Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Ein Beitrag für Optimisten und für Spieler, die es werden wollen

Teil 131: Verlust des Rochaderechts muss kein Beinbruch sein | Stellungen mit dem schwarzen König auf f7 oder f8




Mit diesem Trainingsartikel setzen wir das Thema der beiden letzten Folgen fort. Es geht erneut um Minimierung des Schadens, der mit dem Verlust des Rochaderechts einhergeht und wie aus Risiken mitunter unerwartete Chancen entstehen können. Doch im Gegensatz zu der Folge 129 und 130, wo sich der schwarze König nach f8 oder f7 begeben hat, wird diesmal der weiße König früh an die frische Luft befördert. Dies geschieht selten, zu diesen Ausnahmen zählen die drei folgenden Abzweigungen des angenommenen Königsgambits. Kurz zu den Begriffen.

Nach den verbreiteten Eröffnungszügen 1. e4 e5 ist die ruhige Figurenentwicklung 2. Sf3 der meistgespielte Zug und das seit fast einem halben Jahrtausend. Auch die anderen Entwicklungszüge mit einer Figur 2. Lc4 (Läuferspiel) oder 2. Sc3 (Wiener Partie) haben ihre Anhänger, wenn auch deutlich weniger als 2. Sf3, wonach Weiß durch den Angriff auf den Bauern e5 als Erster mit aktiven Handlungen beginnt. Diese kann man aber auch mit 2. f4 einleiten, dem sogenannten Königsgambit, das zu den ältesten Eröffnungen gehört und bereits im Schachbuch von Lucena (1497) erwähnt und im Werk des Spaniers Ruy Lopez de Segura 1561 mit seinem Namen versehen wurde.

Weiß will den schwarzen Be5 aus dem Zentrum locken, um später mit d2-d4 mit seinen Bauern eine dominante Stellung im Zentrum zu erlangen. Schwarz hat die Wahl, das Gambit anzunehmen oder es abzulehnen und z. B. 2. …d6 zu spielen. Häufiger jedoch wird die Herausforderung angenommen 2. …exf4



Dies ist die Grundstellung des angenommenen Königgambits, in dem die Weißspieler oft mit 3. Sf3 fortfahren. Das ist nicht nur ein Entwicklungszug, sondern auch eine frühe Vorsichtsmaßnahme gegen das Schachgebot …Dh4+, nach dem Weiß das Rochaderecht einbüßt. Weiß muss das Schachgebot nicht fürchten, und er setzt lieber auf Raumgewinn.

Dies ist das Thema dieser Trainingsfolge, das sich nach nun 1. e4 e5 2. f4 exf4 verzweigt:

A crazy man's opening: 3. d4 Dh4+ 4. Ke2
Variante: 3. Sc3
Das Königsläufergambit: 3. Lc4

A) A crazy man's opening: 1. e4 e5 2. f4 exf4 3. d4 Dh4+ 4. Ke2



Der Zug 3. d4 ist die naheliegende Konsequenz des Gambits, Weiß bekommt sofort das ideale Bauernzentrum d4/e4, dafür muss sein König ins Freie flüchten. Manche den klassischen Schacheröffnungen verschriebene Schachfreunde qualifizieren eine solche Partieanlage ab.

Der englische Großmeister Simon Williams hat zwei DVDs zum Königsgambit aufgenommen und hat anlässlich eines Interviews (https://de.chessbase.com/post/spass-mit-dem-koenigsgambit) aus dem nachstehend einige Male zitiert wird, zahlreiche interessante Gedanken geäußert. Dr. Thorsten Heedt, ein versierter Schachspieler (u. a. zweimaliger Sieger der deutschen Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte) schrieb in seiner sehr guten Rezension unter anderem:

"Wie üblich schwelgt Simon Williams in Formulierungen, die zu kämpferischem Schach einladen sollen und verweist darauf, dass man die Eröffnung ja nicht spielen würde, sei man nicht bereit Risiken einzugehen. Im Detail analysiert er z. B. das superriskante Figurenopfer der Caveman-Variante, wo Weiß schon nach wenigen Zügen den Springer auf f3 opfert, um sofort Spiel gegen f7 zu erhalten. Wenn Schwarz sich nicht auskennt, kann er schnell untergehen. … Auf Großmeisterebene allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass es sich lohnt, diesen wüsten Angriffsversuch zu wagen. Jedenfalls schwört Simon Williams auf dieses Gambit und scheint damit schon manchen Erfolg eingefahren zu haben. Williams' Empfehlungen bestehen meist aus der Suche nach "long term compensation" oder, falls nicht vorhanden, dem Ausschauhalten nach "some dirty tactics". … Der Gipfel der Verrücktheit auf der DVD ist die Analyse von 1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Kf2?!

