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Schachschule 64 ::

Der „Superzug“ (2)


Doppelschach – das wirkungsvollste taktische Mittel



Diese Folge schließt an die letzte an: bereits in der Juni-Ausgabe stand das Doppelschach im Mittelpunkt. Dabei wird ein Angriff mit zwei Figuren gleichzeitig geführt, was zunächst paradox klingt.

Erreicht werden kann dies nur dann, wenn zuvor eine Batterie aufgebaut wurde. So bezeichnet man eine Anordnung zweier gleichfarbiger Steine, bei der die Wirkungslinie des hinteren Steins durch die davor postierte begrenzt wird. Man spricht z. B. von einer Dame-Springer-Batterie, wenn ein Springer vor einer Dame der gleichen Farbe postiert ist, sowie hier:



Dame-Springer-Batterie
Weiß am Zug


Der maskierende Stein (hier der Springer) kann durch einen Abzug oft effektiv freigesetzt werden. In dieser konkreten Stellung erzeugt ein einziger Zug 22. Sd6+ zwei Schachgebote auf einmal, das von der demaskierten Figur (Dame h5) und zugleich von dem auf d6 gelandeten Springer. Wie wir schon aus der letzten Folge wissen, gibt es zu der Flucht des Königs keine Alternative 22. …Kd8 dann aber bringt 23. De8+! die Entscheidung. In der Partie wurde ein "ersticktes Matt" produziert: 23. …Txe8 24. Sf7 matt 1:0

Nach 23. De8+ war zwar noch …Kc7 möglich, jedoch mit leichtem Gewinn für Weiß nach 24. Dxf8 (droht Sxb5++) 24. …Kb6 25. Dxe7 usw.

Wir haben soeben eines der ältesten Beispiele zum Thema Doppelschach gesehen, die Schlussphase einer 1620 gespielten Partie. Der Name des Schwarzspielers ist nicht überliefert, die weißen Steine führte der Italiener Gioacchino Greco, der als bedeutendster Schachmeister des 17. Jahrhunderts gilt.

Dreieinhalb Jahrhunderte später gelang dem Autor dieser Rubrik ein ähnlicher Abschluss:

Lettisches Gambit C 40
O. Borik - I. Novak
Juniorenturnier Cihak 1969


1. e4 e5 2. Sf3 f5 3. Lc4 fxe4 4. Sxe5 Dg5 5. d4 Dxg2 6. Dh5+ g6 7. Lf7+ Kd8 8. Lxg6 Dxh1+ 9. Ke2 c6 10. Sc3 Sf6 11. Dg5 Le7 12. Sf7+ Ke8 13. Sxh8+ hxg6 14. Dxg6+ Kd8 15. Sf7+ Ke8 16. Se5+ Kd8



17. Lf4! Dxa1 18. Sf7+ Ke8 19. Sd6++ Doppelschach und Matt nach 19. …Kd8 20. De8+ Sxe8 21. Sf7 matt, aber auch nach 19. …Kd8 20. De8+ Kc7 21. Dxc8+ Kb6 22. Dxb7+ Ka5 23. b4 matt 1:0

Nichts liegt mir ferner, als mich mit der Kombination Grecos messen zu wollen - der Maestro hat sie ausgedacht, ich nur kopiert, das Motiv in einer Publikation gesehen, mir gemerkt und bei passender Gelegenheit angewandt. So sieht nun einmal der Lernprozess beim Verinnerlichen von taktischen Motiven aus.

Hierzu sei eine interessante "Doppelschach-Trilogie" präsentiert, jeweils mit Beteiligung von Ignaz Kolisch (1837-1889). Der zumeist in Wien lebende Schachmeister wurde von dem bekannten schachfreundlichen Bankier Rothschild unter die Fittiche genommen, wobei der Finanzier im Schach und Kolisch im Finanzwesen dazugelernt haben. Kolisch wurde reich, hängte das Berufsschachspielen an den Nagel, blieb aber als bedeutender Schachmäzen dem königlichen Spiel verbunden.

Französisch (Zugumstellung) C 01
I. Kolisch - L. Epstein
Paris 1860


1. e4 c5 2. d4 e6 3. Ld2 cxd4 4. Sf3 Sc6 5. c3 dxc3 6. Lxc3 h6 7. Lc4 Lb4 8. 0-0 Sf6 9. a3 Lxc3 10. Sxc3 a6 11. La2 d6 12. Te1 0-0 13. Te3 Dc7 14. Td3 Td8 15. Dd2 b6 16. Td1 Se8 17. Sh4 Lb7 18. Tg3 Kh7 19. f4 Se7 20. f5 exf5 21. exf5 f6 22. Sg6 Sxg6 23. fxg6+ Kh8 24. b4



Für Schwarz war es an der Zeit, die Diagonale a2-g8 zu schließen und deshalb 24. …d5 zu spielen. Die weiße Hauptdrohung hat er zu spät gesehen. 24. …a5? 25. Th3! Es droht 26. Txh6+ gxh6 27. Dxh6 und Matt, da der König nicht nach g8 fliehen kann. 25. …d5 schließt zwar die Diagonale, aber nicht rechtzeitig. 26. Txh6+ gxh6 27. Dxh6+ Kg8 28.Sxd5 Weiß gewinnt, z. B. 25. …Txd5 29. Txd5 Dg7 (Oder …Lxd5 30. Lxd5+ Df7 31. gxf7 matt.) 30. Td7+ Ld5 31. Lxd5+ Kf8 32. Tf7+ Kg8 33. Txg7++ Kf8 34. Dh8. In der Partie geschah 28. …Dg7 wonach ein anderes Doppelschach die Entscheidung brachte: 29. Sxf6+ und wegen 29. …Kf8 30. Sh7+ Ke7 31. De3+ Le4 32. Dxe4+ De5 33. Dxe5 matt 1:0

Vier Jahre später erwischte es Kolisch böse gegen den Polen Ladislas Maczuski, der in seiner Laufbahn zwar keine besonderen Turniererfolge vorweisen konnte, aber bei einer weltberühmten Kombination Pate stand.

