Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Getrickst wird immer


Defensive und offensive Möglichkeiten bei ungleichfarbigen Läufern



Eine wichtige Erkenntnis, die bei der Entwicklung des modernen Schachspiels gewonnen wurde, lautet: Die Aufstellung der Bauern beeinflusst wesentlich die Stärke und Wirksamkeit der Figuren. Sowohl beim Aufbau des Angriffs im Mittelspiel, als auch bei der Verwertung kleiner Vorteile im Endspiel gibt die Bauernformation wichtige Hinweise zum richtigen Einsatz der Figuren.

Selbst bei Figuren, die sich nicht direkt bekämpfen können, da sie sich auf verschiedenen Felderfarben bewegen (ungleichfarbige Läufer), spielt die Aufstellung von Bauern eine große Rolle. Ein weiterer Gesichtspunkt bei der Stellungsbeurteilung mit ungleichfarbigen Läufern ist die Zusammenarbeit mit den übrigen Figuren; im Endspiel besonders mit dem König.

Gerade im Endspiel kommt die Verteidigungswirkung des ungleichfarbigen Läufers zum Vorschein, der ja ein ganzes Feldernetz sichern kann. Auch kann er aktiv solche Felder angreifen, besetzen oder von Ferne kontrollieren, zu deren Verteidigung der Gegenseite eben eine Figur fehlt. So wie im ersten Beispiel, einer Studie, die seinerzeit von dem berühmten französischen Endspielexperten André Chéron komponiert wurde.



Studie von Chéron, 1952
Weiß am Zug remisiert


Die Felder e2, d3 und c4 werden von dem weißen Läufer kontrolliert, der schwarze Läufer kann nur hilflos zusehen. Und die Könige neutralisieren sich in ihrer Wirkung gegenseitig. Trotz dreier Mehrbauern kann Schwarz nicht gewinnen. Die Studie basiert auf der folgenden Hauptvariante: 1. Ke2 Ke4 2. Lc4 Lg3 3. Lb5 Kd5 4. Kd3



Der Gewinnversuch 4. …e2, mit der Idee 5. Kxe2? c4 mit Bildung eines starken Bauernduos, wird mit 5. Lc4+ Ke5 6. Kxe2 entkräftet, z. B. 6. …Ke4 7. La6 (Aber nicht 7. Ld3+? Kd5 nebst …c4) 7. …Ld6 8. Lc4, und Schwarz kommt nicht weiter.

Schwarz findet auch sonst keine Gelegenheit, die Sperre auf den weißen Feldern vor seiner Bauernkette zu durchbrechen. Chéron führt auf: 4. …Le1 5. La6 Kc6 6. Kc2 Kb6 7. Lc4 Ka5 8. Kb3 und der schwarze König kann immer noch nicht bzw. auch künftig nicht seine Bauern weiter voranbringen remis

Im Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern bei zwei verbundenen Mehrbauern gilt die Regel, ein Bauer soll grundsätzlich auf der anderen Felderfarbe vorrücken als die des eigenen Läufers. Etwa nach e2 wie im obigen Beispiel. Natürlich muss dieses Feld ausreichend gesichert werden, bei Bedarf hilft der König aus.

 

Übungsbeispiel

(jeweils Schwarz am Zug)
Wären im obigen Beispiel nicht Läufer, sondern Springer - die ja die Felderfarbe wechseln können - oder gleichfarbige Läufer auf dem Brett, wäre eine Stellung mit drei Minusbauern unhaltbar. Sogar zwei Mehrbauern würden zum Sieg reichen, z. B.:











Der Nachziehende spielt einfach 1. …Lf5 2. Ke2 d3+ und gewinnt entweder das entstehende Bauernendspiel oder das Läuferendspiel nach den Zügen 3. Kf1 d2 und …Lg4.


Wenn die Bauernstruktur nicht - wie im ersten Beispiel - "gelöchert" ist, sondern die Bauern schön auf einer Reihe nebeneinander stehen, kann sich die materiell stärkere Seite selbst bei ungleichfarbigen Läufern durchsetzen:










Schwarz will …e2 durchdrücken. Da nach z. B. 1. Lf3 sofort 1. …e2+?? an 2. Lxe2 scheitert, muss der weiße Läufer zunächst von der Diagonalen d1-h5 vertrieben werden: 1. …Ke5 2. Lg4 Kf4 3. Lh5 Kg3, und Schwarz wird gewinnen.

