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Gefährlich, aber kein Selbstläufer

Das Läuferopfer auf h7: Ein taktischer Überfall, der erkannt, vermieden oder in Frage gestellt wird




In den Beispielen dieser Trainingsfolge kommt das klassische Läuferopfer auf h7 wiederholt vor. Diesem Motiv werden in der Literatur viele Kapitel gewidmet, es gehört zweifellos zu den am meisten untersuchten Kombinationen. In dem Klassiker von Vladimir Vukovic "Der Rochade-Angriff", erschienen in mehreren Sprachen und Auflagen, werden dem Motiv 18 Buch-seiten gewidmet, wo unter anderem auch die Voraussetzungen für die Korrektheit des Opfers definiert werden.

Bücher wie dieses und die vielen Zeitschriftenbeiträge zu diesem Thema haben eines gemeinsam; sie zeigen wie das Läuferopfer richtig funktioniert und raten eindringlich, dieses Opfer möglichst zu verhindern. Auch dies ist generell ein guter Rat, doch ist das Läuferopfer auf h7 keineswegs eine Art "Lizenz zum Töten". Nicht jedes "Reinhauen" auf h7 bringt den gewünschten Erfolg, manches führt sogar zu einer Bauchlandung. Hier ist ein klassisches Beispiel aus einem 100 Jahre zurückliegenden Turnier.

Skandinavisch B 02
J. Norris - E. Lasker
Cincinnati 1919


1. e4 d5 2. exd5 Sf6 3. Sf3 Sxd5 4. Sc3 Lg4 5. d4 e6 6. Ld3 Sc6 7. Sxd5 Dxd5 8. c3 Ld6 9. Le3 0-0



Stünde die schwarze Dame etwa auf d7, so käme Weiß jetzt mit 10. Lxh7+ Kxh7 11. Sg5+ Kg8 12. Dxg4 in Vorteil. Doch mit der Dame auf d5 funktioniert das nicht: 10. Lxh7+? Kxh7 11. Sg5+ Dxg5! und wegen 12. Lxg5 Lxd1 mit Figurengewinn - 0:1

Scheitern kann das bekannte Läuferopfer auch, wenn der Angreifer ein Zwischenschach übersieht wie in der folgenden Partie. Das Malheur ist keinem Anfänger passiert, sondern einem kanadischen Großmeister bei seinem fünften Start bei einer Schacholympiade.

Französisch C 10
P. Charbonneau - H. Hussein
Schacholympiade Dresden 2008


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 dxe4 4. Sxe4 Sd7 5. Sf3 Le7 6. Ld3 Sgf6 7. Sxf6+ Lxf6 8. De2 0-0 9. Lf4 c5 10. h4 cxd4



Das Bauernopfer auf d4 ist durchaus spielbar, wenn Weiß an dieser Stelle mit 11. 0-0-0 fortfährt. Möglich ist dann 11. …e5 12. Lxh7+ Kh8 (von 12. …Kxh7? lässt Schwarz besser die Finger, es käme 13. Sg5+ Kg8 14. Dh5) 13. Ld2 g6 14. h5 mit Angriff. Statt des "gierigen" 11. …e5 spielt Schwarz besser 11. …Te8 mit sicherer Stellung.

In der vorliegenden Partie hatte es Weiß zu eilig, spielte sofort 11. Lxh7+? Kxh7 12. Sg5+ mit der Idee 12. …Lxg5? 13. hxg5+ Kg8 14. Dh5 f6 15. g6 und Gewinn, doch nach 12. …Kg8! 13. Dh5 offenbarte sich, warum Weiß im Zug zuvor hätte lang rochieren sollen.



Die Stellung des weißen Königs auf e1 ermöglicht13. …Da5+! mit Schach und Gewinn für Schwarz nach dem folgenden 14. …Df5! Das Feld h7 bleibt für die weiße Dame unerreichbar. Der Anziehende bemerkte seinen Fehler und gab die verkorkste Partie auf - 0:1

Ein anderes Verteidigungsmotiv entzauberte das weiße Opferspiel in der nächsten Partie.

