Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Taktisches Arsenal verbessern


Weitere Motive zum Thema Ablenkung



Repetitio est mater studiorum (Wiederholung ist die Mutter des Lernens), wussten schon die alten Lateiner. Auch bei der Vervollkommnung von taktischen Fähigkeiten im Schach hat sich die wiederholte Betrachtung typischer Wendungen als eine wirksame Übung bewährt.

Die Erklärung dieser Lernprozesse überlassen wir gerne den zuständigen Wissenschaftlern und begnügen uns hier mit dem Verweis auf das immer wieder beobachtete Phänomen: wer ein typisches taktisches Motiv oft genug gesehen hat, findet es in der Regel auch in der eigenen Partie.

In der letzten Ausgabe haben wir taktische Motive der Hinlenkung und der Ablenkung betrachtet und damit auch geübt. Mit dieser Folge führen wir diese angefangene Trainingsfolge fort.

Die Ablenkung ist per Definition ein Kombinationsmotiv, bei dem eine Figur des Gegenspielers genötigt wird, ihren Platz zu verlassen. Auch den Platz, auf dem sie eigentlich ausharren müsste, weil sie dort eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hat:



Tan Zhongyi – Ni Shiqun
China, Frauenmeisterschaft 2015
Weiß am Zug


Die schwarze Dame wird vom Turm c8 geschützt, dieser darf daher seinen Posten eigentlich nicht verlassen, doch nach dem Partiezug 26. Td8+! wird er dort nicht bleiben können. Wird er nach d8 abgelenkt (26. …Txd8), geht die Dame c5 verloren. Nach anderen Zügen wie …Lf8 oder …Se8 wird er ebenfalls von c8 abgelenkt: 27. Dxc5 Txc5, was 28. Txa8 ermöglicht. Deshalb 1:0

Dies ist die einfachste Form der Ablenkung. Sie funktioniert oft mit Einsatz eines Turms, manchmal aber auch mit anderen Figuren, z. B. mit der Dame.



M. Kobalija – A. Korotylew
Moskau 1999
Weiß am Zug


Denken wir uns zunächst die beiden Damen weg. Was würde dann geschehen? Natürlich Txc8+ mit Gewinn. Gut, die Damen sind aber nun einmal da. Wie kann die schwarze Dame abgelenkt werden? Drei Züge der weißen Dame bieten sich an: 31. De4, 31. Db6 und am besten wie in der Partie 31. Da7! denn im Gegensatz zu etwa 31. Db6 kann die schwarze Dame nach 31. Da7 nicht gut nach a8 wegziehen. Von a7 aus erreicht die weiße Lady das Feld d7, verbunden mit einem Schachgebot und dem anschließenden Turmgewinn auf c8. 31. …Dxa7 32. Txc8+ Ld8 33. Tcxd8+ Ke7 34. Txg8 Weiß hat mehr als genug für die Dame. 34. …e5 35. g4 und Schwarz gab auf 1:0
Es droht Ld8+ nebst Te8+. Falls 35. …f6, gewinnt Tg7+ die Dame.

In den ersten beiden Beispielen wurde der Ablenkungszug sehr direkt ausgeführt, sozusagen mit vollem Körperkontakt. Deshalb werden Ablenkungskombinationen, bei denen eine Figur einer gegnerischen direkt auf den Pelz rückt, in der Praxis auch schon mal beizeiten bemerkt und vermieden. Manchmal jedoch erfolgt die Ablenkung erst nach einem Zwischenzug:



E. L‘Ami – L. Vereggen
Limburg Open, Maastricht 2015
Weiß am Zug


Zuvor haben sich beide Gegner auf g7 festgebissen. Weiß attackierte diesen Punkt mit seinen drei Schwerfiguren, Schwarz überdeckte ihn ebenfalls dreimal und da sein Gegner keine weitere Figur heranführen kann, wähnte er sich in Sicherheit. Doch der Anziehende machte sich das Motiv der Ablenkung zunutze, spielte 41. Da8+! und sein Gegner, der das Malheur nun auch bemerkte, gab auf 1:0

Die besagte Ablenkung funktioniert so: 41. …Kh7 42. Txh6+! mit Mattsetzung in beiden Fällen:
a) 42. …Kxh6 (Der König wurde von der Überdeckung des Feldes h8 abgelenkt.) 43. Dh8 matt
b) 42. …gxh6 Hier wurde der Bauer von der g-Linie abgelenkt, der Turm g1 wirkt bis nach g8 und ermöglicht 43. Dg8matt.

Bei der nächsten Ablenkungskombination spielt ein Läufer die Hauptrolle:



B. Bok – S. Commercon
Limburg Open, Maastricht 2015
Weiß am Zug


Die soeben erfolgte Methode des "Wegdenkens" einer Figur hilft manchmal bei der Suche nach Ablenkungskombinationen. Stünden in der Stellung des obigen Diagramms auf d8 und auf a1 keine Türme, so würde sofort ins Auge fallen, dass die Dame d6 ungedeckt ist und der Zug Se7+ ebendiese Dame gewinnt. Bei Anwesenheit der Türme ist jedoch die Dame gedeckt, die Aufgabe lautet: wie lenke ich den Turm von d8 weg? Und schon ist die Idee 17. Lc8! geboren. Schlägt der Turm d8 den frechen Eindringling 17. …Txc8, so geht nach 18. Se7+ die Dame verloren. Damit wurde eine Ablenkungskombination skizziert. Wäre sie tatsächlich verwirklicht worden, hätte Schwarz seine Dame eingebüßt. In der Partie geschah deshalb 17. …Sa6 18. Lxb7 Tab8 19. Se7+ Kf8 19. …Kh8 20. Dxd6 Txd6 21. Sc8 Td8 22. Lxa6 mit Figurengewinn. 20. Sc6! Dc7 Oder 20. …Dxd1 21. Taxd1 Txd1 22. Txd1 Txb7 23. Td8 matt. 21. Sxd8 Txd8 22. Df3 Sb4 23. Le4 Lxb224. Tab1 De5 25.a3 Sa6 26. Lb7 und da Schwarz eine seiner Leichtfiguren verliert 1:0



F. Decoster – S. Fedorchuk
Limburg Open, Maastricht 2015
Weiß am Zug


In diesem Beispiel tauchen gleich mehrere Ablenkungsmotive auf, sie sind auch in einigen Nebenvarianten enthalten.

Soeben geschah …a4-a3, womit das Feld b2 unter Kontrolle genommen wird und Schwarz …Te1 matt droht. Dies ist zwar mit der einfachen Flucht 44. Kb1 leicht zu verhindern, aber dann löst sich die Stellung nach einigen zwingenden Zügen in Wohlgefallen auf: 44. …Lxf7 (liquidiert den weißen Trumpf) 45. Tg7 (holt sich die Figur zurück) 45. …Tb2+ (Der Läufer ist nicht zu retten: 45. …Tf2 46. g6) 46. Kc1 Txa2 47. Txf7+ Kd6 48. g6 Tg2 49. g7 a2 50. Ta7 Txg7 (Ablenkung, mit der Idee 51. Txg7?? a1D) 51. Txa2 Tg1+ 52. Kb2 Tg2+ 53. Kb1 (Nicht 53. Ka3?, wonach Schwarz mit 53. …b4+ den König von der Deckung des Turms b2 ablenkt und gewinnt.) 53. …Tg1+ 54. Kb2 Tg2+, und Remis durch Zugwiederholung.

So hätte die Partie auch enden können, wäre Weiß nicht die schöne Ablenkungskombination 44. Txe6!! eingefallen. Schwarz kann den angebotenen Turm nicht gut ablehnen, sowohl nach 44. …Tf2 45. Tf6 Te2 46. Tf1, als auch nach 44. …Tg2 45. Te1 Tf2 46. g6 setzt Weiß seinen Freibauern durch, während der eigene Turm die Mattdrohung auf der Grundreihe abwehrt. Also schlug Schwarz den Turm 44. …Txe6 und nach 45. Kb1! offenbarte sich die Gewinnidee von Weiß.



Nach Kb1 besteht keine Gefahr eines Grundreihenmatts mehr und der Anziehende droht mit der Umwandlung in eine Dame auf f8. Der Zug Tf6 geht ja nicht gut, der Bauer g5 bewacht das Feld f6, also bleibt nur 45. …Te1+ 46. Kc2 Tf1, dann aber setzen sich die weißen Freibauern durch. Zwar überlebt nur die Hälfte des Duos den Vormarsch 47. g6 Kd7 48. g7 Txf7 49. g8D, aber die neu geborene Dame entscheidet die Partie. Das alles ließ sich Schwarz nicht mehr zeigen 1:0

Als Krönung die Anwendung des besprochenen Motivs aus Meisterhand:

Sizilianisch B 31
N. Rossolimo - I. Romanenko
Bad Gastein 1948 (simultan)


1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 g6 4. 0-0 Lg7 5. Te1 Sf6 6. Sc3 Sd4?! Naheliegend und in Ordnung war die Rochade. Mit dem Partiezug verstößt Schwarz gegen eine der Faustregeln: in der Eröffnung soll man nicht ohne Not mit einer bereits entwickelten Figur nochmals ziehen. 7. e5 Sg8 Ein trauriger Rückzug, aber das aktiver aussehende 7. …Sg4 verliert nach 8. Sxd4 cxd4 9. Dxg4 dxc3 10. dxc3 einen Bauern. 8. d3 Sxb5 9. Sxb5 a6 10. Sd6+! exd6? Schwarz hat die Eröffnung nicht gut gespielt, hätte aber mit …Kf8 seinen Nachteil noch in Grenzen halten können. Der Partiezug verliert bald. 11. Lg5 Da5 12. exd6+ Kf8



Der gewaltige Entwicklungsvorsprung erlaubt nun eine herrliche Kombination, die beide Motive - Hinlenkung und Ablenkung - beinhaltet. 13. Te8+!! Hinlenkung des Königs, damit die gefährlichste weiße Figur mit Tempo auf die e-Linie gelangt. 13. …Kxe8 14. De2+ Kf8 15. Le7+ Ke8 16. Ld8+! Der König wird von dem Punkt f7 abgelenkt. 16. …Kxd8 16. …Kf8 kostet nach 17. Lxa5 die Dame. 17. Sg5



Das war der Sinn der Ablenkungskombination. Nun droht einfach Sxf7 matt. Und falls 17. …Sh6 Abgelenkt von der Deckung von e7! 18. De7 matt – 1:0

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 63 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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