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Schachschule 64 ::

Wenn zwei das Gleiche tun …


Chancen und Gefahren beim „Kopieren“ von Zügen



Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe, so der Volksmund. Auf Schach bezogen lässt sich diese Weisheit auf das Kopieren der Züge, insbesondere in der Eröffnungsphase übertragen. Fast jeder Schachspieler wird irgendwann einmal mit der "Strategie des Nachäffens" konfrontiert, sprich man eröffnet mit einem bestimmt Zug (etwa 1. e4), der Gegner reagiert spiegelbildlich (1. …e5) und macht dann immer weiter. Was passiert eigentlich, wenn dies weiter und weiter so läuft, endet dann die Partie remis oder wirkt sich der Anzugsvorteil doch irgendwann aus? Träfe Ersteres zu, so wäre das "Nachäffen" die ideale Strategie für den schwächeren Spieler!

Nein, so billig kommt man nicht zu einer Punktteilung. Das "Kopieren" funktioniert halbwegs, wenn lauter einfache Entwicklungszüge oder Materialabtausche ausgeführt werden, doch es kann scheitern, wenn mit einem Zug eine Drohung aufgestellt wird, die eines Materialgewinns oder gar eines Matts. Einen Materialverlust kann man in bestimmten Situationen noch ignorieren, insbesondere wenn man im nächsten Zug selbst Material gewinnt (die einfachste Form ist der Bauern- oder Figurenabtausch), aber ein Matt beendet die Partie. Der Autor erinnert sich noch nach Jahrzehnten an eine Begebenheit in einer Schulschachgruppe, als ich Matt setzte und mein Gegner ungerührt ebenfalls eine "Mattsetzung" ausführte. Ich protestierte "du bist doch schon matt", der Gegner reagierte ungerührt "du doch auch". Erst der herannahende Leiter der Schulschachgruppe klärte auf, nach einem Matt sei Schluss, aus und vorbei.

Ein erfolgreiches und ein gründlich misslungenes Kopieren sehen wir in den folgenden Beispielen, die bis zum 12. Zug von Schwarz identisch abliefen:

1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sc3 Sc6 4. Lb5 Lb4 5. 0-0 0-0 6. d3 d6 7. Lxc6 Lxc3 8. Lxb7 Lxb2 9. Lxa8 Lxa1 10. Lg5 Lg4 11. Dxa1 Dxa8 12. Lxf6 Lxf3



In einer Partie Rotlevi-Jeljaschow (St. Petersburg 1909) geschah nun 13. Lxg7 Lxg2 14. Lxf8 Lxf1 15. Dxf1 Dxf8 16. Dg2+ Dg7, und Schwarz hatte mit seinem "Nachäffen" von Zügen Erfolg. Das nun vereinbarte Remis war für den Amateur ein Volltreffer, denn sein Gegner Rotlevi gehörte damals zu den führenden Meistern des Landes.

Die Partie wurde vor mehr als einem Jahrhundert gespielt, damals verbreiteten sich alle Schachinformationen ausschließlich in gedruckter Form. Die Schachmagazine und Schachecken in Tageszeitungen transportierten viele Partien und Ideen, aber eben nicht alle. Und so blieb unentdeckt, dass bereits neun Jahre vor der Partie in St. Petersburg die Spielweise von Schwarz widerlegt worden war. Anno 1900 wurde in der böhmischen Stadt Osyky die Partie K. Traxler - J. Samanek gespielt, in der ebenfalls die oben abgebildete Stellung entstanden war. Der Weißspieler, von Beruf Pfarrer und als Schachmeister weit über die Grenzen seiner Gemeinde bekannt, setzte in der obigen Diagrammstellung schlau mit 13. Lxe5! fort, wonach sein - offensichtlich spielschwacher - Gegner die Züge weiter kopierte und nach 13.…Lxe4 14. Lxg7 Lxg2 15. Lxf8 Lxf1 16. Dg7 matt gesetzt wurde.

Dies ist natürlich ein extremes Beispiel. Viel häufiger kommt in der Praxis die folgende Eröffnung vor, in der spannende Verwicklungen entstehen können.

