Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Taktisches Arsenal verbessern


Weitere Motive zum Thema Hinlenkung und Ablenkung



Wir sind nun bei der 62. Folge der Schachschule 64 angelangt, nach und nach hat sich einiges Wissen angesammelt. Eine gute Gelegenheit, das bisher Behandelte anhand praktischer Beispiele nochmals zu beleuchten. In diesem Betrag steht Taktik im Mittelpunkt.

Fast jeder Kombination liegt ein taktisches Standardmotiv zugrunde, zum Beispiel das der Hinlenkung und der Ablenkung sowie deren (in der Praxis oft vorkommenden) Mischformen. Diesem Thema haben wir zwar bereits eine frühere Folge (Juli 2014) gewidmet, die Beispiele in dieser Folge sind jedoch allesamt neu.

Hinlenkung

Dies ist ein Kombinationsmotiv, bei dem eine gegnerische Figur mit einer bestimmten Absicht oft unter Opfern an einen bestimmten Ort genötigt wird.



T. Espig –R. Rainer
DDR-Meisterschaft, Erfurt 1973
Weiß am Zug


Es droht Tc7+ mit Läufergewinn, doch Schwarz ist am Zug und kann mit 37. …Txf1+! den gegnerischen König in eine Gefahrenzone ziehen, nämlich auf eine Diagonale, die vom gegnerischen Läufer kontrolliert werden kann. Wegen 38. Kxf1 La6 39. b3 d5 gab Weiß auf. 0:1

Auf eine gefährdete Diagonale wurde der weiße Turm im folgenden Beispiel gelenkt.



E. Havansi – V. Ciocaltea
Zonenturnier Halle 1967
Schwarz am Zug


Man beachte zunächst, dass das sich anbietende Schachgebot …Dc5+ nichts einbringt, der weiße König verschwindet einfach in der Ecke h1. Doch nach dem Partiezug 30. …Ld4+! darf Kh1 nicht geschehen, es käme …Dxf1 matt. Also spielte Weiß 31. Txd4 doch jetzt steht der Turm auf der Diagonale g1-a7 und geht nach 31. …Dc5 unweigerlich verloren 0:1.

Im nächsten Beispiel wird ein Springer auf ein Feld gelenkt, auf dem er gegen einen gegnerischen Freibauern machtlos ist.



D. Stellwagen – A. Timofejew
Olympiade Chanty-Mansijsk 2010
Schwarz am Zug


Der Bauer b3 ist stark, doch der Läufer ist eine diagonal ziehende Figur und kontrolliert das Feld b2. Schwarz hätte zwar mit 31. …Tb1 32. Td3 Sf8 33. Td2 Le1 34. Tb2 Txb2 35. Lxb2 Ld2 einen Vorteil behaupten können, aber warum so kompliziert, wenn es einfach geht? Nach 31. …Txc1! war es vorbei. Der Springer wird nach c1 gelenkt 32. Sxc1 und wird dort mit 32. …b2 angegriffen. Dieser Bauer setzt sich so oder so durch, neben …bxc1D droht auch …b2-b1D, also warf Weiß die Brocken hin 0:1

Beim Nachspielen des nächsten Musterbeispiels fällt die Ähnlichkeit mit dem obigen Motiv auf.



Dommes – Fedorow
Moskau 1984
Weiß am Zug


1. Lf7+ Eine "versuchte Ablenkung" (Das klappt schon mal in einer Blitzpartie, ist aber nichts für eine Turnierpartie! 1. …Kxf7? 2. Dxh6), die nicht zwingend ist. 1. …Kg7 2. Dxh6+ Kxh6 3. Lxe8 Sxe8 4. d7 – 1:0



Ein klassisches Bild, das man sich einprägen sollte (dies ist wichtiger als ein Dutzend Computervarianten zu kennen!): Der Springer wird mit dem ihn angreifenden Bauern nicht fertig, er kann ihn weder schlagen, wie es ein Läufer könnte, noch aus der Ferne beobachten, wie ein Turm.

Handelt es sich bei der hingelenkten Figur um den gegnerischen König, der aus einer geschützten Stellung ins Freie gezwungen wird, spricht man oft auch von einer Hineinziehung bzw. einem Hineinziehungsopfer, wenn dies mit Hilfe eines Opfers geschieht.



