Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Den König aktiv einsetzen

Eine kleine Übungsstrecke mit taktischen Motiven




Die Wiederholung des Gelernten ist das A und O des Lernens, damit der Stoff auch dauerhaft im Gedächtnis bleibt. Diese Binsenweisheit ließ uns bereits den letzten Beitrag zu dieser Trainingsserie schreiben, hier folgt die Fortsetzung. Alles, was hier präsentiert wird, wurde in einer der vielen Folgen der SCHACHSCHULE 64 erwähnt, gestreift oder etwas ausführlicher aufbereitet. Auf geht's.

"In der Eröffnung und im Mittelspiel besteht die Hauptaufgabe des Königs gewöhnlich darin, sich selbst in Deckung zu bringen, um dann erst im Endspiel wieder ins Geschehen einzugreifen. In der vorliegenden Partie ist es jedoch anders: Bei vollem Brett wird der weiße König zum Hauptakteur im Angriff auf den Gegner", so der - früher zeitweise führende, jetzt nur noch wenig aktive - deutsche Großmeister Christopher Lutz in einem Beitrag für die DVD MegaBase 2020. Ein schönes Beispiel zeigt die nächste Stellung:



N. Short - J. Timman
Tilburg 1991
Weiß am Zug


Der letzte Zug von Schwarz war …Lf8-g7, mit der Idee 26. Lxg7? Taxd8 27. Txd8 Kxg7 28. Df6+ Kg8, und Schwarz kann gefahrlos den Turm abtauschen. Doch es geschah 26. T8d7! Tf8 27. Lxg7 Kxg7 28. T1d4 Tae8 29. Df6+ Kg8 30. h4! Es droht 31. h5, 32. h6 und Dg7 matt. Schwarz kann den lästigen weißen Bauern nicht gut schlagen, man sehe: 30. …Lc8 31. h5 gxh5



und nun wird die schwarze Königsstellung sehenswert erstürmt: 32. Tg4+!! hxg4 33. Td4 nebst Mattsetzung nach dem kommenden Tg4. Auf 33. …h5 entscheidet die lehrbuchmäßige Zickzack-Abräumung 34. Dg5+ Kh7 35. Dxh5+, und im nächsten Zug geschieht Txg4 matt.

Somit ist 30. …h5 die einzige Verteidigung, aber nun ist der Königsflügel noch weiter geschwächt. 31. Kh2!



Weiß beginnt mit dem Königsmarsch nach h6, um dann mit Dg7 matt zu setzen. Dieser Plan ist schwer zu durchkreuzen, denn auf 31. …Lc8 folgt 32. Sg5 Lxd7 33. g4 mit der Idee 33. …Td8 34. gxh5 gxh5 35. Dh6 und Mattangriff. Falls 33. …Dc5 34. Txd7 hxg4, so folgt 35. h5 mit Mattangriff. 31. …Tc8 32. Kg3! Tce8 33. Kf4! Lc8 34. Kg5! - 1:0

Der Marsch des weißen Königs entscheidet, entweder nach Kh6 nebst Dg7 matt, oder nach 34. …Kh7 35. Txf7+ Txf7 36. Dxf7+ Kh8 37. Kh6.

Partien wie diese bleiben in Erinnerung und sind auch Lieferanten für neue Ideen. Gelegentlich verlocken sie jedoch zu sehr zur Nachahmung und lassen einen gegen die Wand laufen.

Sizilianisch B 70
D. Pedzich - W. Ehrenfeucht
Open Policka, 1992


1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 d6 6. Le2 g6 7. Sb3 Lg7 8. h4 0-0 9. h5 a5 10. hxg6 hxg6 11. Le3 a4 12. Dc1 axb3 13. Lh6 Lh8 14. Df4 Te8 15. Dh4 e6 16. cxb3 Sd4 17. Td1 Sxe2 18. Lg5 Lg7 19. e5 Sf4 20. Kf1 S4h5 21. Se4 dxe5 22. Txd8 Txd8 23. Th3 Td1+ 24. Ke2 Td4 25. Lxf6



Diese Partie wurde ein Jahr nach der vorherigen gespielt und wurde wegen des spektakulären Mattgriffs wohl in allen Schachmagazinen publiziert (Internet war 1991 noch nicht ganz so weit), so dass man annehmen kann, dass Pedzich sie kannte und beim Anblick der abgebildeten Diagrammstellung von einer ähnlichen Mattsetzung träumte. Doch Weiß benötigt noch vorbereitenden Züge, bis er loslegen kann, und diese Verschnaufpause hätte Schwarz sehr gut nutzen können für 25. …Ld7!! mit einem siegreichen Gegenangriff: 26. Lxg7 (26. a4 verhindert …Lb5+, erlaubt aber …Lc6, drohend …Txe4+) 26. …Lb5+ 27. Ke1 Kxg7 28. a4 Tad8 mit Gewinn.

So hätte die Vorstellung von einem erfolgreichen Königsmarsch mit einer Bauchlandung enden können. Doch der Nachziehende fand diese Idee nicht, wollte mit 25. …Sf4+ 26. Kf3 Td3+? (besser 26. …Sxh3) angreifen, und wurde nach 27. Kg4 Sxh3 28. gxh3 Ld7 kalt erwischt.



