Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Wenn zwei Bauernpaare aufeinanderprallen…

Teil 136: Albins Gegengambit, kurz und unvoreingenommen „beschnuppert“


Unter den vielen Schacheröffnungen gibt es nur zwei ernstzunehmende, in denen bereits nach jeweils zwei Zügen zwei Bauernpaare aufeinandertreffen. Dazu zählt die Variante 1.d4 d5 2.c4 c5, der in der Juli-Ausgabe eine eigenständige Folge der Trainingsserie „SCHACHSCHULE 64“ gewidmet wurde, und 1.d4 d5 2.c4 e5, die unter Umständen gar keinen Namen bekam, weil sie im Falle von 3.e3 exd4 4.exd4 per Zugumstellung zu anderen Eröffnungen überleitet. Eine „Taufe“ erfolgte nach den Zügen 3.dxe5 d4



Ab hier heißt das „Kind“ Albins Gegengambit. In dem Beitrag in der letzten Ausgabe stand die sogenannte „Lasker-Falle“ im Vordergrund, die wir jetzt nur kurz in Erinnerung rufen: 4.e3?! Lb4+ 5.Ld2 dxe3 6.Lxb4? exf2+ 7.Ke2 (7.Kxf2 Dxd1) 7. …fxg1S+! mit Figurengewinn nach dem noch besten Zug 8.Ke1.

8.Txg1?? Lg4+ kostet noch viel mehr Material. Dieser „GAU“ hat sich bis jetzt in 62 veröffentlichten Partien ereignet.

Dieser Eröffnungsreinfall sowie Laskers famoser Sieg gegen drei sich beratenden Gegnern (vgl. letzte Ausgabe, S.25 rechts) sorgten für Furore, doch dann legte sich die Begeisterung für Albins Gegengambit wieder. Für Abkühlung sorgten insbesondere zwei historische Partien aus den Jahren 1906 und 1908. In der ersten sehen wir den englischen Meister Amos Burn als Weißspieler, die „Gambit-Seite“ vertrat der deutsche Meisterspieler Paul Saladin Leonhardt, geboren 13.11.1877, gestorben am 14.12.1944, während einer Schachpartie bei der Königsberger Stadtmeisterschaft.

Damengambit D 09
A.Burn – P.S.Leonhardt
Ostende 1906


1.d4 d5 2.c4 e5 3.dxe5 d4 4.Sf3 Sc6 Und nun nicht 5.e3?! Lb4+ 6.Ld2 dxe3!!, was wir bereits kennen, sondern eine ruhige Entwicklung des Königsflügels mit 5.g3 Le6 6.Sbd2 Dd7 7.Lg2 Lh3 8.0-0 Weiß hat keine Angst um seinen König. Hierfür gäbe es nur dann einen Grund, wenn es dem Schwarzspieler gelänge, mit …Le7 nebst …h5-h4 und …hxg3 die h-Linie zu öffnen, aber diese Idee geht nicht auf. 8.…Le7 9.a3 Lxg2 Falls wie erwähnt 9.…h5, so 10.Lxh3 Dxh3 11.Se4 h4 12.Lf4 hxg3 13.fxg3 0–0–0 14.Sf2 mit sicherer Stellung für Weiß. 10.Kxg2 a5 11.b3 h5 12.h4 Sh6 13.Se4 Sg4 14.Lf4



„Amos Burn pflegte einen eher defensiven Stil und galt als Anhänger der von Steinitz formulierten Prinzipien des Positionsspiels,“ steht treffend in der Wikipedia. Die vorliegende Partie stützt diese Einschätzung. Die weiße Stellung wirkt wie eine Betonmauer, gegen die Schwarz erfolglos anrennt.

