Schlüsselrolle in dieser Partie spielten die Züge 4. dxe5, 5. Dxf3 (ermöglicht durch den verfehlten Zug 3. …Lg4) und 7. Db3, womit die Schwächen b7 und f7 aufs Korn genommen wurden. Der schwarze König blieb in der Brettmitte stecken und war dem Schlussangriff ausgesetzt.

Trotz ihres hohen Bekanntheitsgrades durfte diese Partie in dieser Trainingsfolge nicht fehlen. Weitaus weniger bekannt, jedoch nicht weniger überzeugend war die folgende Partie von Aaron Nimzowitsch, der eigentlich eher als ein großer Stratege bekannt und berühmt geworden ist, aber wenn sich die Gelegenheit bot, auch taktisch ganz schön zuschlagen konnte.

Französisch C 10
A. Nimzowitsch - S. Alapin
St. Petersburg 1914


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. exd5 Sxd5 5. Sf3 c5 6. Sxd5 Dxd5 7. Le3 cxd4 8. Sxd4 a6 9. Le2 Dxg2? 10. Lf3 Dg6 11. Dd2 e5? Schon der Bauernraub auf g2 war riskant, förderte er doch die weiße Figurenentwicklung, aber mit diesem Bauernzug überspannt Schwarz den Bogen. 12. 0-0-0! Für die Figur bekommt Weiß die offene e-Linie, um dann mit The1 den gegnerischen König anzugehen. Schwarz hätte das Angebot mit 12. …Sd7 ablehnen sollen, tat es jedoch nicht. 12. …exd4? 13. Lxd4 Sc6



Alapin war sonst ein guter Spieler, dem vermutlich bewusst war, dass er sich auf dünnem Eis befand, doch er sah nur 14. The1+ Le6 15. Lb6 (droht Dd7 matt) 15. …Le7!, und es geht nicht weiter für Weiß. Den herrlichen Zug 14. Lf6!! sah er nicht. Es droht Dd8+ und Matt. a) Auf 14. …gxf6 setzt Weiß mit 15. Lxc6+ bxc6 16. Dd8 matt.
b) Falls 14. …Le6, entscheidet 15. Lxc6+ bxc6 16. Dd8+ Txd8 17. Txd8 matt.
c) 14. …Le7 führt ebenfalls in den Hades: 15. Lxc6+ Ld7 (15. …bxc6 16. Dd8+ Lxd8 17. Txd8 matt.) 16. Dxd7+ Kf8 17. Lxe7+ Kg8 18. Dd8+ Txd8 19. Txd8 matt.

In der Partie geschah 14. …Dxf6 15. The1+ Le7 15. …Le6 16. Dd7 matt. 16. Lxc6+ Kf8 16. …bxc6 17. Dd8 matt.17. Dd8+! Lxd8 18. Te8 matt 1:0

Weitere Beispiele folgen im nächsten Teil dieser Serien, hier noch eine Partie eines des berühmtesten Angriffsspielers der Schachgeschichte.

Königsfianchetto B 06
M. Tal - G. Tringov
Interzonenenturnier Amsterdam 1964


1. e4 g6 2. d4 Lg7 3. Sc3 d6 4. Sf3 c6 5. Lg5 Db6 6. Dd2 Dxb2 Der Bauernraub auf b2 ist eine unendliche Geschichte. Es gibt Eröffnungen, z. B. die Najdorf-Variante der Sizilianischen Verteidigung, wo dieser Damenausflug bis jetzt nicht überzeugend widerlegt wurde und mit Hilfe computergenerierter Varianten am Leben gehalten wird, aber - wie es ein alter Profi einmal formulierte - man hängt dann jahrelang am Tropf des Computers und muss dauernd die neueste Entwicklung verfolgen. Das muss man sich nicht antun, letzten Endes soll das Schachspiel auch Spaß machen. Als die vorliegende Partie gespielt wurde, gab es keine Schachprogramme, also wurde ein Anhänger des Bauernraubs nicht zum Computersklaven, lebte aber dennoch gefährlich. 7. Tb1 Da3 8. Lc4 Da5 9. 0-0 e6 10. Tfe1 a6 11. Lf4 Wie schon bei der Morphy-Partie, unternahm Weiß nichts Verpflichtendes und vervollständigte einfach seine Figurenentwicklung. Schwarz hätte sich nun mit …Dc7 hinter dem "Zaun" verschanzen sollen, er spielte stattdessen 11. …e5? 12. dxe5 dxe5 in der Hoffnung, nach einem zu erwartenden Läuferrückzug nach g3 oder e3 schnell mit …Se7 und Rochade seinen König zu verstecken.



Doch der massive Entwicklungsvorsprung ließ eine heftige Attacke zu: 13. Dd6!! mit der Idee 13. …exf4 14. Sd5 cxd5 15. exd5+ Le6 16. dxe6. 13. …Dxc3 14. Ted1 droht Dd8 matt. Falls nun 14. …Lf6, so 15. Sxe5 Le7 16. Lxf7+ Kf8 17. Dc7 Sd7 18. Lxg8 Txg8 19. Sxd7+ Lxd7 20. Txd7 mit gewaltigem Angriff. Nach der Partiefortsetzung 14. …Sd7 entkorkte der Exweltmeister 15. Lxf7+ Kxf7 16. Sg5+ Ke8 17. De6+ und wegen 17. …Kd8 18. Sf7+ Kc7 19. Dd6 matt oder 17. …Se7 18. Df7+ Kd8 19. Se6 matt. – 1:0

 


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Teil 105 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spieler der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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