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Schachschule 64 ::

Über einen „Hammer-Zug“


Positionelles Qualitätsopfer auf f4 mit erstaunlicher Erfolgsquote



Die Idee zu dieser Folge unserer Trainingsserie wurde erst Anfang November geboren. Bei der Sichtung der Partien der frischgebackenen Jugendweltmeisterin der Altersklasse unter 16 Jahren, Annmarie Mütsch, fiel eine Partie auf, wo der Sieg mit einem schönen positionellen Qualitätsopfer erzielt wurde. Bei der Suche nach weiteren Beispielen zum selben Thema stellte sich heraus, dass dieses schon seit Jahrzehnten bekannte Motiv in den letzten Jahren oft bei Jugendmeisterschaften vorgekommen ist, obendrein war die Erfolgsquote der Anwender dieses Opfers erstaunlich hoch. Genug der Vorrede: Fangen wir an mit der Partie, die bei der Themenwahl dieser Folge den Anstoß gab.

Königsindisch E 73
K. Bulatowa (RUS, 2108)
A. Mütsch (GER, 2206)


1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 Lg7 4. e4 d6 5. Le2 0-0 6. Le3 e5 7. d5 Sa6 8. g4 Sc5 9. f3 h5 10. g5 Sh7 11. h4 f6 12. Dd2 fxg5 13. hxg5



Auf den ersten Blick machen die schwarzen Leichtfiguren am Königsflügel nicht den Eindruck, als würden sie bald eine entscheidende Rolle spielen. Der Läufer g7 hat auf h8 ein einziges freies Feld, der Springer h7 kann nirgenwo hin. Doch mit dem thematischen Zug 13. …Tf4! ändert sich die Lage. Der weiße Bauer g5, der gerade noch den schwarzen Königsflügel einengte, verliert die Unterstützung durch die Figuren auf d2 und e3 und wird bald das Brett verlassen. 14. Lxf4 exf4 15. Sh3 Nach 15. Dxf4 Sxg5 16. 0-0-0 Le5 17. Dd2 Df6 (droht …Lf4) 18. Kc2 Ld7 nebst …Tf8 steht Schwarz ausgezeichnet. Man beachte, was für eine traurige Figur der weiße Springer auf g1 macht. Wohl deshalb geschah in der Partie 15. …Lxh3 16. Txh3 Sxg5



Alle diese Züge sind auch in einer 2017 gespielten Partie Swayams - Libiszewski geschehen. Der Letztgenannte ist ein französischer Großmeister, der zusammen mit Mütsch für den deutschen Bundesligaverein SC Viernheim spielt und der Annmarie per Skype in Eröffnungsfragen berät. Dreimal darf man raten, wie sie auf das Qualitätsopfer gekommen ist … Diese Feststellung soll ihren Erfolg jedoch keineswegs schmälern. Es ist ja ein wesentlicher Bestanteil der Spielstärke, von anderen Spielern kreierte Ideen aufzunehmen, zu behalten und bei Gelegenheit anzuwenden.

Zurück zur Partie, in der die Idee vorbildlich umgesetzt wurde: 17. Th1 Le5 18. 0-0-0 Df6 19. Kc2 a6 20. Tdg1 b5 21. De1 Kf7 22. Dh4? Besser ist wohl 22. cxb5 axb5 23. a3 Sa4 24. Sxa4 bxa4 25. Db4. 22. …Lxc3 23. bxc3 Sa4 24. De1 b4!



Dieser Durchbruch krönt die schwarzfeldrige Strategie der Nachziehenden. Und warum hat das so gut funktioniert? Weil die Annahme des positionellen Qualitätsopfers 13. …Tf4! den gegnerischen schwarzfeldrigen Läufer beseitigte und die Diagonale a1-h8 öffnete. Der Rest der Partie hat nun mit strategischen Motiven nichts mehr zu tun. Schwarz verwertete den Vorteil zum Sieg.
25. Txg5 Dxg5 26. cxb4 a5 27. b5 De5 28. Da1 Dxa1 29. Txa1 Kf6 30. Tg1 g5 31. Kd3 Sc5+ 32. Kd4 Sd7 33. Th1 Th8 34. Th3 Kg6 35. Th1 Te8 36. Ld1 Te5 37. Tg1 Sc5 38. Lc2 Kf6 39. Tg2 Kg6 40. Tg1 Kh6 41. Th1 Kg6 42. Tg1 h4 43. Th1 Sd7 44. Ld3 Kh5 45. Le2 Te8 46. Lf1 Se5 47. Le2 g4 48. fxg4+ Kg5 49. c5 f3 50. Lf1 Sxg4 51. b6 dxc5+ 52. Kxc5 cxb6+ 53. Kxb6 Txe4 54. d6 Sf6 55. Kc7 Se8+ 56. Kd7 Sxd6 57. Kxd6 Te1 58. Kc5 Ta1 59. a4 Txa4 60. Lc4 Kg4 61. Tg1+ Kf4 62. Tg8 h3 63. Ld5 f2 64. Tf8+ Ke3 65. Tf3+ Ke2 66. Lc6 Tb4 67. Tf8 f1D 68. Te8+ Kd2 0:1

Nächstes Beispiel: ein Déjà-vu! Wie die Deutsche Annmarie Mütsch wurde auch die Georgierin Sopiko Guramishvili U16-Jugendweltmeisterin (später siegte sie auch in der U18 Klasse) und auch ihr verhalf das positionelle Turmopfer auf f4 zum Sieg in einer wichtigen Partie.



