Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Ein Angriff „aus dem Stand“


Eigentümlicherweise wissen manche aktiven Schachspieler nicht um die Entstehungsgeschichte der Rochade, deren Vorläufer der sogenannte Königssprung war. Das Standardwerk "Meyers Schachlexikon" erläutert dies wie folgt:

"Um das Spiel zu beschleunigen und den König als Vorkämpfer seines Heeres ins Spiel zu bringen, gab man ihm im Mittelalter das Recht, einmal geradeaus auf die dritte Reihe zu springen und dabei die Königin mitzunehmen. Dieser Sprung ins übernächste Feld war also ursprünglich ein Angriffsmittel. Als nach der großen Schachreform am Ende des 15. Jh. die mächtige Dame und die langschrittigen Läufer auf dem Schachbrett erschienen, wurde daraus ein Verteidigungs- und Sicherungsmittel, die Rochade." In den meisten Eröffnungen entwickelt sich die erste Phase der Partie nach einem nahezu gleichen Szenario: Einige zentrumsnahe Bauern ziehen vor und machen Linien und Diagonalen frei, auf denen die Figuren ins Spiel gebracht werden. Eine besondere Rolle spielt dabei die Rochade, mit der gleichzeitig eine Figur mobilisiert wird (der Turm rückt zur Brettmitte) und eine andere, der König, die potenziell gefährliche Zone verlässt. Wegen dieser Doppelfunktion wird die Rochade geschätzt und in der Praxis oft bei sich bietender Gelegenheit ausgeführt.

Verbreitet rochieren beide Seiten in schneller Folge nacheinander und auch das macht oft Sinn. Doch in einer bestimmten Gruppe von Stellungen erweist es sich als sinnvoll, die eigene Rochade etwas zurückzustellen und den Umstand zu nutzen, dass sich die Gegenseite schon festgelegt hat, und man greift unverzüglich ihren König an. Dies ist auch das Thema der Rubrik "SCHACHSCHULE 64" in dieser Ausgabe.

Der Entdecker des in dieser Trainingsfolge besprochenen Konzepts war wahrscheinlich der italienische Schachmeister Giulio Cesare Polerio (1570-1610), der nicht nur ein spielstarker Praktiker war, sondern auch in seinen zahlreichen Schachmanuskripten die ersten Beiträge zur Schachtheorie leistete.

Italienisch C 53
G. Saduleto - G. Polerio
Rom 1590


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 Dies sind die Grundzüge der Italienischen Partie, in der oft eine schnelle Öffnung des Zentrums mit c3 nebst d4 folgt. In der vorliegenden Partie präsentierte Polerio ein für die damalige Zeit revolutionäres Konzept. 4. c3 De7 5. 0-0 d6 6. d4 Lb6 Schwarz hält das Zentrum geschlossen, belässt seinen König auf e8 und steht bereit, bei günstiger Gelegenheit mit …h6 und …g5 aktiv zu werden. 7. Lg5 Sf6 8. d5 Sb8 9. Sbd2 Lg4 10. Dc2 h6 11. Lh4 g5 12. Lg3 a6 13. b4 Sbd7 14. a4 Sf8 15. a5 La7 16. b5 Sg6 17. bxa6 bxa6 18. Lxa6 Lxf2+ 19. Txf2 Txa6 20. Dd3 Ta8 21. Db5+ Kf8



Polerio war seiner Zeit voraus. Er erkannte, dass der weiße Freibauer auf der a-Linie keineswegs eine Bedrohung darstellt, sondern eher zur Schwäche neigt, z. B. 22. a6 Kg7 23. a7 c5! 24. dxc6 (Oder 24. Db6 Thd8 nebst …Td7) 24. …Txa7, gefolgt von …Tc8. Weiß hätte deshalb 22. Tff1 Kg7 23. Tfb1 spielen sollen, mit verteilten Chancen nach 23. …Ld7. Er spielte aber 22. Db7?! Kg7 23. a6? Thb8 24. Dc6 Ta7 Hier endet die Aufzeichnung der Partie (vgl. MegaBase 2019). Vielleicht ging sie noch weiter, vielleicht gab Weiß aber auch hier schon auf, denn er wird nach dem folgenden …Tb6 und …Ld7 den Bauern a6 einbüßen.– 0:1

Warum wurde dieses wunderbare strategische Konzept nicht nachgeahmt? Weil in jener Zeit kaum jemand davon erfuhr. "Das erste gedruckte Schachbuch ist der Lucena von 1497, der neben zahlreichen Kompositionen auch die modernen Regeln erklärt und einige Partien enthält", so Harry Schaack in karlonline.org/115_3. Das Werk war aber ungeeignet, die Entwicklungen im Bereich der Eröffnungen zu verfolgen. Das wurde erst später zur Domäne von Schachmagazinen. 1836 erschien in Paris die erste Schachzeitschrift "Le Palamède", der rasch weitere folgten. Das Zeitalter der Schachinformation begann, wenn auch noch in einem bescheidenen Rahmen, aber immerhin. Innerhalb nur weniger Jahre wurden in verschiedenen Ländern Partien zu unserem Thema gespielt, die erste anno 1851.

