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Schachschule 64 ::

Wenn zwei Bauernpaare aufeinanderprallen…

Teil 137: Albins Gegengambit, kurz und unvoreingenommen „beschnuppert“


Beginnend mit der diesjährigen Juliausgabe beschäftigen wir uns in dieser Trainingsserie mit einer nicht alltäglichen Eröffnungsidee. Nach den gängigen Eröffnungszügen 1.d4 d5 2.c4 (das Damengambit) vermeidet Schwarz die bekannte Pfade (2.…dxc4, 2.…c6, 2.…e6) und prescht überraschend mit 2.…e5 vor. Mancher Weißspieler bekommt einen Schrecken und geht mit 3.e3 „in die Bremsen“, sprich er verzichtet auf alle Widerlegungsversuche und sichert erst einmal das Zentrum. Widerlegen kann man diesen wenig aktiven, aber nicht fehlerhaften Zug nicht, aber eine Tapferkeitsmedaille verdient man sich auf diese Weise nicht. In einem witzigen Kommentar war zu lesen, 3.e3 erinnere an einen Boxer, der bereits vor dem Betreten des Rings schützend die Hände zur Deckung hebt. Allein 3.dxe5 hebt den Handschuh auf, wonach Schwarz mit 3.…d4 Flagge zeigt.



An den Rückgewinn des Bauern wird kein Gedanke verschwendet, Schwarz setzt gänzlich auf die (erhoffte) Kompensation. Mitunter mit einem durchschlagenden Erfolg wie bei der „Lasker-Falle“, präsentiert in der vorletzten Ausgabe und hier nur kurz in Erinnerung gerufen: 4. e3?! Lb4+ 5. Ld2 dxe3 6. Lxb4? exf2+ 7. Ke2 (7. Kxf2 Dxd1) 7. …fxg1S+! mit Figurengewinn.

Diese (aus der Sicht von Weiß) Eröffnungskatastrophe erhellt die Grundidee des Gambits: Das Vorpreschen des schwarzen Bauern nach d4 erschwert oder gar verhindert die natürlichen Entwicklungszüge Sb1-c3 und e2-e3.

Aus diesem Grund beschäftigten sich die Weißspieler künftig mit der Entwicklung des Königsflügels, das mit den Zügen g2-g3, Lf1-g2 und 0-0 leicht zu bewerkstelligen ist. Nach den historischen Partien Burn-Leonhardt (1906) und Johner – F. Marshall (1908), in denen die Gambitspieler jeweils gegen die Wand angerannt waren, legte sich die Begeisterung für Albins Gegengambit wieder. In den letzten beiden Jahrzehnten jedoch, gelangen einigen ideenreichen Spielern erfolgreiche „Reanimationsversuche“; hier zwei davon.

Damengambit D 09
A.Dimukhametov – P.Potapow
Nabereznye Chelny 2008


1.d4 d5 2.c4 e5 3.dxe5 d4 4.Sf3 Sc6 5.g3 Sge7 6.Lg2 Sg6 7.Lf4



In Partien nach dem naheliegenden Abtausch auf f4 hatten die Schwarzspieler wiederholt schlechte Karten. Ob jetzt auf f4 ein Läufer oder ein Bauer steht, ändert nichts an der Materialbilanz (Weiß hat steht einen Bauern mehr) und auch an den positionellen Faktoren, der weiße Block auf den Feldern f3, f4 und e5 bleibt bestehen. Die statistische Auswertung der nach 7.…Sxf4 gespielten Partien ergibt eine Punktausbeute von nahezu 70% zugunsten von Weiß.

Der Partiezug 7.…h6! verbessert diese Variante. Zwar wird bald ebenfalls auf f4 abgetauscht, aber die weiße Bauerstruktur wird nach dem folgenden …g5 nachhaltiger beschädigt. Im Ergebnis öffnen sich aktive Möglichkeiten für den einzigen verbliebenen schwarzfeldrigen Läufer und der gehört dem Nachziehenden. 8.0-0 Sxf4 9.gxf4 g5! 10.Dd3 Falls 10.Dd2, so 10.…gxf4 11.Dxf4 Tg8 12.Kh1 Le6 13.Sbd2 Tg4 14.Df6 Lg7 15.Dxd8+ Txd8. Schwarz holt sich den Bauern zurück und erfreute sich an seinem aktiven Läuferpaar. 10.…gxf4 11.Td1 Lg7 12.De4 De7 13.Dxf4 Sxe5 14.Sxd4 Sg6 15.Dd2 0-0 16.Sc3 c6



