Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Wenn zwei Bauernpaare aufeinanderprallen…

Teil 135: Albins Gambit, kurz und unvoreingenommen „beschnuppert“


In der letzte Folge dieser Trainingsserie stand eine ungewöhnliche Eröffnungsidee auf dem Programm. Bereits nach den Zügen 1.d4 d5 2.c4 c5 kam es nicht nur zum ersten „Feindkontakt“, sondern es ergaben sich mehrere Schlagmöglichkeiten. Eine so konzipierte Eröffnung erweckt zunächst kein Vertrauen, doch die in dem erwähnten Beitrag aufgeführte Partie zwischen dem Weltmeister Carlsen und dem Topten-Spieler Mamedyarov endete remis. Moral der Geschichte: Möglicherweise wurde eine vermeintlich fragliche Eröffnungsvariante etwas voreilig aufs Abstellgleis gestellt.

In der vorliegenden Ausgabe steht ebenfalls eine ungewöhnliche Variante auf dem Prüfstand, in der wieder zwei Bauernpaare früh die Kampfzone betreten. Sie entsteht nach den Eröffnungszügen 1.d4 d5 2.c4 e5.

Der letzte Zug überrascht manch versierten Spieler oder Spielerin, denn in der Praxis wird zumeist anders verfahren. Entweder wird der angebotene Bauer geschlagen (2.…dxc4), das nennt man das angenommene Damengambit, oder Schwarz entscheidet sich für die Sicherung der Zentrumsstellung durch die Bauernzüge 2.…c6 oder 2.…e6. Mit dem Zug 2.…e5 wird das Visier geöffnet. Nichts wird gesichert, sondern geöffnet. Und wie? Da Weiß nach dem Schlagen 3.cxd5 Dxd5 kein Material gewonnen und nur die gegnerische Dame ins Spiel gebracht hat, trifft man in der Spielpraxis fast ausschließlich auf 3.dxe5, wonach Schwarz mit 3.…d4 fortfahren und um den Preis eines Bauern das gegnerische Spiel etwas einengen kann.



In der gängigen Schachliteratur wird sie Albins Gegengambit genannt, die dazugehörende Eröffnungskennziffer lautet D 08.

Der bis nach d4 vorgedrungene schwarze Bauer verhindert die natürliche Entwicklung des weißen Damenflügels mit Sc3. Dies kann mitunter den Anziehenden nervös machen und ihn zu 4.e3?! verleiten. Das ist zwar noch nicht der Verlustzug, aber der erste Schritt zum Abgrund. Schwarz antwortet 4.…Lb4+ und nach 5.Ld2 dxe3



Der Nachziehende steht bereits gut, man sehe 6.fxe3 Dh4+ 7.g3 De4 8.Sf3 Lxd2+ 9.Sbxd2 Dxe3+.

Vor vielen Jahren ereignete sich in der obigen Diagrammstellung ein GAU: 6.Lxb4? exf2+ 7.Ke2 (7.Kxf2 Dxd1)



7.…fxg1S+! mit Figurengewinn nach 8.Ke1, denn 8.Txg1?? Lg4+ kostet noch viel mehr Material. So geschehen in vielen Partien, zuallererst angeblich in der Partie zwischen Roger Biever und Raymond Cassidy, gespielt bei der U20-Jugendweltmeisterschaft 1959 Münchenstein-Basel, zu finden in der Datenbank MegaBase 2021. Ein dort nicht namentlich angegebener Kommentator konnte sich die folgende Anmerkung (zu 4.e3) nicht verkneifen: „Dass diese sofortige Befragung des Bd4 falsch ist, steht schon in jedem Lehrbuch. Peinlich, wenn man um eine solche Erfahrung ausgerechnet in einem Turnier um einen Weltmeistertitel reicher werden muss.“

Seit diesem Reinfall hat es sich schon herumgesprochen, dass die Variante mit 4.e3 nicht gut ist, dennoch kam sie in mehr als 200 weiteren Partien aufs Brett. In den meisten davon gingen bei Weiß nach …Lb4+ 5.Ld2 dxe3 die Warnlämpchen an, bei 62 jedoch immer noch nicht, und Schwarz verbuchte 59,5 Punkte! Schon war die Legende von einer Geheimwaffe geboren.

Wie ist die Variante überhaupt einzuschätzen? Der Reihe nach: Wie immer lernt man aus der Geschichte viel.

