Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Lehrreiche Reinfälle und geniale Einfälle


Kuriose Begebenheiten auf den 64 Feldern



Lernen kann man am besten aus Fehlern, lautet eine Binsenweisheit. "Am besten aus den Fehlern von anderen, denn die eigenen Fehler können weh tun", ergänzte der alte Trainer des Autors augenzwinkernd. In dieser Folge, die zur Karnevalszeit erscheint, lassen wir mal zur Entspannung einige kuriose und amüsante Reinfälle und Unfälle Revue passieren.

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, weiß der Volksmund. Auch im Schach gibt es viele Beispiele für einen Reinfall des Fallenstellers. So war kürzlich bei einem russischen Turnier der amtierende Studentenweltmeister Sanan Sjugirov mit seiner ausgeglichenen Stellung nicht zufrieden und fädelte eine Kombination ein, die sich jedoch als Bumerang erwies:

Französisch C 94
S. Sjugirov (Elo 2673)
S. Matsenko (Elo 2482)


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sd2 Sc6 4. Sgf3 Sf6 5. e5 Sd7 6. Ld3 f6 7. exf6 Dxf6 8. Sf1 e5 9. Se3 Sxd4 10. Sxd4 exd4 11. Sxd5 De5+ 12. De2 Kd8 13. Le4 Sc5 14. f3 Lg4 15. 0-0 Sxe4 16. Dxe4 Dxe4 17. fxe4 c6 18. Lg5+ Kd7 19. Tf7+ Ke6 20. Tf4 cxd5 21. exd5+ Kxd5 22. Txg4 Lc5 23. Td1 Kc6



Wie man leicht sehen kann, droht Schwarz mit dem Abzugsschach …d4-d3+. Dies hätte mit Td3 leicht verhindert werden können, was dem Weißspieler nicht entgangen ist. Doch er ließ das Abzugsschach mit voller Absicht zu 24. Lh4?? weil er nach 24. …d3+ 25. Lf2 dxc2 26. Tc1 nur mit dem Schachgebot 26. …Lxf2+ rechnete, was nach 27. Kxf2 Thf8+ 28. Kg3 ein Schlagen auf c2 mit Schach zulässt. Das wäre gut für Weiß gewesen, aber sein Gegner spielte nicht mit, er zog besser 26. …Tad8! und wegen des kommenden …Td1+ musste Weiß die Waffen strecken 0:1

Einen rein schachlichen und einen psychologischen Fehler kombinierte der mit Weiß spielende Unglücksrabe im folgenden Beispiel:



A. Subarew – D. Forcen Esteban
Open La Roda 2012
Schwarz am Zug


Das ist ein Standardendspiel, in dem die materiell stärkere Seite normalerweise nicht gewinnt. Der g-Bauer kann nicht durchgedrückt werden, nach z. B. Sh5 nebst g6-g7 schlägt Schwarz einfach auf g7, und Weiß bleibt mit einem nutzlosen Mehrspringer zurück. Die einzige Gewinnmöglichkeit besteht in der Überführung des Springers nach f6, dann verliert der schwarze Läufer die Kontrolle über das Feld g7, der g-Bauer rückt dann vor. Also hängt Se8-f6 in der Luft. Schwarz kann dies verhindern, wenn er rechtzeitig die Kontrolle über f6 übernimmt, also mit …Ke5, gefolgt von …Kf5. Doch in dieser Partie geschah zunächst 94. …Kd7? 95. Se8 droht Sf6+ 95. …Lh8



Nun hätte Weiß mit 96. Sg7! den Läufer einsperren und mit Kg8 leicht gewinnen können. Das war ihm entgangen, er zog sofort 96. Kg8? und nach 96. …Lb2 machte er seinen größten Fehler; er bot remis an, was freudig angenommen wurde remis Dabei hätte der Anziehende mit 97. Kf7! erneut die Stellung des letzten Diagramms erreichen und mit Sf6 oder - falls 97. …Lh8 - mit 98. Sg7! gewinnen können. Eine unerwartete Rettung in Form eines Patt-Motivs kann den Gegner ganz schön aus dem psychischen Gleichgewicht bringen. Hierzu ein kleiner "Unfallbericht" aus Wien vor 141 Jahren, basierend auf einem Abschnitt aus dem Buch von Lehner und Schwede: Der erste Wiener internationale Schachkongress 1873.



