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Schachschule 64 ::

Ein Springer als Damoklesschwert


Angriffsaufstellungen mit einem Springer auf f5 und was man damit anfangen kann



Die Gefahren, die von einem auf f5 postierten weißen Springer für die schwarze Königsstellung ausgehen, wurden bereits im ersten Teil dieser Abhandlung (vgl. Januarausgabe 2019) skizziert. Dort standen die Angriffsmotive, die nach einem Springeropfer auf h6 entstehen, im Mittelpunkt. Doch mit dem hervorragend postierten Springer kann man noch mehr anstellen. Dies ist das Thema dieser Folge.

Französisch C 01
F. Hamond - A. Eva
Brit. Meisterschaft, Ramsgate 1929


1. e4 e6 2. d4 d5 3. exd5 exd5 4. Ld3 Sf6 5. Sf3 Ld6 6. Sc3 0-0 7. 0-0 c6 8. Lg5 Sbd7 9. Dd2 Dc7 10. Tae1 b6 11. h3 Lb7 12. Sh4 Wie in der letzten Folge erwähnt, kann der weiße Königsspringer auf verschiedenen Routen nach f5 gelangen, meist geschieht das via g3 oder e3, oder wie hier über h4. Dies ist der schnellste Weg, der jedoch nicht immer gangbar ist. Schwarz kann dem mit …g6 einen Riegel vorschieben, was er hier auch unbedingt hätte machen sollen. Doch es folgte 12. …h6? Dieser Zug wäre gut, wenn Weiß gezwungen wäre auf f6 zu tauschen. Doch das ist nicht der Fall. 13. Le3 Jetzt kann man Sf5 nicht gut verhindern, denn auf 13. …g6? kommt 14. Lxh6. 13. …Tfe8 14. Sf5 Das kleinste Übel aus der Sicht von Schwarz ist nun 14. …h5 (entzieht sich dem möglichen Figureneinschlag auf h6) 15. Lh6 g6, wonach Weiß zwar augenscheinlich besser steht, aber keinen schnell entscheidenden Schlag ausführen kann. 14. …Sh5? 15. Lxh6!



In Stellungen mit einem Springer auf f5 beginnt nicht jeder Schlussangriff mit dem Springeropfer auf h6. Nicht selten wird der Läufer "vorgeschickt", um (konkret hier) nach 15. …gxh6 16. Dxh6 Sdf6 den Springer anderweitig zu nutzen: 17. Sxd6! Dxd6 18. Lh7+ Kh8 19. Lg6+ Kg8 20. Lxh5 mit zwei Mehrbauern bei anhaltendem Angriff.

In der Partie geschah 15. …Lf4 16. Lxf4 Sxf4 17. Se2 Der zweite Springer wird zum Königsflügel geführt. 17. …Se6 18. Seg3 Sdf8 19. Sh5 Dd8 Hier scheitert 19. …g6? an 20. Sf6+ Kh8 21. Dh6+ Sh7 22. Dxh7 matt. 20. Sh6+! Einmal mehr hat der Riesenspringer f5 das Sagen. Nach 20. …Kh8 21. Sxf7+ gewinnt Weiß die Dame, und nach 20. …gxh6 21. Dxh6 (droht Sf6+) 21. …f6 22. Txe6! wird der weiße Angriff übermächtig. 22. …Sxe6 22. …Txe6 23. Dg7 matt. 23. Lg6 De7 24. Te1 Lc8 25. Lxe8 – 1:0

Die Partie wurde erstmalig in der Zeitung Manchester Guardian vom 7. 8. 1929 veröffentlicht. Das war noch zu jener Zeit, als in vielen Tageszeitungen noch recht umfangreiche Schachecken veröffentlicht wurden. Da wird man glatt nostalgisch …

In der obigen Partie erreicht der Springer via h4 das Feld f6. Eine andere bekannte Route führt über d4. Auf die gelangt man nach einem, in vielen Eröffnungen vorkommenden Abtausch des Be5 gegen den auf d4, …exd4. So spielte auch der frühere Weltmeister Alexander Aljechin in der folgenden Partie, die in einer seiner Blindsimultanvorstellungen vorkam:

