Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Ein Geistesblitz und seine Genesis


Modellpartien zum Thema positionelle Kompensation



Man schrieb das Jahr 1997. In der niederländischen Stadt Groningen versammelte sich ein Großteil der damaligen Spitzenprofis zur Weltmeisterschaft nach K.-o.-System, darunter auch der Inder Viswanathan Anand (der spätere Weltmeister) und der bosnische Großmeister Predrag Nikolic. Ihre Partie begann mit sieben Zügen, die vielen der Zuschauer bekannt waren - es waren die Anfangszüge einer verbreitet gespielten Eröffnungsvariante - und weckten daher noch kein besonderes Interesse. Doch dann zog Anand seine Dame, um sie gleich im nächsten Zug wieder auf das Ausgangsfeld zurückzustellen. Solche Eskapaden ist man eigentlich von Anfängern gewohnt, doch wenn einer von der absoluten Weltklasse so etwas spielt, dann versucht man zu ergründen, was hier eigentlich gespielt wird. Schauen wir genauer hin.

Französisch C 18
V. Anand - P. Nikolic
Groningen 1997


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 4. e5 c5 5. a3 Lxc3+ 6. bxc3 Da5 7. Ld2 Da4



Soweit alles bekannt. Zwei Konzepte treffen aufeinander: Schwarz hat mit dem Abtausch auf c3 die weiße Bauernstruktur beschädigt und will sie später "bearbeiten". Dafür ist Weiß in den alleinigen Besitz eines schwarzfeldrigen Läufers gekommen, weswegen im Lager des Nachziehenden schwarzfeldrige Schwächen entstanden sind. Deshalb geschah in vielen Partien nun 8. Dg4! mit Angriff auf den Bauern g7, den Schwarz mit 8. …g6 rettet.



Nun hängt der Bauer c2, weswegen er in vielen Partien mit 9. Ta2 gedeckt wurde. Auch der Bauernabtausch 9. Sf3 Dxc2 10. dxc5 kam in der Praxis vor. Doch Anand schockte das Publikum mit 9. Dd1!? Die Dame steht dort, wo sie schon vor zwei Zügen stand, folglich verschenkte Weiß zwei Tempi, obendrein hängt noch der Bauer d4, den sich Schwarz gleich einverleibte 9. …cxd4 Anand antwortet blitzschnell 10. Tb1! worauf der renommierte Schwarzspieler in endloses Grübeln verfiel. Er hatte Anands Idee enträtselt und suchte nun nach einem Plan.



Anand hat die beiden Tempi und auch noch den Bauern nicht aus Übermut hergegeben. Nach der Partie (und später in seinen Kommentaren) erläuterte er seine Idee: Der schwarzfeldrige Läufer soll nach b4 geführt werden, von wo er die Diagonale a3-f8 kon­trolliert und somit auch die gegnerische kurze Rochade verhindert. In seinen Kommentaren für die Partiesammlung MegaBase zeigte er auch, wie er den Läufer nach b4 zu überführen gedenkt: 10. …Dxa3 (10. …dxc3?? verliert nach 11. Lb5+ die Dame.) 11. cxd4 nebst Lb4, was nicht gut zu verhindern ist, z. B. 11. …Sc6 (11. …a5 12. Ta1) 12. Lb5 (droht Damenfang Lb4) 12. …Ld7 13. Sf3 a6 (13. …Sge7 14. Tb3 mit Damenfang) 14. Tb3 De7 15. Lxc6 Lxc6 16. Lb4 und Schwarz kommt nicht zur Rochade. Im Übrigen kostete die Flucht der schwarzen Dame den Nachziehenden ganz schön viel Zeit. War es nicht eigentlich Weiß, der zuvor mit Dd1-g4-d1 Tempi verloren hatte? Nicht verloren, gut angelegt!

