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Schachschule 64 ::

Die Macht der verdoppelten Türme


Ein wirkungsvolles taktisches Instrument wird näher betrachtet



Zu den beeindruckendsten Beispielen des Zusammenspiels von Figuren gehören zwei Türme derselben Partei auf einer Reihe oder auf einer Linie. Diese "verdoppelten" Türme können eine große Kraft entfalten. Um die verdoppelten Türme auf der vorletzten Reihe oder auch in anderen Konstellationen wirksam werden zu lassen, wird oft sogar Material geopfert, ein bis zwei Bauern sind die "Supertürme" in der Regel wert.

In dieser Folge richten wir unser Augenmerk auf zwei Fragen:
Wie ist die Turmverdoppelung herbeizuführen?
Wie kommen die Türme auf den freien Reihen und Linien zur Geltung?


Dabei stammen alle Beispiele aus dem Mittelspiel oder dem Endspiel, nicht aus der Eröffnung. Üblich (bzw. möglich) ist es, dass ein Turm erst nach der Rochade ins Spiel kommt. Um ihn dann aktiv werden zu lassen, muss die Stellung geöffnet werden, was bedeutet, die Bauernstruktur muss einen Durchlass bieten. Die Turmverdopplung kann nur selten ganz bequem - ohne gegnerische Gegenwehr - erreicht werden. Meist kommen taktische Hilfsmittel zum Einsatz. Wie so etwas ablaufen kann, sehen wir beispielsweise in einer Partie des vierten Schachweltmeisters:

Damengambit D 64
A. Aljechin - F. Yates
London 1922


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 d5 4. Sc3 Le7 5. Lg5 0-0 6. e3 Sbd7 7. Tc1 c6 8. Dc2 Te8 9. Ld3 dxc4 10. Lxc4 Sd5 11. Se4 f5 12. Lxe7 Dxe7 13. Sed2 b5 14. Lxd5 cxd5 15. 0-0 a5 16. Sb3 a4 17. Sc5 Sxc5 18. Dxc5 Dxc5 19. Txc5 b4 20. Tfc1 La6 21. Se5 Teb8 22. f3 b3 23. a3 h6 24. Kf2 Kh7 25. h4 Tf8 26. Kg3 Tfb8 27. Tc7 Lb5 28. T1c5 La6 29. T5c6 Te8 30. Kf4 Kg8 31. h5 Lf1 32. g3 La6 33. Tf7 Kh7 34. Tcc7 Tg8 35. Sd7 Kh8 36. Sf6 Tgf8



37. Txg7! Txf6 38. Ke5 – 1:0

Der Turm f6 geht verloren, da der Rückzug 38. …Tff8 (oder auch 38. …Taf8) die standardmäßige Mattsetzung 39. Th7+ Kg8 40. Tcg7 zur Folge hat. Dieses Mattbild zieht sich wie ein roter Faden durch alle Stellungen diesen Typus (die Türme sind auf der vorletzten Reihe verdoppelt, der gegnerische König steht auf der letzten Reihe) und wird durch das Verstellen des Feldes f8 bedingt. Stünde der Turm woanders, etwa auf e8, so hätte Weiß zwar das Dauerschach in der Tasche, aber nicht mehr.

In einer anderen Partie Aljechins verdoppelten sich die Türme mit entscheidender Wirkung auf der achten Reihe.

Damengambit D 07
A. Aljechin - E. Colle
Paris 1925


1. d4 d5 2. c4 Sc6 3. Sf3 Lg4 4. Da4 Lxf3 5. exf3 e6 6. Sc3 Lb4 7. a3 Lxc3+ 8. bxc3 Sge7 9. Tb1 Tb8 10. cxd5 Dxd5 11. Ld3 0-0 12. 0-0 Dd6 13. Dc2 Sg6 14. f4 Sce7 15. g3 Tfd8 16. Td1 b6 17. a4 Sd5 18. Ld2 c5 19. f5 exf5 20. Lxf5 cxd4 21. cxd4 Sde7 22. Lb4 Df6 23. Lxe7 Dxe7 24. Tbc1 Td5 25. Le4 Td7 26. d5 Df6 27. Te1 Tbd8 28. Dc6 Dg5



"Auf den ersten Blick sieht es aus, als habe Schwarz den gefährlichen Freibauern auf d5 neutralisiert, außerdem gibt es keinen offensichtlichen Weg, wie Weiß von der schwachen schwarzen Grundreihe profitieren könnte", schreibt Garry Kasparow in der Megabase 2005. 29. Lxg6! Das sieht ziemlich eigenartig aus, da der d-Bauer nicht mehr verteidigt werden kann. Aber Aljechin benutzt diesen Zug, um seinen strategischen Plan mit taktischen Nuancen zu unterstützen 29. …hxg6? Das kleinere Übel war 29. …fxg6, obwohl Weiß auch dann mit 30. De6+ Tf7 31. Tc8 Txc8 32. Dxc8+ Tf8 33. Te8 Df6 34. Txf8+ Dxf8 35. Dc6 einen Vorteil (starker Freibauer auf der d-Linie) behauptet hätte. Nach dem Partiezug jedoch dringen die weißen Türme auf die schwarze Grundreihe ein.