Spanisch C 84
A. Aljechin - M. Ricondo
Blindsimultan, Santander 1945


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. Sc3 Le7 6. 0-0



Es gehört zwar nicht direkt zum Thema dieser Trainingsfolge, dennoch wollen wir eine oft auftauchende Frage nicht unbeantwortet lassen: "Warum verzichtet Weiß hier auf 6. Lxc6 dxc6 7. Sxe5 mit Bauerngewinn? Falls 7. …Dd4 mit Doppelangriff auf e5 und e4, folgt doch 8. Sf3, oder nicht?" Das ist wahr, aber wenn Schwarz die Zugfolge ändert - 7.…Sxe4! 8. Sxe4 Dd4 -, greift er beide Springer an, holt sich das Material zurück und sein Läufer c8 wurde aktiviert. Nach der erfolgten Rochade 6. 0-0 muss Schwarz die Drohung Lxc6 nebst Sxe5 schon ernst nehmen, den hier funktioniert 6. …0-0? nicht mehr wegen 7. Lxc6 dxc6 8. Sxe5 Sxe4 9. Sxe4 Dd4 10. Sxc6! bxc6 11. d3. Deshalb ist als Antwort auf 6.0-0 der Bauernzug 6. …b5 heutzutage die meistgespielte Antwort. In der vorliegenden Partie geschah 6. …d6 7. Lxc6+ bxc6 8. d4 exd4 9. Sxd4



Der Bauer c6 hängt und die Stellung nach 9. …c5 10. Sc6 Dd7 11. Sa5 wirkt beim Blick auf die Figuren auf b7 und d7 irgendwie unordentlich. Also muss der Läufer c8 den Bauern c6 decken. Hierfür eignet sich der Zug 9. …Ld7 am besten. Der Partiezug 9. …Lb7?! lässt den Springer auf das Wunschfeld f5. 10. Sf5 0-0 11. Te1 Te8 12. Df3 Schwarz hätte hier …Sd7 nebst ggf. …Lf6 versuchen sollen. Der Springer d7 kann gelegentlich via …Se5 ins Spiel gebracht werden. Einen Ausgleich hat Schwarz noch lange nicht erreicht, aber es ist eine zähe Verteidigung möglich. Doch der Nachziehende kannte womöglich dieses Verteidigungsmanöver nicht, oder er war ungeduldig und wollte den Läufer auf b7 aktivieren, jedenfalls spielte er 12. …c5? was der Weltmeister lehrbuchmäßig ausnutzte: 13. Lg5! Der Springer auf f5 und der Läufer auf g5 bilden ein ideales Gespann, das viele taktische Tricks ermöglicht, z. B.



a) 13. …h6 14. Lxh6 gxh6 15. Dg3+ Sg4 16. Dxg4+ Lg5 17. f4 mit Figurengewinn.
b) 13. …Dd7 14. Lh6 Lf8 (Oder 14. …g6 15. Sxe7+ Dxe7 16. Lg5 Kg7 17. e5! Lxf3 18. exf6+, und auch hier büßt der Nachziehende eine Leichtfigur ein.) 15. Lxg7 Lxg7 16. Dg3 Sh5 17. Dg4 De6 18. Dxh5. Weiß hat einen Bauern mehr und die bessere Stellung.

Schwarz wehrte mit 13. …Lf8? alle diese Drohungen ab, doch damit hat Schwarz das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: 14. Sh6+! – 1:0

Schwarz verliert die Dame nach 14. …Kh8 15. Sxf7+ oder nach 14. …gxh6 15. Lxf6, da auch noch Dg3+ und Matt droht, muss Schwarz mit …Dxf6 16. Dxf6 seine Dame abschreiben.

Auch eine andere blitzartige Überrumpelung des Nachziehenden ging in die Lehrbücher ein. Die Partie hat in mehreren Punkten Bezug zur Schachgeschichte. Sie wurde anno 1928 anlässlich des 100. Jahrestags der Gründung der Berliner Schachgesellschaft (Deutschlands ältester noch existierender Schachklub) am 3. 12. 1827 gespielt; das Turnier kam im Februar 1928 zustande. Der Viertplatzierte Schweizer Paul Johner besiegte den ungarischen Nationalspieler Lajos Steiner im Eiltempo, wobei unser alter Bekannter, der Springer auf f5, nur einen Zug machte - den entscheidenden:

