Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Das Raud-Konzept

Teil 140:Über einen ungewöhnlichen Einsatz des Springers | Ein taktischer Trick verschafft einen strategischen Vorteil


In dieser Folge ist von einem bemerkenswerten Konzept in einer verbreiteten Eröffnung die Rede. Eine Vorrede zur Orientierung:

Nach den Eröffnungszügen 1.d4 d5 2.c4 (Damengambit) sind verschiedene Antworten bekannt, etwa 2.…dxc4 (Angenommenes Damengambit), 2.…c6 (Slawisch) oder auch das nicht unumstrittene Albins Gegengambit (vgl. die Beiträge in den Ausgaben 8 bis 11/2021). Am häufigsten kommt 2.…e6 vor. Nach 3.Sc3 ist 3.…Sf6 die gängige Antwort, aber auch 3.…c5 kommt vor.



Dies ist die Ausgangsstellung einer Verteidigung (oder eines Systems, wie einige Autoren diesen Aufbau nennen), die nach dem deutschen Weltklassespieler Siegbert Tarrasch (1862-1934) benannt ist. Mit 3. …c5 geht der Nachziehende frühzeitig zum Gegenangriff über und nimmt die Isolierung seines d-Bauern in Kauf, um dafür freies Figurenspiel zu bekommen.

Die folgende Hauptvariante, zitiert nach dem Standardwerk „Meyers Schachlexikon“, zeigt wichtige strategische Motive dieser Eröffnung: 4.cxd5 exd5 Damit wird die Diagonale c8-h3 für den Läufer c8 geöffnet. Selten kommt es durch 4. …cxd4 zum Schara-Henning-Gambit, in dem Weiß durch ein Bauernopfer Entwicklungsvorsprung erhalten kann; z. B. 5.Dxd4 Sc6 6.Dd1 exd5 7. Dxd5 Le6 8. Dxd8+ Txd8. 5.Sf3 Mit 5.e4 dxe4 6. d5 wird das Marshall-Gambit eingeleitet, in dem es Weiß nach 6. …f5 jedoch schwer fällt, eine Kompensation für den geopferten Bauern nachzuweisen. 5. …Sc6 6. g3 Die nachhaltigste Methode gegen das Tarrasch-System. Weiß sichert seinen Königsflügel, und der Läufer zielt später von g2 auf den schwarzen Bauern d5. 6.…Sf6 7.Lg2 Le7 8.0-0 0-0



Die Grundstellung der Tarrasch-Verteidigung, die viele Anhänger hat. In seiner Kolumne in der Zeitschrift Karl stellt IM Erik Zude das 2011 erschienene englischsprachige Buch von Jacob Aagard & Nikolaos Ntirlis „The Tarrasch Defence“ mit folgenden einleitenden Worten vor:

„Die Tarrasch-Verteidigung hat bei Spielern von Großmeisterniveau einen schlechten Ruf. Seit vor mehr als 100 Jahren Schlechter und Rubinstein dagegen sehr erfolgreich 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 c5 4.cxd5 exd5 5.Sf3 Sc6 6.g3 (!) spielten, hat es mehrere lange Leidensphasen für die Anhänger dieser Eröffnung gegeben. Die Urteile der Theoretiker schwankten meist zwischen „Vorteil Weiß“ und „kaum spielbar für Schwarz“.

In dem Buch wird ein Versuch unternommen, die Variante zu rehabilitieren. Und „ein komplettes Schwarzrepertoire in der Tarrasch-Verteidigung“ zu publizieren.

In dieser Folge der SCHACHSCHULE 64 wollen wir stärker auf die Chancen eingehen, die ein oft erfolgreich angewandtes Konzept bietet, das mit 9.Le3 beginnt. In der Turnierpraxis kommt 9.Lg5 häufiger vor.



Nach 9.Le3 ist der Bauer c5 bedroht. Der „Störversuch“ 9.…Sg4 hat kaum Anhänger; nach 10.Lf4 Sf6 hat der schwarze Springer auf g4 keine Zukunft: entweder wird er dort stranden und lange im Abseits stehen, oder er wird mit h2-h3 vertrieben.

