Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Origineller Einsatz von Figuren


Ungewöhnliche Einsatzroute des weißen Damenturms



Schwerfiguren, also Dame und Turm brauchen offene Reihen und Linien, um ihre Kraft entfalten zu können. Nicht selten bereitet es einige Mühe, einen vernünftigen Weg für ihren aktiven Einsatz zu finden.

Die Dame hat es etwas leichter: stehen keine offenen Linien und Reihen zur Verfügung, schwenkt sie halt auf eine Diagonale um; gerade diese Vielseitigkeit macht die Stärke dieser Figur aus. Türme haben diese Wahlfreiheit jedoch nicht und kommen nur in offenen Stellungen zur Geltung. In Endspielen können sie sich meist austoben; in der Eröffnung und oft noch im Mittelspiel müssen sie warten, bis sich Linien öffnen. Dies geschieht in der Regel in der Brettmitte, für den Einsatz von Türmen auf den zentralen Linien gibt es Beispiele zuhauf.

In diesem Beitrag steht der originelle Einsatz des Turms auf einer Randlinie im Mittelpunkt. Voraussetzung ist natürlich, dass ein Randbauer gezogen hat und damit die benötigten Felder freigegeben wurden:

Die schwarzen Damen müssen sich vor dem Manöver Ta1-a4-c4 in Acht nehmen, wie ein abschreckendes Beispiel zeigt.

Sizilianisch B 31
P. Paronen - H. Linnqvist
Open Helsinki, 2003


1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 g6 4. 0-0 Lg7 5. Te1 Sd4 6. Sxd4 cxd4 7. c3 Db6 8. a4 e6 9. e5 a6 10. Lf1 f6 11. a5 Da7 12. cxd4 Dxd4 13. Ta4



Die Dame hätte nun nach a7 ziehen müssen. 13. …Dd5? 14. Sc3 Dc6? Das kleinere Übel ist …Dc5, dennoch bleibt die schwarze Stellung schlecht, z. B. 15. d4 Df8 16. Se4. 15. Tc4, und die Dame wandert wieder in den Figurenkasten. - 1:0

Sizilianisch B 83
J. van den Bosch - W. Wertheim
Den Haag 1930


1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 d6 6. Le2 e6 7. 0-0 Le7 8. Le3 0-0 9. Dd2 a6 10. a4 Dieser Randbauernzug richtet sich in erster Linie gegen die typische Aktivierung des schwarzen Damenläufers mit …Sxd4 nebst …b5, kann aber auch bei der Mobilisierung des weißen Damenturms helfen, so wie in dieser Partie. 10. …Dc7 11. Sb3 Se5 12. a5



12. …Sc4? In dieser Eröffnung ist der Springerausfall nach c4 zumeist empfehlenswert, da Weiß einen seiner Läufer hergeben muss. Aber hier ist …Sc4 verfehlt, da die Dame an der Rückkehr gehindert wird: 13. Lxc4 Dxc4 14. Sc5! dxc5 15. Ta4 Dieser Turm, bis jetzt in der Ausgangsstellung schlummernd, betritt plötzlich die Bühne und droht die schwarze Dame zu fangen. Weiß gewinnt nun Material und in der Folge die Partie: 15. …Dxf1+ 16. Kxf1 Td8 17. De1 Ld7 18. Ta1 Mission erfüllt; auf der a-Linie bleibt nichts mehr zu tun. 18. …Lc6 19. f3 Sh5 20. Df2 Tac8 21. Ke1 f5 22. Lxc5 Lxc5 23. Dxc5 Sf4 24. Dg1 fxe4 25. fxe4 Lxe4 In verlorener Stellung versucht Schwarz noch im Trüben zu fischen. 26. Sxe4 Txc2 27. Db6 Sxg2+ 28. Kf1 Tf8+ 29. Kg1 Sf4 30. Te1 h6 31. Dxb7 Tf5 32. Db3 Se2+ 33. Txe2 Txe2 34. Dxe6+ und wegen 34. …Tf7 35. De8+ Tf8 36. Sf6+ gxf6 37. Dxe2 – 1:0

Im nächsten Beispiel musste sich Schwarz mit einem noch originelleren Turmeinsatz auseinandersetzen.