Schwarz hat für den Bauern aktives Spiel, etwa nach dem Muster …Kh8 nebst …Tg8 und …Sh4. In der Partie folgte 17.Se4 f5 und nun nahm der Anziehende Abstand von 18.Sg3 f4 19.Sh5, was er möglicherweise bei seinem Zug 17.Se4 eingeplant hatte, weil er die taktische Widerlegung 19.…Dg5! 20.Sxg7 Sh4 bemerkte. Diese Variante illustriert die Bedeutung des Feldes h4, wo der schwarze Springer landen kann. Spätestens hier wird klar, dass die mit 7.Lf4 beginnende Variante letztlich zur Bildung von Felderschwächen im weißen Lager führt. 18.Sc3 f4 19.Sf3 Le6 20.Dd6 Df7 21.Tac1 Lxc4 22.b3 Le6 23.Se4 Lf5 24.Sd4 Tad8 25.Dc5 Lxd4 26.Txd4 Sh4 27.Txd8 Txd8 Schwarz steht bereits besser, aber nach 28.Kh1 wäre weiterer Widerstand möglich gewesen. Weiß unterlief jedoch der Fehler 28.De5? und nach 28.…Dg6! 29.Sf6+ Kf7 war es aus … 0:1

Damengambit D 09
M.Krasenkow – A,Morosewitsch
Podolsk 1993


1.d4 d5 2.c4 e5 3.dxe5 d4 4.Sf3 Sc6 5.g3 Sge7 6.Lg2 Sg6 7.Lg5



Da die Entgegnung 7.…f6 nicht überzeugt (Weiß tauscht einfach auf f6 ab und hat immer noch einen Bauern mehr) und 7.…Le7 8.Lxe7 Dxe7 9.Sxd4 Db4+ 10.Sc3 Dxc4 (10.…Dxb2 11.Sdb5) 11.Sxc6 bxc6 12.Da4 bereits zu einem für Weiß klar besseren Endspiel führt, hat sich der Zug 7.…Dd7 etabliert. Schwarz will sich nun mit …Sgxe5 den Bauern zurückholen, weswegen sich nun 8.e6!? anbietet, mit der Folge 8.…fxe6 nicht in Betracht kommt 8.…Dxe6? 9.Sxd4 +– 9.0-0 e5 10.Sbd2 h6 11.Lh4 Schwarz hat den Bauern wieder, dafür hat ihn Weiß in seiner Figurenentwicklung eingeholt oder sogar etwas überholt. Die Premiere verlief für den Nachziehenden ungünstig: 11.…Le7 12.Lxe7 Dxe7 13.Dc2 Df7 14.Se1! Beginn einer Invasion auf den weißen Feldern. 14.…0–0 15.Sd3 Kh8 16.b4 Lg4 17.Tae1 Tae8 18.b5 Sd8 19.Da4 Dies gewinnt bereits einen Bauern. Im Gegensatz zu den in diesem Gambit oft vorkommenden Stellungen hat Schwarz dafür keine Kompensation, vielmehr verschlechtert sich seine Stellung Zug um Zug. 19.…Df5 20.Se4 Dh5 21.f3 Le6 22.Tc1 Sf7 23.Dxa7 Lc8 24.Dc5 Sg5 25.Sdf2 Se6 26.Da3 b6 27.Lh3 Sgf4 28.gxf4 Sxf4 29.Lxc8 Sxe2+ 30.Kg2 Txc8 31.Sg3 Dg6 32.Tce1 d3 33.Txe2 dxe2 34.Te1 h5 35.Dd3 Dg5 36.Sh3 Dh6 37.Txe2 h4 38.Sf1 Tcd8 39.De4 Td4 40.Dxe5 Dg6+ 41.Dg5 Dd3 42.Dh5+ Kg8 43.Td2 Dxc4 44.Txd4 Dxd4 45.Sg5 Schwarz kämpft für eine verlorenen Sache. 45.…Dd3 46.Se3 Td8 47.Df7+ Kh8 48.Dh5+ Kg8 49.Df7+ Kh8 50.De6 Ta8 51.Kh3 Db1 52.Sf7+ Kg8 53.Sg5+ Kh8 54.a3 Dd3 55.Sf7+ Kh7 56.Sg5+ Kh8 57.Sg4 Tf8 58.Se5 Df1+ 59.Kg4 1:0