M. Zelkind – J. Gallagher
USA Masters, Chicago 1990
Schwarz am Zug


Der automatische Zug …Sd4 droht zwar …Sb3 matt, doch diese Drohung kann mit b2-b3 abgewehrt werden. Wirkungsvoller ist das Hineinziehungsopfer 22. …Dxa2+! mit dem der weiße König ins Freie gezerrt wird 23. Kxa2 wo er seinem Schicksal nicht entrinnen kann: 23. …Ta6+ und wegen 24. Kb3 Sd4 matt 0:1



N. Petrow – D. Fernandez
First Saturday, Budapest 2014
Weiß am Zug


Im Gegensatz zum vorherigen Beispiel scheinen hier beide Könige sicher zu stehen. Der weiße sowieso, da ist nicht einmal eine einzige gegnerische Figur in der Nähe, aber auch dem schwarzen König droht nichts Offensichtliches, ein Schachgebot auf g5 führt ja nur zu einem Damenabtausch. Das stimmt zwar, aber das Hineinziehungsopfer 33. Th8!! befördert den schwarzen König in eine Gefahrenzone. Es droht sofort Dh6 matt, 33. …f4 34. Dxf4 ändert nichts, also 33. …Kxh8 34. Dh6+ Kg8 35. Sg5



Seit der Ausgangsstellung hat sich die Lage stark verändert. Vorher stand der schwarze König vermeintlich ungestört auf g7, nun rücken ihm die weißen Figuren auf die Pelle, es droht das zweizügige Matt 36. Dh7+/37. Dh8. Der Zug 35. …f6 verhindert zwar Dh7+, aber nach 36. exf6 Dc7+ 37. g3 hxg3+ lässt Weiß natürlich die Finger von dem Bauern g3 (38. fxg3?? Txa2+, und Schwarz setzt matt), sondern spielt 38. Kg2! und beendet die Partie mit den Zügen Dg6+ und Sh7+.

Der Nachziehende sah anscheinend diese Katastrophe, opferte deshalb die Dame 35. …Dxg5 konnte aber die Partie ebenfalls nicht halten: 36. Dxg5+ Kf8 37. Dd8+ Kg7 38. Df6+ Kg8 39. Dxh4 Txa2 40. Dg3+ und den Schluss 40. …Kh7 41. Dg5 mit der Idee h4-h5-h6 wollte sich der Schwarzspieler nicht mehr zeigen lassen. 1:0

Das letzte Beispiel war keine ganz leichte Kost, es war aber wichtig, weil man die Motive mit dem Springeropfer einmal gesehen haben muss, um sie im praktischen Einsatz (bei einer Partie) selbst entdecken zu können.

Ablenkung

Ablenkung ist ein anderes klassisches Mittel aus dem Werkzeugkasten der Taktik, es handelt sich um ein Kombinationsmotiv, bei dem eine Figur des Gegenspielers genötigt wird, ihren Platz zu verlassen. Ein einfaches, aber gefälliges Beispiel sehen wir nachstehend: Der starke Freibauer e2 wird momentan von zwei gegnerischen Figuren an dem Vorrücken nach e1 gehindert.



J. Donaldson – S. Garber
New York Open 1991
Schwarz am Zug


Doch 27. …Lh6! lenkt den Läufer d2 ab und gewinnt die Qualität: 28. Lxh6 e1D+ 29. Txe1 Txe1+ 30. Kh2 Te2 und da die Bauern am Damenflügel wie die reifen Früchte fallen (31. a4 Tb2 32. a5 Txb3 33. Ld2 Tb2 34. Le1 Tc2 usw.) gab Weiß auf 0:1

Oft ist eine Ablenkung mit einem Opfer verbunden. Für das Material erhält der Kombinierende allerdings einen Gegenwert, z. B. in Form eines Mattangriffs.



A. Afanasjew – V. Romanchuk
Ukrainische Meisterschaft 2011
Weiß am Zug


Zuletzt geschah …Sf6-g4. Weiß vergaß die klassische Vorsichtsmaßnahme, nämlich den Blick kurz übers Brett schweifen lassen: "kann der Gegner noch ein Schach bieten und wenn ja, ist dieses gefährlich?", und er nahm den Läufer 18. Lxe7? Nach der Antwort 18. …Sf3+! fiel er aus allen Wolken 0:1

Der weiße König wird mattgesetzt, entweder im nächsten Zug (19. Kf1 Sgxh2 matt), oder nach 19. gxf3 Dxh2+ 20. Kf1 Dxf2 matt. Das Springeropfer auf f3 lenkte den Bauern g2 nach f3, damit er der schwarzen Dame nicht im Wege steht.
Fortsetzung folgt

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 62 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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