Schottisches Gambit C 44
S. Saverymuttu - I. P. van den Berg
Arosa 1972


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. d4 exd4 4. Lc4 Lc5 5. c3 d3 6. b4 Lb6 7. 0-0 Df6 8. e5 Df5 9. a4 a6 10. Lxd3 Dh5 11. a5 La7



Stünde der b-Bauer noch auf b2, würde man schneller auf die Idee des Damenfangs mit Ta4-h4 kommen. Hier ist das Ganze etwas komplizierter, da der Bauer b4 noch im Wege steht, aber nicht lange. 12. Ta4! Sce7 13. b5 droht Th4 13. …Sg6 Gut, Th4 ist nun verhindert, aber die schwarze Dame hat nach wie vor zu wenige freie Felder. 14. g4 Dh3 15. Te1 Jetzt droht wiederum Lf1. 15. …Sh4 16. Sxh4 Dxh4 Der Gegenangriff auf f2 wird aufgehoben mit 17. b6! cxb6 und danach wird die schwarze Dame gehetzt: 18. g5 Dh3 19. e6! Nimmt der Dame das letzte Fluchtfeld e6. 19. …dxe6 20. Te3 und der Schwesterturm hat die Dame endgültig gepackt. - 1:0

Ein ähnliches Motiv sehen wir im nächsten Bespiel. Zwar überlebte die schwarze Dame hier, aber nur auf Kosten ihrer Mitstreiter.

Schottisch C 45
J. Bebchuk - N. Bakulin
Moskau 1963


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. d4 exd4 4. Sxd4 Lc5 5. Sb3 Lb6 6. a4 a6 7. Sc3 Df6 8. De2 Sge7 9. Sd5 Sxd5 10. exd5+ Se7 11. a5 La7 12. h4 d6



Auf das sofortige 13. Lg5 hat Schwarz noch die Verteidigung …De5. Aber 13. Ta4! verhindert dies, auf …De5 kann jetzt Te4 geschehen. 13. …0-0? und nach 14. Tf4 setzt der soeben aufgewachte Damenturm dem Nachziehenden zu. 14. …Lf5 15. g4 Tae8 16. Kd1 De5 17. Dxe5 dxe5 18. Txf5 Sxf5 19. gxf5 Weiß stand besser und setzte sich in der Folge durch. 19. …Td8 20. Lg2 Lxf2 21. Ke2 La7 22. c4 c6 23. Le3 Lxe3 24. Kxe3 cxd5 25. Lxd5 Td7 26. Sc5 Tc7 27. b4 Tb8 28. Ke4 Te7 29. Tb1 Kf8 30. b5 axb5 31. Txb5 - 1:0

In diesen Beispielen verschaffte der Vormarsch a2-a4-a5 dem Turm a1 den nötigen Raum. Diesen bekommt man aber oft "umsonst", etwa in einer typischen Stellung mit dem Leichtfigurenabtausch auf b3.

Königsgambit D 30
P. S. Milner Barry - A. R. Thomas
Nottingham 1946


1. e4 e5 2. f4 Lc5 3. Sf3 d6 4. Sc3 Sc6 5. Lc4 Sf6 6. d3 Le6 7. Lb3 Lxb3 8. axb3 a6 9. De2 Dd7 10. f5 h6 11. Le3 Lxe3 12. Dxe3 0-0 13. 0-0 Hier war noch nicht viel los, aber Schwarz war der Meinung, im Zentrum aktiv werden zu müssen: 13. …d5 14. Sxd5 Sxd5 15. exd5 Dxd5 und hatte dabei etwas nicht bedacht: 16. f6



