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Schachschule 64 ::

Über den Rappen auf e4

Mal als eine wertvolle Verstärkung, mal als ein Spiel mit dem Feuer




Wie in dieser Trainingsserie wiederholt betont, sind die vier zentralen Felder des Schachbretts (e4, d4, e5, d5) und die benach-barten Felder für die aktiven Möglichkeiten der Figuren von besonderer Bedeutung.

Aus diesem Grund wird das Zentrum oftmals mit Bauern besetzt, wird aber auch nicht selten zu einem Schauplatz für taktische Geplänkel, sowohl mit Beteiligung von Bauern als auch der Figuren.

Zwei der Figuren benötigen freie Bahnen - die Türme wirken auf Linien und Reihen, die Läufer brauchen freie Diagonalen - und erscheinen aus diesem Grund eher später in der Brettmitte, manchmal sogar erst im Endspiel. Der Springer jedoch ist aufgrund seiner speziellen, vielseitigen Gangart eher für frühe, mitunter überraschende Zentrumsaktionen geeignet. Dies ist das Thema dieser Folge, ein spezielles Merkmal ist das Eindringen des schwarzen Springers in die gegnerische Bretthälfte. Dort landet er überdurch-schnittlich häufig auf dem Feld e4 und macht es zu einem Brennpunkt.

Bevor ein schwarzer Springer auf e4 erscheint, wird er im Allgemeinen nach f6 entwickelt. Sehr häufig geschieht 1. d4 Sf6 2. c4, was unter dem Sammelbegriff "indische Eröffnungen" zusammengefasst wird. Mit den Zügen 1. d4 und 2. c4 will Weiß zentrale Felder unter Kontrolle bringen, während Schwarz sich mit der Herrschaft über e4 begnügt und sogleich nach einem Kompagnon für künftige Aktionen Ausschau hält, den er oft unter den Läufern findet. Eine der meistgespielten Eröffnungen entsteht nach 2. …e6 3. Sc3 Lb4



Die Eröffnung trägt den Namen Nimzowitschindisch, eine Referenz an den großen Spieler und Theoretiker Aaron Nimzowitsch. Sein Geburtsort ist die lettische Hauptstadt Riga (wo Jahrzehnte später mit Michail Tal ein weiterer Schachstern erster Größenordnung das Licht der Welt erblickte), und seine Wahlheimat war Dänemark.

Nimzowitsch hat die mit 3. …Lb4 eingeleitete Eröffnung nicht erfunden, sie wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gespielt, aber er hat sie (zitiert nach dem Prager Meister und einmal - 1941 - sogar Aljechin-Bezwinger Karel Opocensky) "als Erster richtig verstanden". Und zwar auch in dem Sinne, dass nicht der Läufer b4 die Hauptrolle spielt, sondern der Königsspringer. Der Läufer b4 schlägt oft auf c3, verdoppelt die weißen Damenflügelbauern, verlässt nach bxc3 das Brett und "überlässt die Arbeit dem Springer". Bei Sichtung der nachfolgenden Beispiele könnte man Opocenskys Sichtweise nachvollziehen. Wir folgen nun der Partie

Nimzowitschindisch E 30
J. P. Fauvel (FRA)
C. Ionescu (ROU)


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Lg5



Weiß macht es dem Gegner nach: fesselst du meinen Springer (c3), fessele ich deinen auf f6. Nun gibt es aber echte und unechte Fesselungen. Die links abgebildete ist echt, denn ein Zug des Sc3 widerspräche den Schachregeln und verbietet sich daher definitiv, in der rechts abgebildeten Spielsituation würde zwar ein Zug des Sf6 die Dame kosten, aber dies ist nicht regelwidrig und somit nicht gänzlich ausgeschlossen. Dazu finden wir weiter im Text ein schönes Beispiel. In der vorliegenden Partie spielte Schwarz 4. …c5 5. e3 Da5! Entfesselt den Springer f6 und droht Lxc3+. Weiß befindet sich bereits in der Defensive und muss sich sorgfältig verteidigen, z. B. mit 6. Dd3 cxd4 7. Lxf6 dxc3 8. Lxc3 Lxc3+ 9. Dxc3 Dxc3+ 10. bxc3, und der Nachziehende besitzt aufgrund seiner harmonischen Bauernstellung einen Vorteil, aber gelaufen ist die Partie noch lange nicht. Dort geschah 6. Sge2 Se4!



