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Schachschule 64 ::

Mission impossible?


Zur „Anatomie“ überraschender Bauerndurchbrüche (Teil 2)



Mit diesem Beitrag führen wir die in der letzten Folge (Januarausgabe 2018, Seiten 26-27) angefangene Betrachtung des Motivs des Bauerndurchbruchs fort. Die (einer Serie von Actionfilmen entlehnte) Überschrift weist erneut darauf hin, dass diese Bauerndurchbrüche mitunter unerwartet, ja "unmöglich" erscheinen, was insbesondere für einige auf der nächsten Seite aufgeführten Beispiele zutrifft. Beginnen wollen wir jedoch mit der Erläuterung eines elementaren "taktischen Werkzeugs".



Omelia - T. Ovcharov
Kiew 2003
Weiß am Zug


Weiß spielte unvorsichtig 38. g4? (mit der Idee 38. …Kf6? 39. gxh5 gxh5 40. f4 gxf4 41. Kxf4 und Gewinn im Bauernendspiel), Schwarz antwortete ebenfalls verfehlt 38. …Kd6? und verlor nach 39. gxh5 gxh5 40. Kf5 in wenigen Zügen.

Zurück zur Ausgangsstellung, in der auf 38. g4 der starke Konter 38. …g5! möglich war.



Der Nachziehende verschafft sich damit auf der h-Linie einen Freibauern, entweder nach 39. gxh5 gxh4 oder nach 39. hxg5 h4 40. Ke3 Kf7 41. Kf2 Kg6 42. Kg2 Kxg5 43. Kh3 Kf4 mit Gewinn.



V. Anand - Z. Almasi
Bundesliga 2003
Weiß am Zug


Einem anderen Spieler entging dieses Motiv nicht. Die Stellung sieht nach einem Unentschieden aus, denn die Öffnung des Königsflügels fruchtet nicht: 31. Ke4? b3 32. f4 gxf4 33. Lxf4 Kg7!, gefolgt von den Abwartezügen …Kh7-g7-h7.
Am Königsflügel kann also kein Freibauer gebildet werden, aber am Damenflügel - mithilfe des raffinierten Vorstoßes 31. b3!! "Welch ein Durchbruch! Der Bauer geht von seinem Ausgangsfeld nur einen Schritt nach vorn - aber mit gewaltiger Wirkung. Zu der Majorität am Königsflügel schafft sich Weiß somit einen weiteren Vorteil: einen Freibauern auf der a-Linie. Schwarz wird beides nicht unter Kontrolle bekommen können", schrieb der schwedische Großmeister Tom Wedberg in seinen Kommentaren für die Partiesammlung MegaBase. 31. …axb3 Weiß bekommt auch nach 31. …bxa3 32. bxa4 a2 einen Freibauern. Der gegnerische wird mit 33. Lb2 gestoppt, später mit Ke4-d3c2-b3 abgeholt, dann entscheidet Lc1 nebst f3-f4. Eine Beispielvariante: 33. …Ld8 34. Ke4 Kg7 35. Kd3 La5 36. Kc2 Kf7 37. Kb3 Kg7 38. Kxa2 Kf7 39. Lc1 Lc3 40. f4 gxf4 41. Lxf4 Kg7 42. Kb3 Lb4 43. g5 hxg5 44. Lxg5 Kf7 45. Ld8 Kg7 46. a5 mit nunmehr offensichtlichen Gewinn. In der Partie folgte 32. a4 Ke8 33. Ke2 Ld8 34. Kd1 Lc7



Auch in Gewinnstellung muss man aufpassen. Das verfrühte 35. f4? läuft ins Messer: 35. …b2! 36. Lxb2 gxf4 37. Ke2 Ld8 38. Kf3 Lg5 39. a5 Kd7, und Schwarz gewinnt! Der damalige Weltmeister spielte präziser 35. Le3! Lxe5 35. …Lb6 36. f4! 36. Lxc5 Lc3 37. Kc1 Der gegnerische Freibauer ist gestoppt und der weiße Bauer rückt vor. 37. …Lg7 Oder 37. …Kd8 38. Lf8 nebst Lxh6. 38. Lxb4 Ld4 39. Ld6 Lxf2 40. Kb2 Ld4+ 41. Kxb3 Lg7 42. a5 Kd7 43. a6 Kc8 44. Kc2 und Schwarz gab auf: Sein König darf sich wegen a6-a7 nicht rühren, folglich kann nur der schwarze Läufer ziehen, der den beiden weißen Figuren hoffnungslos unterlegen ist, z. B. 44. …e5 (44. …Lf6 45. Lf8) 45. Kd3 nebst Ke4, Lxe5 usw. – 1:0

Bei der Betrachtung der folgenden Stellung könnte man leicht glauben, die Mission (Gewinn für Weiß) sei fürwahr "impossible", aber ein ganz Großer seines Fachs - der vielfache WM-Kandidat und renommierte Autor von Endspielbüchern Juri Awerbach - belehrt uns gleich eines Besseren.