Nimzowitschindisch E 32
P. Johner - L. Steiner
Berlin 1928


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Dc2 d6 5. e4 Lxc3+ 6. bxc3 0-0 7. Ld3 Damit ein Springer auf f5 landen kann, muss das Feld zugänglich sein, ein schwarzer Bauer auf e6 würde den Springer-Aufgalopp verhindern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Beispiele mit dem "Damoklesschwert" sich in den offenen Eröffnungen nach 1. e4 e5 ergeben. Doch in Eröffnungen mit frühem …e7-e6 kann es durchaus geschehen, dass der Bauer von e6 wieder verschwindet, so wie hier nach 7. …e5 denn Schwarz sah es als vorrangig an, den Vorstoß e4-e5 zu verhindern. 8. Se2 De7?! Heutzutage weiß man aus zahlreichen Partien und Analysen, dass die Zugfolge 8. …c5 nebst …Sc6 aussichtsreicher ist. 9. 0-0 c5 10. f4 Sfd7?! Beginn eines gekünstelten Manövers, mit der Idee nach 11. Sg3 Te8 12. Sf5 Df8 13. fxe5 dxe5 zweimal auf d4 zu tauschen und dann …Se5 folgen zu lassen. Strategisch wäre dies in Ordnung gewesen, aber Schwarz ist aufgrund seiner umständlichen Manöver mit seiner Figurenentwicklung in Rückstand geraten und muss nun doppelt aufpassen. 11. Sg3 Te8 12. Sf5 Df8 13. fxe5 dxe5 14. Df2!



Der einzige spielbare Zug ist 14. …f6, so wird wenigstens die Katastrophe auf der f-Linie abgewehrt. 14. …Sb6? Nicht aufgepasst … 15. Sh6+! und Aufgabe – 1:0

Steiner verwarf 15. …Kh8 wegen 16. Sxf7+ Kg8 17. Dg3 (droht Sh6+ mit Damengewinn) 17. …De7 18. Lh6 g6 19. Sxe5 nebst Sxg6+ und Gewinn. Aber auch 15. …gxh6 verliert wegen 16. Lxh6! mit Damengewinn oder Matt nach 16. …Dxh6 (16. …De7 17. Dg3+) 17. Dxf7+ Kh8 18. Dxe8+ Kg7 19. Df8+ Kg6 20. Tf6+ Kg5 21. Dxh6+ Kg4 22. Le2 matt.

Auch im letzten Beispiel in dieser Folge zeigen wir ein kraftvolles Zusammenspiel des Läufers auf g5 mit dem (diesmal dort etwas später auftauchenden) Springer f5.

Französisch C 01
E. Canal - P. Tramoyeres
Madrid 1951


1. e4 e6 2. d4 d5 3. exd5 exd5 4. Sf3 Ld6 5. c4 De7+ 6. Le2 dxc4 7. 0-0 Wer früh auf einen Bauernraub aus ist, könnte auf die Idee 7. …b5 kommen, doch das geht schief: 8. Te1 Dd7 9. Lxc4+ Se7 10. Lxf7+! Kxf7 11. Sg5+ Kg6 12. Df3 Sec6 13. Te6+ mit Gewinn. 7. …Sf6 8. Lxc4 0-0 9. Te1 Dd8 10. Lg5 Hier war es an der Zeit, mit 10. …h6 den Läufer zu befragen, solang noch kein Opfer auf h6 droht. Nach 11. Lh4 Lg4 nebst …Sc6 entsteht eine für Schwarz noch spielbare Stellung. In der Partie ließ Schwarz dem Gegner zu lange die freie Hand: 10. …Lg4?! 11. Sc3 Sbd7 11. …h6!? 12. h3 Lxf3 13. Dxf3 c6 14. Se4 Le7 15. Sg3!



Der Springer setzt zu einem Sprung nach f5 an, die Alarmglocken schrillen:

a) 15. …h6 wird stark mit 16. Lxh6! beantwortet, z. B. 16. …gxh6 17. Txe7 Dxe7 18. Sf5 De4 19. Dg3+ Sg4 20. Ld3 +-.
b) 15. …Te8 16. Db3 Sd5 17. Txe7 Txe7 18. Lxd5 cxd5 19. Sf5 f6 20. Sxe7+ Dxe7 21. Dxb7 Tb8 22. Dxd5+ mit klarem Endspielvorteil für Weiß.

In der Partie geschah 15. …Sd5 16. Txe7! Sxe7 17. Sf5 Da ist er wieder und will Weiß einen klaren Vorteil verschaffen im Falle von 17. …Sf6 18. Sxg7 Sfd5 19. Sf5 f6 20. Lxd5+ cxd5 21. Lh6. Nach der Partiefortsetzung 17. …Te8 18. Sh6+! fiel - wie man im Filmjargon sagt - die letzte Klappe – 1:0

Es könnte folgen 18. …gxh6 (18. …Kh8 19. Sxf7+ Kg8 20. Sxd8+ +-) 19. Dxf7+ Kh8 20. Df6+! (20. Lf6+ führt ebenfalls zum Matt, aber mit dem Damenopfer ist Mattsetzung irgendwie schöner!) 20. …Sxf6 21. Lxf6 matt.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 105 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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