Seinen Namen erhielt dieses Gambit von Adolf Albin (1847-1920), Wiener Meister aus Bukarest, Theoretiker und Schachschriftsteller (1872 – Verfasser des ersten gedruckten Schachlehrbuchs Rumäniens), der um 1890 zuerst in einigen freien Partien die Eröffnungszüge 1.d4 d5 2.c4 e5 ausprobierte und damit Aufmerksamkeit erregte.

Die erste Partie gegen einen Kontrahenten von Rang und Namen endete jedoch für Albin schlecht. Nicht, weil sein Gambit nichts taugte, sondern weil der Weißspieler kein Geringerer als Emanuel Lasker war, zu diesem Zeitpunkt der zweitbeste Spieler weltweit, ein Jahr später bereits Weltmeister.

Damengambit D 08
E.Lasker – A.Albin
New York 1893


1.d4 d5 2.c4 e5 3.dxe5 d4 und nun geschah nicht 4.e3?, sondern der grundsolide Zug 4.Sf3 der den frisch erbeuteten Bauern e5 behauptet. Nach 4.…Sc6 wird mit 5.a3 auch noch das Schachgebot …Lb4 verhindert. 5.…Lg4 will sich mit …Lxf3 nebst Sxe5 den Bauern zurückholen. Dies ist nicht zwingend, möglich ist ja 6.Sbd2 (Idee …Lxf3 7.Sxf3), aber Lasker gilt nicht von ungefähr als der geistige Vater eines der wichtigsten Motive im modernen Schach: Rückgabe des Materials im Tausch gegen positionelle Vorteile. 6.h3 Lxf3 7.gxf3 Sxe5 8.f4 Sc6 9.Lg2 Dd7 10.b4 a6 11.Lb2 Die weißen Läufer wurden bestmöglich mobilisiert und die Figurenentwicklung gefördert. 11.…Td8 12.Sd2 Sge7 13.Sb3 Sf5 14.Dd3 Le7 15.Le4 Sd6 16.Sc5 Dc8 17.Lf3 0–0 18.Tg1 Se8 19.Sb3 Dd7 20.0-0-0



Weiß steht klar besser. Sein Turm g1 beherrscht die einzige halboffene Linie und vier seiner Figuren attackieren den Bauern d4, der fortan immer geschlagen werden kann und bei den Berechnungen ins Kalkül gezogen werden muss.

Erwähnenswert ist auch, dass Schwarz kein Gegenspiel hat, so verliert z.B. 20.…Dxh3? nach 21.Th1 die Dame oder setzt nach 21.…Dd7 22.Dxh7 matt. Schwarz versuchte noch 20.…Dd6 – eine Wiederholung des Motivs der Materialrückgabe im Tausch für positionelle Vorteile als Kompensation. Die weiße Initiative wuchs dann Zug um Zug: 21.Kb1! Dxf4 22.Tg4 Dh6 23.Lxc6 bxc6 24.Txd4 Td6 25.c5 Te6 26.Dxa6 Dxh3 27.T4d3 Dg2 28.Sd4 Tf6? Ein Fehler, jedoch in einer für Schwarz schon sehr schlechten Stellung. 29.Te3 Ld8 30.Sc2 Txf2 31.Txd8 1:0

Fünf Jahre später wurde ein Versuch unternommen, das Albin-Gambit zu rehabilitieren. Horatio Caro, 1862-1920, ein englischer Schachmeister der in Berlin lebte und Mitglied der Berliner Schachgesellschaft war, wählte in einer Partie gegen Siegbert Tarrasch, einen weiteren deutschen Weltklassespieler, diese Eröffnungszüge. Zwar verlor er, aber das lag nicht an der Eröffnung:

Damengambit D 08
S.Tarrasch – H.Caro
Wien 1898


1.d4 d5 2.c4 e5 3.dxe5 d4 4.e4 Sc6 5.f4 f6 6.exf6 Sxf6 7.Ld3 Sg4 8.a3 a5 9.Le2 Lc5 10.Lxg4 Dh4+ 11.g3 Dxg4 12.Dxg4 Lxg4 13.b3 d3 14.Lb2 Ld4 15.Lc3 0–0–0 16.Kd2 The8 17.h3 Lh5 18.e5 Lf7 19.Sf3 Lf2 20.g4 a4 21.Tf1 Lb6 22.f5 axb3 23.e6 Lxe6 24.fxe6 Txe6 25.Kd1 d2 26.Sbxd2 Td3 27.Tc1 Ted6 27.…Le3!? 28.Ke2 Te3+ 29.Kd1



