Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Trainingstipps vom Profi

Teil 151: Die Kunst der Partieanalyse, Teil 1




Mit keinem anderen Material haben wir uns so intensiv beschäftigt wie mit den eigenen Partien. Mit höchster Motivation, im Wettkampfmodus, dachten wir intensiv über die Züge nach, spürten das Adrenalin, die Freude über den Sieg oder den Frust bei Niederlage und Fehler.

Die eigenen Partien spiegeln unsere Stärken wieder und zeigen gnadenlos unsere Schwächen auf. Von keinen anderen Partien können wir so viel lernen wie von ihnen. Mit welchen Schritten sollten wir unsere Partien analysieren und welche Hilfsmittel können wir verwenden?

Schritt 1:

Eingeben und abspeichern der Partien in einer Datenbank. Das sollte möglichst bald nach der Partie erfolgen. Dabei sollten wir unsere Gedanken schriftlich festhalten, denn diese vergessen wir sonst bzw. sie werden von Analyseschritten verfälscht.

Schritt 2:

Eine erste Analyse mit Eröffnungsdatenbanken und Engines: Wie intensiv und zeitaufwendig diese Phase ausfallen sollte, ist stark abhängig von der jeweiligen Situation. Befinden wir uns mitten in einem doppelrundigen Turnier, muss alle Kraft für das Spielen gespart werden. Hier würde ich nur eine kurze Eröffnungsanalyse vornehmen, falls ich mit dem Verlauf unzufrieden war und überlegen, wie ich das Abspiel im weiteren Turnierverlauf besser behandeln kann. Im Idealfall haben wir ein gutes Eröffnungsfile zu unserem Repertoire, in dem wir nachsehen können. Falls nicht, helfen uns Online-Datenbanken und lassen uns innerhalb kürzester Zeit Partien von starken Spielern finden.

Spielen wir eine Runde am Tag, kann die Eröffnungsanalyse bei Bedarf etwas länger ausfallen. Halten wir fest, an welcher Stelle wir unzufrieden waren, wo wir nächstes Mal abweichen wollen, ob wir die Bauernstruktur verstanden haben und die Figuren auf den richtigen Plätzen standen bzw. richtig getauscht wurden.

Dabei wäre es fein, wenn wir ein gutes Eröffnungsbuch zu unserem Repertoire haben (elektronisch oder auf Papier). Ein gutes Eröffnungsbuch zeichnet sich dadurch aus, dass die gewünschten Abspiele rasch zu finden sind und die Ideen – auch Mittelspielpläne (bestenfalls auch Endspielpläne wie z.B. bei der Berliner Mauer) verbal gut erklärt sind.

Wir können uns natürlich auch von einem Trainer unterstützen lassen. Das spart Zeit und Kraft und liefert rasch gutes Material.

Auch bei einer Partie am Tag sollten wir darauf achten, dass dieser Prozess nicht länger als 30 Minuten dauert, denn wir müssen uns vor allem erholen und auch auf die nächste Partie vorbereiten.

Habe ich eine Partie sehr „unglücklich“ verloren und martert mich der Gedanke, was ich eigentlich falsch gemacht habe, sollte ich aber auf jeden Fall noch rasch mit den Engines die Partie durchspielen und dabei den Moment (oder die paar wenigen Momente) festhalten, an denen die Partie kippte. Dann sollte ich Frieden mit mir und dieser Partie schließen, mir etwas Gutes tun und die Partie (fürs erste) abhaken. Ansonsten zerbrechen wir uns im Bett noch den Kopf. Doch guter und reichlicher Schlaf ist entscheidend für die nächsten Partien. Schon Carlsen sagte: „Wenn ich nicht viel und gut schlafe, dann funktioniert meine Intuition nicht.“

Schritt 3:

Nach dem Turnier und nach einer entsprechenden Erholungsphase sollten wir uns intensiver mit unserem Werk auseinandersetzen. Es gilt vor allem, die Wendepunkte und die kritischen Momente heraus zu arbeiten. In diesem Artikel möchte ich mich auf einen Aspekt konzentrieren (weitere folgen): den Damentausch.

