Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Ein Beitrag für Optimisten und für Spieler, die es werden wollen

Teil 2: Verlust des Rochaderechts muss kein Beinbruch sein | Stellungen mit dem schwarzen König auf f7 oder f8




Mit diesem Trainingsartikel setzen wir nahtlos das Thema der letzten Folge 2/2021) fort. Es geht erneut um Minimierung des Schadens, der mit dem Verlust des Rochaderechts einhergeht und wie aus Risiken mitunter unerwartete Chancen entstehen können. Für die vorgenannten Thesen werden namhafte Spieler aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Zeugenstand gerufen, denn gerade in dieser Zeit waren Eröffnungen populär, aus den sich die "passenden" Stellungsbilder ergaben.

In jener Zeit war Adolf Anderssen (1818 - 1879) in aller Munde. Der Mathematiklehrer aus Breslau nahm 1851 am ersten internationalen Schachturnier der neueren Geschichte anlässlich der Londoner Weltausstellung teil und feierte dort einen Triumph. Danach wurde er als ungekrönter Weltmeister anerkannt. In den nächsten 15 Jahren gab es nur drei Rückschläge. Der US-Amerikaner Paul Morphy gewann 1858 ein Match gegen Anderssen, zog sich aber dann vom praktischen Schach zurück. Wilhelm Steinitz besiegte 1866 Anderssen mit 8:6 und erklärte sich dann unwidersprochen zum Weltmeister. Und da war noch das Phänomen Louis Eichborn (1812-1882). Dieser Mann, von Beruf Bankier, "nahm nie an Turnieren teil, spielte aber zahlreiche freie Partien gegen starke Gegner. Einer davon war Adolf Anderssen, der ebenfalls in Breslau geboren wurde und dort lebte. Von den 35 Partien zwischen den beiden, die überliefert sind und die man in der ChessBase Mega-Datenbank findet, gewann Eichborn 32 und verlor zwei, eine Partie endete mit Remis", schrieb Johannes Fischer anno 2017 auf ChessBase.de. "In vielen dieser Partien gewinnt Eichborn, weil er die allzu stürmischen Opferangriffe Anderssens abwehrt und seinen Materialvorteil verwerten kann. Aber Eichborn konnte auch angreifen".

Russisch C 43
A. Anderssen - L. Eichborn
Freie Partie, Breslau 1853


1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. d4 Sxe4 4. dxe5 Lb4+ 5. c3 Lc5 Dieser Angriff auf f2 muss nicht zu Verwicklungen führen, denn Weiß kann einfach Sd4 erwidern. 6. Dd5!? hebt den Fehdehandschuh auf, mit der Folge 6. …Lxf2+ 7. Ke2 f5 8. exf6 Sxf6 9. De5+



Schwarz kann das Rochaderecht nicht behaupten, denn 9. …De7?? 10. Dxe7+ Kxe7 11. Kxf2 kostet eine Figur. Folglich muss der schwarze König ziehen, die Frage ist nur, wohin? Eichborn verwarf 9. …Kf7, vermutlich wegen 10. Sg5+, und der König muss doch nach g8 gehen, denn 10. …Kg6 verliert wegen 11. Kf3! nebst Ld3+. 9. …Kf8 10. Lg5 Lb6 11. Kd1 d6 12. Df4 Le6 13. Ld3 Sc6 14. Sbd2 Se5 mit der Idee 15. Sxe5 dxe5 (der Ld3 hängt) 16. Dg3 h6 17. Lxf6 gxf6 18. Tf1 Tg8 19. Dxe5 Lf7! 20. Df5 Txg2 mit verteilten Chancen. 15. Le4 Sg6 16. Lxg6 hxg6 17. Sh4 Lf7 18. Se4 Dd7 19. Sxf6 gxf6



