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Schachschule 64 ::

Über eine wertvolle Faustregel


Beispiele zum Thema „Figuren im Abseits“ und wie man daraus Vorteil ziehen kann



Der Arzt Siegbert Tarrasch (1862-1934) ging in die Schachgeschichte als erfolgreicher Turnierspieler ein, der in seiner Glanzzeit um die Jahrhundertwende zu den besten Spielern der Welt zählte. Weltbekannt wurde er auch als Schachlehrer: seine drei Bücher "Dreihundert Schachpartien" (1895), "Die moderne Schachpartie" (1912) und "Das Schachspiel" zählen zu den Klassikern der Schachliteratur.

In einer ausgezeichneten Buchbesprechung (karlonline.org/kol24.htm) schrieb der Publizist Johannes Fischer unter anderem: "Die Schachwelt hat sich angewöhnt, Dr. Tarrasch als veralteten Dogmatiker abzutun, seine berühmten Lehrsätze wie ‚Tempo verloren, Partie verloren', ‚Springer am Rande ist eine Schande' oder ‚Türme gehören hinter die Freibauern' wurden schon so oft zitiert, dass sie eigentlich nur noch zur Parodie taugen und Tarraschs lateinischer Ehrentitel Praeceptor Germaniae wirkt heute altmodisch und pompös - kein Zweifel, der einst so populäre Schachautor hat viel von seinem Nimbus eingebüßt. Aber ein Blick in die Neuauflage von Tarraschs Klassiker Die Moderne Schachpartie zeigt, dass diese Geringschätzung mindestens so dogmatisch ist wie die Urteile des Meisters - und weniger fundiert. … Die Vorzüge von Tarraschs Kommentaren kann man genießen, ihre Schwächen sollte man tolerieren".

Ein bekannter Schachlehrer erzählte einmal, dass er im Untersicht bei Erwähnung klassischer Lehrsätze sofort nachschiebt, dass jede Regel ihre Ausnahmen hat. Damit werden Zwischenrufer prophylaktisch ruhig gestellt, so dass man sich auf den praktischen Nutzen des Tipps konzentrieren kann. Das wollen wir auch und haben für diese Folge der Schachschule 64 einen anderen Lehrsatz von Tarrasch ausgewählt: "Steht eine Figur schlecht, ist die ganze Stellung schlecht." (Es kursieren auch andere Versionen dieses Lehrsatzes, jedoch mit der gleichen Aussage.) Ob diese Formulierung dogmatisch ist, damit mögen sich andere beschäftigen. Bei einer Partie ist diese Faustregel oft hilfreich.

In der ersten Diagrammstellung steht der schwarze Randspringer a5 ganz schlecht.



M. Marin - I. Ivanisevic
Capo d'Orso, Porto Mannu 2018
Schwarz am Zug


Diese Einschätzung beruht vor allem auf dem Umstand, dass der Springer nicht so schnell mobilisiert werden kann: Zieht er nach b7, hat er immer noch kein gescheites Feld zur Verfügung und auch nach den weiteren Zügen 26. …De7 und 27. …Sd8 sind seine Aussichten mau. Somit hat Schwarz bei den kommenden Verwicklungen am Königsflügel faktisch eine Figur weniger im Spiel und unterliegt chancenlos.

In der Partie versuchte der Nachziehende einen verzweifelten Gegenangriff 25. …Dg5 26. Sf3 h3+ 27. Kxh3 Dg4+ 28. Kg2 Sh5



Weiß hätte sogar mit Kh1 dem Springerschach auf f4 ausweichen können, aber er leistete sich den Luxus 29. Se5! mit der Idee 29. …Dh4 30. Sf3 Sf4+ 31. Kh1 g2+ 32. Dxg2 Dxe1 (32. …Sxg2 33. Sxh4) 33. Txe1 Sxg2 34. Kxg2, oder 29. …Sf4+ 30. Txf4 Dxf4 31. Sxg6 Dg5 32. Sxf8 gxh2+ 33. Kh1 Txf8 34. Dxh2 und Tg1, mit Gewinnstellung für Weiß in beiden Fällen. In der Partie folgte 29. …Dg5 30. Sf7! Dd2+ 31. Te2 Dxc2 32. Txc2 1:0



Materiell steht Schwarz nicht schlechter, doch sein Springer auf a5 ist weiterhin nur eine Karteileiche. Es könnte folgen 32. …Lg7 33. Lxh5 gxh5 34. Sxd6 Sb7 35. Sxf5 Lxb2 36. Txb2 gxh2 37. e7 Tf6 38. Kxh2 Te8 39. Tg2+ Kh7 40. Tg5, und der Springer ist nach wie vor untätig; 40. …Sd6 verliert nach 41. Tg7+ Kh8 42. Sxd6. Wie sagte es schon Tarrasch: Steht eine Figur schlecht …

In den nächsten Beispielen stand eine Figur nicht von vornherein schlecht, sie wurde vielmehr in eine sehr ungünstige Stellung hineinmanövriert.



L. van Wely - D. Jakowenko
Foros 2007
Weiß am Zug


Mit einem Figurenopfer konnte Weiß einen starken Angriff aufbauen, doch der erwartete K.-o.-Schlag lässt sich nicht so einfach verwirklichen. Sowohl nach dem Abzugsschach Se7, als auch nach dem Doppelschach per Sf8 weicht der schwarze König einfach nach h8 aus. Auch 24. Sh4+ Kh8 25. Lxh6 gxh6 26. Td3 Db2 bringt Weiß keinen Gewinn, denn die schwarze Dame verhindert das Schlagen des Springers auf f6.

