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Schachschule 64 ::

Wie „Röntgenstrahlen“




Wie Schachfiguren „durch die Materie“ wirken
Beispiel: Der verdeckte Läufer



Bis auf den Springer können alle Figuren so weit auf einer Linie, Reihe oder Diagonale ziehen, bis sie auf ein Hindernis, sprich eine eigene oder eine gegnerische Figur treffen.

Nehmen wir zum Beispiel den Läufer, dessen historisches Vorbild der Kampfelefant war, der sich im Kriegseinsatz geradeaus bewegte, bis er auf ein Hindernis traf und dieses dann vernichtete, oder auch nicht, es aber auf keinen Fall zerstörungsfrei durchdringen und hinter ihm weiterlaufen konnte. Bei der Schachfigur Läufer ist das ebenso:



Wäre da nicht der Bauer f6, könnte der Läufer b2 nicht nur auf jedes Feld zwischen a1 und g7 ziehen, sondern auch nach h8, und das würde er bestimmt auch tun und den Turm h8 schlagen.

In unserer heutigen Folge wollen wir uns mit dem Phänomen des "verdeckten Läufers" beschäftigen. Ein solcher ist oft auf den langen Diagonalen anzutreffen. Manchmal wird aber seine Wirkung durch ebendort stehende Steine neutralisiert. Sobald dieses Hindernis verschwindet, erhält der Läufer freie Sicht und kann im gegnerischen Lager Schäden anrichten (z. B. auf h8 schlagen, s. o.).

Im folgenden Beispiel werden die Wirkungsmöglichkeiten eines freigelegten Läufers auf einer langen Diagonale verdeutlicht.





Weiß am Zug







Die Kraft der Figuren auf der h-Linie und des Läufers b2 bündelt sich auf dem Feld h8. Dieser Attacke ist der Läufer g7 nicht gewachsen.

In der Diagrammstellung konnte der spätere Schachweltmeister Max Euwe einen standardmäßigen Mattangriff verwirklichen (die Partie wurde 1923 in einer Simultanveranstaltung gespielt). Zwar wird der Druck des Läufers b2 durch sein Gegenüber auf g7 neutralisiert, doch der Druck der weißen Figuren auf das kritische Feld h8 wird dadurch nicht aufgehoben. Euwe spielte 1. Dh8+ und sein Gegner gab auf, da er nach 1. …Lxh8 mit Txh8 Matt gesetzt wird.

Der russische Meister und Trainer Blumenfeld hat einmal die Verwendungsmöglichkeiten des verdeckten Läufers mit den Röntgenstrahlen verglichen. Diese dringen bekanntlich durch das die Sicht verstellende Fleisch und legen den Blick auf das Knochengerüst frei, im Schach wirkt der verdeckte Läufer - etwas Vorstellungskraft vorausgesetzt - ähnlich. Auf jeden Fall wurde Meister Blumenfelds Vergleich angenommen, in verschiedenen internationalen Publikationen ist immer wieder von den Röntgenstrahlen die Rede. In diesem Beispiel reichten die "Strahlen" bis nach h8, im nächsten Fragment knallt es in der Ecke h1.

In der Begegnung Trojanska - Jovanovic, Oberhausen 1966, kam es zur folgenden Diagrammstellung:





Weiß am Zug







Noch ist die Diagonale a8-h1 verplombt, und Weiß sollte sich hüten, diese zu öffnen.

Schwarz hat seine Schwerfiguren auf den Linien g und h aufgestellt, aber das weiße Läuferpaar deckt die kritischen Felder h1 und h2 vor dem Eindringen der schwarzen Dame. In der Analyse nach der Partie beschäftigten sich die Gegner mit der Folge 1. d5 (mit Doppelangriff auf f4 und c6) 1. …Lxg3 2. dxc6 Lh2+ 3. Sxh2 Dxh2+ 4. Kf1 Sxe5 (Nach 4. …Tc8 schließt Weiß mit 5. b5 sowohl die c-Linie, als auch die lange Diagonale.) 5. Txe5 Dxe5 6. cxb7 und kamen zu dem Schluss, dass die Position zwar eher für Weiß gut, dennoch nicht restlos geklärt ist.

In der Partie jedoch nahm Weiß den Springer 1. Lxc6?? und ermöglichte es dem Läufer b7 damit selbst, sich in ein "Röntgengerät" zu verwandeln: 1. …Dh1+ und wegen 2. Lxh1 Txh1 matt 0:1

Oft versperrt ein Springer dem Läufer auf der langen Diagonale den Weg in die gegnerische Königsstellung. Dieser Springer kann auf verschiedene Arten abgelenkt oder beseitigt werden. Eine typische Wendung zeigt das nächste Beispiel.

Hier führt der Weg durch den "Pferdestall". Gleich zwei Springer müssen irgendwie von der Diagonale verschwinden.



Durst – Ahls
Mannheim 1965
Weiß am Zug


Weiß bedroht den Punkt g7 auf zweifache Weise, zum einen direkt (die Dame zielt dorthin), zum anderen indirekt, nämlich durch den verdeckten Läufer b2, dem allerdings gleich zwei Springer im Wege stehen, der eigene auf e5 und der gegnerische auf f6. Den eigenen Springer kann man ja bewegen, den gegnerischen muss man schon zwingen: 1. Sd7! Sogar der angegriffene Springer e5 wird plötzlich noch zu einer gefährlichen Figur.