 


Diese Methode gewinnt immer, wenn der Verteidiger das Feld vor dem vorrückenden Bauern nicht dauerhaft kontrollieren kann. Wenn er es doch schafft, "ist das Remis unterschriftsreif", stellen die Autoren Karsten Müller und Frank Lamprecht in ihrem Buch "Grundlagen der Schachendspiele" fest und belegen dies mit dem folgenden Beispiel:



Wolf – Leonhardt
Barmen 1905
Weiß am Zug


1. Ld1 Kg5 2. Le2 und Schwarz kommt nicht weiter. Der Vorstoß …f3+ fruchtet wegen Lxf3 nichts, und eine königliche Rundreise analog dem letzten Beispiel ist hier nicht gut durchführbar, da der Bauer g4 schutzbedürftig ist. Also remis

Das waren Beispiele mit verbundenen Bauern. Komplizierter und in Bezug auf den Ausgang schwieriger prognostizierbar sind Endspiele mit ungleichfarbigen Läufern und zwei nicht verbundenen Mehrbauern. Diese sind für die materiell schwächere Seite oft haltbar, sehen Sie selbst:



Berger – Kotlerman
Archangelsk 1948
Weiß am Zug


Beim ersten, flüchtigen Blick erscheint die Lage des Anziehenden hoffnungslos. Der Gegner will doch einfach …Kb2-a1 spielen und …b3-b2-b1D folgen lassen. Wie soll man dagegen etwas ausrichten? Es geht doch, wie Herr Berger nachgewiesen hat: 1. Ke2 b3 2. Kd1 Kb4 Oder …Kb2 3. Le6 mit einer analogen Stellung wie in der Partie. 3. Lh7 Ka3 4. Lg6 Kb2 Weiß hält sich nach 4. …b2 5. Lb1! Kb3 6. Ke2 Kc3 7. Lh7 Kb3 8. Lb1 mühelos. 5. Lf7!



Das ist das rettende Motiv! Wenn der schwarze König nach a2 zieht, bleibt der Bauer b3 gefesselt und Weiß kann mit Zügen auf der Diagonale (z. B. Lg8) fortfahren. Wenn der König nach a3 zurückkehrt, kehrt auch der weiße Läufer nach g6 zurück und es ergibt sich nur eine Zugwiederholung. Schließlich führt auch die Partiefolge 5. …Ka2 6. Le6 Ka3 7. Lf5! zum remis

"Die Verteidigung solcher Endspiele hängt an einem seidenen Faden", mit dieser bekannten Redensart leitete einmal ein Kollege seinen Beitrag zu dem folgenden Endspiel ein. Ein Löser gab sich als Laborleiter in einem Textilbetrieb zu erkennen und bemängelte den Vergleich, da Seidenfäden die Zugfestigkeit von Stahl aufweisen. Das besagte Endspiel sei aber in der Tat ein Balanceakt zwischen Rettung und Verlust, gab der Wissenschaftler gerne zu.



Analyse nach einer Idee
von Keith und Polasek, 2015
Schwarz am Zug


Schwarz möchte gerne seinen König nach e6 überführen, den Läufer abdrängen, um dann …Kd5 nebst …c5 usw. folgen zu lassen. Nur kann sich der König nicht sofort auf den Weg machen, der Bauer f3 muss ja gedeckt bleiben. Also denkt man zunächst wohl an 1. …Le2, ein naheliegender, aber verfehlter Zug, denn danach verwirklicht Weiß die Auffangstellung 2. Lc5 Kg3 (…Kf5 3. Kd2 Ke4 4. Kc3 Kd5 5. Kb4!, und Weiß blockiert beide Freibauern.) 3. Kd2! Kg2 4. Ke1, und erneut wird der f-Bauer gestoppt.


Das Ganze hat funktioniert, weil Schwarz wegen des schutzbedürftigen Läufers auf e2 im dritten Zug nicht gut …f3-f2 ziehen konnte, so dass der weiße König nach e1 gelangen konnte. Diese Erkenntnis führte zur richtigen Lösung: 1.…La6! 2. Kf2 Der Läufer ist überlastet, die Züge 2. Lc7 c5 und 2. Le7 Kg3 ermöglichen Schwarz, seine Bauern entscheidend in Bewegung zu setzen. 2. …Le2 Erst jetzt! Der weiße König kann nicht mehr rechtzeitig das Feld b4 erreichen. 3. Ke3 Kf5! und Schwarz wird nach …Ke6-d5 und …c5 seine Bauern durchsetzen.

Zum Schluss noch ein wunderschönes Beispiel aus der Weltmeisterpraxis, wo die Bildung zweier weit entfernter Freibauern genial eingefädelt wurde.



Kotow – Botwinnik
Moskau 1955
Schwarz am Zug


Weiß kann zwar nie den Bauern b3 schlagen (wegen …d4 mit Abzugsschach und …dxe3), muss es aber auch nicht. Und sein Läufer kann nach etwa …Kg4 den Bh4 mit Le7 decken. Also remis? Mitnichten!

59. …g5!! 60. fxgb5 60. hxg5 h4 usw. 60. …d4+ 61. exd4 61. Lxd4 ändert nichts. 61. …Kg3 62. La3 Kxh4 und der h-Bauer macht das Rennen: 63. Kd3 Kxg5 64. Ke4 h4 65. Kf3 Ld5+ wegen 66. Kf2 Kf4 67. Kg1 Ke3 68. Kh2 Le6 69. d5 Ld7! (Botwinnik) nebst …Kd2-c1 und …b3-b2 0:1

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 61 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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