Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Die Stunde des Königs


Über einen erfolgreichen Einsatz der zentralen Figur



Der namhafte russische Trainer GM Alexander Panchenko (1953-2009) hat den König als eine "ambivalente Schachfigur" bezeichnet. Bei Menschen steht Ambivalenz für den Zustand innerer Zerrissenheit mit gegensätzlichen Gefühlen wie beispielsweise Angst und Mut. Bei seinem fantasievollen Vergleich bezog sich der Großmeister auf die wechselvolle Rolle des Königs, die sich im Laufe der Partie sehr ändern kann. In der Eröffnung und im Mittelspiel, wo es auf dem Brett von gegnerischen Figuren nur so wimmelt, könnte ein König - wenn er eine eigene Psyche hätte - es mit der Angst bekommen; in der Praxis wird er nicht zu früh ins Spiel gebracht. Erst wenn sich im späten Mittelspiel und vor allem im Endspiel das Brett nach vielen Abtauschen geleert hat, kann der König Mut fassen und aktiv ins Spielgeschehen eingreifen. Das ist die Stunde des Königs, das Thema dieser Folge.

In der ersten Partie dieser Folge marschierte der weiße König tief ins gegnerische Lager, um dort einerseits den eigenen Freibauern zu unterstützen, andererseits ein Hindernis in Gestalt des gegnerischen Springers aus dem Weg zu räumen.



K. Arkell - S. Franklin
4NCL (Britische Liga) 2019
Weiß am Zug


Der Schwarzspieler hat sich darauf kapriziert, auf e6 seinen Springer zu opfern. Danach wäre es ein Leichtes, den letzten weißen Bauern loszuwerden und zu remisieren. Mit der Partiefortsetzung 62. f6+! macht ihm der Anziehende einen dicken Strich durch die Rechnung. Weiß setzt voll auf die Wirkung seines sehr aktiv postierten Königs, der den Freibauern auf dem Weg zum Umwandlungsfeld f8 unterstützt. Allerdings darf der Bauer nicht zu früh vorpreschen, nach 62. …Kxe6 führt 63. f7? Ke7 64. Kg7 Se8+! nur zum Remis:













Analysediagramm

a) 65. fxe8D+ Kxe8 66. Kf6 Kd8 67. Ke6 Kc7 nebst …b6, und der letzte weiße Bauer verlässt das Brett
b) 65. Kg6 Sd6 nebst …Sxf7, remis
c) 65. Kg8 Sf6+ 66. Kg7 Se8+ mit Zugwiederholung.

Doch mit der Einschaltung der Züge 63. Sd3!! c4 oder 63. …Kd6 64. Sf4 gefolgt von 65. f7 mit Gewinn, 64. Sf4+ Kd6 65. f7 Ke7 erreicht Weiß eine Gewinnstellung.



66. Sd5+! Aber nicht 66. Kg7? Se8+=, das kennen wir schon. 66. …Sxd5 67. Kg7 Die Stunde des Königs! Wunderbar postiert, drückt den Bauern nach f8 durch. Damit endete im Prinzip die wunderbare Endspielwendung. Nur aus dokumentarischen Gründen werden noch die restlichen Züge angegeben. 67. …Kd6 68. f8D+ Kc6 69. Dc8+ Sc7 70. Df5 Sd5 71. Kf7 b6 72. axb6 Sxb6 73. Da5 Sd5 74. Ke6 Sc7+ 75. Ke5 Sb5 76. Db4 c3 77. Dc4+ Kb6 78. Kd5 Sc7+ 79. Kd4 Sb5+ 80. Kd3 a5 81. Da4 Ka6 82. Kc4 – 1:0

Im nächsten Beispiel haben sich am Ende zwei gut postierte König gegenseitig neutralisiert.



G. Souleidis - A. Sharashenidze
Open Prag 2019
Weiß am Zug


Beide Könige haben freie Bahn. Mangels Alternative wird der schwarze zum Königsflügel laufen. Der weiße König hat eine Wahl, jedoch zwischen zwei Übeln. Das größere davon wird mit 50. Kb4? generiert. Weiß will sich schnell einen Freibauern auf der a-Linie verschaffen, doch dieser kommt zu spät: 50. …Kf4 51. Kxa4 Kxg4 52. Kb5 h5, und Schwarz wird den Bauern ungehindert umwandeln.