A. Anderssen – J. Heral
Wien 1873
Weiß am Zug


Der Anziehende steht auf Gewinn, kein Wunder, er war einer der besten Schachspieler jener Zeit. In dieser Stellung hätte unter anderem 47. Dxd6+ exd6 48. Kb4 Kb7 49. Kc3 Kb6 50. Kd4 gewonnen, aber Anderssen entschied sich für 47.Ka4? und übersah dabei 47. …Dd1+ 48. Db3 Da1+ mit Dauerschach nach 49. Da3 Dd1+ usw. Von seinem Versehen offenbar aus dem Gleichgewicht geraten, setzte Weiß sein selbstzerstörerisches Werk fort: 49. Kb4?? Da5 matt 0:1

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Anderssen in dieser Partie ein Patt-Motiv übersah, wurde doch der beste deutsche Spieler des 19. Jahrhunderts seinerzeit für sein schönes Problem mit dem Motiv der Patt-Vermeidung gerühmt:



A. Anderssen, 1842
Weiß am Zug setzt in 4 Zügen matt


Wäre Schwarz am Zug, stünde er im Patt, nichts geht mehr. Weiß muss dies aufheben, doch nach etwa 1. Lc6 Kg6 würde es noch sehr lange dauern, bis Weiß matt setzt, ganz bestimmt nicht in vier Zügen. Die Lösung lautet 1. Lh5! Kxh5 2. Kg7 h6



und nun die Patt vermeidende Verstellung (im Problemschach als "Anderssen-Verstellung" bekannt) 3. Kf6!! Kh4 4. Kg6 matt.

Patt ist die bekannteste, jedoch nicht die einzige Möglichkeit, sich bei einem mitunter gewaltigen Materialnachteil aus der Affäre zu ziehen. Da gibt es noch das bei Schachproblemkomponisten gerne angewandte Motiv des "Einmauerns" und des "Selbst-Einmauerns".



Studie von P. Ilvin, 1947
Weiß am Zug, remis


Der Bauer e3 ist für den weißen König unerreichbar, so dass allein der Springer eingesetzt werden kann: 1. Se7+ Zieht nun der schwarze König nach f8 oder h8, so folgt der weitere Tempogewinn Sg6+, gefolgt von Sf4, wonach der Bauer e3 an die kurze Leine genommen wird. Aber auch 1. …Kf7 ermöglicht eine schnelle Annäherung an den Bauern: 2. Sc6 e2 3. Se5+ Ke6 4. Sf3. Der Bauer ist gestoppt, und das Endspiel nach den weiteren Zügen 4. …Kf5 5. Kb2 Kf4 6. Se1 Kxg5 7. Kc2 Kf4 8. Kd2 g5 9. Kxe2 endet bald remis.

Sehr schön, aber was kann Weiß nach 1. …Kh7! 2. g6+ Kh8 (aber nicht 2. …Kh6? 3. Sf5+ Kxg6 4. Sxe3) noch machen? Der Studienkomponist wusste Rat: 1. Kb4!! e2 4. Kc5 e1D 5. Kd6



Der schwarze König ist eingemauert und kann der Dame nicht helfen. Sie allein kann nichts ausrichten, allenfalls nutzlose Schachgebote geben, z. B. 5. …Df2 6. Ke6 Df6+ 7. Kd7 Df8 8. Ke6 usw. Der weiße König läuft einfach um seinen Springer herum und kann nicht von ihm getrennt werden remis

Den meisten Eindruck erweckt das Motiv des "Selbst-Einmauerns". Das ist schon die Hohe Schule des Schachs, selbst darauf zu kommen ist schwierig, aber man schaut sich ja auch die Mona Lisa an, ohne so etwas selbst kreieren zu können.



Nach einer Studie von
W. Smyslow, 1937
Weiß am Zug remisiert


Die Originalstudie von Wassili Smyslow, seines Zeichens Schachweltmeister 1957-58, ist noch komplizierter, der Komponist hatte noch ein anderes Motiv miteingearbeitet. Für unsere Zwecke ist die obige Stellung (Schlussphase der Lösung, deshalb die Nummerierung ab 5) dienlich, hier wird das besagte Motiv wunderbar demonstriert.

Der Bauer a3 ist nicht aufzuhalten und im Gegensatz zu dem letzten Beispiel ist keine schnelle Annäherung des Springers möglich. Smyslows geniale Lösung beginnt mit dem "Selbst-Einmauern" des Königs 5. Kg6 a2 6. Kh7 a1D 7. g6 Jetzt muss man noch geschickt die Steine auf d2 und b7 loswerden. 7. …Dh1 Nach etwa 7. …Sc5 funktionieren die Pattmotive 8. Lf4 Sd7 (8. …Lxf4 9. b8D+ Lxb8 patt) 9. b8D+ Sxb8 10. Ld6+ Lxd6 patt. 8. Lh6 Lf4 9. b8D+ Lxb8 patt!



Jetzt werfen sie noch einen Blick auf die Ausgangsstellung, und dann zurück auf diese. Haben Sie auch das Gefühl, Sie hätten gerade einen Edelstein gesehen?

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 57 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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