Wow! Der Läufer g5 hängt, und der Punkt c3 ist dreimal angegriffen. So bescheiden kann man nach nur sechs Zügen als Weißer stehen? Nun, es ist nicht ganz so schlimm, wie es aussieht, aber dazu muss man erst einmal 7. Dd3 mit der Idee 7. …cxd4 8. exd4 Sxg5 9. h4 mit Rückgewinn der Figur finden. Deshalb sind in der letzten Diagrammstellung die Chancen noch verteilt. Da aber die tolle Idee mit Dd3 und h4 schwer zu entdecken ist, scheiterte Weiß letztlich doch schnell. 7. Lf4? Sxc3 8. Sxc3 Lxc3+ 9. bxc3 Dxc3+ 10. Ke2 Dxc4+ 11. Kf3 Dd5+ 12. Ke2 cxd4 0:1

Die weiße Stellung war zwar nicht aufgabereif, aber schlecht, und der Anziehende verspürte keine Lust mehr.

In der gleichen Eröffnung ereignete sich auch folgende, etwas anders geartete Katastrophe.

Nimzowitschindisch E 30
C. Döring (GER, 2120)
I. Stohl (SLV, 2549)


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Lg5 c5 Soweit wie in der vorigen Partie, statt 5. e3 spielte Weiß den in der Eröffnungsliteratur empfohlenen Zug 5. d5 d6 6. e3 exd5 7. cxd5 Sbd7 An dieser Stelle wird meist 8. Lb5 Da5 9. Lxd7+ Sxd7 10. Sge2 f6 11. Lf4 Se5 gespielt, aber das ist eine andere Geschichte. Der Partiezug 8. Ld3 ist noch kein Fehler, 8. …Da5 9. Sge2 Sxd5 Der Rappe schnappt sich einen Bauern, gewonnen ist damit jedoch nichts. 10. 0-0 Lxc3



Weiß muss hier unbedingt mit dem Bauern zurückschlagen, weil nach 11. Sxc3? Sxc3 12. bxc3 c4! beide weißen Läufer angegriffen sind – 0:1 Keine große Sache, ist aber eine Erwähnung wert, da der Springer f6 mal nicht auf e4, sondern auf d5 schlägt. In Datenbanken findet man weitere Partien, die nach den gleichen Eröffnungszügen für Weiß verloren gingen.

Viel häufiger als via d5 dringt der schwarze Springer auf der Route über e4 in die gegnerische Stellung ein, wozu gleich ein Beispiel folgt. Der Sieger verfasste 1991 das Buch Dynamic Chess Strategy, das zu einem Bestseller avancierte und zu dem die nachstehend aufgeführte Partie, gespielt beim Open in Bagneux 1984, inhaltlich wunderbar passt.

Nimzowitschindisch E 31
T. Germond (FRA)
M. Suba (ROU)


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Lg5 Schon wieder dieser Läuferzug, den Richard Teichmann bereits vor 99 Jahren in Bausch und Bogen verdammte ("Dieser Zug ist ganz wertlos". Wohlgemerkt: So harsch urteilte der berühmte Altvordere über den eigenen Zug. Manch anderer kritisiert lieber gegnerische Züge.) 4. …h6 5. Lh4 c5 6. d5 6. e3, wie in der ersten Partie dieser Trainingsfolge kann man aufgrund der starken Antwort 6. …Da5 getrost ad acta legen. 6. …d6 7. f3 exd5 8. cxd5 0-0 9. e4 Te8