Schottisch C 45
L. Maczuski - I. Kolisch
Paris 1864


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. d4 exd4 4. Sxd4 Dh4 5. Sc3 Lb4 6. Dd3 Sf6 7. Sxc6 dxc6 8. Ld2 Lxc3 9. Lxc3 Sxe4 10. Dd4 De7 11. 0-0-0 Dg5+ Nach 12. Kb1? Sxc3+ oder nach 12. Ld2 Sxd2 13. Txd2 0-0 wäre für Schwarz alles in Ordnung gewesen. Aber 12. f4! Dxf4+ 13. Ld2 verhindert das Schlagen …Sxd2 (die Dame f4 ist ja ungedeckt) und führt nach 13. …Dh4 14. Ld3 zum Springergewinn auf e4 oder der für Schwarz noch schlimmeren Folge 14. …f5 15. Lxe4 fxe4 16. Dxg7 Tf8 17. Lg5. Der Partiezug 13. …Dg4 ermöglichte die folgende Kombination:



14. Dd8+! Kxd8 15. Lg5++ Ke8 16. Td8 matt – 1:0 Kommt Ihnen dies irgendwie bekannt vor? Richtig, es handelt sich um einen Vorläufer zu der berühmten Kombination aus der Partie Réti-Tartakower, vgl. die letzte Folge dieser Rubrik, Seite 29. Dort war zwar die schwarze Stellung ein wenig anders (kein Bauer auf c7, dafür ein Läufer auf f8), aber der Mechanismus der Kombination war identisch: ein Hinlenkungsopfer auf d8, gefolgt von Lg5, wonach die Figuren auf d1 und g5 beide Schach bieten, ein klassisches Doppelschach also.

Kommen wir zum dritten Teil der "Doppelschach-Trilogie". Der Schauplatz war erneut Paris, und diesmal war Kolisch wieder auf der Siegerseite:



I. Kolisch - P. Hirschfeld
Paris 1864
Weiß am Zug


Ein Abzugsschach wie 25. Sxg7+ bringt nichts ein, nicht die schwarze, sondern die weiße Dame geht dabei verloren (…Dxg4). Aber das Doppelschach 25. Sf8+ macht die Dame g4 unverletzlich und führt zum Matt: 25. …Kc6 Oder …Kd8 26.Dd7 matt. 26. Sb4+ Kb5 Wahlweise 26. …Kc5 27. Sd7+ Kb5 28. a4 matt. 27. a4+ Kc5 28. Se6 matt 1:0

Auch ein anderer Altvorderer steuert zum Thema dieser Rubrik einen Beitrag bei, Wilhelm Steinitz, der später (1886) der erste offizielle Schachweltmeister wurde.

Evansgambit C 52
W. Steinitz - J. Rock
London 1863


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. b4 Lxb4 5. c3 La5 6. d4 exd4 7. 0-0 Sf6 8. La3 Lb6 9. Db3 d5? Der einzige spielbare Zug ist 9. …d6, was die Diagonale a3-f8 schließt und den König sichert. Nach 10. Lxf7+ Kf8 ist das Spiel unklar. 10. exd5 Sa5 11. Te1+ Le6



Wegen der auf b3 angegriffenen Dame rechnete Schwarz wohl mit 12. Db5+ c6, aber Weiß kann besser spielen, nach 12.dxe6! Sxb3 13. exf7+ zwingt dieses Doppelschach den König nach d7, wonach es förmlich Schachgebote regnet: 13. …Kd7 14. Le6+ Kc6 15. Se5+ Kb5 16. Lc4+ Ka5 17. Lb4+ Ka4 18. axb3 matt 1:0

Die schönste Partie zum Thema Doppelschach aus jener Zeit haben wir uns zum Schluss aufgehoben.



P. Hirschfeld - C. Mayet
Berlin 1861
Weiß am Zug


Weiß hätte hier mit 35. Sxd5+ Kg7 36. Tg2+ die Dame gewinnen können, er verzichtete jedoch, weil er eine fantastische Kombination sah, in deren Verlauf der schwarze König von e6 nach b3 und dann bis nach d8 getrieben und dort mattgesetzt wird!
35. Se8+!! Ke6 36. exd5++ Das Doppelschach zwingt Schwarz zu dem einzigen legalen Zug … 36. …Kxd5 wonach bald zum Halali geblasen wird: 37. Da8+ Kc4 37. …Sc6 38. Da2 matt. 38. De4+ Kb3 38. …Kb5 39. Sc7+ Ka4 40. Dc2+ Ka3 41. Sb5 matt. 39. Dd5+ Ka4 40. Da2+ Kb5 41. c4+ Kc6 42. Da8+ Kd7 43. Da7+ Sb7 44. Dxb7+ Kd8 45. Dc7 matt – 1:0



Alles Davonrennen hat dem König nicht genützt, schließlich wurde er doch erwischt.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 74 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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