Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Origineller Einsatz von Figuren


Die Sache mit den Schachgeboten
Lehrreiche Aktionen und unterhaltsame Missgeschicke



"Versäume nie ein Schach", lautet ein alter ironischer Rat, "es könnte Matt sein." (manchmal auch in der Variante "es könnte dein letztes gewesen sein."). Vereinzelt stimmt dies sogar wörtlich, oft trifft es einfach zu, manchmal aber ist ein Schachgebot ein Schuss in den Ofen. So im einleitenden Beispiel, das aus einer Partie zwischen künftigen Geschäftspartnern stammt.

Damengambit D 31
A. Korobow - A. Uschenina
Ukrainische Meisterschaft 2005


1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Le7 4. cxd5 exd5 5. Lf4 c6 6. e3 Lf5 7. Sge2 Ld6 8. Sg3 Lg6 9. h4 Lxf4 10. exf4 Sh6 11. h5 Lf5 12. Sxf5 Sxf5 13. Dg4 Df6 14. Ld3 Sd6 15. 0-0-0 Sd7 16. The1+ Kd8 17. Te5 g6 18. g3 Te8 19. De2 Dh8 20. Dc2 Sxe5 21. dxe5 Sc8 22. Le4 Sb6 23. Lxd5 cxd5 24. Sxd5 Sxd5 25. Txd5+ Ke7 26. Dc5+ Ke6 27. Td6+ Kf5 28. Dc2+ Kg4 29. De2+ Kh3 30. Td1 Tac8+ 31. Kb1 Ted8 32. Tg1 g5



Der König auf h3 kann unmöglich überleben, denken Sie sich sicherlich, und Sie haben recht. Mehrere Wege führen zum Matt, am schnellsten 33. Df3!, gefolgt von Th1 matt. Dies ist ein klassisches Beispiel für einen sogenannten stillen Zug, der - ohne von einem Schachgebot begleitet zu sein - eine unparierbare Drohung aufstellt.

Doch der Anziehende gab wie besessen ein Schachgebot nach dem anderen 33. Df1+?? Kg4 34. f3+ Kxh5 35. Dh3+ Kg6 36.f5+ Kg7 37. f6+ Kf8



und der schwarze Monarch überstand seine lange Reise von d8 über h3 nach f8 unbeschadet. Die weiße Attacke verpuffte und der schwarze Mehrturm erwies sich als entscheidend. Allein die schwarze Dame musste noch aktiviert werden, was nach einigen umständlichen Manövern schließlich auch gelang: 38. f4 h5 39. Df5 Dg8 40. De4 Td7 41. f5 Dh7 42. a3 Kg8 43. Ka2 Te8 44. g4 h4 45. Th1 Dh6 und wegen des kommenden …Dxf6 oder …Tf8 0:1

Und was war mit der künftigen Partnerschaft dieser beiden, wollen Sie wissen? Als Anna Uschenina acht Jahre später Weltmeisterin wurde, engagierte sie Korobow als Berater.

Im nächsten Beispiel war ein sofortiges Schachgebot sehr wohl richtig, nur standen zwei Schachgebote zur Wahl, und Schwarz traf die falsche Entscheidung.

Damengambit D 13
A. Graf - B. Itkis
Kusadasi 2006


1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sc3 Sf6 4. cxd5 cxd5 5. Lf4 Sc6 6. e3 e6 7. Ld3 Le7 8. Sf3 0-0 9. 0-0 Sh5 10. Le5 f6 11. Lg3 f5 12. Le5 Ld7 13. Tc1 Tc8 14. a4 Sf6 15. Lxf6 Txf6 16. b4 Ld6 17. Db3 Th6 18. g3 De8 19. Le2 Tf6 20. Kg2 h6 21. Ld3 Tf8 22. Se2 a6 23. h4 De7 24. Sf4 Le8 25. Tfe1 Lf7 26. Lf1 g5 27. hxg5 hxg5 28. Sd3 Lh5 29. Sfe5 Lxe5 30. dxe5 Dg7 31. f4 Kf7 32. Db2 Th8 33. Sc5 Tcg8 34. Df2 Lg4 35. Sxb7 Dh6 36. Dg1 Sd4 37. Sd6+ Kg6 38. exd4 gxf4 39. Tc3 Tg7 40. Le2 Tgh7 41. Lf3 fxg3 42. Kxg3 Dd2 43. Lxg4 fxg4 44. Kxg4



Da haben wir schon wieder einen "zum Abschuss freigegebenen" weißen König auf dem Brett. Also: …Dg5+ oder …Th4+? …Dg5, …Th4, …Dg5/…Th4, ich kann mich nicht entscheiden und die Uhr tickt!

Schwarz hatte 44. …Th4+ erwogen, ihm missfiel jedoch das Abzugsschach durch die Dame g1 nach 45. Kf3+. Doch das wäre der letzte aktive Zug von Weiß gewesen. Nach 45. …Kh5 zappelt der weiße Königs hilflos im Mattnetz. Die Hauptdrohung lautet …Tf4+ nebst …Tg8+ und dann …Th4+. Dagegen ist nichts zu machen, z. B. 46. De3 Th3+ 47. Kf4 Tf8+ 48. Sf7 Txf7 matt oder 46. Tce3 Th3+, und wieder …Tf8 nebst Matt.