Spanisch C 65
J. Löwenthal - A. Anderssen
9. Matchpartie, London 1851


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. d3 Lc5 5. 0-0 Sd4 6. Sxd4 Lxd4 7. c3 Lb6 8. Lg5 h6 9. Lh4 c6 10. Lc4 g5 11. Lg3 d6 Wie einst bei Polerio. Zentrum gesichert, der Bauernvormarsch am Königsflügel kann beginnen. 12. h3 h5 13. d4 h4 14. Lh2 De7



Nochmalige Zentrumssicherung. Bis heute gilt der Grundsatz, für erfolgreiche Flügelangriffe ist ein stabiles Zentrum eine wichtige Voraussetzung. Nun droht der Durchbruch …g5-g4. Dieser hätte mit 15. f3 gestoppt werden können und müssen, wenngleich Schwarz auch dann mit …Sh5-f4 etwas Vorteil behaupten kann. Nach dem Partiezug 15. Sd2? wird Weiß überrannt. 15. …g4 16. dxe5 dxe5 17. hxg4 Sxg4 18. Le2 Tg8 19. Sc4 Lc7 20. Dd2 b5 21. Se3 Dg5 22. Lxg4 Lxg4 23. f3 Lb6 24. Tae1 Td8 25. Df2 Lh3 26. f4 Dxg2+ 27. Dxg2 Lxe3+ 28. Txe3 Txg2+ 29. Kh1 Txh2+ 30. Kxh2 Lxf1 0:1

Der Weißspieler Johann Jakob Löwenthal (1810-1876) war ungarischer Schachmeister, der nach der Revolution von 1848 Ungarn verlassen musste, als Berufsspieler am Londoner Turnier 1851 teilnahm, verschiedene Turniersiege errang, aber Wettkämpfe gegen Anderssen und Morphy verlor.

Der Sieger Adolf Anderssen aus Breslau war der erste Deutsche, der zeitweise der beste Schachspieler der Welt war und in seiner Karriere wiederholt das hier gezeigte Angriffsmotiv umsetzte.

Im 19. Jahrhundert waren die Schachcafés ein Versammlungsort von zumeist nicht vereinsgebundenen Schachspielern und bescheidene Einnahmequelle von Berufsspielern.

Spanisch Partie C 64
J. Arnous de Riviere - I. Kolisch
Paris 1860


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Lc5 4. 0-0 Sd4 5. Sxd4 Lxd4 6. c3 Lb6 7. d4 c6 8. La4 Sf6 9. Lc2 De7 10. Lg5 d6 11. Sd2 h6 12. Lh4 g5 13. Lg3 h5 14. dxe5 dxe5 15. Sc4 Lc7



16. h4? Weiß rettet seinen Läufer vor dem Anschlag …h5-h4, erkennt aber nicht die zweite, weniger offensichtliche Gefahr. Wie schon im letzten Beispiel ist der Sicherungszug 16. f3! erforderlich. Die Strafe folgt auf dem Fuße: 16. …b5 17. Se3 Sg4! Mit der Idee 18. hxg5 Sxe3 19. fxe3 Dxg5 20. Df3 Le6 21. Le1 0-0-0 und …Tg8, mit einem kaum auszuhaltenden Angriff auf der g-Linie. 18. Sxg4 hxg4 19. hxg5 Dxg5 20. Te1 La6 21. Lb3 Td8 22. Dc2 Dh6 23. Kf1 Td2 Droht …Dh1 matt und gewinnt deshalb die Dame. – 0:1

Der aus Preßburg stammende Schachmeister Ignaz Kolisch lebte zu dieser Zeit in Paris. Ab 1860, als er ein Match über zehn Partien gegen Anderssen unentschieden hielt, zählte er zu den besten Spielern seiner Generation. Gegner wie der o. g. Franzose Jules Arnous de Riviere konnten ihm keinen ernsthaften Widerstand entgegensetzen.