30. Dxd7!! Txd7 31. Te8+ Kh7 32. Tcc8 die Mattdrohung Th8 ist nicht gut abzuwehren, nach 32. …Td8 33. Texd8 gab Schwarz auf. – 1:0

Eine analoge Mattsetzung auf der Grundreihe strebte auch der Schwarzspieler in der folgenden Partie an und er hatte damit schließlich auch Erfolg, es hätte jedoch auch anders ausgehen können.

Nimzowitschindisch E 47
E. Eliskases - W. Henneberger
Bad Liebwerda 1934


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 0-0 5. Ld3 d6 6. Sge2 e5 7. 0-0 c5 8. dxe5 dxe5 9. Dc2 Lxc3 10. Sxc3 Sc6 11. a3 Le6 12. b3 De7 13. Lb2 Tad8 14. Tad1 g6 15. Se4 Sh5 16. Sg3 Sxg3 17. hxg3 Dg5 18. Le4 Lg4 19. Td5 De7 20. Dc3 f6 21. f4 exf4 22. Txf4 Se5 23. Txe5 Td1+ 24. Kh2 fxe5 25. Txg4 Tff1



Ist gegen …Th1 matt nichts mehr auszurichten? Doch! 26. Ld5+ Weiß befreit sich in zwei Fällen:
a) 26. …Kf8 27. Tf4+!, sogar mit Gewinn nach dem folgenden Turmabtausch auf f1 oder der Mattsetzung nach 27. …exf4 28. Dh8 matt.
b) 26. …Kg7 27. Dxe5+ Dxe5 28. Lxe5+ Kh6 (28. …Kf8 29. Tf4+ mit Turmabtausch) 29. Th4+ Kg5 30. Lf4+ Kf6 31. Kh3 g5 (31. …h5 32. g4) 32. Th6+ Kg7 33. Td6 gxf4 34. exf4, und Weiß hat genug für die Qualität.
Der Schwarzspieler war jedoch voll und ganz auf die Idee …Th1 matt fixiert und bot mit 26. …Df7! seine Dame zum Schlagen an.



Wer so einen Zug findet, verdient es doch irgendwie, die Partie zu gewinnen, meinen Sie nicht auch? Auf jeden Fall geschah hier 27. Lxf7+? Kf8! und nun war gegen die Mattsetzung durch die verdoppelten Türme nichts mehr zu erfinden – 0:1

Der lieben Ordnung halber sei erwähnt, dass sich Weiß in der letzten Diagrammstellung sehenswert hätte retten können: 27. Txg6+!! Kf8 (Aber nicht 27. …hxg6 28. Lxf7+ nebst Befreiung mittels g4 und Kg3; hier gewinnt Weiß sogar noch.) 28. g4 Dxg6 29. Dxe5 Dxg4



Es droht erneut …Th1 matt, aber Weiß kann sich mit dem Dauerschach 30. Db8+ Ke7 31. Dc7+ Dd7 32. De5+ Kd8 33. Db8+ Dc8 34. Dd6+ aus der Affäre ziehen.

Ein schöner Sonderfall, in den meisten Fällen jedoch ist gegen die Kraft der verdoppelten Türme kein Kraut gewachsen.

Eine Turmverdopplung muss nicht immer einem Angriffszweck dienen, sie ist auch ein vorzügliches Verteidigungsmittel:



M. Tschigorin – D. Janowski
Karlsbad 1907
Schwarz am Zug


Wenn Weiß noch zu Kc5 und d5-d6 käme, könnte er durchatmen. Mit 53. …Tc1+ 54. Kd3 Tcc6! erreicht Schwarz eine besonders anschauliche Stellung. Die auf der sechsten Reihe verdoppelten Türme gleichen einem Burggraben, der nicht überquert werden kann. Schwarz hat nun alle Zeit der Welt, um mit Unterstützung seines Königs seinen Freibauern langsam voranzubringen. Er gewann schließlich nach gut 40 Zügen – 0:1

Auch das letzte Beispiel zeigt die Kraft auf der Grundreihe verdoppelter Türme.



A. Aljechin – R. Molina
Buenos Aires 1926
(Uhren-Handicap-Vorstellung)


Schwarz hat mit seinem letzten Zug (…Sd3xb2) einen Bauern gewonnen; die Dame a4 hängt ja, so dass 25. Txd7 Txd7! für ihn nicht gut geht. Er unterschätzte aber die Macht der weißen Türme: 25. Dxa7!! Txa7 26. Txd8+ Lf8 27. Lxc5 h6 28. Txf8+ Kh7 29. Tdd8 Schon wieder stehen die Türme auf der Grundreihe. Zwar verschafft sich Schwarz mit dem Zwischenschach 29. …Db1+ etwas Zeit, aber nicht lange. 30. Kh2



Es droht die Blockade des Fluchtwegs g6 mit Se5 oder Sh4 und der Turm a7 hängt. Beide Drohungen sind nicht gleichzeitig zu beheben. Weiß gewinnt folglich, in der Partie auf diese Art: 30. …Tb7 31. Sh4! Kontrolliert g6 und droht Th8 matt. Auf 31. …g5 folgt 32. Th8+ Kg7 33. Tdg8+ Kf6 34. Txh6+ Ke5 35. Te8+ Kf4 36. g3 matt. 31. …g6 32. Ld4 f6 33. Lxf6 und Matt auf h8. – 1:0

Türme können sich nicht nur auf den Reihen, sondern auch den Linien verdoppeln. Das ist aber schon das Thema einer anderen Folge dieser Rubrik.

 


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Teil 60 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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