Anderssen hätte sich nun mit dem sprichwörtlichen Spatz in der Hand begnügen und 20. Sxg6+! Lxg6 21. Dxf6+ Kg8 22. Dxg6+ Dg7 23. De6+ Df7 24. Dxf7+ Kxf7 25. h4 spielen sollen. Doch er wollte anscheinend nicht in ein Endspiel mit einem Mehrbauern überleiten, sondern im Angriff siegen und setzte dabei auf das falsche Pferd: 20. Lxf6? Th7 21. Tf1 Kg8 22. Dg3 Db5 23. Tf5? Dxb2 24. Sxg6 Dxa1+ 25. Kd2 Dxa2+ 26. Kd3 Lc4+ 27. Ke4 De2+ 28. Kf4 Df2+ – 0:1

Evans-Gambit C 51
A. Schlieper - B. Suhle
Bonn 1859


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. b4



Hätte es bereits anno 1824 das Internet gegeben, hätte diese damals neue und revolutionäre Idee ruckzuck die Welt umrundet. Doch dem Erfinder, dem walisischen Schiffskapitän William Davies Evans stand damals nicht einmal Schiffsfunk zur Verfügung. So verbreitete sich diese Nachricht zunächst durch Hörensagen und dann via Presse. 1829 wurde die erste dokumentierte Partie mit dem Evans-Gambit gespielt, der Gambiterfinder besiegte den damals besten Spieler Englands Alexander McDonell (vgl. letzte Folge von SCHACHSCHULE 64) und das Gambit wurde schnell populär.

Die Grundidee des Evans-Gambit besteht in dem klassischen Tausch von Material (ein Bauer) gegen Zeit und Raum wie in der Variante 4. …Lxb4 5. c3 mit Zeitgewinn. Es folgt d4 mit Raumgewinn im Zentrum; zusätzlich eröffnet sich die Möglichkeit, Db3 folgen zu lassen, mit Doppelangriff auf den Bauern f7. Gerade deswegen hat sich der Antwortzug 5. …La5 eingebürgert, um nach eventuellem 7. d4 exd4 8. Db3 den Punkt f7 mit …De7 überdecken zu können. Doch es geht auch ohne, wie in der vorliegenden Variante 5. …Le7 6. d4 exd4 7. Db3 Nun funktioniert 7. …Sh6 nicht so gut wegen 8. Lxh6 gxh6 9. Lxf7+ Kf8 10. Lh5 (droh Df7 matt) 10. …d5 11. exd5 Sa5 12. Da4 mit guten Aussichten für Weiß.



Doch Schwarz kann besser 7. …Sa5! spielen. Nun verliert er zwar den Bauern f7 sowie das Rochaderecht, dafür verbessert er jedoch seine Stellung beträchtlich. Und schon sind wir beim Leitthema dieser Trainingsfolge angelangt. 8. Lxf7+ Kf8 9. Da4 Nur so, denn 9. Dd5? verliert nach 9. …c6 10. Df5 Sf6 11. Lb3 d5 12. Df4 dxe4 13. Sxd4 Sxb3 14. axb3 c5 ersatzlos einen Bauern. 9. …Kxf7 10. Dxa5 So geschehen bei dieser, vor mehr als 160 Jahren gespielten Partie, die bis heute ohne tadelnde Anmerkungen in der Eröffnungsliteratur zu finden ist. Allein der nächste Zug 10. …d6 kam im Laufe der Jahre etwas aus der Mode; neuzeitliche Meister fanden eher Gefallen an 10. …d5. Die vorliegende Partie verlief wie folgt: 11. cxd4 g6 12. Sg5+ Kg7 13. Dd5 Sh6 14. 0-0 Te8 15. f4 c6 16. Db3 Db6 17. Dd3 Lf6 mit verteilten Chancen.

Eine Widerlegung des Evans-Gambits war das nicht, aber das hatte ja auch niemand versprochen. In Aussicht gestellt wurde nur eine Methode, wie Schwarz unter Verzicht auf das Rochaderecht dem weißen Ansturm Einhalt gebietet.