Das Spiel ist ausgeglichen, doch Mr.Caro hätte nun mit 29.…La5! 30.Lxa5 Sxa5 mit verteilten Chancen fortfahren sollen. Es folgte jedoch 29.…Lc5? 30.Lb2 Ted3 31.Tc3 Txc3 32.Lxc3 Lxa3 33.Se5 Sxe5 34.Lxe5 Td3 35.Tf3+– Td7 36.Txb3 Lc5 37.Kc2 Te7 38.Lb2 Le3 39.Td3 Lg5 40.Td5 h6 41.Te5 Tf7 42.Se4 Ld8 43.Tf5 Te7 44.Kd3 c6 45.Tf7 g6 46.Txe7 Lxe7 47.Lg7 h5 48.gxh5 gxh5 49.Lf6 Kd7 50.Lxe7 Kxe7 51.c5 Ke6 52.Kd4 h4 53.Sf2 Kd7 54.Sd3 Kc7 55.Se5 b6 56.cxb6+ Kxb6 57.Sf3 Kb5 58.Sxh4 Kb4 59.Sf3 c5+ 60.Kd5 c4 61.h4 c3 62.Sd4 Ka3 63.h5 Kb2 64.h6 c2 65.Sxc2 Kxc2 66.h7 – 1:0

Ein Jahr später wurde das Gambit sozusagen geadelt. Emanuel Lasker, inzwischen Weltmeister, wandte es erstmalig an. Die Partie wurde als Beratungspartie gespielt,eine früher sehr beliebte Wettkampfform: Entweder spielten mehrere Meister zusammen gegeneinander, oder ein Meister setzte sich in einer Partie mit mehreren Gegnern auseinander. Eine Spezialform ist noch heute üblich: Leser einer Zeitung oder Zuschauer eines Fernsehsenders spielen gegen einen prominenten Meister, wobei der in einer bestimmten Zeit am häufigsten vorgeschlagene Zug wird ausgeführt. In der hier vorgestellten Partie führte Lasker die schwarzen Steine; von seinen drei Gegnern ist nur Blumenfeld bekannt geworden.

Damengambit D 08
Blumenfeld/Boyarkow/Falk – Lasker
Moskau 1899


1.d4 d5 2.c4 e5 3.dxe5 d4 4.e3 Lb4+ 5.Ld2 dxe3 Soweit alles vertraut, auch dass 6.Lxb4 exf2+ für Schwarz gewinnt. Das sich beratende Trio erkannte die Falle und setzte mit 6.Da4+ Sc6 7.Lxb4 fort. Offenbar rechneten die Konsultanten nun mit 7.…exf2+ 8.Kxf2 Dh4+ 9.g3 Dd4+ 10.Kg2 Dxb2+ 11.Le2 Dxa1 12.Sc3 gefolgt von Sf3 und Verfolgung der schwarzen Dame. Lasker spielte 7.…Dh4 und nun hätten die Weißspieler mit 8.g3 exf2+ 9.Kxf2 Dd4+ 10.Kg2 in die erwähnte Variante einlenken sollen. Ihre Wahl fiel jedoch auf 8.Se2? Dxf2+ 9.Kd1 Lg4 10.Sbc3 0-0-0+



Schwarz hat Oberwasser, z.B. 11.Kc2 (noch schlechter für Weiß ist 11.Kc1 De1+ 12.Kc2 Td2+ 13.Kb3 Dxa1 –+) 11.…Sd4+ 12.Kc1 Se7. In der Partie geschah 11.Ld6 cxd6 12.e6 mit Sperrung der d-Linie, gereicht hat es aber auch nicht. 12.…fxe6 13.Kc1 Sf6 14.b4 d5 15.b5 Se5 16.cxd5 Sxd5 17.Dc2 Sb4 18.Sd1+ Sxc2 19.Sxf2 Gut genug war nun 19.…Sxa1, aber 19.…Td2!! brach den Willen der Verteidiger. – 0:1
Schwarz gewinnt in jeder Variante, am schönsten nach 20.Sxg4 Sd3+ 21.Kb1 Sa3 matt.

Mit der weiteren Entwicklung des Albin-Gegengambits beschäftigt sich der Beitrag in der nächsten Ausgabe.

 


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Teil 135 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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