Gut für Weiß war nun auch 29. Lxg7 Kxg7 30. Df6+ Kg8, aber noch mehr holt 29. Kg5!! heraus. Gegen den Plan 30. Lxg7 Kxg7 31. Dh6+ Kg8 32. Kf6 und Matt ist keine zufriedenstellende Lösung zu finden. Schwarz versuchte noch 29. …Tf3 30. Lxg7 Tf5+ 31. Kh6 f6 31. …Th5+ gewinnt die weiße Dame und verliert nach 32. Dxh5 gxh5 33. Sf6 matt die Partie. 32. Sxf6+ Kf7 33. Sxd7 Th5+ 34. Dxh5 gxh5 35. Sxe5+ Ke7 36. a3 mit großem materiellem Vorteil für Weiß. Es folgte noch 36. …h4 37. Sg6+ Kf7 38. Sxh4 Td8 39. Sf3 Ke8 40. Sg5 Td3 41. b4 Ke7 42. h4 - 1:0

Königsmärsche inmitten des gegnerischen Lagers sind in Verbindung mit der sehr aktiven weißen Dame besonders wirksam, funktionieren aber manchmal auch mit anderen Mitstreitern.

Englisch A 30
J. Zuniga - A. Miles
Zagreb 1987


1. Sf3 Sf6 2. c4 b6 3. g3 c5 4. Lg2 Lb7 5. 0-0 g6 6. b3 Lg7 7. Lb2 0-0 8. Sc3 Sa6 9. d4 d5 10. cxd5 Sxd5 11. Sxd5 Dxd5 12. e4 Dd7 13. Se5 Lxe5 14. dxe5 Dxd1 15. Tfxd1 Tfd8 16. a3 Kf8 17. f4 Ke8 18. Kf2 Txd1 19. Txd1 Td8 20. Txd8+ Kxd8 21. g4 Sc7 22. h4 a5 23. Ke3 Lc6 24. Lf3 a4 25. bxa4 Lxa4



Wie der Weißspieler nach der Partie verriet, hatte er den folgenden Zug eigentlich mit der Idee gespielt, mit seinem König nach h6 zu laufen, dann den Bauern h7 zu gewinnen und schließlich mit h4-h5 den Freibauen einzusetzen. 26. f5! Doch Schwarz verhinderte dieses Ansinnen mit 26. …e6 27. Kf4 Ke7 28. Kg5 Kf8 29. Kh6 Kg8 und nun kam dem Anziehenden in den Sinn, er könnte ja vielleicht auch den König erwischen - und so kam es auch! 30. h5 gxh5 31. gxh5 c4 32. Le2 Lb3 33. Kg5 Sb5 34. h6 c3 35. Lc1 Sd4 36. Lh5 Lc4 37. Kf6 exf5 38. exf5 Sb3 39. Lf4 Sc5 40. e6



Mit Hilfe des aktiven Königs wird diesmal das Läuferpaar dem schwarzen König den Garaus machen, entweder nach 40. …Se4+ 41. Ke7 f6 (wahlweise 41. …fxe6 42. Lf7+ Kh8 43. Le5+ Sf6 44. Lxf6 matt) 42. Lf3 Sg5 43. Lxg5 fxg5 44. f6 Lxe6 45. Kxe6 Kf8 46. Le4 g4 47. Lxh7 g3 48. Lg6 g2 49. h7 g1D 50. h8D matt, oder wie in der Partie, 40. …fxe6 41. Lf7+ Kh8 42. Ke7 und der schwarzfeldrige Läufer setzt matt: 42. …Sd3 43. Lg5 nebst 44. Lf6 matt, oder 42. …Sd7 43. Kxd7 Lb5+ 44. Ke7 exf5 45. Le5 matt. - 1:0

Kein Großmeister, aber ein recht guter Spieler ist Jürgen Wempe aus dem niedersächsischen Bad Zwischenahn, der in der Schachszene als Organisator von Turnieren und Schachreisen (Firma ChessOrg) europaweit ein Begriff ist.

Sizilianisch B 22
J. Wempe - G. Klappert
Open Oberjoch 2001


1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. c3 Sf6 4. e5 Sd5 5. d4 cxd4 6. cxd4 e6 7. Sc3 Lb4 8. Ld2 Sxc3 9. Lxc3 Le7 10. d5 exd5 11. Dxd5 0-0 12. Td1 a6 13. Ld3 Db6 14. a3 Sd8 15. h4 Dc6 16. Sg5 g6 17. Le4 Dxd5 18. Lxd5 Se6 19. f4! Sxf4 20. Lxf7+ Txf7 21. Sxf7 Sxg2+ 22. Kf2 Kxf7 23. Kxg2 b5 24. Thf1+ Ke6 25. Kg3 Lb7



26. Td6+! Diese Pointe musste Weiß bereits bei seinem 21. Zug mit einkalkuliert haben. 26. …Lxd6 27. Tf6+ Ke7 Auch 27. …Kd5 28. Txd6+ Ke4 29. Td4+ Kf5 30. Txd7 Lc6 31. Tf7+ Ke4 32. e6 Te8 33. e7 ist günstig für Weiß, dennoch war dies für Schwarz die bessere Wahl.28. exd6+ Ke8 29. h5 Le4 30. Kf4



Nach dem naheliegenden 30. …Lc2 gewinnt Weiß elegant das Endspiel: 31. Kg5 Tc8 32. Ld4! Tc4 33. Kh6!! Txd4 34. Kg7 (droht Tf8 matt) 34. …Txd6 35. Txd6 gxh5 36. Kf6. Der Partiezug 30. …Lf5? verkürzte die Partie: 31. Kg5 Tc8 32. Kh6 Le6 33. Kg7 - 1:0

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 117 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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