Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Die Kraft der verbundenen Freibauern


Je weiter sie vorgerückt sind, desto mehr fallen sie ins Gewicht



Der Bauer mag der schwächste Stein auf dem Schachbrett sein, doch wenn er frei nach vorn rücken kann - insbesondere im Endspiel -, dann steigt seine Bedeutung. Eine ganz besondere Kraft entfaltet er mit "einem Kumpel an seiner Seite"; ein Freibauernpaar ist oft stärker als ein Turm, wie das folgende, über 400 Jahre alte Lehrbeispiel zeigt.



Weiß am Zug


Das Bauernduo ist nicht aufzuhalten, z. B. 1. Tg5 f2 2. Tf5 g2 und "einer kommt durch", ebenso wie nach 1. Tf5 g2 2.Tg5 f2 oder schließlich nach 1. Tc3 g2 2. Tc1 f2.

Das hat hier so gut funktioniert, weil die Bauern schön nebeneinander standen, stets rückt der gerade nicht angegriffene Bauer vor. Aaron Nimzowitsch, ein großer Schachpädagoge mit Hang zu blumiger Sprache, formulierte es einmal so: "Die Beziehungen der verbundenen Freibauern zu einander sind von echter Kameradschaftlichkeit erfüllt und daher ist die Stellung der Bauern auf ein und derselben Reihe als die natürlichste zu betrachten. …Indes verlangt es die weitere Entwicklung der Dinge, dass die zwei Freibauern ihre Idealstellung aufgeben, denn die Expansionslust, die ihnen wie jedem anderen Freibauer auch im hohen Maße eigentümlich ist, wird sie weitertreiben." Und wenn sie die vorletzte Reihe erreichen, wird aus dem "kameradschaftlich verbundenen Bauernpaar" eine fürchterliche Dampfwalze. Sehen Sie selbst:



V. Tseschkowski – J. Klovans
Tiflis 1973
Stellung nach 48. Tf1f2


Weiß hatte in dieser Partie zuvor zwei Bauern geopfert, um diese Stellung zu erreichen. Die Fesselung auf der zweiten Reihe verhindert den naheliegenden Zug 48. …d4, es käme einfach 49. Lxd4. Und so rechnete der Anziehende damit, dass er gleich auf d5 schlagen kann. Doch Schwarz (später mehrfacher Seniorenweltmeister) ließ die kleine Kombination 48.…Sxc3! 49. Txf2 e3 50. Tf1 e2 51. Te1 vom Stapel:



51. …d4! Das ist viel besser als die Rettung des Springers, wonach Txe2 gekommen wäre. 52. bxc3 d3 und das Bauernduo machte das Rennen: 53. Kg3 d2 54. Txe2 d1D Es folgte noch 55. Te3 Kg6 56. Tf3 Kh5 57. Kh2 Kh4 58. Te3 Dd6+ 59. g3+ Kh5 60. Kg1 und wegen …Dd2 – 0:1

Solche Freibauern entstehen selten von allein, oft muss man mit Materialopfern etwas nachhelfen bzw. die Bahn freiräumen, so wie hier:



U. Rath – B. Larsen
Esbjerg 1978
Stellung nach 48. Tf7-f5


Der Springer c5 ist angegriffen und der Nachziehende muss sich - wenn er gewinnen will - von ihm verabschieden, denn die naheliegende Variante 48. …Tc6 (Ja nicht 48. …Sxb3? 49. Sxe4) 49. Td5+ Ke6 50. Kf4 Sxb3 51. Sxe4 Txc4 52. Te5+ Kf7 53. Ke3 d2 54. Sxd2 führt zu einer nur ausgeglichenen Stellung. Larsen spielte stark, opferte den Springer 48.…Td6! 49. Txc5 e3 50. Sf5 und schickte noch seinen Turm hinterher 50. …e2 51. Sxd6 d2 und aus den beiden "kameradschaftlich verbundenen Bauernjungs" wurde eine schöne Dame: 52. Td5 d1D 53. Se4+ Dxd5+ 54. cxd5 e1D 55. Sf6+ Kd8 56. Sh5 De3+ 57. Sf4 Dxb3 58. g4 Dxa4 59. h4 De4 60. Se6+ Ke7 0:1

Hier sahen wir den Dänen Bent Larsen in Aktion, der zeitweise hinter Fischer und Spasski der drittbeste Spieler der Welt war. Nicht ganz von diesem großen Kaliber, dennoch ein bedeutender deutscher Schachspieler ist der Sieger im nächsten Beispiel, Thomas Pähtz. Heutzutage ist dieser Nachname eher in Verbindung mit Elisabeth bekannt, sie ist die derzeit beste deutsche Spielerin, aber ihr Vater war seinerzeit einer der führenden Spieler der DDR und ist immer noch ein bewährter Trainer. Seine Kombination aus der folgenden Partie könnte er ruhig für seine Unterrichtsunterlagen verwerten:



L. Neckar – T. Pähtz
Rostock 1981
Stellung nach 38. Tb1-c1


Der Nachziehende steht klar besser, muss aber noch etwas aufpassen, denn Weiß droht mit dem Trick Txc7!, wonach die Antworten …Dxc7 an Dg6 matt und …Sxc7 an Lxf7 scheitern. Deshalb liquidierte Schwarz die letzte gefährliche Figur des Gegners 38. …Ld5! 39. Lxd5 Sxd5 und setzte das Bauernduo in Bewegung: 40. Dh4 e3 41. Le1 d3 42. Td1 Sexf4! 43. Sxf4 Sxf4 44. Lg3 44. Dxf4 kostet nach 44. …Le5 die Dame. 44. …Sg6 45. Dh5 f4 46. Lh4 d2 47. Lg5 Lg7 48. Tdf1 e2 49. Txf4



In den nächsten zwei Zügen verschwinden zwei schwarze Damen vom Brett und eine neue entsteht, dies ist nicht alltäglich: 49. …d1D 50. Txf7 Dxg1+ und wegen 51. Kxg1 e1D+ – 0:1

Nicht nur im Endspiel, sondern auch im Mittelspiel kann ein vorgerücktes zentral postiertes Bauernduo viel erreichen.

Nimzowitschindisch E 49
R. Frederick - M. Goldberg
New York 1983


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. a3 Lxc3+ 5. bxc3 c5 6. f3 d5 7. cxd5 exd5 8. e3 0-0 9. Ld3 b6 10. Se2 La6 11. Lb1 Te8 12. g4 Sc6 13. h4 Dc8 14. Sf4 cxd4 15. g5 Weiß rückte im Hurra-Stil am Königsflügel vor, Schwarz konterte, indem er den weißen König unter Beschuss nahm: 15. …Dc7 Idee 16. gxf6 Dxf4 16. e4 dxe4! 17. gxf6 e3! Erheblich weniger wirkungsvoll wäre das automatische Schachgebot 17. …exf3+?, denn nach 18. Kf2 dxc3 19. Dxf3 ist die Partie noch lange nicht beendet. 18. Tg1 Dxf4 19. Lxh7+ Kxh7 20. Dc2+ d3 21. Txg7+ Kh8 22. Dg2



Weiß hofft offenbar noch auf den Trick Th7 nebst Dg7 matt, aber das schwarze Bauernduo macht kurzen Prozess: 22. …d2+ 23. Kd1 e2+ Er wollte es schön haben … Wahrlich nichts sprach gegen das einzügige Matt …Da4. 24. Kc2 e1S+ – 0:1

Zugegeben, gefällig ist der Abschluss schon: 25. Kb2 d1S+ 26. Ka2 Lc4+ 27. Kb1 Df5+ und Matt.

Zum Schluss ein noch spektakuläreres Beispiel für die Kraft der vereinten Freibauern. Die Partie wurde 1834 in London beim ersten Duell der Schachgeschichte, das die typischen Züge einer Schachweltmeisterschaft trug, gespielt: zwei weltweit anerkannte Spitzenspieler als Kontrahenten, klares Reglement und ausgesetzter Preisfonds. Der Franzose Louis Charles de la Bourdonnais (auch La Bourdonnais), 1795-1849, und der stärkste britische Schachmeister, der Ire Alexander MacDonnell (1798-1835), trugen sechs Wettkämpfe über insgesamt 85 Partien aus, die La Bourdonnais mit 45 zu 27 bei 13 Unentschieden gewann. Die nachstehend aufgeführte Partie, die 62. unter diesen Gegnern, gilt als die schönste des "ewigen Duells".

Sizilianisch B 32
A. McDonnell
L. de la Bourdonnais


1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 e5 5. Sxc6 Gerade diese Partie veränderte nachhaltig die weitere Entwicklung in dieser Variante. Es hat sich herausgestellt, dass der Abtausch auf c6 das schwarze Zentrum stärkt. Später, und noch bis heute setzen die Weißspieler mit 5. Sb5 fort. 5. …bxc6 6. Lc4 Sf6 7. Lg5 Le7 8. De2 d5 9. Lxf6 Lxf6 10. Lb3 0-0 11. 0-0 a5 12. exd5 cxd5 13. Td1 d4 14. c4 Db6 15. Lc2 Lb7 16. Sd2 Tae8 17. Se4 Ld8 18. c5 Dc6 19. f3 Le7 20. Tac1 f5 21. Dc4+ Kh8 22. La4?! Die Jagd nach der Beute auf e8 bringt Weiß einige Probleme ein. Besser war 22. Sd6 Lxd6 23. La4. 22. …Dh6 23. Lxe8 fxe4 24. c6 exf3 25. Tc2 Böse für Weiß endet 25. cxb7 De3+ 26. Kh1 fxg2+ 27. Kxg2 Tf2+. 25. …De3+ 26. Kh1 Lc8 27. Ld7 f2 28. Tf1 d3 29. Tc3 Lxd7 30. cxd7 e4 31. Dc8 Ld8 32. Dc4



32. …De1! 33. Tc1 d2 34. Dc5 Tg8 35. Td1 e3 36. Dc3 Dxd1 37. Txd1 e2



0:1
Ein Bild für die Götter und eins der berühmtesten Stellungsbilder der Schachgeschichte!

 


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Teil 58 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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