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Schachschule 64 ::

Bausteine der Kombinationen

Wie "inhaltsspezifisches Wissen" hilft




In Folge 66 wurde eine wissenschaftliche Studie erwähnt, deren Ergebnisse sich gut auf Schachtraining übertragen lassen. Die Psychologin Prof. Dr. Regina Jucks verweist in ihrem Buch "Was verstehen Laien?" auf eine Untersuchung mit der Quintessenz, dass "das Können im Schach zu einem großen Teil auf inhaltsspezifischem Wissen und nicht auf eine insgesamt den Schach-Novizen überlegener Gedächtniskapazität basiert". Für Schachspieler noch etwas verständlicher ist die Formulierung: Je mehr typische Motive und Stellungen man kennt, desto sicherer betritt man das Terrain in einer Partie, und wenn in einer Stellung "etwas drin ist", meldet sich das "inhaltsspezifische Wissen" zu Wort und bringt einen auf den richtigen Weg. Das funktioniert oft in einer Partie, aber auch bei der Komposition von Schachstudien. Gleich zur Sache:



Studie von Hans Fahrni (1907)
Weiß zieht und gewinnt


Ohne spezielle Vorkenntnisse könnte man an dieser Aufgabe leicht verzweifeln. Wie soll Weiß gewinnen, wo doch der letzte weiße Bauer womöglich schnell das Brett verlässt, z. B. 1. Kf3? Kb7 2. Se7 Kb6 3. Sd5+ Kxb5 oder 1. Se7? Kb7 2. Sd5 c6 3. Sc3 cxb5 jeweils remis.

Wer über zwei kleine Portionen inhaltsspezifischen Wissens verfügt, hier konkret über Hinlenkungsopfer und Diagonalopposition (bzw. das Wissen bei Bedarf abrufen kann), der kommt schnell auf die Lösung: Mit dem Opfer 1.Sb6! wird der schwarze Bauer nach b6 gelenkt. Es gibt keine gute Alternative, denn nach 1. …Kb7 2. Sc4 c6 sichert 3.b6! dem weißen Bauern eine strahlende Zukunft: 3. …Ka6 4. Kf3 Kb7 5. Ke4 Ka6 6. Kd4 Kb7 7. Kc5 Kb8 8. Sd6 Ka8 9. Kxc6 Kb8 10. b7 Ka7 11. Kc7 Ka6 12. b8D Ka5 13. Db5 matt. Es verbleibt also 1. …cxb6 2. Kf3 Kb7 3. Ke4 Kc7



Unerfahrene Spieler verpassen nun mit 4. Kd5? den Sieg, denn 4. …Kd7 sichert Schwarz die Opposition und damit das Remis. Doch mit dem inhaltsspezifischen Wissen, sprich der Kenntnis des Motivs der Diagonalopposition, also 4. Ke5! sichert Weiß seinem König den entscheidenden Durchbruch. 4. …Kd7 5. Kd5 Kc7 6. Ke6 Kc8 7. Kd6 Kb7 8. Kd7 Kb8 9. Kc6 Ka7 10. Kc7 Ka8 11. Kxb6 Kb8 12. Ka6 Ka8 13. b6 Kb8 14. b7 Kc7 15. Ka7 Kc6 16. b8D 1:0

Zu der Entstehungsgeschichte des zweiten Trainingsbeispiels gibt es Interessantes zu berichten. Der namhafte Trainer Alexander Pantschenko wollte anlässlich eines Trainings eine bestimmte Studie zeigen und testete zunächst seine Schüler, ob sie vielleicht ohne jegliche Vorrede selbst auf die richtige Idee kommen.



Keiner der Schüler kam auf die Lösung, so dass der Trainer sie zeigen musste. Was versucht wurde, ist nicht überliefert, aber vermutlich auch 1. Tg5 (Idee …Kf6 2. g7!), was aber mit 1. …Ta5! stark gekontert wird: 2. Tg4 Th5+ 3. Kg2 Th8, und Schwarz hält den g-Bauern.

Einige Zeit später stand das Training desselben Trainers mit einer anderen Gruppe an und diesmal war auf dem Demobrett die folgende Stellung zu sehen:



Übungsbeispiel
Weiß am Zug gewinnt


"Das ist doch ganz einfach", riefen die Schüler fast unisono, "Turm schlägt auf f5 und wenn Schwarz den Turm schlägt, …Kxf5, so g6-g7 und der Bauer läuft durch".