Das sind Züge, die wir eigentlich nie wieder auf dem Schachbrett sehen wollten, aber so was ist schon von manchem Witzbold wenigstens in Blitzpartien versucht worden. Williams zeigt auch hier das beste Vorgehen. Er sucht allerdings gar nicht immer den besten Zug - er will vor allem Spaß haben. Das unterscheidet die DVD von mancher anderen Großmeister-DVD. … Immer wieder weist er auf gefährliche Fallen hin und hilft uns, diese in Zukunft zu vermeiden. Er versucht letztlich eine Balance zwischen aggressiven und gesunden Varianten zu finden, was auch gelingt. Auch zeigt er uns Standardmanöver wie 1. e4 e5 2. f4 exf4 3. d4? Dh4+ 4. Ke2 De7! Die abschließenden Übungsaufgaben runden das Produkt ab. Aber trotz aller Scharfsinnigkeiten dieser DVD bleibt das Königsgambit wohl auf Dauer "a crazy man's opening".

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum. (Johann Wolfgang von Goethe, Faust 1) Schauen wir näher auf die Turnierpraxis und beginnen mit der Weltpremiere dieser Gambitversion, der Partie

Königsgambit C 33
S. Ensor - C. von Bardeleben
London 1883


1. e4 e5 2. f4 exf4 3. d4 Dh4+ 4. Ke2 d5 5. exd5



Schwarz, ein stärkerer, ja weltbekannter Spieler, verzichtete hier auf die (später vorkommende) Variante 5. …De7+! 6. Kf2 (erzwungen; 6. Kd2 De3 matt, 6. Kd3 Lf5+ 7. Kc3 Db4 matt) 6. …Dh4+ mit Zugwiederholung und Remis. Ausweichen kann Schwarz nur mit 7. g3?! fxg3+, was wenig Vertrauen erweckt.

5. …Ld6 6. c4 b6 7. Sf3 Lg4 8. Kd2 Lxf3 9. Dxf3 Sd7 10. a3 a5 11. Sc3 Se7 12. Kc2 0-0 13. Ld3 Sg6 14. Ld2 Df6 15. Se4 Dxd4 16. Lc3 De3 17. Dxe3 fxe3 Der Amateur hat die Eröffnung gut überstanden und kann nicht klagen. Im weiteren Verlauf war er jedoch seinem renommierten Gegner nicht gewachsen. 18. Tae1 Lf4 19. g3 Lh6 20. Ld4 Tae8 21. h4 Sge5 22. Lxe3 Sxd3 23. Kxd3 Se5+ 24. Kc3 Sf3 25. Lxh6! Sxe1 26. Txe1 f5 27. Sf6+ gxf6 28. Tf1 Tf7 29. Txf5 Te5 30. Tf3 f5 31. Td3 Te4 32. b4 axb4+ 33. axb4 Td7



34. Tf3? b5! Die weiße Bauernstruktur kollabiert augenblicklich. 35. Txf5 35. cxb5 Txd5 -+ 35. …Txc4+ 36. Kb3 Tf7 37. Tg5+ Kh8 38. Te5 Tf3+ 39. Ka2 Txg3 40. d6 cxd6 41. Txb5 Txh4 42. Lc1 Th2+ 43. Kb1 Tg1 44. Tb6 d5 45. Tc6 Th4 46. Tb6 Tc4 0:1

Königsgambit C 33
K. Shirazi - P. Van Hoolandt
Open Nizza 2001


1. e4 e5 2. f4 exf4 3. d4 Dh4+ 4. Ke2 d6 5. Sf3 De7 6. Sc3 Sf6 Selbst die größten Fans dieses Gambits bestreiten nicht, dass der weiße König auf e2 nicht gut steht, verweisen jedoch darauf dass ein schneller Umbau wie Kf2 nebst Lc4 und Te1 möglich ist. 7. Kf2 c6 8. Lxf4 Sxe4+ 9. Sxe4 Dxe4 10. Dd2 De7 11. Te1 Le6 12. d5! cxd5 13. Lb5+ Sc6 14. Sd4 Kd7 15. c4 Df6 16. Thf1 g5