J. Awerbach – J. Bebchuk
Moskau 1964
Weiß am Zug


Normalerweise verspricht ein entfernter Freibauer seinem Besitzer den Sieg. So wäre es nach dem Fehler 51. Kd4? wohl auch gekommen, Schwarz spielt 51. …Kd6 und gewinnt nach dem Vormarsch des b-Bauern, gefolgt von dem Eindringen des Königs nach e5. Doch der Weißspieler drehte mit einem starken Bauerndurchbruch den Spieß um: 51. e5! fxe5 52. g5 hxg5 Oder …Kd6 53. f6 Ke6 (…gxf6 54. gxh6) 54. fxg7 Kf7 55. gxh6 b5 56. Ke4 b4 57. Kd3! nebst Kc4, gefolgt vom Einsammeln der schwarzen Bauern. 53. f6 – 1:0
Nach …gxf6 54. h5 hat Weiß drei Bauern weniger, aber der unaufhaltsame Freibauer entscheidet. Dieses Motiv kommt nach einem Bauerndurchbruch in verschiedenen Formen vor:



Trainingsbeispiel
Schwarz am Zug gewinnt


In der Partie N. Weinstein gegen M. Rohde (1977), auf der dieses Beispiel basiert, spielte Schwarz resignierend 40. …h4 und verlor nach den weiteren Zügen 41. gxh4 gxh4 42. Kd4 Ke6 43. a5 bxa5 44. bxa5 Kd6 45. a6 Kc6 46. Ke5 Kb6 47. Kxf5 Kxa6 48. Kxe4.

Möglich und siegbringend war 40. …f4!! Die Pointe ist der Bauerndurchbruch nach 41. gxf4 41. Kd4 verliert nach …e3 42. fxe3 f3 43. gxf3 h4 44. gxh4 gxh4. 41. …gxf4 42. Kd4 Oder 42. a5 bxa5 43. bxa5 e3 44. fxe3 f3 45. gxf3 h4 46. Kb5 (46. a6 Kc6) 46. …h3 47. a6 Kc7 und gewinnt. 42. …e3! Ein Durchbruch nach der "Partitur von Awerbach". Es werden mehrere Bauern geopfert, um am Ende in den Besitz eines unaufhaltbaren Freibauern zu gelangen. 43. fxe3 f3 44. gxf3 h4 usw. wie bereits aufgezeigt. – 1:0



Bei einem ersten flüchtigen Blick scheint das Endspiel vorteilhaft für Weiß zu sein, denn wenn der schwarze König zieht, wird er in allen Varianten abgedrängt, z. B. 42. …Kg5 43. Ke5 Kg6 44. Ke6 Kg5 45. Kf7 Kh6 46. Kf6



Schwarz verliert den f-Bauern. Anders als vielleicht vermutet geht damit jedoch kein Verlust für Schwarz, sondern eine Punktteilung einher: 46. …f4!! rettet ins Remis. Genau genommen ist es Weiß, der sich noch sputen muss:
a) 47. Kf5!, mit der Folge 47. …h4 48. Kxg4 hxg3 49. f3 fxe3 50. Kxg3 remis, denn nach anderen Zügen erweist sich der Bauerndurchbruch 46. …f4!! als siegbringend.
b) 47. exf4? (Oder 47. gxf4 h4 nebst …h3 und Gewinn.) 47. …h4 48. gxh4 g3 49. fxg3 e3, und nach diesem dreifachen Durchbruch behält Schwarz zwar nur einen einzigen Bauern, dafür aber einen unaufhaltsamen!
Gut, die Variante a endet remis. Doch Schwarz kann noch mehr erreichen. In der Partie (vgl. vorletztes Diagramm) geschah 42. …f4!! Ein Bauerndurchbruch auf einem so gut bewachten Feld ruft Assoziationen hervor, etwa an einen Hänfling, der sich unerlaubterweise Zutritt zu eine Bar verschaffen will, wo im Eingang links und rechts je ein XXL-Türsteher wacht. Doch der Bauer f4 ist für beide Seiten unbekömmlich, denn nach 43. gxf4 h4 oder nach 43. exf4 h4 44. gxh4 (sonst …h3 usw.) 44. …g3 4. fxg3 e3 läuft einer der schwarzen Bauern durch. 43. Kd5 h4 44. Kxe4



Ein Bauerdurchbruch ist ein mächtiges taktisches Werkzeug, jedoch nur wenn die "Rahmenbedingungen" stimmen. Ein Fehlgriff wäre jetzt beispielsweise 44. …fxg3? 45. fxg3 h3 46. gxh3 gxh3 47. Kf3, und der schwarze Freibauer wird aufgehalten.

Der Gewinnweg beginnt mit 44. …f3!! 45. gxf3 h3 46. fxg4 h2 und Schwarz gewann nach den folgenden Zügen 47. f3 h1D 48. Kf4 Dh6+ 49. Ke4 Dg5 50. Kd4 De5+ – 0:1

Führen Sie sich noch einmal die Stellung aus der Partie Pomar-Cuardas vor Augen. Den richtigen Durchbruch haben Sie gesehen. Falsch wäre in der Ausgangsstellung 42. …h4? wegen der Widerlegung 43. gxh4 f4 44. g3!, was die Bauernauflösung und Bildung eines Freibauern unterbindet, so dass Weiß siegt.

Also: bei diesem Standarddurchbruch niemals "außen" (auf der h- oder a-Linie) beginnen! Über den Brennpunkt f4 kann man schon eher durchkommen, wie das letzte Beispiel belegt.



Svacina - Müller Wien 1931
Schwarz am Zug


1. …f4! Alle schwarzen Bauern werfen sich nach vorn und verschaffen einem von ihnen freie Bahn: 2. gxf4 h4; 2. Kb4 h4! 3. gxh4 g3 4. fxg3 f3, oder schließlich wie in der Partie 2. exf4 h4 3. gxh4 g3 4. fxg3 e3 Mission possible … – 0:1

 


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Teil 93 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Unbändiger Vorwärtsdrang

Obwohl er schon ein gestandener Mann von 68 Jahren war, freute er sich wie ein Kind. Endlich sollte in seiner Heimatstadt Minsk ein Spitzenturnier ausgetragen werden, die Europameisterschaft nämlich, und sie sollte sein schachliches Schwanenlied werden.
 

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