Dann wurde die Originalstellung der Studie (vorletztes Dia) nochmals aufs Demobrett gestellt und siehe da, gestärkt mit "inhaltsspezifischem Wissen" (einfacher gesagt, sie haben das schon mal gesehen), fanden alle nach wenigen Sekunden den Lösungszug 1. Tf5! Weiß bekommt eine Dame, entweder nach 1. …Kxf5 2. g7 oder nach 1. …Tc2 2. g7 Tc8 3.Tf8 usw.

"Diese Art Turmopfer, bei dem der Turm auf der Linie unmittelbar neben dem Freibauern steht (damit wie hier g7 möglich wird) gehört seit Troitzkis Entdeckung zum taktischen Grundwerkzeug in Turmendspielen", schrieb unser Mitarbeiter Hartmut Metz vor vier Jahren anlässlich des 150. Geburtstags des russischen Problemkomponisten, der als "Urvater aller Studien" gilt. Troitzki legte Wert darauf, die Studien nahe an die Praxis anzulehnen, so dass jeder Turnierspieler davon profitieren kann. Es ist interessant zu beobachten, wie sich aus kleinen "Bausteinen" nach und nach das Werk zusammensetzt.



Übungsbeispiel
Weiß zieht und remisiert


1. Kf3! remisiert, denn nach 1. …g1L kann Schwarz mit seinen beiden Läufern gleicher Felderfarbe nichts anstellen und 1. …g1D patt offenbart gleich die Idee der Studie.

Auf diesem Bild basiert dann die richtige Studie:



Studie, A. Troitzki 1895
Weiß am Zug remisiert


"Unmöglich", protestieren manche Lehrgangsteilnehmer, denen die Studie nicht bekannt ist. Tg3 geht nicht gut wegen …Lxg3 und wie soll man sonst den g-Bauern stoppen? Das kann man in der Tat nicht, aber bei Kenntnis des obigen Motivs kommt man auf 1. Td3+ Kxd3 2. Kf3 g1S+ 3. Kg2 patt

Dieses kleine Treppchen kann bei der Lösung großer, prämiierter Studien helfen, wo (scheinbar) unaufhaltsame Freibauern noch an die kurze Leine genommen werden. Um das Problem zu lösen, ist entweder Genialität vonnöten (kommt leider nur selten vor), oder aber das Vorwissen aus der obigen Studie, gepaart mit zwei nicht ganz unbekannten taktischen Wendungen:



Studie, A. Troitzki 1908
Weiß am Zug remisiert


Den Bd2 könnte Weiß mit 1. Sf2 noch abfangen, verliert aber nach 1. …Lc3+! (aber nicht 1. …b2 2. f6+ Kxf6 - 2. …Lxf6 3. Lf5 remis - 3. Se4+ Ke5 4. Sxd2 remis.) 2. Ka4 b2 3. f6+ Kxf6 4. Se4+ Ke5 5. Sxc3 b1D 6. Sxb1 d1D+ mit Gewinn für Schwarz. 1. f6+! ist die Lösung 1. …Kxf6 1. …Lxf6 2. Sf2 b2 3. Lf5 2. Sf2 b2 3. Se4+ Kg6 4. Sxd2 Lc3+



Nun verliert jeder Königszug wegen …Lxd2 und …b1D, außer 5. Ka4!! Lxd2 6. La6 b1D



Analog der vorletzten Studie hat der König der stärkeren Seite nur noch ein freies Feld. Stellt man es geschickt an, wird auch dieses nicht lange zugänglich bleiben:7. Ld3+! Dxd3 patt

Was für ein Ideenreichtum! Beinahe wäre dieses geistige Erbe verloren gegangen, zunächst 1908 bei einem Wohnungsbrand, das zweite Mal in den Wirren der Oktoberrevolution 1917. Für sein 1924 erschienenes Buch rekonstruierte Troitzki zahlreiche Studien aus dem Gedächtnis (!) , darunter auch diese:



Studie A. Troitzki 1924
Weiß am Zug gewinnt


1. h7 f2 2. Lc4 a2 3. Kb2 Ka5



4. h8L!! Der Lösungszug. Weiß gewinnt jetzt mit dem Marsch des h-Bauern. 4. h8D? erlaubt eine hübsche Rettung: 4. …a1D+ 5. Kxa1 f1D+ 6. Lxf1 Ld4+ 7. Dxd4 patt.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 120 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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