1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sxe5 Dies ist die sogenannte Russische Verteidigung, in der meist mit 3. …d6 4. Sf3 Sxe4 fortgesetzt wird. Weniger bekannt ist die konsequente "Spiegelung" 3. …Sxe4 4. De2 Da der angegriffene Springer e4 nicht weichen darf (4. …Sf6?? oder 4. …Sc5?? oder schließlich 4. …Sd6?? kostet jeweils nach dem Abzugsschach 5. Sc6+ die Dame), verliert Schwarz nach z. B. 4. …d5 5. d3 De7 6. dxe4 Dxe5 7. exd5 einen Bauern. Doch was ist, wenn Schwarz weiter "kopiert"? 4. …De7



Dieser Zug ist seit dem Mittelalter bekannt, ein Schachspieler, dessen Name nicht überliefert ist, spielte anno 1620 so in einer Simultanvorstellung des Meisters Greco. Dieser schlug den Springer 5. Dxe4 womit sich das "Kopieren" erledigte (…Dxe5?? scheidet offenkundig aus), Schwarz holte sich den Springer zurück mit 5. …d6 6. d4 f6?! 7. f4 Sd7 8. Sc3 dxe5? und erhoffte sich einen Ausgleich im Falle von 9. fxe5 fxe5 10. dxe5 Dxe5. Doch Maestro Greco nutzte seinen Entwicklungsvorsprung mit 9. Sd5! Dd6 10. dxe5 fxe5 11. fxe5 aus.



Spätestens hier wurde klar, dass Schwarz den Bauern nicht mehr zurückgewinnt, da …Dxe5? an 12. Dxe5 Sxe5 und nun die Springergabel 13. Sxc7+, mit Angriff auf den König und den Turm a8, und 11. …Sxe5 an der Fesselung 12. Lf4 scheitert.
11. …Dc6 12. Lb5! Ein klassisches Hinlenkungsopfer, der Läufer ist indirekt gedeckt, denn das Schlagen auf b5 wird mit einer Springergabel auf c7 und Damengewinn beantwortet. 12. …Dc5 13. Le3 und nun war die Dame doch futsch: 13. …Dxb5 14. Sxc7+ Kd8 15. Sxb5 – 1:0

Die Partie fand Eingang in Lehrbücher und wurde dort sinngemäß so kommentiert: Schwarz braucht viel zu viele Züge (…d6 und …f6), um die Figur zurückzugewinnen, Weiß nutzt die gewonnene Zeit und verwertet seinen Entwicklungsvorsprung, ergo ist die Eröffnung mit 3. …Sxe4 nebst 4. …De7 schlecht.

Fast vier Jahrhunderte gingen ins Land, bis die als widerlegt geltende Variante ein Revival feierte und zwar ein spektakuläres. Kein Geringerer als der Weltmeister Emanuel Lasker zog mit Weiß den Kürzeren.

Russisch C 42
E. Lasker - F. Chalupetzky
Fernschachpartie 1903


1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sxe5 Sxe4 4. De2 De7 5. Dxe4 d6 6. f4 dxe5 7. fxe5 7. Dxe5 überlässt Schwarz taktische Möglichkeiten, verbunden mit Angriffen auf die weiße Dame, z. B. 7. …Le6 8. Sc3 Sc6 9. Lb5 Dd7 10. De3 0-0-0 11. 0-0 a6 12. La4 (Nach 12. Lxc6 Dxc6 droht …Lc5.) 12. …b5 13. Lb3 Sd4, gefolgt von …Lc5 und …The8. 7. …Sd7 8. d4 f6 9. Sc3 fxe5 10. Sd5 Diese Stellung erinnert etwas an die Partie vor Greco, Schwarz muss jedoch nicht wie dort …Dd6 spielen. 10. …Sf6 11. Sxf6+ gxf6 12. Lb5+ c6! Einladung zu einem Qualitätsgewinn nach Lxc6+, die Lasker zu seinem Schaden annimmt. Später fand man heraus, dass der Rückzug Le2 angebracht war. 13. Lxc6+ bxc6 14. Dxc6+ Kf7 15. Dd5+ Kg6 16. Dxa8 Lb7 17. Db8 Lg7 18. Dxa7 exd4+ 19. Kf2 Te8 und Schwarz gewann im Angriff: 20. Tg1 f5 21. Db6+ Lf6 22. Db5 De6 23. Dd3 La6 24. Dd1 d3 25. cxd3 Db6+ – 0:1

Wow, was war das denn? Der beste Spieler der damaligen Zeit wird so demontiert, woran lag das denn? Und wer zum Kuckuck ist sein Bezwinger?