M. Haug (NOR, 2005)
S. Guramishvili (GEO, 2327)
Schwarz am Zug


23. …Tf4! Hier spielt Schwarz nach 24. Lxf4 nicht …exf4, sondern 24. …Sxf4 und leitet damit einen Königsangriff ein: 25. Df1 Dg4+ 26. Kh1 Df3+ 27. Kg1 Sh3+. In der Partie folgte 24. Df1 Tg4+ 25. Kh1 Df3+ mit Damengewinn – 0:1

Auch das nächste brillante Turmopfer auf f4 stammt aus einer U16-Jugendmeisterschaft; langsam wird die Häufung unheimlich …



A. Markarow - M. Moissejew
Russ. U16-Meisterschaft 1997
Schwarz am Zug


23. …Tf4! hier mit der Idee 24. Sxf4 exf4 25. Ld4 Lxd4 26. Dxd4 Lxd1 27. Txd1 f3 nebst …Tf8 gespielt. Weiß verzichtete lieber, kam jedoch vom Regen in die Traufe. 24. Tdf1 Txe4 25. Sg3 Teb4 26. Sxh5 Lxh5 27. Txh5 e4 28. Tf6 Txb2 29. Dxb2 Txb2 30. Kxb2 Lxf6+ 31. gxf6 Dxf6+ 32. Kc2 Df3 33. Tg5+ Kf8 34. Kd2 Df1 35. Tg3 Dd3+ – 0:1

Die vorgenannten 16-Jährigen haben ihre Hausaufgaben gut gemacht und die von den Altvorderen geschaffenen Musterpartien gut verinnerlicht. Hier ist einer dieser Klassiker, gespielt vor fast einem halben Jahrhundert von einem der besten Spieler jener Zeit.

Königsindisch E 89
R. Avery- S. Gligoric
USA 1971


1. c4 g62. Sc3 Lg7 3. d4 Sf6 4. e4 d6 5. f3 0-0 6. Le3 e5 7. d5 c6 8. Dd2 cxd5 9. cxd5 Sbd7 10. Sge2 a6 11. g4 h5 12. g5 Sh7 13. h4 f6 14. Lg2 fxg5 15. hxg5 b5 16. Sc1 Sc5 17. b4 Sa4 18. Sxa4 bxa4 19. Sd3 Ld7 20. Tc1 Lb5 21. Sb2 Tf4! 22. Lxf4 exf4 23. Sd3 Dxg5



Für die Qualität hat Schwarz einen Bauern und vor allem die positionelle Kompensation in der Herrschaft über die schwarzen Felder. Deswegen darf Weiß jetzt nicht 24. Sxf4? spielen, nach 24. …Lh6 wäre die Partie praktisch schon vorbei.

24. Tc2 Tf8 Im Falle von 25. 0-0 wird Weiß mit 25. …Ld4+ 26. Sf2 Le3 27. De1 Dh4 regelrecht zusammengeschnürt. 25. Kd1 a3 26. Sc1 La4 27. Sb3 Lb2 Vorsicht, es droht 28. …Lxb3 29. axb3 a2, gefolgt von der Bauernumwandlung in eine Dame. In seiner Verzweiflung opferte Weiß die Qualität. 28. Txb2 axb2 29. Dxb2



Materiell ist die Stellung wieder ausgeglichen, aber Schwarz hat immer noch starkes Druckspiel. Geeignete Ziele zu finden, fällt ihm nicht schwer. 29. …Tb8 30. Dd2 Sf6 31. Kc1 Lxb3 32. axb3 De5 33. Kb1 g5 34. Tc1 g4 35. Tc7 Sh7 36.Ka2 Sg5 37. De2 h4 38. fxg4 Tf8 Haben Sie das Gefühl, so etwas Ähnliches gerade gesehen zu haben? Richtig, die Stellung nach dem 38. Zug ähnelt der nach dem 50. Zug in der Partie Bulatowa-Mütsch. Hier wie da steht ein schwarzes Bauernduo auf den Linien f und h und wird von dem starken Springer unterstützt. 39. Lf3 Dd4 40. Tc4 De3 0:1

Manchmal wird auf f4 ein Turm zum Schlagen nur angeboten, jedoch nicht geschlagen. Dann aber kann das Feld f4 sozusagen als Rangiergleis genutzt werden, um den Turm auf ein anderes Wunschfeld zu führen. Hier ein fast schon spektakuläres Beispiel.



A. Valls Marti - H. Villafane Roca
Spanien 1997
Stellung nach 28. …Tf8-f4


Hier ist der Turm f4 offensichtlich tabu, nach 29. Lxf4 gewinnt 29. …Sxf4+ die Dame. Weiß spielte 29. Th1 doch der schwarze Turm opferte sich erneut 29. …Tg4+! Auch hier ist für Weiß Verzicht angesagt, denn 30. fxg4? lässt den König ungeschützt: 30. …Dxg4+, und nun:
a) 31. Kf1 Df3+ nebst …Dxe3+. 32. Lf2 scheitert an 32. …Sg3+ und Matt.
b) 31. Kf2, und nun gewinnt sowohl …Dg3+, als auch 31. …Tf8+ 32. Ke1 Df3 mit Doppelangriff auf die Figuren auf h1 und e3.
30. Kf2 Tg3 31. Se2 Th3



Hand aufs Herz: wer hätte in der Stellung des letzten Diagramms geahnt, das der schwarze Turm im Zickzacklauf via f4-g4-g3 auf h3 landet?

Nach diesem vollzogenen Hürdenlauf ist der klare Vorteil für Schwarz unschwer zu erkennen. Die Partie ging noch weiter und wurde in Zeitnot noch unklar, letztlich gewann Schwarz doch, im 59. Zug 0:1

 


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Teil 103 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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