Kritischer Moment Damentausch

Jeder Tausch ist prinzipiell wichtig und verändert den Charakter der Stellung – aber kein Tausch greift so sehr ins Spiel ein, wie der Damentausch. Natürlich hat die konkrete Stellung immer Vorrang, aber einige Grundregeln helfen uns bei der Orientierung:
1.Welcher König atmet nach dem Damentausch mehr auf und muss nicht mehr um seine Sicherheit zittern?
2.Wer bekommt das bessere Endspiel (bzw. damenlose Mittelspiel)?
3.Erfüllen die Damen wertvolle Schutzarbeit?
4.Welche Dame steht aktiver?


Durchforsten wir unsere Partien nun unter diesem Aspekt und schauen wir, wie wir die Momente des Damentauschs gemeistert haben. Arbeiten wir mit einem Trainer zusammen, kann er uns bei der Einschätzung sicherlich behilflich sein. Aber auch der weitere Partieverlauf und allfällige massive Sprünge in der Enginebeurteilung geben Hinweise.

Beschäftigen wir uns weiters mit gut analysiertem und gut kommentiertem Material zu dieser Frage.

Hier vier Empfehlungen:

Artur Jussupow, Tigersprung auf 1800 DWZ, Band 1, 2008
Adrian Mikhalchishin: Power of Exchange, Fritztrainer 2013
Elisabeth Pähtz: Der richtige Abtausch, Fritztrainer 2016
Harald Schneider-Zinner: Strategieschule Band 2: Die Kunst des Tauschens, Fritztrainer 2022


Doch sehen wir uns gleich hier einige praktische Beispiele zum Damentausch an.

Damentausch - Übergang ins Endspiel

Starten wir mit einer Trainingspartie zwischen Wu Min (mehrfache österreichische Jugendstaatsmeisterin) und Marc Morgunov, den ich bis 2016 betreute.



Wu Min - Marc Morgunov
Wiener Jugendkadertraining 2015


31.Da8+! Kh7 32.De4+! Nach dem Damentausch ist das Endspiel einfach gewonnen. 32.…Dxe4 33.Lxe4+ Der Läufer dominiert den Springer und der a-Bauer ist nicht aufzuhalten. 33.…f5 Auch dieser Gegenangriff nützt nichts. 34.Kf1 Mit Übergang ins Bauernendspiel, und der a-Bauer läuft bis zur Dame.

Eine Partie frisch aus der ersten österreichischen Bundesliga. Felix Blohberger hat sich zu einer wichtigen Stütze des österreichischen Nationalteams entwickelt. Ich erkannte sein Talent, als er noch im Kindergarten war und arbeite mit ihm bis zu seinem 16.Lebensjahr. Dann wechselte ich zum Frauen-Nationalkader und Felix wurde im Projekt „Meister von morgen“ speziell gefördert.



Felix Blohberger (2488)
Jonas Roseneck (2402)
Jenbach, 1. Bundesliga, 2022


20.f4 Df5! Schwarz würde nur zu gerne das Übergewicht an weißen Bauern am Königsflügel stoppen. Der Damentausch wäre ganz in seinem Sinne, vor allem wenn Weiß auf f5 schlagen würde. 20.…De7 21.f5+– 21.Df3!± Eine hervorragende Entscheidung. Weiß weicht dem Tausch aus und bereitet g2-g4 mit Mobilisierung der Bauernmehrheit vor. Es zeigt sich einmal mehr, dass die Dame keine gute Blockadefigur ist. 21.Dxf5? gxf5= Nun wäre die Stellung geschlossen und Weiß hätte Probleme seine Bauernmehrheit am Königsflügel in Bewegung zu setzten. 21.…Dd7 Traurige Notwendigkeit. Die schwarze Dame zieht sich prophylaktisch zurück, bevor die weißen Bauern sie dazu zwingen, allerdings erlaubt der Rückzug den sofortigen Vorstoß des f-Bauern. 22.f5! Weiß muss die Gelegenheit nutzen, bevor Schwarz mit f7-f5 eine spielbare Blockadestellung einnehmen kann. 22.g4?! hxg3 23.hxg3 f5! +/= nebst Überführung des Springers von h5 nach e6 sieht spielbar für Schwarz aus. 22.…Dxf5 23.Dxf5 Nun stimmt Weiß dem Damentausch zu – aber zu seinen Bedingungen. Die Stellung ist offen und der schwache Bauer auf h4 wird rasch verloren gehen. 23.…gxf5 24.Txf5 Sg7 25.Tf4 Tac8 26.Sf2!? 26.Txh4!? 26.…Se7 27.Sg4 Sh5 28.Tf2 Tf8 29.Tef1 Tc6 30.Lc1 Kg7 31.Lg5 Te6 32.Lxh4 – 1:0

