Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Ein Beitrag für Optimisten und für Spieler, die es werden wollen

Teil 133: Verlust des Rochaderechts muss kein Beinbruch sein | Stellungen mit dem weißen König auf f1




Mit diesem Trainingsartikel setzen wir das Thema der Folgen 129 und 130 fort. Es geht erneut um die Minimierung des Schadens, der mit dem Verlust des Rochaderechts einhergeht und wie sich aus riskantem Vorgehen mitunter unerwartete Chancen ergeben können. Doch im Gegensatz zu den erwähnten Folgen, wo der schwarze König nach f8 oder f7 auswich, wird diesmal der weiße König früh an die frische Luft befördert. Dies geschieht nur selten, zu den Ausnahmen zählen einige Varianten des angenommenen Königsgambits, bisweilen in den etwas verwegenen Formen wie nach 1. e4 e5 2. f4 exf4 3. d4 Dh4+ 4. Ke2 (was nicht von ungefähr als "A crazy man's opening" bekannt wurde) und anderen Varianten, auf die wir in der Folge 131 eingegangen sind. Hier steht das Königsläufergambit im Mittelpunkt, das nach den Anfangszügen 1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Lc4 entsteht.



Auch in dieser Variante nimmt Weiß den Verlust des Rochaderechts in Kauf, nach 3. …Dh4+ 4. Kf1 steht der weiße König sicherer als auf e2. Der Anziehende lässt Sf3 mit Tempo- und Raumgewinn folgen. Kein Wunder, dass dieses Königsgambit bei den Spielern beliebt war bzw. ist, die ein kalkulierbares Risiko nicht scheuen, aber wohldosiert soll's bitteschön sein. So wie zum Beispiel weiland (1620) Gioachino Greco, der bedeutendste Schachmeister des 17. Jahrhunderts, der auf einer seiner vielen Reisen die folgende Partie spielte:

Königsgambit C 33
G. Greco - NN
(vermutlich) Italien 1620


1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Lc4 Dh4+ 4. Kf1 d6 5. Sf3 Lg4 6. d4 Dh6 7. g3 Dh3+ 8. Kf2 fxg3+? Besser war die Figurenentwicklung …Sf6 oder …Sc6. Grecos namenlos gebliebener Gegner ließ sich aber von 9. hxg3 Lxf3 verleiten. 10. Lxf7+! Kd8 10. …Kxf7 11. Dxf3+ mit Schach und Damengewinn. 11. Dxf3 Dd7 12. Txh7 Txh7 13. Lxg8 Th2+ 14. Kg1 Txc2 15. Dxf8+ De8 16. Lg5+ Kd7



17. Le6+! Die Hinlenkung - heute ein gängiges taktisches Motiv. 17. …Dxe6 18. Dd8+ Kc6 19. d5+ Dxd5 20. exd5+ Kxd5 21. Sc3+ Ke5 22. De8+ Kd4 23. De4+ Kc5 24. Le3 matt – 1:0

Königsgambit C 33
A. Anderssen-J. Blackburne
London 1862


1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Lc4 Dh4+ 4. Kf1 g5



Dieser Bauernzug gehört zu den früher ziemlich beliebten Ideen, die das Königsgambit in Frage stellten. Schwarz baut auf der Diagonale eine Mauer, um den weißen Läufer auszusperren. Der berühmte Meister Anderssen zeigt nun ein bis heute wirkungsvolles Gegengift: 5. Sc3 Lg7 6. d4 d6 7. e5! Le6 7. …dxe5 8. dxe5 Lxe5 verliert nach 9. Sf3 einen Läufer. 8. Le2 d5 9. g3 Dh6 9. …fxg3 10. Kg2 10. h4 fxg3 11. Kg2! Deckt den Turm h1 und ermöglicht hxg5. 11. …Dg6 12. hxg5 Se7 13. Lh5 Df5 14. Le3 Sg6 15. Sge2 Ld7 16. Dd2 Lc6 17. Taf1 Dd7 18. Sf4



Wie Sie sehen können, war der als Angriffskünstler (nicht zu Unrecht) gerühmte Anderssen auch (manchen meinem, vor allem) ein starker Stratege. Mit jedem Zug forcierte er die Entwicklung und harmonisierte seine Kräfte. Es drohte vor allem e5-e6. In der Folge setzte sich Weiß durch. 18. …Sxe5 19. De2! 0-0 20. Th3 Sa6 21. dxe5 d4+ 22. Kxg3 dxc3 23. Lg4 De7 24. Txh7 Lxe5 25. g6 Tae8 26. Dh2 Dg5? 27. Th8+ Kg7 28. Dh7+ Kf6 29. Kh3 und wegen 29. …Txh8 30. Sh5+ Ke7 31. Dxf7+ – 1:0

Königsgambit C 33
R. Charousek - E. Lasker
Nürnberg 1896


1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Lc4 d5 4. Lxd5 Dh4+ 5. Kf1 g5 6. Sf3 Dh5 7. h4 Lg7 8. Sc3 c6 9. Lc4 Lg4 10. d4 Sd7