Skandinavisch B 01
B. Bombin - J. Menendez
Colombres 2000


1. e4 d5 2. exd5 Sf6 3. d4 Sxd5 4. Sf3 Lg4 5. c3 e6 6. Ld3 Ld6 7. 0-0 0-0 Weiß wollte den Springer f3 entfesseln, was mit 8. h3 gut möglich war. Dann nämlich verschwindet der Läufer von g4, entweder nach einem Abtausch auf f3, oder nach der Flucht 8. …Lh5 9. g4 Lg6. Doch der Anziehende grub stattdessen die sprichwörtliche Grube, um selbst hineinzufallen: 8. Dc2?! Lxf3 9. Lxh7+ Da war es auch schon geschehen und keine Kletterleiter in Sicht: auch 9. gxf3 Dh4 geht nicht gut für Weiß. 9. …Kh8 10. gxf3 Dh4 Es droht …Dxh2 matt und wenn diese Drohung abgewehrt wird 11. f4 so schnappt sich Weiß den Läufer 11. …Dxh7 Er folgte noch 12. Db3 Sxf4 13. Dxb7 Se2+ 14. Kh1 und ohne …Dxh2 matt abzuwarten - 0:1

"Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür", heißt es in einem bekannten Schlager. Beinahe ebenso untrennbar gehört zu dem Läuferopfer auf h7 ein nachfolgendes Schachgebot mit einem Springer auf g5. Ist das Feld g5 in der Hand von Schwarz, funktioniert das Opfer nicht mehr. Jedenfalls meistens nicht. Sein Leben sollte man darauf aber lieber nicht verwetten, sehen Sie selbst:

Französisch C 11
W. Steinitz - N. Golmayo
Match, Havanna 1888


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. e5 Sfd7 5. f4 c5 6. dxc5 Lxc5 7. Sf3 0-0 8. Ld3 Sc6 9. h4 f6



10. Sg5 fxg5 11. Lxh7+ Kxh7 12. hxg5+ Kg8 13. Dh5 Der erste Schachweltmeister ließ sich die Öffnung der h-Linie zwei Figuren kosten und droht nun, mit g5-g6 die Fluchtroute des schwarzen Königs zu sperren, um dann mit Dh8 Matt zu setzen. Schwarz erkannte richtig, dass er nun einen Teil der Beute zurückgeben muss. 13. …Sdxe5 Sofort 13. …Tf5? funktioniert nicht wegen 14. g4. 14. fxe5 Tf5 15. g4 Txe5+ 16. Kd1



Später fand man heraus, dass der unauffällige Zug 16. …a6 weiteren Widerstand ermöglicht. Die Pointe sieht man nach 17. Dh8+ Kf7 18. Tf1+ Ke7 19. Dxg7+ Kd6 - ohne …a6 würde nun Sb5 matt folgen. Nach 16. …a6 spielt Weiß besser 17. Lf4! Ld7 18. Lxe5 Sxe5 19. g6 Sxg6 20. Dh7+ Kf7 21. Tf1+ Ke7 22. Dxg7+ Kd6 23. Dxg6 Dg8 24. Dxg8 Txg8 25. Kd2 Txg4. Schwarz hat für die Qualität einen Bauern und kann sich Hoffnungen auf ein Remis machen.

In der Partie geschah jedoch 16. …Le3? 17. Lxe3 Txe3 18. Sb5! und da die oben beschriebene Flucht des schwarzen Königs nicht mehr verwirklicht werden kann - 18. Sb5 a6 19. Dh8+ Kf7 20. g6+ mit Mattangriff - steht Weiß auf Gewinn. Es geschah 18. …Tf3 19. g6 Kf8 20. Dh8+ Ke7 21. Dxg7+ - 1:0

Eine beeindruckende Partie des früheren Weltmeisters! In der Praxis jedoch gelingen die Attacken mit dem zweiten Figurenopfer eher selten.