Also wandern die Augen des Anziehenden zum Königsflügel und entdecken das Ziel auf g7: 50. Kc5 Das ist das kleinere Übel. Zwar ist diese Stellung ebenfalls für Weiß verloren, aber hier hat er mehr praktische Chancen, weil der Gewinn nur mit präzisen Zügen erreicht werden kann, die nicht leicht zu entdecken sind. 50. …h5? Schwarz meistert die Aufgabe nicht. Gewonnen hätte allein 50. …Kf4 51. Kd6 h5! 52. gxh5 Kxf5 53. Ke7 (53. h6 Kxg6) …Kg5 54. Kf7 Kh6 55. Ke6 Kxh5. 51. gxh5 Kxf5 52. Kb4 Jetzt ist dieser Zug schon spielbar. 52. …Kg5 53. Kxa4 Kxh5 54. Kb3



Schwarz darf sich nicht auf g6 bedienen, der Bauer a3 würde dann unaufhaltsam vorpreschen. Der Nachziehende rettet sich jedoch mit dem Vorrücken des König/Freibauer-Gespanns: 54. …f5! 55. Kc2 Mit einer Punktteilung endet das Rennen auch nach 55. a4 f4 56. Kc2 Kh4 57. Kd2 Kg3 (Idee 58. Ke2?? Kg2 -+) 58. a5 f3 59. a6 f2 60. a7 f1D 61. a8D. 55. …Kg4 56. Kd2 Kg3 57. Ke2



Schon wieder ein Standardmotiv zum Einprägen. Schwarz darf nicht sofort 57. …f4?? spielen, nach 58. Kf1 nebst a3-a4 wäre es vorbei, also muss 57. …Kg2 geschehen, wonach 58. Ke3 Kg3 59. Ke2 Kg2 60. Ke3 zu einer beidseitig erzwungenen Zugwiederholung führt – remis

In der nächsten Partie ließ der Nachziehende eine große Chance verstreichen. Eine kraftvolle Aktivierung des Königs hätte ein schwieriges Endspiel überzeugend gerettet.



F. Vallejo – T. Sträter
Bundesliga 2009
Schwarz am Zug


Der vorgerückte weiße Freibauer wird das Feld e8 erreichen, so dass sich Schwarz auf einen Turmverlust einstellen muss. 58. …Kc7? 59. e7 Tf2+ 60. Kg5 – 1:0

Es könnte folgen: 60. …Te2 61. e8D Txe8 62. Txe8 c3 (62. …b5 63. Kf4 Kd7 64. Th8 Kc6 65. Ke3 Kc5 66. Kd2 usw.) 63. Te3 c2 64. Tc3+ Kd6 65. Txc2 b5 66. Tb2 Kc5 67. Kf4 Kc4 68. Ke3 b4 69. Kd2 +-.

Zurück zur obigen Partiestellung. Hätte Schwarz auf das richtige Pferd, nämlich 58. …Kd6!, gesetzt, hätte er die Partie retten können. Da Weiß wegen des möglichen Turmschachs auf f2 noch nicht 59. e7?? spielen darf, muss er zuerst 59. Td8+ ziehen, was den schwarzen König noch weiter nach vorne bringt: 59. …Kc5 60. e7 Te2 61. e8D Txe8 62. Txe8













Analysediagramm

Vorsicht, hier kann noch ein Unglück passieren:
a) 62. …c3? ermöglicht das Manöver 63. Ke5 Kc4 64. Ke4!, und nach dem folgenden Tc8+ nebst Kd3 gewinnt Weiß doch.
b) 62. …Kd4! ist richtig, die bekannte Diagonalopposition, die wir in einer der früheren Folgen dieser Serie bereits besprochen haben. Schwarz remisiert nun leicht: 63. Td8+ Ke4 64. Tc8 Kd3 65. Ke5 c3 66. Td8+ Ke3 67. Tc8 Kd2 remis.

Ebenso gut wie die Aktivierung des eigenen Königs ist es manchmal, den gegnerischen König auszuschalten. Hier ein originelles Beispiel:



A. Karpow - J. Hjartarson
World Cup, Belfort 1988
Weiß am Zug


Nach dem nahe liegenden 46. Kg2?! kann Schwarz seinen König mit …Kg7 47. Kh3 Kf6 48. Kxh4 Ke5 aktivieren und die Partie womöglich noch retten. Karpows Lösung ist (nachträglich gesehen) frappierend einfach und ging in die Schachliteratur ein. 46. d6! Txd6 47. a6 Td8 48. a7 Ta8



Beide Türme sind an den Bauern a7 gebunden, der weiße muss ihn verteidigen, der schwarze wiederum stoppen, dies hält sich noch die Waage. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass der schwarze Turm sonst keine Aufgabe erfüllt, während der weiße stets mit einem frei wählbaren Zug auf der a-Linie eine passende Stellung erreicht, mal mit Weiß, mal mit Schwarz am Zug, so wie es dem Anziehenden passt. Im Grunde genommen wird ab jetzt ein Bauernendspiel gespielt, in dem der weiße König alle Freiheiten hat, während der schwarze nur seiner Zugpflicht nachkommen muss. 49. Ta5 f5 50. Kg2 Kg5 51. Ta4 Kg6 52. Kh3 Kg5 53. f4+ 1:0

Nach 53. …Kh5 54. Ta6! muss Schwarz seinen Turm ziehen und verliert ihn dann nach der Bauernumwandlung auf a8. Und nach 53. …Kg6 54. Kxh4 Kf6 55. Ta6+ Kf7 56. Kg5 kann Schwarz auch aufgeben.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 109 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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