14.…Df5 15.Dd3 Dg6 16.Seg5 Dxd3 17.exd3 Lxg5 18.hxg5 0-0 19.Th1 g6 20.The1 Tae8 21.Te4 Te6 22.Tae1 Tfe8 23.T1e2 Td8 Jetzt beseitigt Weiß noch den Bauern d4 und kann dann mit f2-f3 den vergaloppierten Rappen abholen. 24.b4! axb4 25.axb4 Sxb4 26.Sxd4 Tee8 27.f3 Sxd3 28.fxg4 Sc5 29.gxh5 Sxe4 30.Txe4 gxh5 31.Kf3 c6 32.Le3 Ta8 33.Sf5 b5 34.Sd6 Te6 35.cxb5 cxb5 36.Kf4 Ta1 37.Tb4 Ta4 38.Lc5 Te7



Positionell ist die Partie schon entschieden. Zum Schluss führt der weiße König persönlich den Endspurt an. 39.Ke4 Tc7 40.Kd5 Txb4 41.Lxb4 Tc1 42.g6 fxg6 43.e6 Tc7 44.Sxb5 Tb7 45.Kc6 Tb8 46.Ld6 Ta8 47.Sc7 Tb8 48.Kd7 Kh7 49.Lf4 – 1:0

Für die zweite kalte Dusche in Albins Gegengambit sorgte Paul Johner (1887-1938), sechsmaliger Schweizer Landesmeister, davon dreimal gemeinsam mit seinem Bruder Hans und wie dieser Teilnehmer an vielen Schacholympiaden. Anno 1908 war Paul Johner noch nicht so hoch dekoriert, aber bereits ein sehr ernstzunehmender Spieler, der auch den Spitzenspielern jener Zeit gefährlich werden konnte.

Damengambit D 09
P.Johner – F.Marshall
Internationales Schachturnier Wien 1908


1.d4 d5 2.c4 e5 3.dxe5 d4 4.Sf3 Sc6 5.Sbd2 Lg4 6.g3 Dd7 7.Lg2 0-0-0 8.a3 Sge7 9.b4 Sg6 10.Lb2 Scxe5 11.0–0 11.Sxd4?? verbietet sich wegen …Sd3+ 12.Kf1 (12.exd3 Lxd1) 12.…Sxb2 13.Dc2 Dxd4 und 11.Lxd4?? wiederum wegen …Lxf3 12.Sxf3 Sxf3+ 13.Lxf3 Dxd4. 11.…Le7 12.Sxd4



Spätere Analysen verweisen auf die Notwendigkeit des Zuges …Lh3. Frank Marshall, der in die Geschichte als ein geschickter Fallensteller (am Brett, versteht sich!) einging, tappte hier selbst in ein aufgespanntes Fangeisen.

12.…Sd3? 13.Lc3! Zwar konnte Weiß den Springer nicht gut schlagen und er kann es auch weiterhin nicht, aber der schwarze Springer kann trotzdem nicht gerettet werden. Wäre Weiß am Zug, so gewänne f2-f3 eine der beiden verirrten schwarzen Leichtfiguren. Gut, Schwarz ist am Zug, steckt aber trotzdem tief im Schlamassel. 13.…Sde5 verliert ja nach 14.f4 Sc6 15.Sxc6 bxc6 16.Da4 (droht Lxc6) 16.…Kb7 17.Db5+. Also opferte Marshall mangels Alternative den Springer auf diese Weise: 13.…Sdf4 14.gxf4 Sxf4 15.S2f3 Lh3 droht …Dg4 16.Se5! verhindert …Dg4 und bedroht zugleich die schwarze Dame 16.…Dd6



17.e3!! Der Ausheber. 17.…Lxg2 scheitert an 18.Dg4+ Kb8 19.Tfd1 (droht Sdc6+ mit Damengewinn) 19.…Dxe5 (19.…Ka8 20.exf4 Lc6 21.Sdxc6 +–) 20.Sc6+ Lxc6 21.Lxe5 Se6, und Schwarz hat für die Dame nur zwei Leichtfiguren. Wahlweise 17.…Sxg2 18.Df3! Le6 19.Sb5 Da6 20.Dxg2 mit einer Mehrfigur für Weiß. In der Partie geschah 17.…Sxg2 18.Df3 Ld7 19.Sf5! mit der Idee 19.…Lxf5 20.Dxf5+ Kb8 21.Kxg2, wieder mit einer Figur mehr. Marshall versuchte noch 19.…Sh4 20.Sxd6+ cxd6 21.Dxf7 dxe5 22.Dxe7 Sf3+ 23.Kg2 Lc6 worauf auch das simple 24.b5 gewinnt. Johner gefiel eine andere Gewinnvariante noch besser: 24.Tfd1 Tde8 25.Dc5 Sg5+ 26.f3



