Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Wenn zwei das Gleiche tun …


Chancen und Gefahren beim „Kopieren“ von Zügen, Teil 2



Die Strategie des Nachahmens von Eröffnungszügen ist ein zweischneidiges Schwert. Es gibt bestimmte Eröffnungen, in denen Schwarz die weißen Pläne vorübergehend kopiert, meist handelt es sich dabei jedoch um zunächst ruhig verlaufene Aufbauten. Wenn nur die Figuren entwickelt werden und nicht viel Material abgetauscht wird, kann sich der Nachziehende die Symmetrie lange leisten. Je schärfer die Eröffnung verläuft, desto gefährlicher ist es für Schwarz im Gleichschritt weiterzumarschieren. In der letzten Ausgabe wurde diese These mit einem aussagekräftigen Beispiel aus der Turnierpraxis (Partie Traxler-Samanek, Seite 28) untermauert.

Allgemein gilt, dass in symmetrischen Eröffnungen oft Gefahren lauern, die unerfahrene Schachspieler schnell in Bedrängnis bringen. Gute Spieler können aber mit Schwarz aus einer symmetrischen Stellung einiges herausholen, indem sie mit einem Opfer (meist eines Bauern) die Symmetrie stören und für den Bauern einen Entwicklungsvorsprung erhalten, zum Beispiel so: 1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sxe5 Sxe4 4. De2 De7 5. Dxe4 d6



und das Festhalten an der Beute (dem Mehrbauern) führte sowohl nach 6. f4 dxe5 7. fxe5 Sd7 8. d4 f6 9. Sc3 fxe5 10. Sd5 Sf6!, als auch nach 6. d4 dxe5 7. dxe5 Sc6 8. f4 Lg4! 9. Ld3 Dh4+ 10. g3 Dh3 zur Initiative für Schwarz, wie in der letzten Ausgabe ausführlich beleuchtet.

Diese Variante zeigen, dass trotz symmetrischer Bauernstruktur inhaltsreiche Strategien vorhanden sind. Dennoch bleibt der Eindruck, es könne doch nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn Schwarz mit dem Drahtseilakt …Sxe4 nebst …De7 in Vorteil oder zumindest zu einer passablen Stellung kommt.

Methode der "Besänftigung"

In Vorteil sicherlich nicht, wie wir gleich sehen werden, selbst der Ausgleich ist beim besten Spiel von Weiß nicht drin. Die Wende zugunsten von Schwarz in den soeben erwähnten Partien ist auf das besagte Festhalten am Materialvorteil zurückzuführen. Weiß fährt jedoch gut, wenn er die Methode der "Besänftigung" anwendet. Hier müssen wir etwas innehalten und diesen Begriff anhand eines Beispiels verständlich machen.
1. e4 e5 2. d4 exd4 3. c3 dxc3 4. Lc4 cxb2 5. Lxb2



Diese Eröffnung heißt nordisches oder dänisches Gambit, da sie anno 1875 in einer Fernschachpartie zwischen den Städten Kopenhagen und Uppsala in die Turnierpraxis eingeführt wurde. Weiß hat zwei Bauern gegeben, um einen deutlichen Vorsprung in der Entwicklung (Zeit) und der Kontrolle des Zentrums sowie freie Diagonalen (Raum) zu erlangen. Wenn sich Schwarz defensiv verhält, kann der Weiße mit seinen aktiven Figuren "wie ein Berserker wüten", stand in einem der ersten Kommentare zu dieser Gambitvariante, und einem Wüterich muss man entweder aktiv (wenn es geht) entgegentreten, oder ihn beruhigen, besänftigen. Wir wollen jetzt keine fachfremde Diskussion anstoßen, es geht hier allein um Schach, und darin hat sich die Besänftigungsmethode als eine Möglichkeit bewährt. Hier konkret: Schwarz gleicht das Spiel durch Rückgabe des Materials und aktives Figurenspiel aus - die grundsätzliche Methode, um solche Opferideen abzuwehren: 5. …d5! 6. Lxd5 Sf6! Schwarz hat einen Bauern zurückgegeben, seinen Damenläufer aktiviert und den gegnerischen Läufer angegriffen. Weiß kann zwar auch den zweiten Bauern zurückholen 7. Lxf7+ Kxf7 8. Dxd8 Lb4+ 9. Dd2 nicht 9. Sd2?? Txd8 9. …Lxd2+ 10. Sxd2 Te8 11. f3 Sc6 12. Se2 Sb4 doch per Saldo erreichte Schwarz den gleichen Figurenentwicklungsstand wie sein Gegner und steht angesichts von aktiven Möglichkeiten auf den Feldern c2 und d3 sogar schon einen Tick besser.