Nun wäre 16. …gxf6 17. Dxh6 gut für Weiß. 16. …Tfe8 Schwarz hofft auf 17. fxg7 Te6 und weiter …Tg6. Auf 18. Sh4 mit der Drohung Sf5 kann Schwarz gut 18. …Dd4 spielen. Aber der uns nun schon vertraute Turmschwenk 17. Ta4! Te6 18. Sd2 Kh7 19. Tg4! bringt den Damenturm auf dem Königsflügel in Stellung. Schwarz wird nun seiner Probleme nicht Herr. 19. …Tg8 20. Se4 Kh8 21. c3 Dd8 22. Sg5 Auf diesem Springer klebt ein Wunschzettel 22. …hxg5?? 23. Dh3 matt. 22. …Txf6 23. Sxf7+ Txf7 24. Txf7 Dd6 25. Dg3 g5 26. Df2 Tg7 27. Tf8+ Kh7 28. Df5+ Dg6 29. Dc8 und Schwarz hatte keine Lust mehr - 1:0

Wir haben jetzt zwei Situationen gesehen, in denen der Damenturm von a1 nach a4 schnellen konnte: nach dem Bauernvorstoß a2-a4-a5 und nach Öffnung der a-Linie als Folge eines Figurenabtauschs auf b3. Häufig öffnet sich die a-Linie anders, nach dem Abtausch eines auf b5 stehenden schwarzen Bauern gegen einen weißen auf a4.

Sizilianisch B 90
J. Sikora Lerch - B. Gruczynski
Tatra-Pokal 2001


1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. Le3 b5 7. a4



Gleich sehen wir, dass Schwarz auf a4 schlägt und dem Turm a1 einen Platz auf a4 sichert. Warum macht er das, muss das denn sein? Gut, der Bauer auf b5 ist dreimal angegriffen und muss ziehen, aber warum nicht nach vorn? Schauen wir mal: 7. …b4 Weiß antwortet 8. Sd5, und Schwarz hat die Qual der Wahl:



Analysediagramm


a) 8. …a5 deckt den Bauern b4, aber nach 9. Sb5 droht eine Springergabel auf c7 9. …Sxd5 (9. …Sa6 hilft nicht wegen 10. Lb6 Dd7 11. Sbc7+ Sxc7 12. Sxc7+) 10. Dxd5 Ta6 11. Sa7, und der vom Läufer f1 angegriffene Turm a6 kann sich nicht retten.
b) 8. …Sxe4 ermöglicht einen anderen sehenswerten taktischen Schlag: 9. Sb5!! (will auf c7 einsteigen) 9. …axb5 10. Lxb5+ Ld7 11. Lb6 Dc8 12. Sc7+ Kd8 13. Sxa8+, und wieder verliert Schwarz Haus und Hof.
c) 8. …. Sxd5 ist aus der Sicht von Schwarz das kleinste Übel, dennoch beengt 9. exd5 Lb7 10. Lc4 das schwarze Spiel erheblich. Weder kann der schwarze Springer nach c6, noch hat der Läufer b7 auf der Diagonale h1-a8 irgendwelche Aussichten
Aus diesem Grund hat sich in solchen Stellungen der Abtausch 7. …bxa4 eingebürgert. 8. Txa4 Die Frage ist jetzt, kann der Turm dort etwas anrichten? Die Praxis spricht eher dafür. In der vorliegenden Partie geschah 8. …Sbd7 9. Da1 Sc5 10. Sc6 Db6 10. …Dc7 11. Lxc5 dxc5 12. Lxa6 drohend Lb5. 11. Sb4 und die Mobilisierung des a-Turms trug Früchte, der schwarze a-Bauer ist nicht zu retten. Schwarz reagierte etwas entnervt und verschlechterte noch seine Lage: 11. …a5 12. Scd5 Db7 13. Txa5 Txa5 14. Dxa5 Sfd7? 15. Sc7+ - 1:0

Die Aufgabe erfolgte wegen des Damenverlustes oder der Mattsetzung nach 15. …Kd8 16. Se6+ Doppelschach! 16. …Ke8 17. Dd8 matt.

 


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Teil 64 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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