Die Lösung des Problems: die schwarze Dame so abzudrängen, dass sie im Abseits steht und keine Verteidigungsaufgaben wahrnehmen kann. Los geht's: 24. Ld4! Da5 25. c5 Drängt die schwarze Dame ab. Nach 25. …bxc5 (oder …Lxc5) 26. Se7+ Kh8 27. Lxf6 bricht die schwarze Königsstellung zusammen. 25. …Kg8 26. Se7+! Txe7 27. Lxf6 Td7 Wahlweise 27. …Dxc5 28. Td8+ Kf7 29. Le5 matt. 28. Dg6 1:0

Es droht Txd7 nebst Dxg7 matt.



W. Unzicker - S. Reshevsky
Schacholympiade München 1958
Weiß am Zug


Hier steht noch gar keine Figur im Abseits. Nach naheliegenden Zügen wie Txb8 oder Tb3 wäre das auch weiterhin der Fall gewesen. Der deutsche Rekordnationalspieler Wolfgang Unzicker stellte jedoch mit 25. Td7!? eine schlaue Falle auf. Statt mit …Tbd8 einfach den Bauern d6 zu decken und das Spiel weiter im Gleichgewicht zu halten, ließ sich Schwarz zu 25. …Tb1? hinreißen. 26. Txb1 Sxb1 "Zunächst sieht es so aus, als bekäme Schwarz Gegenchancen", schrieb Unzicker in seinen Kommentaren im Bulletin. "Er droht nun Te8-e1+. Außerdem ist der Bauer f4 angegriffen. … Das Verhängnisvolle für Schwarz ist, dass sein Springer, der bisher das Feld e2 kontrolliert hat, völlig abseits steht. Diese Abseitsstellung des schwarzen Springers nutzt Weiß zu einem überraschenden Schlag aus." 27. De2!!



Die weiße Dame betritt die Bühne und greift die Figuren auf c4 und e8 an. Jetzt scheitert 27. …Txe2?? an 28. Td8+ nebst Matt und nach dem Damenabtausch 27. …Dxe2 28. Lxe2 wird der gestrandete Springer nicht rechtzeitig zur Verteidigung des Königsflügels zurückkehren können: 28. …Sa3 (Oder 28. …a5 29. Lc4 Tf8 30. g6 Sd2 31. gxf7+ Kh8 32. Te7 und Te8 mit Gewinn.) 29. Lxa6 mit zwei Mehrbauern für Weiß.

In der Partie geschah 27. …Dc8 "Eine Ironie ist, dass Schwarz, der durch den Abtauschzug Tb8-b1 die erste Reihe des Gegners schwächen wollte, damit gerade die Sicherung seiner Grundreihe vernachlässigt hat." (Unzicker) 28. Tc7! Dd8 29. Dc4 d5 30. Lxd5 Sd2 31. Dc6! Tf8 Weiß gewinnt auch nach 31. …Te1+ 32. Kg2 Te2+ 33. Kg3 Sf1+ (33. …Te3+ 34. Kf2+-) 34. Kf3+-. 32. Txf7 Txf7 33. g6 hxg6 34. fxg6 Kf8 35. gxf7 Se4 36. De8+ 1:0

Am Ende ging der gestrandete Springer auch noch verloren. Ein Paradebeispiel zu dem Thema "Ein schlechte, da im Abseits stehende Figur".

Es muss nicht immer Abseits sein, auch eine Figur, die keine Wirkung entfalten kann, steht schlecht. Hierzu das letzte, erstaunliche Beispiel aus der Praxis des früheren Weltmeisters Garry Kasparow.



A. Fedorow - G. Kasparow
Wijk aan Zee 2001
Schwarz am Zug


Die weiße Dame steht im gegnerischen Lager, nur zwei Felder vom gegnerischen König entfernt. Also eine großartig postierte Angriffsfigur? Mitnichten! Allein kann die Dame von h6 nichts ausrichten, ihr mangelt es an Mitstreitern. Der Traum von der Mattsetzung per Dg7 ist schnell ausgeträumt: 19. g5 Sh5 20. f6 exf6 21. exf6 Sxf6, und Weiß hat nichts.

Das Feld h7 ist mit zwei Figuren gedeckt, also müsste Weiß diesen Punkt mit drei Figuren angreifen, aber woher nehmen? Immerhin versuchte er 19. Sg5 Tc2 20. Tf1 "Herr Fedorow stürmt nun aus allen Rohren ballernd vorwärts" schrieb Großmeister Daniel King bei seiner seinerzeitigen Vorstellung dieser Partie im Rahmen seiner Rubrik "Test & Training". 20. …Lxf1 21. Txf1 Tfc8 Der Turm macht Platz für den König, damit der nach 22. fxg6 hxg6 23. Txf6 exf6 24.Dh7+ Kf8 über e7 in Sicherheit gelangen kann. 22. fxg6 hxg6 Die sicherste und beste Art, den Bauern zurückzunehmen. Der schwarze König steht absolut sicher. 23. Sb3



Die weiße Dame steht immer noch in der Nähe des gegnerischen Königs - und dort steht sie immer noch wie bestellt und nicht abgeholt, sprich ganz schlecht. Sie kann nichts tun, sondern nur von der Ferne zusehen, wie es ihrem Gatten an den Kragen geht: 23. …Txg2! Die logische Folge des Spiels von Weiß wie von Schwarz. Der weiße König ist nicht mehr zu verteidigen. 24. Kxg2 Tc2+ 25. Kg3 Die Alternative 25. Kh1 De3 gibt auch nicht mehr her. 25. …De3+ 0:1

Nach 26. Kh4 hat Schwarz die angenehme Wahl zwischen verschiedenen Gewinnzügen: 26. …Tg2, mit der Drohung …Dg3 matt, oder 26. …Tf2 oder 26. …Sexg4.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 99 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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