Der Ungar Ferenc Chalupetzky (1886-1951) war ein ungarischer Schachspieler, der zu den Wegbereitern des Fernschachs zählt. Er gab 1935 das erste Buch über ein Fernschachturnier heraus, das in der Schachwelt großen Anklang fand und wesentlich dazu beitrug, dass das Fernschach als gleichwertig zum Turnierschach anerkannt wurde, berichtet Wikipedia.

Und was war die Ursache für die Niederlage des Weltmeisters? Nun, um 1900 gab es zwar schon Fernschach, jedoch wurde es manchmal etwas locker gespielt, da schaute sich manch guter Nahschachspieler eine Stellung nur relativ kurz an und schon schickte er den Antwortzug. Chalupetzky nutzte die Zeit zu einer tiefschürfenden Analyse, die obige Kombination soll er angeblich bis zum Gewinn ausanalysiert haben. Ob das so stimmt, ist nicht verbürgt, eine gute Werbung für das Fernschach war sein Sieg gegen Lasker allemal.

Und was ist nun mit 3. …Sxe4 und 4. …De7, ist sie Eröffnung spielbar oder nicht? Sie ist es, behauptete der russische Meisterspieler Jaroslawetz um 1970 und veröffentlichte dazu mehrere Analysen. Auf ihnen basierte auch die folgende Partie, mit der zwei namhafte türkische Titelträger (der frühere Jugendweltmeister Alexander Ipatov und der spätere türkische Landesmeister Mustafa Yilmaz) vor zwei Jahren für Aufsehen sorgten.

Russisch C 42
A. Ipatov - M. Yilmaz
Moskau Open 2012


1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sxe5 Sxe4 4. De2 De7 5. Dxe4 d6 6. d4 dxe5 7. dxe5 Sc6 Schwarz will den Bauern auf e5 zurückgewinnen. Manche Spieler versuchten, die Beute mit Klauen und Zähnen zu verteidigen, so wie hier. 8. f4 Lg4 Schwarz will lang rochieren und dann eventuell über d1 eindringen. 9. Ld3 Dh4+ 10. g3 Dh3 Das Manöver …Dh4+/…Dh3 dient dem Zweck, die gegnerische Rochade zu verhindern und gleichzeitig die Dame von e7 zu entfernen, so dass der Läufer f8 entwickelt werden kann. Auch der Königsturm kann schnell ins Spiel kommen, wie gleich demonstriert wird: 11. Sc3 0-0-0 12. Le3 f5 Zieht nun die angegriffene weiße Dame, ist das Eindringen …Dg2 störend. 13. exf6



13. …La3!! Bei scharfen Stellungen fällt der Faktor Zeit besonders stark ins Gewicht. 13. …Lb4? verfolgt zwar ebenfalls die Idee …The8, droht jedoch nichts und ermöglicht die Störung 14. f7!, was …Te8 verhindert. Nach …. La3!! droht …Lxb2, so dass Weiß nicht gut 14. f7 spielen kann. 14. bxa3 The8 Die weiße Dame hat kein vernünftiges Feld, z. B. 15. Dxh7 Txe3+ 16. Kf2 Texd3 17. Dxh3 Tf3+ 18. Ke1 Lxh3 mit Gewinn, oder 15. Dc4 Txe3+ 16. Kd2 Texd3+ 17. cxd3 Dg2+, und die weiße Stellung fällt zusammen. Notgedrungen gab Weiß die Dame her 15. fxg7 Txe4 16. Sxe4 und konnte sich in der Folge geschickt retten: 16. …Dg2 17. Sf2 Df3 18. Lc5 Dd5 19. Lf8 Te8+ 20. Kf1 Sd4 21. Te1 Lh3+ Dies sieht wie ein Gewinnzug aus, doch der Bauer g7 rettet den Anziehenden: 22. Sxh3 Dxh1+ 23. Sg1 Txe1+ 24. Kxe1 Dxg1+ 25. Kd2 Sf3+ Das Aufhalten des Bg7 mit 25. …Dg2+? 26. Kc3 Dd5 geht nicht auf wegen 27. Lc4. Also muss sich Schwarz mit der Zugwiederholung begnügen und die dramatische Partie endet mit einer Punktteilung: 26. Ke2 Sd4+ 27. Kd2 Sf3+ 28. Ke2 Sd4+ 29. Kd2 Sf3+ 30. Ke2 – remis

Ist die russische Verteidigung mit 3. …Sxe4 und 4. …De7 nun eine geheime Wundervariante oder nur ein gelungener Bluff? In der nächsten Folge wird das Geheimnis gelüftet.

 


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Teil 54 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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