Die Kenntnis dieser Variante ist nun Allgemeingut und ist der Grund dafür, warum das weiße Gambit in der Praxis von starken Spielern fast nicht mehr vorkommt. Der Vergleich der beiden letzten Diagramme verrät, warum es so ist und nebenbei wird mit diesem Beispiel ein wichtiges Verteidigungsmotiv demonstriert.

Mit diesem Wissen gerüstet wenden wir uns nun der angekündigten Thematik zu. Wie holt Weiß seinen die Züge nachahmenden Gegner wieder auf den Boden der Tatsachen zurück? So: 1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sxe5 Sxe4 4. De2 De7 5.Dxe4 d6 6. d4 dxe5 7. dxe5 Sc6 Das hatten wir schon und auch 8. f4 Lg4! erwähnt. 8. Sc3!



Weiß gibt "besänftigend" den gewonnenen Bauern sofort zurück (oder er bietet ihn zumindest zum Rückgewinn an), gewinnt damit Zeit, reduziert die gegnerischen und steigert die eigenen Chancen. 8. …Dxe5 Das Schlagen mit dem Springer 8. …Sxe5 bringt Schwarz nach 9. Sd5 sofort in Bedrängnis. 9. Dxe5+ Sxe5 Jetzt haben wir schon wieder eine fast symmetrische Stellung auf dem Brett (allein die Springer stehen nicht spiegelbildlich) und Weiß ist am Zug. Also steht es fast so wie zu Beginn der Partie, nur kann Weiß hier seinen Anzugsvorteil gleich einsetzen, in dem er den ungesicherten Springer attackiert: 10. Lf4 Ld6 Achtung, ein kleiner taktischer Trick lauert im Busche, da der Läufer f4 ungedeckt ist, wäre nach einem neutralen Zug wie 11. 0-0-0 die Abwicklung …Sd3 (mit Schach!) 12. Lxd3 Lxf4+ möglich. Also sichert Weiß seinen Läufer mit 11. Lg3



und stellt die erste richtige Drohung auf, nämlich Sb5 oder Se4, gefolgt von Sxd6+. Damit würde Weiß im gegnerischen Lager einen schwachen Bauern auf d6 schaffen und besäße bessere Aussichten auf den schwarzen Feldern; nur er hätte dann ja einen schwarzfeldrigen Läufer. Dies mag nicht viel erscheinen, aber solche kleinen aber dauerhaften Vorteile sind in der Praxis für den Gegner unangenehm. Zwei nachfolgende Modellpartien, mit Weiß von starken Spieler gespielt, bieten ein gutes Anschauungsmaterial. In der ersten Partie führt Liviu Dieter Nisipeanu die weißen Steine, einst ein rumänischer Großmeister, der seit dem Sommer dieses Jahres den deutschen Pass hat.

L. D. Nisipeanu - Z. Varga
Baile Tusnad 2005


11. …f6 12. 0-0-0 a6 Schwarz mag den Springerausfall Sb5 nicht, aber der Schimmel kann auch von e4 aus den Läufer d6 angreifen. 13. Se4 Le7 14. Lxe5 fxe5 15. Td5 Jetzt hat Weiß schon etwas Konkretes, er kann die gegnerische Bauernschwäche e5 anvisieren. 15. …Lf6 16. f4



