Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Glanz und Elend einer Angriffsaufstellung

Pillsbury-Angriff, näher betrachtet und hinterfragt




In dieser Folge schauen wir uns einen Eröffnungsaufbau an, mit dem früher oder später fast jeder Schachspieler konfrontiert wird. Der Weg dorthin verläuft unterschiedlich, wesentlich ist die Stellung im Zentrum, charakterisiert durch den auf e5 stehenden Springer, der von den Bauern auf d4 und f4 doppelt gedeckt wird. Mit so einem stabilen Zentrum kann Weiß getrost einen Flügelangriff wagen

Der Namensgeber dieses Motivs Harry Nelson Pillsbury war ein US-amerikanischer Meister, dem zwar nur ein kurzes Leben vergönnt, dem in dieser Zeit jedoch eine glanzvolle Karriere beschieden war. Ab ungefähr 1895 gehörte er der absoluten Spitzenklasse an, 1903 thronte er sogar in der Weltrangliste ganz oben. In jener Zeit siegte er wiederholt in Partien mit der oben skizierten Aufstellung mit der zweifachen Sicherung des Springers auf e5. Der Siegeszug begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei einem kleinen Turnier in den USA.

Damengambit D 55
H. Pillsbury - J. Young
Midsummer 1897


1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Le7 5. e3 0-0 6. Sf3 b6 7. Tc1 Lb7 8. cxd5 exd5 9. Ld3 Sbd7 10. 0-0 Se4 11. Lf4 Der Läuferrückzug stellte eine relativ einfache Falle auf, in die Schwarz hineintappt. 11. …a6? 12. Lxc7! Dxc7 13. Sxe4 Dd8 14. Sg3 Sf6 15. Se5 Te8 16. Sf5 Ld6 17. f4



Das ist Pillsburys Lieblingsaufstellung, aufgrund des gegnerischen Fehlers im 11. Zug in einer für Weiß besonders komfortablen Version. 17. …Tc8 18. Df3 Se4 19. Lxe4 dxe4 20. Dg4 Lxe5 21. fxe5 g6 22. Sh6+ Kg7 23. Txf7+ Kxh6 24. Tcf1 Genauso schnell gewinnt 24. Dh3+ Kg5 25. Tcf1. 24. …Tc7 24. …Dg5 verhindert zwar die Mattsetzung, verliert aber nach 25. Txh7+ die Dame. 25. Dh3+ Kg5 26. T1f5+ gxf5 27. Txf5+ Kg6 28. Dg4+ nebst Th5 matt – 1:0

Diese Partie wurde durch den frühen Fehler des Schwarzspielers etwas entwertet. Drei Jahre später wurde Pillsburys Idee auf einer größeren Bühne erneut erfolgreich präsentiert und fand auch wegen der Person des Besiegten eine größere Aufmerksamkeit.

Georg Marco war nicht irgendwer. Der Österreicher besaß sehr wohl Meisterstärke, größere Bekanntheit erreichte er jedoch als Publizist. Von 1898 bis 1914 war er Chefredakteur der renommierten Wiener Schachzeitung und er gab auch eine ganze Reihe Turnierbücher heraus und verfasste Schachprobleme.

Damengambit D 55
H.Pillsbury-G.Marco
Paris 1900


1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Le7 5. e3 0-0 6. Sf3 b6 7. Ld3 Lb7 8. cxd5 exd5 9. Se5 Sbd7 10. f4 c5 11. 0-0 c4 12. Lc2 a6 13. Df3 b5 14. Dh3



Zentrum sichern und dann am Flügel angreifen - dies ist heutzutage einer der Grundsätze in vielen Eröffnungen. Partien wie die vorliegende haben dazu beigetragen, dass sich dieses Wissen verfestigte.

Ein wesentliches Stellungsmerkmal ist die Anfälligkeit des Punktes h7. Eine Standardkombination lautet 14. …b4??, wonach der Beschützer von h7 ruckzuck beseitigt wird: 15. Sxd7 h6 (15. …Dxd7 16. Lxf6, drohend Dxh7 matt) 16. Lxf6 Lxf6 17. Sxd5! Lxd5 18. Df5 g6 19. Sxf6+ Kg7 20. Dxd5 Dxf6 21. Dxc4, und Schwarz verliert Haus und Hof.

