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Schachschule 64 ::

Kombinationen mit Pattmotiven


Lehrreiche Reinfälle und geniale Einfälle



Bereits in der Septemberausgabe haben wir im Rahmen dieser Rubrik das obige Thema angeschnitten und sechs Beispiele aus der Praxis vorgestellt bzw. erläutert. In dieser Folge vertiefen wir diese Materie und zeigen auch Gegenmittel gegen einige der Standardkombinationen. Die bekannteste ist mit dem Begriff des "verrückten Turms" verbunden. So nennt man anschaulich einen Turm, der bar jedes "Selbsterhaltungstriebs" sich immer wieder zum Schlagen anbietet, weil die Opferannahme ein Patt erzeugt. Und wer glaubt, dass alles ist ja schon lange bekannt und kommt bei heutigen Spitzenprofis nicht mehr vor, der irrt gewaltig, wie das erste Beispiel zeigt. Das Fragment stammt aus einer im Vorjahr gespielten Partie zwischen zwei Topten-Spielern.



W. So - S. Karjakin
Norway Chess 2016
Schwarz am Zug


Die Stellung sieht nach einem leichten Sieg für Weiß aus, denn der Vormarsch des Königs via f5 und e6 bis nach f7 ist schwerlich zu verhindern. Doch es geschah 65. …f5+! mit der Idee 66. Kxf5 g4 67. Kf4 g3 68. Txg3 Tbxe7 69. Lxe7 Txe7 70. Ta3 Te4+













Analysediagramm

und wir sehen das bekannte Motiv des "verrückten" Turms, der sich immerzu zum Schlagen anbietet. Das Motiv des "verrückten Turms" sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn ein König "auf Patt steht". Man darf sich aber nicht blind auf diesen Rettungsanker verlassen.

Wesley So wich diesem Motiv aus, konnte aber in der Folge dennoch nicht gewinnen, immer wieder gab die Stellung genug für Patt-Ideen her: 66. Kxg5 Tb1! Idee 67. Tf3 (denkt an Txf5-f8+) 67. …Tg1+ 68. Kxf5 Txe7! 69. Lxe7 Tf1!, wieder mit einer forcierten Pattsetzung. 67. Ta3 Tg1+ 68. Kxf5 Te1 69. Ta2 T8xe7 70. Lxe7 Te5+ und 71. Kf4 Te4+ 72. Kf3 Te3+ kam nicht mehr aufs Brett, sondern sofort 71. Kxe5 patt.

Der siegbringende Lauf des weißen Königs im nächsten Beispiel, mit einem vermeintlich verrückten Turm, wurde nicht am Brett, sondern erst in der Analyse entdeckt.



E. Schallopp - J. Blackburne
DSB-Kongress, Frankfurt a. M. 1887
Schwarz am Zug


Es geschah 41. …Te1+ 42. Kf2 Tf5+ und Schallopp gab die Partie remis, da er der Ansicht war, dass er seinen König den fortwährenden Schachgeboten nicht entziehen könne, ohne den schwarzen König Patt zu setzen.

Einige Wochen später demonstrierte der Berliner Paul Richter den Gewinnweg: 43. Kxe1 Tf1+ 44. Ke2 Te1+ 45. Kf3 Te3+ 46. Kg4 Te4+ 47. Kh3 Th4+ 48. Kg3 Th3+



49. Kg4!! Die entscheidende Feinheit! Der schwarze Turm wird auf die vierte Reihe gelenkt, während der König die zweite Reihe erreicht und sich hinter dem Bauern c3 verstecken kann. 49. …Th4+ 50. Kf3 Tf4+ 51. Ke2 Te4+ 52. Kd2 Td4+ 53. Kc2, und die zum Patt führenden Schachgebote haben ein Ende, z.B. …Td2+ 54.Txd2.