9.…cxd4 10.Sxd4 Sg4 ist eine analog untaugliche Störaktion, bei der Schwarz nach 11.Sxd5 Sxe3 12.Sxc6 bxc6 13.Sxe3 bereits ersatzlos einen Bauern einbüßt.
9.…cxd4 10.Sxd4 Te8 ist schon eher möglich und aus der Praxis bekannt, dort jedoch eher in der Form 9.Lg5 (statt 9.Le3) 9.…cxd4 10.Sxd4 h6 11.Le3. In der riesigen Partiedatenbank Megabase 2021 sind über 2,5 Tausend Partien mit dieser Stellung gespeichert und die Erfolgsquote beträgt 61% zugunsten von Weiß. Darauf kann man sich als Nachziehender gerade noch einlassen, wenn man – wie eingangs erwähnt „bereit ist zu leiden“.

Zumeist geschieht nach 9.Le3 nun 9.…c4, worauf 10.Se5 klar der beste Zug ist, und nach 10. …Le6 begann eine Geschichte, wie das Leben sie schrieb.



11.Sxc4! so geschehen erstmalig in der Turnierpraxis in der Partie zwischen den Nationalspielern Ilmar Raud (Estland) und Paul Michel (Deutschland), gespielt bei der Schacholympiade 1939 in Buenos Aires. Mehr über die besonderen Begleitumstände später, schauen wir zunächst weiter aufs Brett. Der spektakuläre Springerzug nach d5 sorgte für Aufsehen, doch schnell wurde klar, dass es sich nicht um einen rein taktischen Einfall handelt, sondern um eine tiefgründige strategische Idee. Nach der forcierten Folge 11. …dxc4 12.d5 Sxd5 13.Sxd5 holt sich Weiß die Figur zurück und setzt mit seinem, gen Damenflügel gerichtetem Läuferpaar die schwarze Stellung unter Druck. In der vorliegenden Partie geschah 13.…Lf6



In der olympischen Partie aus Buenos Aires 1939 folgte 14.Sxf6+ 14.Tc1, 14.Dd2 siehe weiter Dxf6 15.Lxc6 bxc6 16.Dd4 Dxd4 17.Lxd4 Tfd8 18.Lc3 Td7 mit besserem Spiel für Weiß, der nun mit f3 nebst e4 fortfahren und in der Folge am Königsflügel vorrücken sollen. Weiß spielte jedoch anders 19.Tfd1 Tad8 20.Txd7 Txd7 21.f3 f6 22.Kf2 Kf7 23.Ke1 Td5 24.Td1 Ke7 25.e4 Txd1+ 26.Kxd1 c5 27.Kd2 Ld7 28.Ke3 Ke6 29.f4 g6 30.La5 f5 und in der Folge gelang es dem Nachziehenden, die Stellung zu halten: 31.exf5+ Kxf5 32.Lc7 g5 33.fxg5 Kxg5 34.Ke4 Kg4 35.Kd5 Lb5 36.Kxc5 a6 37.h4 h5 38.Kb4 Kh3 39.a4 Ld7 40.a5 Lb5 remis

Jahrzehnte später wurde Rauds Idee von zwei Schachsternen erster Größenordnung kopiert und Weiß verwertete den strategischen Vorteil souverän.

M.Botwinnik – W.Unzicker
EM in Oberhausen 1961


14.Tc1 Ld4 (14.…Lxb2 15.Txc4) 15.Lxd4 Lxd5 16.e4 Lxe4 17.Lxe4 Sxd4 18.Txc4 Se6 19.Dc2 g6 20.Lxb7 Tb8 21.Lg2 Df6 22.b3 Sd4 23.De4 Tfd8 24.Te1 Sf5 25.Tc6 Db2 26.Tc2 Da3 27.De5 Db4 28.Kf1 Tb6 29.Ld5 Db5+ 30.Lc4 Dd7 31.De4 Td6 32.Tce2 Sd4 33.Te3 Sf5 34.T3e2 Sd4 35.Tb2 Dh3+ 36.Dg2 Df5 37.f4 Dh5 38.Tf2 Da5 39.g4 Se6 40.f5 Td1 41.De4 T8d4 42.De3 Dxe1+ 43.Dxe1 Sf4 44.fxg6 hxg6 45.h4 Kg7



46.Tc2 Txe1+ 47.Kxe1 f5 48.gxf5 gxf5 49.Lf1 Kg6 50.Tc5 Kh5 51.Txf5+ Kxh4 52.Ta5 Td7 53.Kf2 Te7 54.Kf3 Sg6 55.Lc4 Se5+ 56.Kf4 Sg4 57.Ta6 Kh5 58.Ld5 Se5 59.Le4 1:0