Um die Achillesferse h7 zu schützen geschah 14. …g6 aber der Königsangriff läuft auch danach weiter: 15. f5 b4 Oder 15. …Sxe5 16. dxe5 Sh5 17. f6 Lc5 18. e6, und da 18. …fxe6 19. f7+ die schwarze Dame kostet, wird der e-Bauer bis nach e7 vorrücken und weitere schwarze Figuren aufspießen. 16. fxg6 hxg6 17. Dh4! bxc3 18. Sxd7 Dxd7 19. Txf6! Ein schöner Entscheidungszug. Schwarz kann fortan nicht auf f6 zugreifen, dann käme Lxf6 nebst Dh8 matt. Doch wenn er es nicht tut, zerstört Lxg6 den Schutz des schwarzen Königs gänzlich. Erwähnenswert ist noch 19. …cxb2, dies gewinnt nur einen Bauern und lädt Weiß zu dem Zug 20. Taf1 ein. 19. …a5 20. Taf1 Noch schneller gewann 20. Lxg6!



Der Zug 20. …De8 verhindert nur vorübergehend das Schlagen auf g6, Weiß erreicht auch dann mit 21. bxc3 Lc8 22. Dh6 Ta6 23. Txa6 Lxg5 24. Dxg5 Lxa6 25. Tf6 Lb7 26. Lxg6 eine Gewinnstellung. Die Partie endete so: 20. …Ta6 21. Lxg6 fxg6 22. Txf8+ Lxf8 23. Txf8+ – 1:0

Das Mattfinale 23. …Kxf8 24. Dh8+ Kf7 25. Dh7+ Kf8 26. Dxd7 cxb2 27. Lh6+ Kg8 28. Dg7 ließ sich Schwarz nicht mehr zeigen.

Pillsbury pflügte mit seinem Angriffssystem weiter durch die Reihen der zeitgenössischen Meister. Als nächster dran war der deutsche Meister, Problemkomponist und Autor Hermann von Gottschall, Sohn des Schriftstellers Rudolf von Gottschall, einem Mitbegründer des Deutschen Schachbundes.

Damengambit D 55
H. Pillsbury - H. von Gottschall
DSB Kongress, Hannover 1902


1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Le7 5. e3 0-0 6. Sf3 b6 7. cxd5 exd5 8. Se5 Lb7 9. Ld3 Sbd7 10. f4 c5 11. 0-0



Anno 1902 war zwar lange vor dem Internet und vor Datenbanken, wo man heutzutage schnell ähnliche Partien auffinden kann, aber Zeitungen gab es schon und Schachecken darin gab es sogar häufiger als heute. Die zuvor präsentierte Partie wurde in mindestens einer davon veröffentlicht und möglicherweise von Schachfreund Hermann von Gottschall bemerkt. Er vermied den Zug …c4, womit der Läufer nur ein Feld zurückgetrieben wird, er aber auf derselben Diagonale verbleibt; dies war eine gute Entscheidung.

Nicht gefunden hat er einen Plan, der heutzutage "Allgemeingut" ist, nämlich 11. …cxd4 12. exd4 Se4 13. Lxe7 Dxe7 14.Te1, und nun …Sdf6 oder noch besser 14. …Sdc5!!











Analysediagramm

Danach verbietet sich 15. dxc5?? wegen 15. …Dxc5+ nebst Mattsetzung in spätestens fünf Zügen. Und nach 15. Lc2 gleicht 15. …Sxc3 16. bxc3 Se4 17. c4 Dd6! mit der Idee 18. cxd5 Sf6 nebst …Sxd5 aus.

Der Plan mit …Se4 ist der Rettungsanker für Schwarz in vielen Stellungen des Pillsbury-Angriffs, wie gleich von einem früheren Weltmeister nachgewiesen wird. Zunächst jedoch der Vollständigkeit halber der Verlauf der vorliegenden Partie: 11. …a6 12. Df3 Te8 13. Tad1 cxd4 14. exd4 b5 15. a3 Tc8 16. Lf5 Tc7 17. Sxd7 Sxd7 18. Lxe7 Txe7 19. Sxd5 Weiß hat einen Bauern und sein Druck lässt nicht nach. 19. …Lxd5 20. Dxd5 De8 21. Dd6 Sb8 22. d5 g6 23. Df6 Te2 24.d6 Tc6 25. Lg4 Sd7 26. Dd4 Tec2 27. Tfe1 Dd8 28. Lxd7 Dxd7 29. Te7 Txg2+ 30. Kh1 – 1:0

Wie in den Kommentaren zu dieser Partie angeschnitten, wird die richtige Verteidigung in Pillsbury-Stellungen mit dem Schlagwort "das Feld e4 besetzen" umschrieben. Wie dies auszusehen hat, demonstrierte 1999 der damalige Weltmeister Viswanathan Anand.