Mr.Marshall, damals ein Star am Schachbrett, fiel das Aufgeben sichtlich schwer. 26.…Kb8 rettet den Läufer c6 vor dem Anschlag b4-b5, dann aber folgt 27.Lxe5+ Ka8 28.Ld4 Lxf3+ 29.Kf1 (droht Dxa7 matt) 29.…b6 30.Dxg5, und Weiß hat eine Dame mehr! Es folgte noch 26.…Thf8 27.b5 Se6 28.Dxf8 Txf8 29.bxc6 Tf5 30.cxb7+ Kxb7 31.Td5 1:0

Nach diesem eindrucksvollen Doppelschlag wurde das Albin Gegengambit nur noch selten angewandt. Dies war aber auch der geänderten „Mode“ geschuldet. Es war das Zeitalter der „hypermoderne Schachschule“. Deren Verfechtern kam es vor allem auf den Nachweis an, dass man das Zentrum nicht mit Bauern besetzen müsse, sondern auch durch Leichtfiguren, insbesondere Läufer in Fianchettostellung, kontrollieren und durch Flankenangriffe der Bauern unterminieren könne. „Wie soll man die alten Gambits spielen, wenn die Leute jetzt dauernd 1.Sf3 nebst g2-g3 und Lg2 spielen und das offene Zen­trum wie einen offenen Gully meiden“, klagte ein Prager Meister. Und dann folgte noch die Ära der Indischen Eröffnungen (bevorzugte Entwicklung für Schwarz …Sf6 nebst …g6), auch danach konnte man kein Bauernopfer à la Albin anwenden. Kurzum, vom „Albin“ konnte man fast ein halbes Jahrhundert lang nur wenig sehen, und wenn überhaupt, dann eher im Zusammenhang mit „Jugendsünden“ der später berühmten Spieler.

Damengambit D 09
W.Unzicker – L.Schmid
Heidelberg 1949


1.d4 d5 2.c4 e5 3.dxe5 d4 4.Sf3 Sc6 5.Sbd2 Le6 6.g3 Sge7 7.Lg2 Sg6 8.0–0 Dd7 9.Da4 Le7 10.a3 Sgxe5 11.Sxe5 Sxe5 12.Dxd7+



12.…Kxd7?? Das viel kleinere Übel war 12.…Lxd7 13.Lxb7. 13.f4 mit Figurengewinn 13.…Sxc4 14.f5 Ld5 15.Lxd5 Se3 16.Lxb7 Sxf1 17.Kxf1 Tab8 18.La6 c5 19.Lc4 Tb6 20.Sf3 – 1:0

Beide Kontrahenten gehörten später zu den tragenden Säulen der Deutschen Schachnationalmannschaft. Unzicker war Rekordnationalspieler, Lothar Schmid erfolgreicher Nahschach- und Fernschach-Großmeister. Zu diesem Zeitpunkt jedoch, als dieser Partie gespielt wurde, war er von seiner späteren Spielstärke noch weit entfernt, genauso wie Albins-Gegengambit von seiner späteren Popularität.

Diese nahm ihren Anfang zu Beginn des 21.Jahrhunderts, als 2001 der Schachclub Staunton in der holländischen Stadt Groningen ein Thematurnier (Staunton CC Albin Thema) organisierte. „Das war eine einzigartige Gelegenheit, zu beobachten, wie starke Spieler diese Eröffnung, die als unklar gilt und gewöhnlich nur auf Clublevel gespielt wird, mit Weiß und mit Schwarz behandeln. Wenn die Partien das Ansehen des Gambits auch nicht sehr verbesserten, boten sie doch zahlreiche neue theoretische Einblicke in verschiedene Varianten des Gambits und auch mögliche Verbesserungen für das schwarze Spiel“, so Peter Schreiner in seiner sehr guten Besprechung der CD Albins Gegengambit von Luc Henris (ISBN: 3-935602-81-2) vom Dezember 2003, auf der Seite des SC Leinzell.

In gleichen Jahrzehnt sind drei weitere Publikationen zum Thema „Albins Gegengambit“ erschienen. Welche und wie sie die weitere Entwicklung des Gambits beeinflusst haben, ist das Thema der nächsten Folge.

 


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Teil 136 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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