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Das positionelle Remis


Bestimmte Motive können bei großem materiellem Nachteil eine Rettung sein



Materialvorteil wird so manches Mal überschätzt. Da stehen doch gleich drei Steine der einen Farbe dem nackten gegnerischen König gegenüber und können den nicht zur Aufgabe zwingen. Andere Faktoren als die Materialbilanz spielen eben auch eine Rolle.

Das vielleicht bekannteste Beispiel ist das Motiv des "falschen Läufers", ein alter Hut für Routiniers, aber ein Schock - oder auch Aha-Erlebnis - für einen wenig fortgeschrittenen Schachspieler, der diesem Motiv zum ersten Mal begegnet.













Falscher Läufer

Der Begriff "falscher Läufer" wird vor allem im Endspiel König, Läufer und Randbauer gegen König verwendet, wenn der Läufer das Umwandlungsfeld des Bauern nicht kontrolliert. In diesem Fall ist es nämlich nicht möglich, den gegnerischen König aus der Ecke des Bretts zu vertreiben. Trotz des großen Materialvorteils bleibt die Partie remis. Dem falschen Läufer sind Sie vielleicht schon einmal begegnet, er wird hier nur der Vollständigkeit halber aufgeführt. Weniger vertraut ist Ihnen vielleicht das in Dia 2 vorkommende Motiv.













Falscher Springer

Hier ist ein Springer am Werk, der ja bekanntlich bei jedem Zug die Felderfarbe wechselt, also sollte es doch egal sein, in welche Ecke sich der gegnerische König zu verkriechen sucht. Doch er ist ebenso wirkungslos wie der Läufer. Der König des Verteidigers kann in der Ecke nicht matt-, sondern allenfalls pattgesetzt werden.

Die Brettecke spielt bei Motiven zum Thema positionelles Remis eine große Rolle. Im Folgenden ein schon keineswegs triviales Beispiel: Der Beginn der Studie gehört dabei noch nicht zu unserem Thema, hier sei nur festgestellt, dass der Freibauer auf h2 unaufhaltsam erscheint.



Studie Alexander Guljajew, 1936
Weiß zieht und remisiert


Der Komponist fand die Idee 1. Le4 fxe4 2. Te5+ Mit dem Hintergedanken 2. …Kf4 3. Th5, und der Hauptfeind h2 wird abgefangen. 2. …Kg4 3. Txe4+ Kg3 4. Te1 Sd3 5. Tf1 Kg2 6. Ke2 Sf4+ 7. Ke1 Sh3 Schwarz droht …Sg1, wonach sich der h-Bauer durchsetzt. Hier aber betritt nun das Motiv des positionellen Remis die Bühne:



8. Th1! Kxh1 9. Kf1 Das ist es! Der schwarze König kommt nicht aus der Ecke h1 heraus. Der Springer kann in der Folge auf viele Felder ziehen und dabei auch mit Schachgeboten aufwarten, doch er kann niemals die beiden Felder f1 und f2 gleichzeitig unter Kontrolle bringen. Also bleibt dem weißen König immer der Zug auf eines dieser Felder, wobei der schwarze König weiterhin in der Ecke festsitzt.

Studien wie diese bleiben weiterhin auf dem Radar, denn darin finden sich nicht nur Juwelen des Kunstschachs, sondern auch wie soeben aufgezeigt Motive mit großer Bedeutung für die praktische Anwendung in Partien. Hier fahren wir jedoch zunächst mit Beispielen aus der Turnierpraxis fort.



Z. Ribli - A. Ozsvath
Ungarn 1970
Schwarz am Zug


Weiß hat eine Figur mehr, noch schlimmer aus schwarzer Sicht ist aber die mögliche Attacke Tf6+, verbunden mit der Konsolidierung der weißen Kräfte nach dem Muster Sg3-f5+, gefolgt von g5-g6. Dies muss Schwarz unbedingt verhindern: 1. …h4! Dieser Zug erfüllt zwei Aufgaben: er verhindert Sg3 und ermöglicht nach 2. Txh4 den aktiven Zug 2. …Kf5! wonach Weiß Koordinierungsmaßnahmen wie die aufgezeigte vergessen kann: Er muss jetzt zusehen, dass er seine Schäfchen auf e4 und g5 zusammenhält. Weiß könnte nur gewinnen, wenn es ihm gelänge, seinen König nach e3 zu überführen, danach könnte Weiß mit Tf4+ nebst Tf6 loslegen. Doch der König kann nicht nach e3 gelangen, der schwarze Turm bewacht die d-Linie und denkt nicht daran, diese zu räumen. In der Partie versuchte Weiß 3. Kc3 Td1 4. Kc4 Td8 5. Kc5 Td3 6. Kc6 mit der Falle 6. …Td4? 7. Sg3+ Ke5 8. Txd4 Kxd4 9. g6. 6. …Td1 7. Kc7