Schließlich fand Nikolic einen Weg, um die Überführung des weißen Läufers nach b4 zu verhindern: 10. …d3! 11. Lxd3! Normalerweise ist es eine gute Idee, eine angeknabberte Bauernstruktur bei sich bietender Gelegenheit zu begradigen. In diesem Sinne war auch 11. cxd3 gut spielbar, aber Anand wollte angreifen und nicht die Dame auf d1 abtauschen lassen. Damit endet hier der strategische Teil der Partie, die weiter im Zeichen der weißen Initiative verlief, mit einem guten Ende für Weiß. 11. …Dxa3 12. Sf3 Dc5 13. h4! h6 14. 0-0 Sd7 15. Te1 a6 16. c4 dxc4 17. Le4 c3 17. …Se7? 18. Lb4 mit einer Gewinnstellung laut Anand. 18. Le3 Dc4 19. Ld4 Sc5 20. Te3! Sxe4 21. Txe4



Der Rest der Partie verlief im Zeichen des "Monsters", des mächtigen schwarzfeldrigen Läufers, der in jeder Variante im Angriff aushilft. Hier zum Beispiel nach 21. …Se7? 22. Lb6 +-. 21. …Ld7 22. Te3! Se7 23. Txc3 Dd5 24. Tc5 De4 25.Tc7 b5 Erwähnenswert ist 25. …Lc6? 26. Txe7+! Kxe7 27. Lc5+ Ke8 28. Dd6 nebst matt. 26. Lc5 Sd5? Relativ besser war laut Anand 26. …Dd5 27. De2 Tc8 28. Txc8+ Sxc8 29. Lb4. Doch der schwarze Turm ist und bleibt im Abseits. Dies bewirkt der Läufer auf b4, der die schwarzen Felder beherrscht. 27. Txd7! Kxd7 28. Tb4 mit Damengewinn nach 28. …Df5 29. g4, oder wie in der Partie. 28. …Dxb4 29. Lxb4 Thc8 30. Ld6 Tc4 31. Sd2 Td4 32. c3 Td3 33. c4 Txd2 34. Dxd2 bxc4 35. Dxh6 – 1:0

Diese Partie hinterließ einen starken Eindruck. Die Anzahl der Partien mit dem angewandten Manöver Dd1-g4-d1 stieg sprunghaft an, mehr als einhundertmal wurde seitdem so gespielt. Zwei Partien bieten weiteres Material zu diesem Thema:

Französisch C 18
R. Dos Santos - G. Mahia
Buenos Aires 2008


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 4. e5 c5 5. a3 Lxc3+ 6. bxc3 Da5 7. Ld2 Da4 8. Dg4 g6 9. Dd1 cxd4 10. Tb1 Sc6 11. Lb5 Dxa3 12. cxd4 Alles wunderbar begradigt und den überlegenen schwarzfeldrigen Läufer behalten. Und dies alles für nur einen Bauern! 12. …Ld7 13. Sf3 h6 14. h4 Df8 15. h5 g5 16. 0-0 Sge7 17. Lc1 f5 18. exf6 Dxf6 19. Se5 0-0-0 20. La3 Sxe5 21. dxe5 Dg7 22. Dg4 Lxb5 23. Txb5 Df7 24. Tfb1 Td7 25. Da4 Sc6 26. Ld6



Was für ein Traumläufer! Jetzt muss nur noch eine Bresche in die Mauer um den schwarzen König geschlagen werden. 26. …Kd8 27. T5b3 Es droht das Damenopfer 28. Dxc6+ nebst ggf. Tb8 matt. 27. …Se7 28. Txb7 Sc8 29. Dc6 drohend Dxc8+ und Tb8 matt. Nach 29. …Txb7 gewinnt 30. Txb7 die Dame oder Schwarz wird mattgesetzt. – 1:0

Partien wie diese bestätigten die Korrektheit von Anands Damenmanöver und änderten auch etwas die "Mode" in der Französischen Verteidigung.

Französisch C 18
A. David - P. Claesen
Zonenturnier Escaldes 1998


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 4. e5 c5 5. a3 Lxc3+ 6. bxc3 Sc6 7. Dg4 g6 8. Dd1 Da5 9. Ld2 Da4 10. Sf3 Ld7 11. Ld3 0-0-0 Schwarz sagt sich: Wenn mein Königsflügel so gelöchert ist, dann rochiere ich halt lang. Aber der Superläufer erwischt ihn auch am Damenflügel. 12. dxc5 f6 13. De2 Da5 14. 0-0 Dxc5 15. Tfb1 Kb8 16. c4 Lc8 17. Lb4!