Damengambit D 09
A.Drejew – A.Rajetzki
Russische Liga Sotschi, 2005


1.d4 d5 2.c4 e5 3.dxe5 d4 4.Sf3 Sc6 5.g3 Sge7 6.Lg2 Sg6 7.Lg5 Dd7 8.e6 fxe6 9.0–0 e5 10.Sbd2 h6 11.Lh4 Manche neue und starke Ideen werden nicht genügend gewürdigt, weil sie von einem Elo-schwächeren Spieler angewandt wurden. Hier zum Beispiel ist der Weißspieler der ehemalige WM-Kandidat Alexej Drejew (Elo über 2700), der Schwarzspieler Alexander Rajetzki (oder Raetsky, wie er sich in seinem im Westen publizierten Buch über das Albin Gegengambit schreibt) „nur“ ein Internationaler Meister mit Elo um 2440). Doch wenn man sich die Partie richtig anschaut, sieht man bald, dass sich die Neuerung des nominell schwächeren Spielers gut bewährt hat. 11.…Lb4! Dieser neue Zug 11.…Lb4! birgt die Idee 12.a3 Lxd2! 13.Dxd2 (13.Sxd2 Sxh4 14.gxh4 ist ebenso ungünstig für Weiß.) 13.…e4 14.Se1 Sxh4. 12.Dc2 richtet sich gegen …e5-e4 und greift nebenbei den Springer g6 an 12.…Df7 13.Se4



13…Sxh4? Vorzuziehen war 13.…Lf5! mit guten Erfolgsaussichten für Schwarz, der nach dem Fehler 13.…Sxh4 langsam in eine Verluststellung schlittert, dann aber (mutmaßlich in beiderseitiger Zeitnot) „von der Schippe springt“. 14.Sxh4 Le7 15.f4 Lxh4 16.fxe5 De7 17.gxh4 Ld7 18.b4 0–0–0 19.Sc5 Dxe5 20.Da4 a6 21.Sxd7 Kxd7 22.Tf7+ Ke6 23.Taf1 De3+ 24.Kh1 Se5 25.Da5? Beiden Spielern ist der Gewinnzug 25.T7f4! mit Te4 als Folge entgangen. 25.…b6 26.Ld5+ Kd6 27.Da4 c6 28.Dxa6 Sxf7 29.Txf7 Thf8 30.Dxb6 Txf7 31.Dxd8+ Td7 32.c5+ Kxd5 33.Dxd7+ Kc4 34.Dxc6 Df2 35.Dg2 De1+ 36.Dg1 Dxe2 37.Dc1+ Kxb4 38.c6 d3 39.c7 d2 40.Db2+ Ka4 41.Dc2+ Kb5 42.Db1+ Ka4 43.c8D d1D+ 44.Dxd1+ Dxd1+ 45.Kg2 De2+ 46.Kg3 De3+ 47.Kg4 De2+ 48.Kg3 remis

Schon Rajetzkis Idee 11.…Lb4!? hat die Variante für Schwarz verbessert, noch mehr jedoch der Beitrag des namhaften Großmeisters und Trainers Rustam Kasimdzhanov.

Damengambit D 09
N.Witjugow – R.Kasimdzhanov
Keres Memorial rapid, Tallinn 2006


1.d4 d5 2.c4 e5 3.dxe5 d4 4.Sf3 Sc6 5.g3 Sge7 6.Lg2 Sg6 7.Lg5 Dd7 8.e6 fxe6 9.0–0 e5 10.Sbd2 h6 11.Lh4 Df7 12.a3 Lf5 13.Da4 Dd7



Eine gelungene Stellungtransformation. Schwarz nimmt das Feld e4 unter Kontrolle und kann bei Bedarf …Lh3 folgen lassen. Schwarz glich das Spiel aus und konnte sich in der Folge durchsetzen. 14.Sb3 Ld6 15.c5 Le7 16.Lxe7 Sgxe7 17.Sa5 0–0 18.Sxc6 Sxc6 19.Sd2 Kh8 20.b4 a6 21.Db3 Le6 22.Dd3 Lf5 23.Le4 Lxe4 24.Dxe4 Tad8 25.Tab1 De6 26.Tb3 Se7 27.Tf3 Sd5 28.Txf8+ Txf8 29.Sf3 Sc3 30.Dxe5 Sxe2+



31.Kg2?? Zeitnot. 31.…Sf4+ 32.Kg1 Dc6 – 0:1

In der nächsten (und letzten) Folge zum Thema Albins Gegengambit wird die nach dem momentanen Stand der Theorie und Praxis kritische Variante und die für Weiß beste Aufstellung vorgestellt und besprochen.

 


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Teil 137 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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