Ein interessantes Materialverhältnis: Turm und Bauer gegen Springer und Läufer

Entsprechend der „Schwerfigurentheorie“ sollte die Seite die über mehr Schwerfiguren am Brett verfügt (hier: Weiß) Schwerfiguren tauschen. Die verbleibenden Schwerfiguren haben dann einfach mehr Platz. Aber Schach ist konkret und Weiß hätte drei starke Argumente gehabt die Damen noch nicht zu tauschen:

1.Der schwarze König ist deutlich unsicherer als der weiße.
2.Das gibt Weiß ziemlich sicher auch die Gelegenheit in einem günstigeren Moment die Damen zu tauschen.
3.Die Dame hätte den freien a-Bauern wunderbar in seinem Vormarsch bis a6 unterstützen können. Erst danach wäre ein Damentausch wünschenswert für ihn.




Christoph Singer (2309)
Konstantin Peyrer (2393)
Jenbach, 1. Bundesliga, 2022


22.Dd4? Der schwarze König ist wesentlich schwächer als der weiße. Außerdem unterstützt die Dame sehr gut den ersten Teil des Vormarschs des weißen Bauern und lähmt die schwarze Verteidigung. Weiß sollte also nicht die Damen tauschen - auch wenn es der Schwerfigurenregel widerspricht. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und die Entscheidungen müssen immer anhand konkreter Stellungen getroffen werden. Um diese sicher treffen zu können müssen wir: a) die Regeln kennen und b) viel Material studiert haben, um begründete Entscheidungen treffen zu können, wenn wir uns gegen die Regelmotive entscheiden. Außerdem steigert das Bearbeiten von vielem guten Material unsere Intuition. 22.a5! ± nebst a6 mit guten Gewinnchancen. 22.…Dxd4 23.cxd4 Le6 +/=, und Schwarz sollte sich halten. 24.Tec1 Ld5= 25.b4 25.a5 Sd6 26.a6 Ta8, und Schwarz kann den Damenflügel mit seinen Figuren gut blockieren. 25.…Sd6 und Schwarz hatte keinerlei Probleme – remis



Nikola Mayrhuber (2117)
Nusa Hercog (2061)
St.Veit/Glan 1. Frauen BL, 2022


Weiß hat den Bauern auf c4 in der Eröffnung geopfert und setzt auf das Übergewicht im Zentrum und am Königsflügel. 16.…De8! Prägen Sie sich diese Verteidigungsidee gut ein! Weiß greift heftig am Königsflügel an. Noch ein bis zwei Züge und der Angriff wäre kaum zu stoppen. Doch der unscheinbare schwarze Damenzug ist ein prächtiger Verteidiger. 17.Lh3 17.De2!? Der Rückzug ist traurig, aber wohl noch das kleinere Übel. 17.…f5!-/+ Die Pointe von De8. Nun muss Weiß tauschen. 18.Dxe8 Tcxe8 Der weiße Angriff ist abgeschlagen, und Schwarz verwertete langsam aber sicher ihren Mehrbauern. – 0:1



Andreea Navrotescu (2275) – Marina Brunello (2337)
Mitropa Cup Women Section Corte
Korsika (6.2), 2022


Weiß würde gerne mit Td2 nebst b4 die Initiative übernehmen, aber die italienische Spitzenspielerin findet einen starken Weg zu schwarzem Vorteil: 22.…Dd3! Danach wird der weiße Damenflügel schwach. 23.Ta3? Verliert sofort. 23.Td1 Dxc2 24.Txc2 Tfc8! (24.…Sxb3) 25.b4? Sa4–+ 26.Tdc1 Sxb2; 23.Dxd3? Sxd3 kostet Material. Schwarz greift den Turm an und droht den Läufer zu schlagen. Dieser ist aber ein lebenswichtiger Verteidiger vom Springer auf c3. 23.b4 Dxc2 24.Txc2 Sd323.…Dxc2 24.Txc2 Sd3–+



Die weißen Figuren stehen äußerst unglücklich. Neben Sxb2 droht nun auch eine Gabel auf d1. – 0:1

 


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Teil 151 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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