Itkis traf hier die falsche Entscheidung:44. …Dg5+? 45. Kf3 Th3+ 46. Ke2



Fürs Beute machen, bleibt keine Zeit, nach 46. …Txc3 47. Dxg5+ Kxg5 48. Sf7+ Kg6 49. Sxh8+ Kg7 muss Weiß nicht einmal seinen Springer retten, es genügt 50. Tb1 Kxh8 51. b5 axb5 52. axb5 Tc7 53. b6 Tb7 54. Kd3 Kg7 55. Kc3 Kf7 56. Tb5 Ke7 57. Kb4 Kd7 58. Ka5 Kc8 59. Tc5+ Kb8 60. Tc6 Te7 61. Ka6 Te8 62. b7 usw.

46. …Th2+ 47. Kd1 Td2+ 48. Kc1 und Schwarz gab auf, denn nach dem Schachgebot 48. …Tg2+ klärt 49. De3 alles. 1:0

Im Beispiel Nummer 3 wiederum zauderte der eine Spieler mit einem Schachgebot und ließ den Gegner von der Schippe springen.



Quelle ungewiss
Weiß am Zug


Der weltbekannte Problemkomponist Yochanan Afek hat diese Stellung veröffentlicht und verweist dabei auf eine Partie Tseitlin-Gershkovich, die jedoch in Partiedatenbanken nicht zu finden ist. Wie auch immer, laut Afek geschah zuletzt …Ld4xBg7 und Weiß nahm nun freudig den Läufer 1. Txg7? Schwarz antwortete mit einem geschickten Schachgebot 2. …Tc7+! und lachte sich ins Fäustchen: 3. Txc7 patt! remis

In der Ausgangstellung hätte ein Schachgebot sehr geholfen, 1. Td7+! Ke8, und das Schlagen des Läufers g7, 2.Txg7+, erfolgt mit einem Abzugsschach durch den Läufer b5, und Weiß gewinnt leicht.

"Das beste Schachgebot ist das, nach dem der Gegner aufgibt", gab der alte Trainer des Redakteurs gerne zum Besten. Die folgende Partie - oder eher schon eine Begebenheit - gab ihm Recht.



O. Kornejew – J. Miroschnichenko
Weltcup, Chanty Mansijsk 2005
Weiß am Zug


Es geschah 62. De5+ und nach reiflicher Überlegung resignierte Schwarz, 1:0, wofür einige nachvollziehbare Gründe aufgeführt werden können:
62. …Kf8 63. Th8+ Tg8 64. Dd6+ Kg7 65. Dh6 matt.
62. …f6 63. De7+ Df7 64. Th7+ mit Damengewinn und
62. …Tf6 63. Tg1+ mit Turmgewinn.


Also überraschte die Aufgabe niemanden, jedenfalls nicht vor Ort. Doch einige Zeit nach der Partie erschien auf der russischen Internetseite e3e5.com ein Artikel, in dem die Autoren die Variante mit dem Turmverlust fortführen und siehe da: 63. …Kh7 64. Dxf6



führt genial zum Remis nach 64. …Da2+!! 65. Kxa2 b3+ und Patt, egal ob Weiß auf b3 schlägt oder nicht!

Versteckte Schachgebote können mitunter eine Partie völlig "umdrehen".




C. Voicu – A. Ataiev
Alushta 2006
Schwarz am Zug


Zwei Mehrbauern sollten eigentlich zum Sieg ausreichen. Schwarz kann zum Beispiel sofort 50. …e5 spielen. Eine recht ge-mächliche, aber ganz sichere Gewinnmethode besteht in der Überführung des Königs via f6 und e7 nach d6, dann folgt …Se7 (um den Bauern g6 zu sichern) und schließlich setzt …f6 nebst …e5 zwei verbundenen Freibauer unaufhaltsam in Bewegung. So hätte Schwarz mit ungefähr 15-20 Zügen den Punkt sicher einfahren können. Doch er wollte schneller gewinnen, spielte sofort 50. …f6? wonach ein "gemeines" Schach 51. g4+ dem König dieses Fluchtfeld verstellte: 51.…hxg4 52. Ld3 matt 1:0

Zum Schluss noch ein "gekipptes" Duell. Leidtragende war die heutige Abgeordnete des litauischen Parlaments und renommierte Schachspielerin (zweimalige Europameisterin) Viktorija Cmilyte.



L. Javakhishvili – V. Cmilyte
Chisinau 2005
Schwarz am Zug


Schwarz steht deutlich besser und kann z. B. gut mit …Tfb8 und …Ta4 fortfahren. Doch Cmilyte hatte es die weiße Grundreihe angetan und sie kombinierte mit 33. …Dxd5? 34. Txd5 und wollte nun ernten mit 34. …Ta1+ 35. Df1 Txf1+ 36. Kxf1 Sxd5. Doch nach genauerem Hinsehen sah sie die Bescherung, nach 34. …Ta1+ folgt 35. Td1+ mit einem Abzugsschach! 1:0

"Unverdient gewonnen", verkündete Lela Javakhishvili nach der Partie, was nicht ganz unwahr ist, aber die sehr sportliche Einstellung der Georgierin belegt.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 67 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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