Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Jag den König


Sonderform des klassischen Läuferopfers auf h7: Stellungen mit dem schwarzen König auf g6



Die bekanntesten Angriffe auf die Stellung des schwarzen Königs beginnen mit dem Überfall auf den Punkt f7, dem weißen König wird - deutlich seltener - via f2 auf den Pelz gerückt. Die Felder f7 bzw. f2 sind ja in der Eröffnungsphase nur vom König gedeckt und damit von Natur aus anfällig. Diesem Motiv wurden bereits mehrere Folgen der Schachschule 64 gewidmet, nämlich die Teile 4 und 5 sowie 8 bis 10.

Nach der kurzen Rochade verlagert sich das potenzielle Angriffsziel an den Brettrand, die Felder h7 und ggf. h2 können anfällig werden. Der Königsturm rückte ja näher an das Zentrum und schützt den h-Bauern nicht mehr. Diese Aufgabe teilen sich der König und in der Regel ein Springer auf f6 resp. auf f3. Dieses Gespann sorgt zumeist für Sicherheit. Doch wenn der Springer abgetauscht oder woanders gebraucht wird, kann es leicht auf h7 oder h2 knallen. Vor allem dem klassischen Läuferopfer auf h7 werden in der Literatur ganze Kapitel gewidmet, wobei insbesondere Abläufe wie der folgende betrachtet werden:

Damengambit D 47
B. Toth - A. Jansen
Open Badenweiler 1985


1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Sf6 4. Sf3 c6 5. e3 Sbd7 6. Ld3 dxc4 7. Lxc4 Sb6 8. Ld3 Le7 9. 0-0 0-0 10. e4 c5 11. dxc5 Lxc5 12. e5 Sfd5 13. Lxh7+ Kxh7 14. Sg5+



Hier (und in unzähligen ähnlichen Stellungen) gewinnt Weiß die Dame (14. …Dxg5 15. Lxg5) oder setzt nach den weiteren Zügen 14. …Kg8 15. Dh5 Te8 16. Dxf7+ Kh8 17. Dh5+ Kg8 18. Dh7+ Kf8 19. Dh8+ Ke7 20. Dxg7 matt.

Solche und ähnliche Siege nach dem Läuferopfer auf h7 finden sich zu Hunderten in verschiedenen Publikationen und sollen hier nicht noch einmal memoriert werden. Mit diesem Beitrag wird nicht direkt Neuland betreten, doch ein vernachlässigtes Thema wollen wir in den Fokus rücken: Wie kommt man eigentlich dem schwarzen König bei, wenn er sich nach g6 begibt? In der vorliegenden Partie war die Antwort (noch!) relativ einfach: 14. …Kg6 15. Dc2+ f5 16. exf6+ Kxf6 17. Sce4+ und wegen 17. …Ke7 18. Dxc5+ 1:0

Bei einem schwarzen König auf g6 kann leicht der Eindruck entstehen, das Rennen sei schon gelaufen. Dies trifft zwar häufig zu, manchmal kann man sich aber auch gewaltig täuschen, wie ein späterer Weltklassegroßmeister bei seinem Start bei einer Jugendweltmeisterschaft eindrucksvoll bewies:

Französisch C 01
E. Handoko - A. Chernin
Skien 1979


1. e4 e6 2. d4 d5 3. exd5 exd5 4. Sf3 Lg4 5. h3 Lh5 6. Le2 Ld6 7. 0-0 Sc6 8. b3 Sf6 9. c4 0-0 10. Le3 Te8 11. Sc3 Lb4 12. Sa4 Lf8 13. Tc1 Se4 14. cxd5 Sb4 15. Lb5 Te7 16. Sc5 Sd6 17. Ld3 Sxd5 18. Lxh7+ Kxh7 19. Sg5+



Natürlich darf Schwarz den Zug Dxh5 nicht zulassen und er darf auch nicht nach h6 ausweichen (19. …Kh6? 20. Sxf7 - mit Doppelschach - 20. …Kg6 21. Sh8+ und Gewinn), doch mit 19. …Kg6! deckt Schwarz den Läufer h5 und kann nach 20.Dd3+ f5 21. g4 lehrbuchmäßig kontern 21. …Txe3! 22. fxe3 Oder 22. gxh5+ Kh6 23. Sf7+ (23. fxe3 Dxg5+) 23. …Sxf7 24.Dxe3+. Ein Schachgebot, das mit einem Schach beantwortet wird: 24. …Dg5+; Schwarz kommt in Vorteil. 22. …Dxg5 Schwarz steht auf Gewinn, z. B. 23. Kh1 Lxg4 24. hxg4 Dh4+ 25. Kg2 Dxg4+ 26. Kf2 Dh4+ 27. Ke2 Te8. In der Partie folgte noch 23. e4 Lxg4 24. hxg4 Dxg4+ 25. Kf2 Sxe4+ 26. Sxe4 fxe4 27. Tg1 exd3 28. Txg4+ Kf5 29. Tg3 Sb4 0:1

Bei einer schon etwas zurückliegenden Weltmeisterschaft der Studenten, erwies sich der schwarze König auf g6 ebenfalls als gut postiert.