Pattfalle von Erfolg gekrönt



W. Napier - F. Marshall
Match (4), New York 1896
Schwarz am Zug


Behält Schwarz seinen Läufer, so wird seine Stellung immer schlechter, z. B. 69. …h2 70. Dd5 Lg1 71. Kf1 Kh3 72. Dg2+ Kh4 73. Dc2 Kg3 74. Dd3+ Kh4 75. Kg2 Kg5 76. De4 Kh5 77. Kg3, und schon ist der erste Bauer weg. Frank Marshall, später einer der weltbesten Spieler, entkorkte jedoch die tolle Idee 69. …Kh2!! 70. Kxf2 g3+ 71. Kf3 g2 72. De2 Kh1 73. Kg3 g1D+ 74. Kxh3



Nach jedem Versuch, die Dame zu erhalten, setzt Weiß matt, aber 74. …De3+! löst das Problem umgehend: 75. Dxe3 patt.

Sieben Jahre später sah man in einer anderen Weltstadt die folgende Wendung, die in die Endspielbücher einging.



E. Heilmann - O. Bernstein
Berlin 1903
Schwarz am Zug


Der Nachziehende verliert beinahe nach jedem Zug, z. B. 1. …Th1 2. a6 Th5+ 3. Kb4 Th4+ 4. Ka5 Th8 (Oder 4. …Th1 5. a7+ und b8D+.) 5. Tc5 Tg8 6. Kb6 Tg6+ 7. Tc6 (droht a7 matt) 7. …Txc6+ 8. Kxc6 Ka7 9. Kc7 Kxa6 10. b8D Ka5 11. Db3 Ka6 12. Db6 matt. Der polnische Meister Ossip Bernstein fand 1. …Tc1+! 2. Kb6 Tc7 3. a6 Txb7+! und nun entweder 4. Ka5 Txb5+ 5. Kxb5 Ka8 remis, oder 4. axb7 patt.

Bernstein war ein schlauer Fuchs, der versteckte Pointen "fünf Meilen gegen den Wind riechen [konnte]." (GM Pantschenko) und wenn das nicht half, auch schon mal zu unlauteren Mitteln griff, wie seinerzeit eines seiner Opfer, der spätere Weltmeister Wassili Smyslow schilderte. Niedergeschrieben hat die Geschichte Albin Pötzsch in seiner Kolumne "Begebenheiten am Schachbrett" im Jahre 2007.

Schauen wir uns einen weiteren (möglichen) Patttrick aus der Spielpraxis zweier berühmter Altvorderen an:



M. Tschigorin - S. Tarrasch
Ostende 1905
Weiß am Zug


Der gesundheitlich angeschlagene Tschigorin (zwei Jahre später musste er seine Karriere aufgeben und starb kurz darauf) spielte resignierend 50. gxf6 gxf6 51. Kg4 Ke4 52. Kh3 und gab nach …Kf4 auf – 0:1

Mit dem herrlichen Trick 50. Kg4! hätte Weiß sich retten können: 50. …Ke5 (50. …h6? verliert sogar nach 51. gxh6 gxh6 52. Kh5 Ke5 53. Kxh6 Kxf5 54. h5) 51. g6! h6 (Mit einer Punktteilung endet auch 51. …hxg6 52. fxg6 f5+ 53. Kg5 f4 54. h5 f3 55. h6 gxh6+ 56. Kxh6 f2 57. g7 f1D 58. g8D.) 52. Kh5!



Unbedingt dieses Motiv merken! Nach …Kxf5 ist Weiß patt, und nach anderen Zügen pendelt Weiß einfach auf den Feldern g4/h5 bis zum Sankt Nimmerleinstag.
Wie erwähnt, verpasste Tschigorin diese wunderbare Rettung, der Nachwelt blieb sie aber durch eine Veröffentlichung erhalten. Dort hat sie der spätere Weltklassespieler Mark Tajmanow entdeckt, sich gut gemerkt und bei passender Gelegenheit angewandt:



J. Nikolajewski - M. Tajmanow
UdSSR-Meisterschaft 1966
Weiß am Zug


Wären die Bauern a2 bzw. a6 nicht mehr auf dem Brett, so wäre die Stellung für Weiß gewonnen. So aber, kann sich Schwarz mit dem schaurig klingenden, aber anschaulichen Motiv "Selbstbestattung des Königs" retten: 49. d6 Kf6 50. Kxh5 Ke6 51. Kg5 Kxd6 52. Kf5 Kc6 53. Ke5 Kb6 54. Kd5



Weiß gewinnt jetzt einen Bauern, aber 54. …Ka5! bereitet die "Selbstbestattung" vor. 55. Kxc5 patt – remis

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 90 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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