Für Weiß war der konsolidierende Zug Sf3 in Ordnung, doch ihm unterlief ein schwerer Fehler 18. Le3? der mit 18. …Sg4! sofort ausgenutzt wurde. Es droht vernichtend …Sxe3 nebst …Ld4. Weiß verlor gänzlich die Contenance und ging widerstandslos unter. 19. Sf3 Txe4 20. Te1 Lf5 21. Dd2 Txe3 22. Txe3 Sxe3 23. Dxe3 Lxb1 – 0:1

Diese Partie befindet sich in dem 1865 erschienenen Buch von "Suhle & Neumann Die neueste Theorie und Praxis des Schachspiels". Berthold Suhle (1837-1904) zählte damals zu den besten Spielern in Deutschland, doch genauso wie der (viel bekanntere) Paul Morphy, mit dem er auch schon verglichen wurde, blieb auch er ein "Schach-Meteor", der kurzzeitig aufleuchtete, um dann wieder zu verschwinden. Im Gegensatz zu Morphy war Suhle nicht krank, sondern verlagerte seine vielen Interessen. Zu Beginn der 1860er Jahre veröffentlichte Berthold Suhle mehrere Bücher auf ganz unterschiedlichen Gebieten. 1862 erschienen seine Philosophiewerke "Arthur Schopenhauer und die Philosophie der Gegenwart", in zwei Teilen, und 1864 "Zur Meteorologie des Aristoteles". Dies alles und viel mehr steht in dem lesenswerten Artikel von André Schulz (https://de.chessbase.com/post/der-deutsche-paul-morphy-berthold-suhle).

Prof. Dr. Berthold Suhle hat sein Interesse an Schach nicht gänzlich verloren, sich aber vom Wettkampfschach zurückgezogen. Wohl dem, der mehrere Talente besitzt und sich zwischen ihnen entscheiden kann.

Zurück in die schöne Schachwelt und unserem Trainingsthema. Wieder verzichtet Schwarz auf das Rochaderecht …

Schottisches Gambit C 44
M. Reiner - W. Steinitz
Match, Wien 1860


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. d4 exd4 4. Lc4 Lc5 5. 0-0 d6 6. c3 Lg4 7. Db3 Lxf3! 8. Lxf7+ Kf8 9. Lxg8 Txg8 10. gxf3



Der Weißspieler rechnete vielleicht damit, dass sein Gegner den angegriffenen Bauern b7 schützt und wollte mit Lf4 fortfahren. Doch sein berühmter Gegner (Steinitz wurde sechs Jahre später Weltmeister) entkorkte 10. …g5!! Ein Vielzweckzug, der den Wirkungsgrad des gegnerischen Läufers einschränkt und an Angriffsmotiven bastelt wie z. B. 11. Dxb7 Se5 12. cxd4 Tb8! (Dies ist besser als 12. …Sxf3+ 13. Kh1 Sxd4 14. e5 dxe5 15. De4 Ld6 16. Le3 mit Gegenspiel.) 13. Dd5 Lxd4 14. Kh1 c5 15. Sc3 Df6 16. f4 gxf4 17. Se2 Sd3 und bei dieser Stellung kann man den Anziehenden nur bedauern.

Weiß ließ von dem Bauern b7 die Finger und spielte 11. De6 aber auch das ging nicht gut. Der Bauer g5 lähmt faktisch den ganzen weißen Damenflügel, am Königsflügel fallen die schwarzen Figuren ein. 11. …Se5 12. Df5+ Kg7 Weiß hätte den bald folgenden Angriff mit 13. Lxg5 Sxf3+ 14. Dxf3 Dxg5+ 15. Dg2 Kh6 16. Dxg5+ Txg5+ 17. Kh1 abwehren können, nach 17. …Tf8 wäre die schwarze Stellung dennoch klar besser geblieben. Die gewählte Zugfolge ermöglichte Steinitz die Partie wahrlich weltmeisterlich abzuschließen. 13. Kh1 Kh8 14. Tg1 g4! 15. f4 Sf3! 16. Txg4



16. …Dh4!! 17. Tg2 17. Txh4 Tg1 matt17. …Dxh2+! 18. Txh2 Tg1 matt – 0:1



 


Schachschule 64 als PDF

Teil 130 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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