Französisch C 00
K. Abdrahmanov - B. Gaimnazarov
Kirgisische Meisterschaft 2009


1. e4 e6 2. Sf3 Sf6 3. Sc3 Lb4 4. e5 Lxc3 5. bxc3 Sd5 6. La3 d6 7. Ld3 0-0 8. h4 f6 9. Lxh7+ Kxh7 10. Sg5+



Möglich war hier die Annahme des zweiten Figurenopfers mit 10. …fxg5 11. Dh5+ Kg8 12. hxg5 Sf4! 13. Dh7+ Kf7, und Weiß hat nichts, z. B. 14. g3 Sg6 nebst …Th8. Aber auch der Partiezug 10. …Kh6 ist spielbar. Es folgte 11. c4 Sf4 und nun war 12. g3 Sh5 13. d4 g6 14. Se4 Kg7 noch nicht ganz klar. Mit 12. Dg4? setzt Weiß die Partie definitiv in den Sand. 12. …fxe5 13. g3 Sh5 Nach dem folgenden …g6 und …Kg7 ist der schwarze König sicher wie in Abrahams Schoss. - 0:1

Im letzten Beispiel siegt wieder einmal der Angreifer. Hätte der Schwarzspieler einen "Wegweiser" befolgt, wäre er mit einem blauen Auge davongekommen.

Damengambit D 13
G. Ageichenko - K. Kratochvil
Czech Open, Pardubice 2012


1. d4 Sf6 2. Sf3 c5 3. c3 cxd4 4. cxd4 d5 5. Sc3 Sc6 6. Lf4 e6 7. e3 Lb4 8. Db3 Se4 9. Ld3 0-0 10. 0-0 Sxc3 11. bxc3 Ld6 12. Lxd6 Dxd6 13. e4 dxe4 14. Lxe4 Tb8 15. Tfd1 b6



Das Opfer auf h7 soll man zwar nie außer Acht lassen, andererseits ist es kein Selbstläufer: In der Diagrammstellung käme Weiß nach 16. Lxh7+? Kxh7 17. Sg5+ Kg8 nicht weiter. Der Springer g5 allein kann nichts ausrichten, es wird auch noch die Dame benötigt, die nicht so schnell herangeführt werden kann, z. B. 18. Dc2 (will Dh7+ folgen lassen) 18. …g6 19. De4 (Absicht Dh4-h7) 19. …De7 20. Dh4 f6, und Weiß steht vor einem Scherbenhaufen. Das Feld h7 erreicht er nicht, und er hat eine Figur weniger.

Deshalb geschah in der Partie 16. Db5 mit Angriff auf c6 und gleichzeitiger Vorbereitung des Damenschwenks nach h5. Dies ist jetzt eine echte Drohung, die Schwarz vernachlässigte und schnell verlor: 16. …Se7? 17. Lxh7+ Kxh7 18. Dh5+ Kg8 19. Sg5 Td8 20. Dxf7+ Kh8 21. Td3 droht Th3 matt 21. …e5 22. Dh5+ Kg8 23. Dh7+ Kf8 24. Dh8+ Sg8 25. Tf3+ und wegen 25. …Ke7 26. Dxg7+ Ke8 27. Df7 matt oder 25. …Df6 26. Sh7+ Kf7 27. Sxf6 +- - 1:0

Wie Sie sehen konnten, hinterließ der Einschlag auf f7 eine Bresche in der schwarzen Verteidigungsmauer. Mit dieser Erkenntnis gerüstet, fällt es nicht mehr schwer, die richtige Verteidigung zu entdecken. Im 16. Zug hätte 16. …Sd8! geschehen müssen. Ebenso wie nach 16. …Se7 wird damit der angegriffene Springer c6 gerettet, aber von d8 überdeckt der Springer die Achillesferse f7. Falls dann 17. Lxh7+ Kxh7 18. Dh5+ Kg8 19. Sg5, gelingt dem schwarzen König die Flucht: 19. …Te8 20. Dh7+ Kf8 21. Dh8+ Ke7, und nach z. B. 22. Dxg7 Dd5 23. Td3 (23. c4 Df5 24. d5 Dg6) 23. …Lb7 24. Tf3 Kd7 25. Sxf7 Kc8 kehrt im schwarzen Lager Ruhe ein, mit drei weißen Bauern gegen einen schwarzen Läufer ist der Ausgang der Partie offen.

Die Moral der Geschichte: Das Läuferopfer auf h7 lässt man zwar besser überhaupt nicht zu, aber wenn doch, so muss unbedingt die Schwäche f7 geschützt werden, dann kann man das Gewitter noch überstehen.

 


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Teil 115 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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