Französisch C 01
N. Ivanov - J. Trapl
Harrachov 1967


1. e4 e6 2. d4 d5 3. exd5 exd5 4. Ld3 Sc6 5. Sf3 Lg4 6. c3 Ld6 7. 0-0 Sge7 8. Sbd2 Dd7 9. b4 0-0 10. Te1 Sg6 11. h3 Sf4 Weiß hätte hier den Läufer nach f1 zurückziehen sollen. Er erspähte jedoch das Läuferopfer auf h7 und konnte nicht widerstehen: 12. Lxh7+?! Kxh7 13. Sg5+ Kg6 14. hxg4 Nicht 14. Dxg4? wegen 14. …Dxg4 15. hxg4 Kxg5. 14. …Kxg5 15. Sf3+



Weiß rechnete wohl mit 15. …Kg6 und freute sich auf 16. Se5+ Lxe5 17. dxe5 nebst Lxf4; der Springer kann sich nicht gut retten: 17. …Se6 18. Dd3+ f5 19. gxf5+ Txf5 20. g4! Taf8 21. gxf5+ Txf5 22. Te3 und Tg3+ +-.

Doch der Schwarzspieler zog freiwillig seinen König auf die Diagonale c1-h6, die er später geschlossen hielt. Mit einer geschickten Umgruppierung erhielt er Oberwasser: 15. …Kh6!! 16. b5 Se7 17. g3 g5! 18. gxf4 Dxg4+ 19. Kf1 gxf4 20. Ke2 Sg6 21. Kd2 Kg7 22. Kc2 Tfe8 23. Ld2 Df5+ und die Aufgabe erfolgte nicht zu früh. – 0:1

Nach 24. Kb2 Dd3 25. a4 a6 kommt der weiße König auch am Damenflügel nicht zur Ruhe.

Nach solchen Partien verspürt man glatt die Lust, seinen König nach g6 zu stellen. Lassen Sie es bitte sein, in den meisten Fällen steht er dort gefährdet. Diese Folge der SCHACHSCHULE 64 wurde hauptsächlich geschrieben, damit sich die Leser von dem Glauben lösen, auf h7 reinzuhauen bedeute automatisch den Sieg, und ein Gespür dafür entwickeln, wann der König auf g6 wirklich gefährdet steht und wie man ihm konkret beikommen kann.

Zwei Exempel zum erfolgreichen Überleben des Königs auf g6 haben Sie gerade gesehen, in den anderen endet der Ausflug ins Freie für den König nicht gut. Das erste bekannte Beispiel stammt aus dem vorletzten Jahrhundert:

Damenbauerspiel A 40
Salvioli - Crosara
Venedig 1883


1. d4 e6 2. c4 Lb4+ 3. Sc3 Lxc3+ 4. bxc3 b6 5. e4 d6 6. f4 Lb7 7. Ld3 Sd7 8. Sf3 c6 9. e5 d5 10. cxd5 cxd5 11. La3 Se7 12. 0-0 0-0 13. Lxh7+ Kxh7 14. Sg5+ Raus ins Freie (nach g6 ziehen) endet für den König wahrscheinlich nicht gut. Der Rückzug nach g8 bleibt dennoch die schlechtere Wahl, man sehe 14. …Kg8 15. Dh5 Te8 16. Dh7+ Kf8 17. Dh8 matt. 14. …Kg6 15. Dg4 f5 In der Hoffnung auf 16. exf6 Sxf6 gespielt, wonach immerhin die weiße Dame abgedrängt wird. Besser ist deshalb 16. Dg3! drohend mit dem Abzugsschach Sxe6, was nicht gut zu verhindern ist, denn 16. …Kh6 17. Dh4+ Kg6 18. Dh7 endet wieder einmal mit einem Matt. 16. …De8 17. Sxe6+ Kf7



