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Taktische Standardmotive




Tue ruhig mal das Unerwartete – ein Zwischenzug…
und schon werden die Karten neu gemischt



Zu den klassischen taktischen Werkzeugen zählt der Zwischenzug. Es handelt sich um einen nicht selten überraschenden Zug, der bei der Vorausberechnung der Varianten meist übersehen wird, da andere, scheinbar nahe liegendere Züge die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ein Zwischenzug liegt beispielsweise vor, wenn bei einem Abtausch der schlagende Stein nicht unmittelbar genommen wird, sondern erst ein anderer Zug eingestreut wird, mit dem in der Regel eine Drohung einhergeht, die einen Rückzug des schlagenden Steins verhindert.

Dieser Sachverhalt ist in manchen Sprachen nicht so einfach in Kurzform zu vermitteln, weswegen das deutsche Wort Zwischenzug (ebenso wie Zugzwang) in andere Sprachen, etwa die englische und russische übernommen wurde.

Ein sehr anschauliches Beispiel zeigt die Stellung des ersten Diagramms, aus einer Partie J. Showalter gegen H. Pillsbury, Cambridge Springs 1904. Weiß ist am Zug:










Augenscheinlich konzentriert sich alles auf das weiße Konglomerat von c1 bis e3. Mit einem Zwischenzug, der die schwache Grundreihe des Nachziehenden ausnutzt, dreht Weiß den Spieß um.

Gerade hatte Schwarz mit …Df3xf2 einen Bauern verspeist, dabei aber die Schwäche seiner Grundreihe und das mangelnde Zusammenspiel seiner Figuren außer Acht gelassen. Der Nachziehende sah zwar, dass 31. Dd8+ (mit der Idee …Txd8?? 32. Txd8+ und Matt) mit 31. …Df8 gut abgewehrt wird, doch diese Verteidigung funktioniert nur, weil die schwarze Dame zurück auf die Grundreihe gelangt - andernfalls brächte Dd8+ Weiß den Sieg. Auf Basis dieser Überlegung präsentierte Weiß den Zug 31. Te2! der die Lage drastisch zu seinen Gunsten verändert. Falls Schwarz den Turm e2 schlägt, folgt Dd8+ nebst Txd8 matt, und schlägt er nicht, geht seine Dame oder der dahinter stehende Turm verloren, also gab Schwarz auf – 1:0

Oft sind es gerade stille Züge, die einer für forciert gehaltenen Variante eine ganz andere Wendung geben können.












Hier wird ein Zwischenzug mit dem Motiv der Fesselung verbunden

G. Stahlberg – B. Andersen
Schacholympiade Tel Aviv 1964
Weiß am Zug


Zuletzt geschah …Td8-d7 mit Überdeckung des hängenden Läufers b7 und gleichzeitigem Angriff auf die weiße Dame, die sich nun hätte zurückziehen müssen. Doch Weiß wollte sich zunutze machen, dass Turm und Dame des Gegners auf derselben Diagonale stehen, zog 28. Lxb5? und glaubte, er habe nach 28. …Txc7 (28. …Sxb5? verliert sogar nach 29. Dxd7) 29. Lxe8 das Schlimmste hinter sich. Doch Schwarz fiel ein stiller Zug ein: 28. …La6!! Da der weiße König auf f1 steht, darf der Läufer b5 die Diagonale f1-a6 nicht verlassen, folglich kann er auch auf d7 nicht schlagen. Und nach 29. Dxd7 Lxb5+ gewinnt Schwarz die Dame und auch noch eine Figur hinzu. In der Partie geschah noch 29. Lxa6 Txc7 30. Lxd4 Dd8 31. Lxg7 Dxd1 32. Lxh6 Tc2 und Schwarz kapitulierte – 0:1

Damit ein taktisches Motiv verinnerlicht und selbst erfolgreich angewandt werden kann, hilft nur eines: mehrere Beispiele anschauen, erfahrungsgemäß bleibt immer etwas hängen, sprich wenn eine ähnliche Stellung auftaucht, erkennt man das Muster wieder und weiß, was es zu tun gibt. Also, los geht's:












Motiv: schwache gegnerische Grundreihe wird mithilfe eines Zwischenzugs ausgebeutet