Hier spekuliert Weiß auf 7. …Te1 8. Kd6! mit entscheidender Überschreitung der d-Linie. Der weiße König läuft nach f7, um g5-g6 zu ermöglichen. Man beachte, dass 8. …Txe4 umgehend verliert: 9. Txe4 Kxe4 10. g6 usw. 7. …Td3 8. Th1 Die letzte Falle. Nach 8. …Kxe4 9. Tg1 setzt sich der g-Bauer entscheidend in Bewegung. 8. …Te3! wegen der mehr oder weniger erzwungenen Zugwiederholung 9. Th4 (9. Tg1 Txe4 10. g6 Te8 11. Kd7 Tg8 12. g7 Kf6 remis) 9. …Td3!, und da Weiß ohne Th4 nicht auskommt, wurde das positionelle Remis erreichtremis

Das positionelle Remis ist ein beliebtes Thema bei Studienkomponisten. Für einige von ihnen steht der hohe Schwierigkeitsgrad im Vordergrund, andere wiederum entwickeln sehr praxisnahe Studien, so z. B. IM Yochanan Afek (66), ein israelisch-niederländischer Schachkomponist, -spieler, -journalist, -organisator und -trainer. Dieser Tausendsassa komponierte eine Studie zum Thema positionelles Remis, die zwar mit keinem Preis bedacht wurde, aber jeden Schachtrainer erfreut, da sie einen wertvollen Beitrag für eine Unterrichtsstunde liefert.



Studie Yochanan Afek, 2003
Weiß zieht und remisiert


Das eigentliche positionelle Remis erscheint erst in der Schlussphase auf dem Brett, davor schaltete Afek einen amüsanten Ritt des weißen Springers: 1. Sh7 g4 2. Sf6 g3 3. Sh5 g2 4. Sf4 g1D 5. Se2+ Die neugeborene Dame wird abgeholt, doch nach 5. …Kd2 6. Sxg1 Ke3 entsteht der Eindruck, der weiße Springer schafft es nimmer, den gegnerischen Bauern aufzuhalten, doch warten Sie nur ab!



7. Sh3 b5 8. Sg5 b4 9. Sf7 b3 10. Sd6 Weiß hat die Springergabel 10. …b2? 11. Sc4+ im Sinn, die Schwarz verhindert 10. …Kd3 11. Sb5 b2 12. Sa3 und wir lernen ein weiteres Standardbeispiel für ein positionelles Remis kennen.



In der Folge jagen sich der König und der Springer um den Bauern b2 wie spielende Kinder um einen Baum: 12. …Kc3 13. Kg7 Kb3 14. Sb1 Ka2 15. Sc3+ Kb3 16. Sb1 Kc2 17. Sa3+ usw.



W. Simagin - R. Cholmow
Moskau 1947
Schwarz am Zug


Der Nachziehende tauschte die Damen ab 49. …Dxg2+ 50. Kxg2 und verlor das schlechtere Turmendspiel nach den weiteren Zügen 50. …Td8 51. Txc7 g5 52. Kf3 Kg7 53. Ke3 Kf7 54. Kd4 gxf4 55. gxf4 Kf6 56. Kc5 Ke7 57. Kc6 Ke6 58. Tb7 Ke7 59. Ta7 Tb8 60. Ta5 nebst Te5 +- 1:0

Die Ausgangsstellung war Gegenstand einer Analyse nach der Partie. Nach einer Überlieferung wurde die Idee 49. …Te2 50. Dh1 Dd2 51. Txc7 Tf2 diskutiert, mit einem sagenhaften positionellen Remis als vorläufigem Resultat:



52. Tc2 (52. d8D ergibt Remis nach …Th2+! 53. Dxh2 Dxh2+ 54. Kxh2 patt) 52. …Dxc2 53. d8D De2 (droht …Dg4 matt) 54. Dh4 Kh8 55. Dg1 Kh7 und Remis.



Wegen der potentiellen Drohung …Dg4 darf die Dame von h4 nicht wegziehen, und die andere Dame muss stets in der Nähe des Feldes h2 bleiben, sonst folgt …Th2 matt. Ein wunderschönes Beispiel für die Ohnmacht zweier Damen. Das wäre ein gutes Schlusswort für diese Folge gewesen. Später meldete sich jedoch ein "Spielverderber", der in der vorletzten Diagrammstellung einen Gewinn erspäht hatte:

52. d8S!! De2 (52. …Dxd8 53. Dc6 Df8 54. Dg6+ Kh8 55. Tf7 Dg8 56. Dxf5 Ta2 57. Tf8+-) 53. Txg7+ Kxg7 54. Db7+ Kh8 55. Sf7+ Kg8 56. Sxh6+ Kh8 57. Dc8+ Kg7 58. Dg8+ Kxh6 59. Dg6 matt.

Eine tolle Kombination, ähnlich schön wie das gezeigte positionelle Remis. Und so schließen wir diesen Artikel mit der Feststellung, dass sich in dieser Muschel gleich zwei Perlen befanden.

Weitere Beispiele zum Thema positionelles Remis finden Sie in der zweiten Folge im nächsten Heft.





 


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Teil 100 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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