Die Partie wurde der Partiensammlung MegaBase 2018 entnommen, in der rund acht Millionen Partien gespeichert sind, die mit einem geeigneten Programm wie ChessBase 15 in Windeseile nach vielen Kriterien durchsucht werden können, z. B. "ein Opfer Ld3xBh7+" sowie "später König auf g6"; diese beiden Abfragen haben wir bei diesem Beitrag eingesetzt. Bei allem ihren enormen Vorteilen bleibt ChessBase ein Menschenwerk, in dem gelegentlich menschliche Irrtümer vorkommen. Hier endet die Partienotation überraschend mit "18. Dxg7+ - 1:0", wobei …Kxe6 19. Dh6+ Dg6 eher Schwarz gute Gewinnchancen bietet. Vermutlich war das Original (ein Bulletin, Zeitungsausschnitt o. Ä.) schlecht lesbar und der Erfasser der Notation erkannte den Zug als Dxg7. Wahrscheinlich geschah tatsächlich 18. Sxg7 denn dann ist die Aufgabe des Nachziehenden nachvollziehbar: 18. …Dd8 19. e6+ nebst Sh5+ und Matt oder 18. …Tg8 19. Sxe8 Txg3 20. Sd6+ Kg8 21. hxg3 mit sehr großem Materialvorteil. 1:0

In einem Duell des US-amerikanischen Olympiateilnehmers James Tarjan und seines englischen Kollegen Julian Hodgson endete eine ähnliche Stellung mit den Schlüsselzügen Dd1-g4 und für Schwarz …f5 schnell:

Damenbauerspiel A 40
J. Tarjan - J. Hodgson
Manchester 1983


1. d4 b5 2. e4 Lb7 3. Ld3 c5 4. c3 Sf6 5. Sd2 e6 6. Sgf3 Db6 7. dxc5 Lxc5 8. 0-0 0-0 9. e5 Sd5 10. Lxh7+ Kxh7 11. Sg5+ Kg6 12. Dg4 f5



Nicht zu empfehlen ist 13. exf6?, weil dann 13. …Sxf6 14. Dh3 Dd6! (verhindert Dd3+) 15. Sdf3 Lxf3 nebst …Sc6 und …Th8 folgt, und die weiße Dame wird vertrieben. Richtig ist 13. Dh4! Weiß am Zug würde mit 14. Dh7+ Kxg5 15. Sf3++ Kg4 16. Dh3 mattsetzen. 13. …Sf6 14. exf6 Nach 14. …gxf6 oder nach 14. …Txf6 käme die erwähnte Mattkombination Dh7+ usw. zur Anwendung. 14. …Sa6 will …Th8 spielen 15. fxg7 Kxg7 16. Dh7+ Kf6 17. Sdf3 Lxf3 18. Sxf3 – 1:0

Die Standardkombination mit dem Läufereinschlag auf h7 funktioniert nur dann, wenn danach Sg5 mit Schach erfolgt. Solange das Feld g5 für den weißen Springer nicht frei zugänglich ist, muss man sich über die Möglichkeit Lxh7+ nicht den Kopf zerbrechen. Im Umkehrschluss heißt das: die Kontrolle über das Feld g5 nicht aus den Augen verlieren. Hier ein abschreckendes Beispiel für eine Schachsünde und -strafe.

Damengambit D 40
V. Pirc - G. Porreca
Bled 1953


1. Sf3 Sf6 2. d4 d5 3. c4 e6 4. Sc3 c5 5. e3 Sc6 6. a3 a6 7. cxd5 Sxd5 8. e4 Sxc3 9. bxc3 cxd4 10. cxd4 Le7 11. Ld3 0-0 12. Le3 Da5+ 13. Ld2 Db6 14. Lc3 Lf6 15. Tb1 Da7 16. e5 Le7 17. 0-0 Hier war noch nicht viel los. Mit dem gierigen Bauernraub 17. …Lxa3? gab Schwarz die Kontrolle über das Feld g5 auf und ermöglichte die Standardkombination 18. Lxh7+ Kxh7 19. Sg5+ Kg6 20. Dg4 f5 21. Dh4 drohend Dh7 nebst Matt.



Falls nun 21. …f4, so 22. Dh7+ Kxg5 23. h4+ Kg4 24. f3+ Kg3 25. Le1 matt. Schwarz versuchte noch 21. …Sxe5 22. dxe5 b5 23. Dh7+ Kxg5 24. Ld2+ und gab nun auf. Nach 24. …f4 folgt die Mattsetzung 25. h4+ Kg4 26. Dg6+ Kxh4 27. g3+ fxg3 28. Dg5+ Kh3 29. Dxg3. – 1:0



 


Schachschule 64 als PDF

Teil 107 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

Schach-Magazin a a a
Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

Designelement  :: Aktuelles Designelement
  Aktuelles Heft
Aktuelles Heft
Im Heft blättern
 

Designelement  :: Jahrgangsschuber Designelement
  Jahrgangsschuber
Aktuelles Heft
Der Preis pro Stück für 12 Ausgaben – inklusive Porto und Schutz-Verpackung beträgt € 14,90
Bestellungen bitte unter
Tel.: (0421) 36 90 325