In London war Grand Divan sehr bekannt, wo die folgende Partie gespielt wurde.

Wiener Partie C 25
A. Simons - S. Boden
London Grand Divan 1853


1. e4 e5 2. Sc3 Lc5 3. Sf3 De7 Ein ungewöhnlicher Zug, der jedoch nicht direkt widerlegt werden kann. Nach 4. Sd5 Dd8 5. Lc4 c6 6. Sc3 De7 holt sich Schwarz die beiden verlorenen Tempi wieder zurück. 4. Lc4 c6 5. 0-0 d6 6. Sa4?! Das geradlinige 6. d4 ist besser. 6. …b5 7. Sxc5 bxc4 8. Sa4 Lg4 9. d3 Sf6 10. Sc3 cxd3 11. cxd3 Sbd7 12. Lg5 h6 13. Lh4 g5 14. Lg3 Sh5 15. Da4?! Besser ist 15. h3, wonach der schwarze Läufer verschwinden (15. …Lxf3 16. Dxf3) oder sich nach e6 zurückziehen muss. 15. …Tc8 16. Tac1 Lxf3 17. gxf3 Sc5 18. Dc4 Sf4



19. Lxf4? Der entscheidende Fehler. Weiß hat nicht erkannt, dass er in der Folge die beiden "Achillesfersen" (f3 und g2) nicht gleichzeitig wird verteidigen können. 19. …gxf4 20. Kh1 Dh4 21. Se2 Dh5 22. Sg1 Tg8 und wegen des kommenden …Dg2 matt – 0:1

Im Jahre 1862 wandte auch ein weiterer Weltklassespieler das hier besprochene Motiv an, der spätere Weltmeister Wilhelm Steinitz.

Die Fesselung Lg5 ist mal gut, mal nicht.



Italienisch C 50
S. Dubois - W. Steinitz
London 1862


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. 0-0 Sf6 5. d3 d6 6. Lg5 Als wirkungsvoll zeigt sich die Fesselung nach einer bereits erfolgten kurzen Rochade von Schwarz: 6. …0-0?! 7. Sc3 h6 8. Lh4 g5 9. Sxg5!? mit beträchtlichen Angriffschancen für Weiß. Hat aber Schwarz noch nicht rochiert, wird der Läufer g5 nur gejagt: 6. …h6 7. Lh4 Das kleinere Übel ist 7. Lxf6. 7. …g5 8. Lg3 h5!



In dem Werk von Tartakower & du Mont, 500 Master Games of Chess, wird auf die folgende fantasievolle Variante eingegangen: 9. Sxg5 h4! 10. Sxf7 hxg3!! 11. Sxd8 (11. Sxh8 Lg4 12. Dd2 Dd7, drohend …Dh7) 11. …Lg4 12. Dd2 Sd4 (droht …Se2+) 13. h3 (zum Matt führt 13. Sc3 Sf3+ 14. gxf3 Lxf3) 13. …Se2+, und Schwarz gewinnt die Dame mit Vorteil zurück. 14. Kh1 scheitert an 14. …Txh3+ 15. gxh3 Lf3 matt.

In der vorliegenden Partie geschah 9. h4 Lg4 10. c3 10. hxg5 h4 11. Lh2 Sh7 nebst …Sxg5. 10. …Dd7 11. d4 exd4 12. e5 dxe5 13. Lxe5 Sxe5 14. Sxe5 Df5 15. Sxg4 hxg4 16. Ld3 16. hxg5 0-0-0! 17. gxf6 Dh5 -+. 16. …Dd5 17. b4 0-0-0! Idee 18. bxc5 Txh4 und …Tdh8-h1. 18. c4 Dc6 19. bxc5 Txh4 20. f3 Tdh8 21. fxg4 De8 22. De2 De3+ 23. Dxe3 dxe3 24. g3 Th1+ 25. Kg2 T8h2+ 26. Kf3 Txf1+ 27. Lxf1 Tf2+ 28. Kxe3 Txf1 und die Fesselung auf der Grundreihe erwies sich als schicksalhaft. 29. a4 Kd7 30. Kd3 Sxg4 31. Kc3 Se3 Auf 32. Kb2 entscheidet 32. …Sxc4+ 33. Ka2 Tf3. 32. Ta2 Txb1 33. Td2+ Kc6 34. Te2 Tc1+ 35. Kd2 Tc2+ 36. Kxe3 Txe2+ 37. Kxe2 f5 – 0:1

Weitere schöne Beispiele mit diesem Motiv werden in der nächsten Ausgabe veröffentlicht.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 111 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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