Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Wenn zwei Bauernpaare aufeinanderprallen…

Teil 134: Erfahrungen mit der Eröffnungsvariante 1. d4 d5 2. c4 c5




In der letzten Folge dieser Trainingsserie stand eine ungewöhnliche Eröffnungsidee auf dem Programm. Bereits nach den Zügen 1.d4 d5 2.c4 c5 kam es nicht nur zum ersten „Feindkontakt“, sondern es ergaben sich mehrere Schlagmöglichkeiten. Eine so konzipierte Eröffnung erweckt zunächst kein Vertrauen, doch die in dem erwähnten Beitrag aufgeführte Partie zwischen dem Weltmeister Carlsen und dem Topten-Spieler Mamedyarov endete remis. Moral der Geschichte: Möglicherweise wurde eine vermeintlich fragliche Eröffnungsvariante etwas voreilig aufs Abstellgleis gestellt.

In der vorliegenden Ausgabe steht ebenfalls eine ungewöhnliche Variante auf dem Prüfstand, in der wieder zwei Bauernpaare früh die Kampfzone betreten. Sie entsteht nach den Eröffnungszügen 1.d4 d5 2.c4 e5.

Der letzte Zug überrascht manch versierten Spieler oder Spielerin, denn in der Praxis wird zumeist anders verfahren. Entweder wird der angebotene Bauer geschlagen (2.…dxc4), das nennt man das angenommene Damengambit, oder Schwarz entscheidet sich für die Sicherung der Zentrumsstellung durch die Bauernzüge 2.…c6 oder 2.…e6. Mit dem Zug 2.…e5 wird das Visier geöffnet. Nichts wird gesichert, sondern geöffnet. Und wie? Da Weiß nach dem Schlagen 3.cxd5 Dxd5 kein Material gewonnen und nur die gegnerische Dame ins Spiel gebracht hat, trifft man in der Spielpraxis fast ausschließlich auf 3.dxe5, wonach Schwarz mit 3.…d4 fortfahren und um den Preis eines Bauern das gegnerische Spiel etwas einengen kann.



In der gängigen Schachliteratur wird sie Albins Gegengambit genannt, die dazugehörende Eröffnungskennziffer lautet D 08.

Der bis nach d4 vorgedrungene schwarze Bauer verhindert die natürliche Entwicklung des weißen Damenflügels mit Sc3. Dies kann mitunter den Anziehenden nervös machen und ihn zu 4.e3?! verleiten. Das ist zwar noch nicht der Verlustzug, aber der erste Schritt zum Abgrund. Schwarz antwortet 4.…Lb4+ und nach 5.Ld2 dxe3



Der Nachziehende steht bereits gut, man sehe 6.fxe3 Dh4+ 7.g3 De4 8.Sf3 Lxd2+ 9.Sbxd2 Dxe3+.

Vor vielen Jahren ereignete sich in der obigen Diagrammstellung ein GAU: 6.Lxb4? exf2+ 7.Ke2 (7.Kxf2 Dxd1)



7.…fxg1S+! mit Figurengewinn nach 8.Ke1, denn 8.Txg1?? Lg4+ kostet noch viel mehr Material. So geschehen in vielen Partien, zuallererst angeblich in der Partie zwischen Roger Biever und Raymond Cassidy, gespielt bei der U20-Jugendweltmeisterschaft 1959 Münchenstein-Basel, zu finden in der Datenbank MegaBase 2021. Ein dort nicht namentlich angegebener Kommentator konnte sich die folgende Anmerkung (zu 4.e3) nicht verkneifen: „Dass diese sofortige Befragung des Bd4 falsch ist, steht schon in jedem Lehrbuch. Peinlich, wenn man um eine solche Erfahrung ausgerechnet in einem Turnier um einen Weltmeistertitel reicher werden muss.“

Seit diesem Reinfall hat es sich schon herumgesprochen, dass die Variante mit 4.e3 nicht gut ist, dennoch kam sie in mehr als 200 weiteren Partien aufs Brett. In den meisten davon gingen bei Weiß nach …Lb4+ 5.Ld2 dxe3 die Warnlämpchen an, bei 62 jedoch immer noch nicht, und Schwarz verbuchte 59,5 Punkte! Schon war die Legende von einer Geheimwaffe geboren.

Wie ist die Variante überhaupt einzuschätzen? Der Reihe nach: Wie immer lernt man aus der Geschichte viel.

Seinen Namen erhielt dieses Gambit von Adolf Albin (1847-1920), Wiener Meister aus Bukarest, Theoretiker und Schachschriftsteller (1872 – Verfasser des ersten gedruckten Schachlehrbuchs Rumäniens), der um 1890 zuerst in einigen freien Partien die Eröffnungszüge 1.d4 d5 2.c4 e5 ausprobierte und damit Aufmerksamkeit erregte.

Die erste Partie gegen einen Kontrahenten von Rang und Namen endete jedoch für Albin schlecht. Nicht, weil sein Gambit nichts taugte, sondern weil der Weißspieler kein Geringerer als Emanuel Lasker war, zu diesem Zeitpunkt der zweitbeste Spieler weltweit, ein Jahr später bereits Weltmeister.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 134 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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