17. Kg1!? Kamran Shirazi (geb. 1952) war ein starker Meister aus Teheran, der später in den USA lebte. Er spielte in dem Film "Searching für Bobby Fischer" mit und wurde dort als Großmeister tituliert, wohl in der Erwartung, dass ihm der Titel sowieso bald verliehen wird. Die Spielstärke dafür hatte er, aber es fehlten noch Normen. 17. …gxf4 18. Sxc6 bxc6 19. Lxc6+ Kxc6 20. cxd5+ Kd7 21. dxe6+ fxe6 22. Db4 Tc8 23. Txf4 Dd8?! Sichererer war 23. …Dg5. 24. Tf7+ Le7 25. Db5+ Tc6 26. Txe6 Te8 27. Df5 Kc7 27. …Db6+!? 28. Df6 Kd7 29. Te1 d5 30. Df5+ Kc7 31. Dxh7 Kd7 32. Df5+ Kc7 33. De5+ Td6 34. Txe7+ – 1:0

Der in der Rezension von Dr. Heeedt erwähnte Zug 4. …De7 ist in der Tat kritisch und mag der Grund sein, warum dieser Variante selten gespielt wird, Weißspieler wenden sich der Steinitz-Variante oder dem Königsläufer-Gambit zu.

Königsgambit C 33
Marta Bartel - Mateusz Bartel


1. e4 e5 2. f4 exf4 3. d4 Dh4+ 4. Ke2 De7



Im Duell des polnischen Ehepaars wurde die kritische Variante geprüft. Der Damenzug nach e7 hat einen wesentlichen Vorteil. Der Springerzug nach f3 erfolgt ohne einen Angriff auf die Dame h4, außerdem bekommt Weiß in manchen Abspielen Probleme mit dem e-Bauern.
5. Kf2 Sf6 6. Sc3 d6 7. h3 g5 8. Ld3 Sc6 9. Sge2 Lg7 10. Lb5 0-0 11. Tf1 Sxe4+ 12. Sxe4 Dxe4 13. c3 Lf5 14. Lxc6 bxc6 15. Sg1 Tfe8 16. Ld2 Tab8 17. b3 c5 18. Sf3 h6 19. Te1 Dd3 20. dxc5 dxc5 21. Txe8+ Txe8 22. Df1 c4 23. Dxd3 cxd3 24. Te1 Txe1 25. Kxe1 Le4 26. Kf2 f5 27. Sd4 Lxd4+ 28. cxd4 Kf7 29. h4 Ke6 30. hxg5 hxg5 31. Lc3 Lb7 32. La5 Kd6 33. Lb4+ Kd5 34. Le7 g4 35. Lg5 Ke4 36. Lf6 g3+ 0:1

Variante 1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Sc3

Ähnlich wie bei dem sofortigen 3. d4 lässt Weiß den König nach e2 treiben, behält aber mehr Einfluss auf das zentrale Feld d5.

1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Sc3 Dh4+ 4. Ke2 So weit geschehen u. a. in der E-Mail-Partie Michel Van der Kemp vs. Terry Godat (2010), ausführlich erläutert in Daniel Kings Kolumne "Test & Training". Die weitere ging mit 4.…g5. GM King schreibt dazu: "Schwarz spielt den typischen Zug im Königsgambit, um den Bauern f4 zu decken, aber die Bauernkette ist anfällig für Angriffe. Kritisch hinterfragt wird die Variante hier mit 4. …d5, meiner Erfahrung nach scheuen jedoch viele Spieler davor zurück, sich in solch wilde Komplikationen zu begeben. In der Partie Kasparow gegen Karjakin, St. Louis Blitz 2017, folgte 4. …Dd8 5. d4 Sf6 6. Lxf4, und der frühere Weltmeister war vermutlich mit seiner Lage nach der Eröffnung recht zufrieden. Auch Schwarz wich hier von der Hauptvariante ab.

Fortsetzung siehe nächste Ausgabe

 


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Teil 131 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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