11. Kf2! Ein typischer Zug in dieser Variante. Der weiße König hat sich lange genug auf dem sicheren Plätzchen f1 ausgeruht und will nun ins Geschehen eingreifen. Der Zug Kf2 verbindet die weißen Schwerfiguren und stellt die Drohung hxg5 auf. 11. …Lxf3 12. gxf3 0-0-0 13. hxg5 Dxg5 14. Se2 De7 15. c3 Se5 16. Da4 Sxc4 17. Dxc4 Sf6 18. Lxf4 Sd7 19. Da4 a6 20. Da5 Sf8 21. Sg3 Se6 22. Sf5 Df8 23. Lg3 Td7 24. Sxg7 Dxg7



25. De5 Ein bemerkenswertes Konzept. Es gab auch andere gute Züge, aber Charousek will dem damaligen Weltmeister keine Chance auf Gegenspiel geben. 25. …Dxe5 26. Lxe5 f6 26. …Tg8 27. Txh7 27. Lxf6 Tf8 28. Th6 Sf4 29. Ke3 Sg2+ 30. Kd2 Tdf7 31. e5 Sf4 32. Tah1 Tg8 33. c4 Se6 34. Ke3 Sf8 35. d5 Td7 36. e6 – 1:0

Eine souveräne Vorstellung des tschechisch-ungarischen Meisters Rudolf Charousek (1873-1900), der zu den größten Schachtalenten des 19. Jahrhunderts zählte. Er erlernte das Schachspiel erst mit 16 Jahren, mit 26 war er sogar dem Weltmeister gewachsen! Leider war ihm kein langes Leben beschieden; er starb 1900 an Schwindsucht. Gustav Meyrink formte in seinem Roman "Der Golem" eine seiner Figuren nach Charouseks Vorbild.

Auch der berühmte Bobby Fischer fand Gefallen an diesem Gambit. In den Annalen ist auch seine (wenig bekannte) Partie gegen einen elektronischen Gegner verzeichnet.

Königsgambit C 33
R. Fischer - Computer Greenblatt
Cambridge 1977


1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Lc4 d5 4. Lxd5 Sf6 5. Sc3 Lb4 6. Sf3 0-0 7. 0-0 Sxd5 8. Sxd5 Ld6 9. d4 g5



10. Sxg5! Dxg5 11. e5 mit der Pointe 11. …Le7 12. Lxf4 11. …Lh3 12. Tf2 Lxe5 13. dxe5 c6 14. Lxf4 Dg7 15. Sf6+ Kh8 16. Dh5 Td8 17. Dxh3 Sa6 18. Tf3 Dg6 19. Tc1 Kg7 20. Tg3 Th8 21. Dh6 matt – 1:0

Tja, das waren noch Zeiten, als man ein Schachprogramm so locker wegputzen konnte …

Zum Schluss noch eine andere Partie Bobby Fischers, diesmal gegen einen Gegner aus Fleisch und Blut.

Königsgambit C 33
R. Fischer - D. Minic
Vinkovci 1968


1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Lc4 Se7 4. Sc3 c6 5. Sf3 d5 6. Lb3 dxe4 7. Sxe4 Sd5



Flüchtig betrachtet, sieht die schwarze Stellung gut aus. Doch der Eindruck täuscht. Fischer entdeckte die Achillesferse des schwarzen Aufbaus: 8. De2 Le7 9. c4! Da 9. …Sf6 10. Sxf6+ gxf6 11. d4 für Schwarz nicht ernsthaft in Betracht kommt, muss sich der schwarze Springer nach b6 oder c7 zurückziehen und schon sieht die Stellung für Weiß viel freundlicher aus. 9. …Sc7 10. d4 0-0 11. Lxf4 Weiß hat den geopferten Bauern zurückgewonnen und erfreut sich an seinem Raumvorteil. Die Eröffnung endete gut für Weiß. 11. …Se6 12. Le3 Lb4+ 13. Kf2 Sd7 14. c5 Sf6 15. Sxf6+ Dxf6 16. Thf1 Sf4 17. Lxf4 Dxf4 18. g3 Dh6 19. Kg1



Bisher stand Minic nur etwas schlechter, er hätte nun mit …Le6 fortfahren sollen. Der Partiezug 19. …Lh3? sieht aktiv aus, doch Schwarz verschafft damit dem Gegner nur die Möglichkeit zu 20. Se5! Lxf1 21. Txf1 nun droht vernichtend Sxf7 21. …Ld2 ist ein kleiner Trick, auf sofort 22. Sxf7? entlastet sich Schwarz mit 22. …De3+. Aber 22. Tf3 verhindert dies und verwirklicht den entscheidenden Einschlag auf f7 nur eben etwas später. 22. …Tad8 23. Sxf7 Txf7



24. Lxf7+ ist gut genug, aber von einem Bobby Fischer darf man zu Recht mehr erwarten: 24. De7!! Schwarz muss seine Dame hergeben, sonst wird er mattgesetzt. – 1:0 In der Schlussbetrachtung (nächste Ausgabe) zu dieser Thematik werden die besten Ideen zur Bekämpfung dieses Gambits vorgestellt.



 


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Teil 133 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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