V.Kortschnoi – M.Carlsen
Drammen 2004


14.Dd2 Ld4 15.Sf4 Lxe3 16.Dxe3 Te8 17.Tfd1 Df6 18.Lxc6 bxc6 19.Dd4 Dxd4 20.Txd4 Ld5 21.Tad1 c3 22.Sxd5 cxd5 23.bxc3 Txe2 24.Txd5 g6 25.T5d2 Txd2 26.Txd2 Tc8 27.Tc2 Tc4 28.Kf1 Kf8 29.Ke2 Ke7 30.Kd3 Ta4



31.Td2 Ke6 32.c4 Ta3+ 33.Ke4 h5 34.f4 f6 35.Te2 Ta4 36.Kd4+ Kd6 37.Tf2 Ta5 38.Kc3 Kc5 39.Kb3 Ta6 40.Td2 1:0

Spätestens jetzt wird klar, dass der kleine, aber andauernde weiße Vorteil für Schwarz sehr lästig sein kann. Und man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: zwei Weltstars wie der dreifache Weltmeister Michail Botwinnik und der Langzeitweltklassespieler Viktor Kortschnoi kopierten die Spielweise eines Herrn – wie war noch mal sein Name?

Ilmar Raud, geb. 30.April 1913 in Viljandi, Estland, verstorben 13.Juli 1941, Buenos Aires, Argentinien. Er war nach dem Weltstar Paul Keres, den Raud sogar einmal besiegen konnte, der zweitbeste Schachspieler Estlands, das er bei mehreren Olympiaden vertrat, zum letzten Mal eben in Buenos Aires 1939, als Estland mit dem „bronzenen“ dritten Platz den größten Erfolg hat erzielen können. Danach verschwand dieses baltische Land für über drei Jahrzehnte von der politischen Weltkarte, es wurde von der Sowjetunion besetzt und vollständig annektiert.

Ilmar Raud hat sein Heimatland nie wieder gesehen. Nach dem Ausbruch des 2.Weltkriegs entschied er sich – wie viele Teilnehmer der Schacholympiade auch – in Argentinien zu bleiben. Der eine oder andere „Schachflüchtling“ konnte sich dann eine neue Existenz aufbauen, einige erfolgreich (Miguel Najdorf brachte es als Unternehmer zu einem beträchtlichen Wohlstand), einigen anderen, wie Ilmar Raud, war es nicht vergönnt. Er erkrankte und starb im Alter von nur 28 Jahren.

In seiner alten Heimat war er nicht vergessen. Vom 4.bis zum 11.Juli 2021 wurde an seinem Geburtsort Viljandi die 55.Auflage des Ilmar-Raud-Memorials ausgetragen.

Wir schließen mit der Präsentation einer Partie, die zwar nicht mehr direkt mit dem Trainingsthema zu tun hat, doch für Ilmar Raud war sein Sieg gegen den legendären Paul Keres die Partie seines Lebens. Raud hat sich stark verteidigt und dann das erbeutete Material verwertet.

Italienisch C 56
P.Keres – I.Raud
Estlands Meisterschaft 1934


1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.0–0 Lc5 5.c3 Sxe4 6.d4 d5 7.De2 exd4 8.cxd4 Sxd4 9.Sxd4 Lxd4 10.Sc3 Lxc3 11.bxc3 Le6 12.Ld3 Sxc3 13.Dh5 Dd6 14.Dg5 Se4 15.Lxe4 dxe4 16.Lb2 f6 17.Dxg7 0–0–0 18.Dxf6 Thg8 19.Le5 Tdf8 20.Lxd6 Txf6 21.Tfc1 c6 22.Lg3 Tfg6 23.Tc3 Td8 24.Ta3 a6 25.Te3 Td4 26.f3 Ld5 27.a4 a5 28.fxe4 Lxe4 29.Tf1 Tg7 30.Tf4 Te7 31.Tf8+ Kd7 32.Lh4 Te8 33.Tf7+ Kc8 34.Lg3 Td7 35.Txd7 Kxd7 36.Le1 b6 37.Te2 Ld3 38.Txe8 Kxe8 39.Kf2 Lc2 40.Ke2 Lxa4 41.Lf2 c5 42.g4 Kd7 43.h4 Ke6 44.Lg3 Kd7 45.h5 Lb3 46.g5 Lf7 47.h6 Kc6 48.Kd3 b5 49.Kc3 b4+ 50.Kb2 a4 51.Le5 Kd5 52.Lg7 Kc4 53.Lf8 a3+ 54.Ka1 b3 55.Lg7 Lg6 56.Lf6 b2+ 57.Lxb2 axb2+ 58.Kxb2 Kd3 0:1

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 140 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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