W. Unzicker – S. Reshevsky
Schacholympiade München 1958
Weiß am Zug


Schwarz droht …Te1+, erwartet wurde deshalb 27. Df2, wonach sich Schwarz auf f4 den geopferten Bauern zurückholt. Doch der deutsche Rekordnationalspieler konnte mit gleich mehreren überraschenden Zügen in Folge die schwarze Stellung völlig aus der Balance bringen. Mit einem Blick auf die anfällige schwarze Grundreihe spielte er zunächst 27. De2! denn …Txe2?? 28. Td8+ führt zum Matt und 27. …Dxe2 28. Lxe2 a5 29. Lc4 Tf8 30. g6 ergibt ein für Weiß gewonnenes Endspiel. Schwarz antwortete 27. …Dc8 deckte damit seinen Turm und griff zugleich den gegnerischen an, so dass Te7 nahe liegt. Aber ein weiterer Zwischenzug 28. Tc7! erzeugte die Drohung Txc8 und ermöglichte nach 28. …Dd8 29. Dc4 drohend Dxf7+ nebst Dxg7 matt 29. …d5 30. Lxd5 mit der Idee 30. Lxd5 Tf8 31. Txf7; Weiß hat nun zwei Mehrbauern bei anhaltendem Angriff, die Partie dauerte nicht mehr lange. 30. …Sd2 31. Dc6 Tf8 32. Txf7 Txf7 33. g6 hxg6 34. fxg6 Kh8 35. gxf7 Se4 36. De8+ 1:0












Hier wird ein Zwischenzug zur Räumung des wichtigen Zugangs zum gegnerischen König benötigt

Thibaut – Lemaire
Belgien 1951
Weiß am Zug


Zwar lässt der weiße Aufmarsch am Königsflügel für den Nachziehenden nichts Gutes ahnen, doch nach nahe liegenden Zügen wie 1. Sf5+ Kh8 geht es nicht so recht weiter, wegen des hängenden Springers auf f5 darf Weiß nicht Dh6 spielen, und der schwarze König versteckt sich hinter dem gegnerischen Bauern h7 wie hinter einer Betonmauer. Aber 1.h8D+! zerrt den König ins Freie: 2. …Txh8 2. Sf5+ Kg8 3. Txh8+ Kxh8 4. Dh6+ Kg8 5. Dg7 matt 1:0

Nimzowitschindisch E 34
A. Staehelin - A. Aljechin
Bern 1932


1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Dc2 d5 5. cxd5 Dxd5 6. Sf3 c5 7. a3 Lxc3+ 8. bxc3 Sc6 9. e3 0-0 10. Le2 b6 11. 0-0 cxd4 12. exd4 Lb7 13. Td1 Tac8 14. c4



Den nahe liegenden Angriff auf die schwarze Dame beantwortete der damalige Weltmeister kraftvoll mit 14. …Sa5! Das Schönste an dieser Kombination blieb leider hinter den Kulissen, wir fördern es zutage: 15. cxd5 Txc2 16. Ld3













Analysediagramm

Der Tc2 ist angegriffen, doch statt ihn wegzuziehen, präsentierte Schwarz die nächste Überraschung: 16. …Sb3! 17. Lxc2 (Nach 17. Tb1 Txc1 18. Tdxc1 Sxc1 19. Txc1 Sxd5 gewinnt Schwarz einfach einen Bauern.) 17. …Sxa1 18. La4 (droht Lb2) 18. …Lxd5 (der Springer will via b3 flüchten) 19. Sd2. Jetzt droht Lb2 mit Springerfang, aber der weitere Zwischenzug 19. …b5 klärt die Lage: 20. Lxb5 Sc2 21. Lb2 Tb8 22. Tc1 Txb5 23. Txc2 h5, und Schwarz behält mit seinen viel besser postierten Figuren einen andauenden Vorteil.

In der Partie gab Weiß resignierend einen Bauern her: 15. Da4 Sxc4 und verlor nach den weiteren Zügen 16. Tb1 a6 17.Se1 b5 18. Db3 Df5 19. Ld3 Le4 20. Lxe4 Sxe4 21. f3



21. …Sc3! mit Qualitätsgewinn durch diese Gabel oder nach 22. Dxc3 Dxb1 – 0:1

Ein besonders prächtiges Beispiel eines siegbringenden Zwischenzugs hätte in einer Fernschachpartie geschehen können, die in Meyers Schachlexikon aufgeführt wird.



Kornfilt – Hukel
Gespielt 1965
Weiß am Zug


Weiß leitete in dieser Stellung mit dem prächtigen Sperrzug 1. Sf6!! das Finale ein. Der Blick der schwarzen Dame nach g7 auf der Diagonale a1-h8 wird unterbrochen. Der Turm auf e7 ist tabu wegen 2. Dxc8+ nebst Matt, und den Springer darf Schwarz natürlich nicht mit dem Bauern nehmen wegen 2. Dg7 matt. Nach 1. …Dxg4 folgt schließlich der raffinierte Zwischenzug 2. Sxe8!, und wegen der Mattdrohung auf f8 muss die schwarze Dame stillhalten. Das wäre das schönste Finale gewesen, die Partie endete eher prosaisch mit 1. …Dxb2+ 2. Kh1 und da 2. …Tg8 mit 3. De4! beantwortet wird – 1:0

 


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Teil 49 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärender Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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