Weltklassespieler wie Lubomir Kavalek "riechen" die Gefahr förmlich und wehren jeden Ärger auf der e-Linie mit 10. Lb5 Sbd7 11. Sge2 ab. In der vorliegenden Partie geschah 10. Lc4? wonach die Kombination 10. …Sxe4! den Nachziehenden auf die Siegerstraße brachte. Der Damengewinn 11. Lxd8 fällt nicht ins Gewicht, nach 11. …Sxc3+ 12. Kf1 Sxd1 holt sich Schwarz die Dame mit Zinseszins zurück. 11. fxe4 Dxh4+ 12. Kf1 Lxc3 und wegen 13. bxc3 Txe4 14. Sf3 Df4 15. Le2 g5 mit zwei Mehrbauern bei klar besserer Stellung – 0:1

Welch unerwartete Folgen das frühe Eindringen des schwarzen Springers nach e4 haben kann, erhellt die nächste Partie. Sie beginnt mit den üblichen "Nimzowitschindischen Zügen", Weiß reagierte dann aber nicht mit dem weit ausholenden Zug Lg5, sondern zurückhaltender mit Zügen auf der eigenen Bretthälfte.

Diesmal diente das Feld e4 dem Springer für die Vorbereitung einer famosen Kombination.

Nimzowitschindisch E 44
J. Barejew (2560)
L. Zsinka (2420)


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 b6 5. Sge2 Se4 6. Dc2 Lb7 7. Sg3 Weiß will sich nach 7. …Sxg3 8. hxg3 die h-Linie sichern. Schwarz macht ihm diese streitig mit 7. …Dh4!? 8. Ld3 f5 9. 0-0 Lxc3 10. bxc3 0-0 Weiß würde im Prinzip gerne den Springer auf e4 mit f2-g3 vertreiben, dies scheitert aber an …Sxg3. Deshalb geschah 11. Se2 Nun steht alles bereit für den "Tritt" f2-f3. Was soll Schwarz machen? Eine Rückfahrkarte nach f6 kaufen? Mitnichten!



11. …Tf6! mit der Idee 12. f3 Th6!? 13. h3 (Bloß nicht 13. fxe4? fxe4 14. h3 exd3 15. Dxd3 Lxg2!, und es knallt auf h3!) 13. …Sg3 Aus dem gewaltsamen Rausschmiss von e4 wurde ein bescheidener Abtausch. Danach wäre die Story vom starken Springer auf e4 für diese Partie beendet, Schwarz hätte mit der in etwa ausgeglichenen Stellung gut leben können. Der Weißspieler wollte jedoch mehr, setzt mit 12. Lxe4? fort und ließ damit ein noch gefährlicheres "Raubtier" auf e4 eindringen: 12. …Lxe4 mit Vorteil für Schwarz nach z. B. 13. Dd2 Th6 14. f3 (14. h3 Lxg2! -+) 14. …Dxh2+ 15. Kf2 Dh4+ 16. Sg3 Tg6 17. fxe4 Dxg3+. In der Partie geschah 13. Dd1?



wonach der wunderschöne Zug 13. …Lf3!! eine sofortige Entscheidung erzwang – 0:1 Schwarz siegt nach
a) 14. Sg3 Lxd1 kostet einfach die Dame.
b) 14. gxf3 Th6 15. Te1 Dxh2+ 16. Kf1 Dh3+ 17. Kg1 Dh1 matt.
c) 14. e4 (öffnet die Diagonale für den Läufer c1, der …Th6 verhindert) 14. …Tg6! 15. g3 Tg4!, und Schwarz siegt in wenigen Zügen, z. B. 16. Dd3 fxe4 17. De3 Dh3 18. Sf4 Txf4.

 


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Teil 125 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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