Mit Damengewinn oder tödlicher Öffnung der a-Linie. 17. …Sxb4 18. axb4 Dc7 19. De3 b6 20. c5 Tf8 21. Sd4 Se7 22. exf6 Txf6 23. cxb6 Mit der Pointe 23. …axb6 (23. …Dxb6 24. De5+ mit Turmgewinn.) 24. Sb5 Dd7 25. De5+ Kb7 26. Ta8 Kc6 27. Sd4+. 23. …Df4 24. bxa7+ Ka8 25. Sb5 – 1:0

Schluss mit dem schwarzfeldrigen "Schweizer Käse" (lauter Löcher auf d6, e7, f6), …g7-g6 kommt nicht mehr aufs Brett. Dennoch kann der schwarze Königsflügel auch in diesem Falle erstürmt werden, wenn man es nur geschickt anstellt. Hierzu eine aktuelle Partie eines der gegenwärtig besten Spieler der Welt, Fabiano Caruana.

Französisch C 18
F. Caruana - A. Lenderman
US-Meisterschaft, St. Louis 2018


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 4. e5 c5 5. a3 Lxc3+ 6. bxc3 Da5 7. Ld2 Da4 8. Dg4 Kf8 Nach den vielen Katastrophen verzichtet Schwarz auf …g6. 9. h4 Auch hier ist Dd1 möglich. So spielte mal der unvergessene Bobby Fischer bei der Schacholympiade 1970 in Siegen. 9. …Sc6 Auf 9. …Dxc2 plante Caruana vermutlich 10. Tc1 De4+ 11. Dxe4 dxe4 12. Se2 b6 13. Sg3 Lb7 14. h5 nebst Th4, was gut für Weiß aussieht. 10. h5 Nachtigall, ick hör dir trapsen… Weiß will h5-h6 spielen und ein Loch auf f6 erzeugen, so wie in den anderen Partien in dieser Trainingsfolge. Schwarz lässt sich nicht darauf ein. 10. …h6



11. Dd1! Anands Manöver in einer anderen Form. Die schwarze Dame wird an ihren Aktivitäten (…Dxc2) gehindert, und Weiß will mit Sf3 nebst Th4 und cxd4 einen offensichtlichen positionellen Vorteil erreichen. Die Frage bleibt, was hat Weiß, wenn sein Gegner das angebotene Material annimmt? 11. …cxd4 12. Sf3 dxc3 Er hat viel Spiel für den Bauern, wie immer auf den schwarzen Feldern, zusätzlich jedoch im freien Raum am Königsflügel, was Caruana beispielhaft vorträgt. 13. Lxc3 Es droht Th4 mit Angriff auf die schwarze Dame. 13. …De4+ bringt keine Entlastung, die Dame wird dann in den "Keller" am Königsflügel verbannt, sehen Sie selbst: 14. Le2 Sge7 15. Th4 Dh7 16. Ld3 Dg8 oder 16. …g6 17. hxg6 Sxg6 18. Tg4. Lenderman wollte seiner Dame etwas mehr Raum verschaffen, spielte 13. …g5 14. hxg6 De4+ 15. Le2 Dxg6 aber Caruana nutzt seinen Entwicklungsvorsprung überzeugend aus: 16. Dd2 Sge7 17. Ld3 Dxg2 18. Ke2 Dg4 19. Th4 Dg7 20. Tg1 Sg6 21. Tf4 Sce7



22. Lb4! Und da haben wir ihn wieder, den schwarzfeldrigen Läufer auf b4, der die Entscheidung bringt. Schwarz kann sich drehen und wenden wie er will, er kann den Angriff auf den Linien g und f sowie auf den Diagonalen b1-h7 und a3-f8 nicht abschütteln. Weiß gewinnt in jeder Variante, am schönsten nach 22. …Ke8 23. Lxe7! Kxe7 24. Db4+ Ke8 25. Lb5+ Ld7 (25. …Kd8 26. Dd6+ und matt) 26. Lxd7+ nebst Dxb7. Die Partie endete so: 22. …a5 23. Txg6 – 1:0

Eine brillante Partie, mit der sich der WM-Herausforderer im besten Licht präsentierte.

 


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Teil 97 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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