Damenindisch E 11 J. Piket-V. Anand
Monte Carlo 1999


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 Lb4+ 4. Ld2 a5 5. Sc3 b6 6. e3 Lb7 7. Ld3 0-0 8. 0-0 d5 9. cxd5 exd5 10. Se5 Sbd7 11. f4 Lxc3! Weg mit dem Springer, der e4 überwacht. 12. Lxc3 La6 Weg mit dem Läufer aus demselben Grund. 13. Lxa6 Txa6 und Schwarz konnte auf e4 einen "ewigen" Springer etablieren. An Ausgleich musste fortan eher der Weiße denken: 14. Dd3 Ta8 15. Sc6 De8 16. b4 Se4 17. Tfc1 Sb8 18. Sxb8 Dxb8 19. bxa5 bxa5 20. Tab1 Dc8 21. Le1 Te8 22. h3 a4 23. Tc6 Sd6 24. Tbc1 Sc4 25. e4 Txe4 – remis

Überzeugend von dem ehemaligen Weltmeister vorgetragen, der mit Schwarz locker ausglich. Aber manch Schachfreund würde sich wohl etwas mehr Leben in der Bude wünschen. Damit können wir auch dienen. Als Modelpartie folgt ein Duell aus der diesjährigen Mannschafts-WM der älteren Jahrgänge (65+, 50+), gespielt im März dieses Jahres in Prag, kurz bevor die Corona-Pandemie den vorzeitigen Abschluss dieser WM erzwang.

Damengambit D 05
T. Klaiss (GER, 1991)
D. Sorm (CZE, 2328)


1. d4 d5 2. Sf3 Sf6 3. e3 c5 4. c3 e6 5. Sbd2 b6 6. Lb5+ Sbd7 7. Se5 Ld6 8. f4 0-0 9. 0-0 Der Rösselsprung nach e4, analog der Idee aus der Partie von Anand, wäre hier verfehlt, denn nach 9. …Se4? 10. Sxe4 dxe4 11. Lc6 holt sich Weiß den Bauern e4. Schwarz hat jedoch ein anderes Springermanöver zur Verfügung: 9. …Se8!? Ein Mehrzweckzug Schwarz kann sich entscheiden, ob er mit …f7-f6 den Springer e5 vertreibt, oder zunächst den Läufer b5 mit …Sc7 tritt. Und falls Weiß 10. Dg4 spielt und damit …f6 verhindert (der Bauer e6 hängt ja), ist sogar 10. …f5!? möglich. Manchem Leser mag das missfallen, weil Weiß dann dauerhaft im Besitz des Feldes e5 verbleibt. Doch warten Sie ab! 11. Dh3 Sdf6 12. Sdf3 a5! 13. Ld2 La6 Folgt dem Beispiel von Anand; der weißfeldrige Läufer wird abgetauscht. 14. Lxa6 Txa6 15. Sg5 Dc8 16. Tae1 Ta7 17. Kh1 g6 18. Td1 c4 19. Sgf3 b5



Langsam dämmert auch dem größten Fan des Zentrumspringers e5, dass die schwarze Kavallerie ebenfalls wunderbar postiert ist, das Manöver …Se4 nebst …Sdf6 hängt in der Luft, doch der Rappe bleibt auf e4, während der Schimmel auf e5 mit dem Schlagen Ld6xe5 beseitigt werden kann! Auch hat Schwarz mit dem kommenden Vorstoß …b5-b4 ein weiteres Ass im Ärmel, weswegen die schwarze Stellung bereits aussichtsreicher sein dürfte.

In der Partie versuchte Weiß mit 20. g4? aktiv zu werden, doch danach blieb er auf seinem schlechten Läufer sitzen: 20. …Lxe5! 21. Sxe5 Sxg4 22. Sxg4 fxg4 23. Dxg4 Sf6 24. Dg2 Se4 Die schwarze Partieanlage triumphiert, der Springer ist dem gegnerischen Läufer überlegen. Es folgte zunächst 25. a3 Tg7 26. Le1 De8 27. Lh4 Tf5 28. Tf3 Df8 29. Tdf1 b4 30. cxb4 axb4 31. axb4 Dxb4 32. Le1 Db3 33. La5 Ta7 34. Lc3 Vorsicht, ja nicht mit 34. Lc3 Sxc3 35. bxc3 Dxc3? räubern, dann gewinnt Weiß mit 36. e4! Dxd4 37. exf5. Aber 34. …Ta2! bringt die Entscheidung: 35. Dh3 Dc2 36. Dh4 Sxc3 und wegen 37. bxc3 Dg2 matt – 0:1

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 121 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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