Falls Schwarz schlägt, 16. …exf4, so öffnet sich die e-Linie und Weiß rückt mit 17. Sxf6+ gxf6 18. Lc4 gefolgt von Te1+ dem schwarzen König auf den Pelz. 16. …Le6 17. Tc5 0-0-0 18. Sxf6 gxf6 19. fxe5 Weiß gewann einen Bauern. In der Folge versucht Schwarz ein Gegenspiel aus dem Boden zu stampfen, jedoch ohne Erfolg. 19. …Ld5 20. exf6 Thf8 21. Ld3 Txf6 Schwarz hat auch nach 21. …Lxg2 22. Te1 Txf6 23. Te7 große Probleme. 22. Td1 c6 23. Lxh7 Lxg2 24. Txd8+ Kxd8 25.Tg5 Th6 26. Txg2 Txh7 27. Kd2 Th3 28. Ke2 Ke8 29. Kf1 Kf7 30. Te2 Th5 31. Kg2 Kf6 32. Kg3 Tg5+ 33. Kf4 Th5 34. Tf2 Ta5 35. a3 Ta4+ 36. Kg3+ Kg5 37. Tf7 Tg4+ 38. Kf3 Tc4 39. c3 b5 40. h3 a5 41. Tg7+ Kf6 42. Tg4 Tc5 43. Tf4+ Kg6 44. h4 Kh5 45. Ke4 Kg6 46. Kd3 Th5 47. c4 b4 48. axb4 axb4 49. Kc2 Ta5 50. Kb3 c5 51. Tg4+ Kh5 52. Te4 Kg6 53. Te5 Kh6 54. h5 Kg7 55. Te6 Kh7 56. Tb6 Ta7 57. Tc6 Ta5 58. h6 Kg8 59. Tc7 Kh8 60. h7 1:0

Ausgehend vom vorletzten Diagramm:

K. Akbajew - J. Basarow
Dombay 2014:


11. …Ld7 12. Se4 f6 13. Sxd6+ cxd6 14. 0-0-0 Ke7 15. f4



Auch hier endete die Eröffnung gut für Weiß, der sich nun auf das Spiel gegen die Schwäche d6 konzentrieren kann. Jetzt sind wir schon nicht mehr bei dem Thema "Gefahren in symmetrischen Stellungen", Zu einer Schachschule gehört aber auch zu zeigen, wie eine gute Umsetzung von Vorteilen aussieht. Mit seinem letzten Zug vertreibt Weiß den gegnerischen Springer aus der Brettmitte. Der Hauptgrund ist die Öffnung der e-Linie, um dann mit Lc4, gefolgt von dem Schachgebot Tae1 den gegnerischen König von der Deckung des Bauern d6 abzulenken. Das wird in der Partie genau so umgesetzt, da der Gegner sich nicht dagegen wehrte. Schwarz hätte allerdings auch nach 15. …Sc6 16. Lc4 Lf5 17. The1+ Kd7 einen schweren Stand. Zwar hätte er den Bauern d6 nicht verloren, wäre aber weiter in der Defensive geblieben, z. B. nach 18. Lf2 (droht Lc5) 18. …Kc7 19. Le6 Lxe6 20. Txe6 Tad8 21. c3, gefolgt von dem langsamen Vorrücken b4 und a4.

15. …Sg4?! 16. Lc4 Tae8 17. The1+ Kd8 18. Txe8+ Txe8 19. Txd6 und Weiß verwertete den Mehrbauern zum Sieg: 19. …Se3 20. Lb5 Te7 21. Td2 a6 22. Ld3 h6 23. Lf2 Sg4 24. Lb6+ Kc8 25. h3 Se3 26. Lc5 Te6 27. g4 Sd5 28. f5 Te1+ 29. Td1 Txd1+ 30. Kxd1 Sf4 31. Lf1 h5 32. Ld6 Sd5 33. Kd2 hxg4 34. hxg4 g6 35. fxg6 Lxg4 36. g7 Le6 37. Lh3 1:0

Wie in der vorletzten Partie hat Schwarz auch hier einen Bauern verloren. Verfolgen wir das Unglück zurück, finden wir die Ursache bereits in der Eröffnung. Das Spiel auf Symmetrie führte nach der richtigen Reaktion von Weiß (Rückgabe des Bauern mit 8.Sc3!, gefolgt von Lf4) praktisch forciert zu einer schwer zu verteidigenden Bauernschwäche auf d6.

 


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Teil 55 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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