  1. a) So folgt auf 1. …Se8 das Schachgebot 2. Sf6+ Kh8 (Oder 2. …Sxf6 3. Lxf6 g6 4. Dg5 drohend Dh6 und Dg7 matt.) 3. Sxe8, und die Mattsetzung auf g7 kann nur durch …f6 verhindert werden, wonach Weiß einfach die schwarze Dame schlägt.
  2. b) Ferner gewinnt Weiß nach 1. Sd7 auch im Falle von 1. …Sh5, wonach 2. Sf6+ Kh8 3. Sxh5 folgt.

In der Partie fiel die Entscheidung nach den Zügen 1. …Dxd7 2. Lxf6 g6 3. Dg5 und angesichts des kommenden Dh6 verzichtete Schwarz auf weiteren Widerstand 1:0.

Der gefährliche Läufer, um den es hier geht, steht manchmal bereits auf der langen Diagonale, manchmal aber taucht er dort erst nach einem "Sidestep" auf. Hier ein lehrbuchmäßiges Beispiel:



Ritow – Malewinski
Leningrad 1969
Weiß am Zug


Stünde in der vorhergehenden Diagrammstellung der weiße Läufer irgendwo auf der "passenden" Diagonale, sagen wir einmal auf d4, so würde Weiß wie in den gezeigten Beispielen Dh8+ spielen und Matt setzen. Der Läufer g5 steht im Moment noch nicht richtig. Eigentlich gehört er nach f6, aber dieses Feld bewacht der Läufer g7, also geht Lf6 nicht, oder?

1. Lf6! Doch, man muss schon das ganze Brett im Auge behalten und erst recht die schwachen Punkte in der Nähe der Könige. Ein solches ist f7, der Läufer b3 greift diesen Punkt an. Also geht Lf6 doch, denn auf das Schlagen 1. …Lxf6 folgt 2. Dh7+ Kf8 3. Dxf7 matt. Wenn aber Schwarz nicht 1. …Lxf6 spielt, so droht ihm die bereits bekannte Mattsetzung mit dem Damenopfer Dh8+. Und falls Schwarz 1. …Sh6 spielt und damit die h-Linie zu schließen hofft, so schaut er nach 2. Dxh6! in die Röhre: es folgt entweder Dh8+ und Matt, oder 2. …Lxf6 3. Dh7+ Kf8 4. Dxf7 matt. Deswegen gab Schwarz bereits nach dem einleitenden Zug 1. Lf6 die Partie auf 1:0

Auch im folgenden Beispiel ist der Druck auf der langen Diagonale nicht gut abzuwehren.



Spiro – Najdorf
Lodz 1932
Schwarz am Zug


Wenn es um die Attacke eines bestimmten Punktes (hier: g2) geht, dann wirken Läufer und Dame auf der gleichen Diagonale besonders kraftvoll zusammen.

1. …Dc6! Die Dame bietet im übertragenen Sinne ihr Leben an, um den Druck auf der langen Diagonale zu verstärken. Weiß kann aber nicht gut zugreifen: 2. Lxc6 Lxc6+ 3.Kg1 Td1+ 4. Dxd1 e2+ 5. bxc5 exd1D+ 6. Kf2 Df3+ führt über kurz oder lang zur Mattsetzung des weißen Königs (und an Material fehlt es dem Anziehenden sowieso). 2. La3 Td2 Nun bricht die weiße Verteidigung gänzlich zusammen. Wenn die Dame e2 zieht, schwingt Schwarz mit …Txg2 die Abrissbirne. 3. Lxc6 Lxc6+ 4.Kg1 Txe2 5. bxc5 Tg2+ 6. Kf1 6. Kh1 Txg3 matt 6. …e2+ und wegen der forcierten Folge 7. Ke1 Tg1+ 8. Kxe2 Txa1 hisste Weiß die weiße Fahne 0:1



Rabinowitsch – Kan
Moskau 1937
Weiß am Zug


Zum Schluss noch ein typisches Motiv: In der Diagrammstellung wird der weiße Läufer nicht nur durch seinen schwarzen Widerpart aufgehalten, sondern er wird auch von dem Springer e6 (der von f8 kam) angegriffen.

Mit einem Rück- oder Wegzug des Läufers würde Weiß zwar nicht direkt etwas verderben, er könnte aber auch nichts erreichen - der Läufer braucht Unterstützung: 1. Lf6! Weiß droht nun, seine Dame auf die h-Linie zu überführen (Dd2-e1-h4-h8) und Matt zu setzen. Würde Schwarz den Eindringling auf f6 abtauschen, 1…Lxf6, spränge der Unterstützer von g5 in die Bresche und würde den Königsflügel zusammenschnüren: 2. gxf6 Td7 3. De1. Der Bauer f6 lähmt den ganzen Königsflügel und bereitet die Schlussattacke Dh4-h8 vor.

Der starke Zug Lf6 hat die Partie praktisch schon entschieden. Es folgte noch 1. …b5 2. De1 Sxg5 Sonst geschieht wieder Dh4 mit der mittlerweile bekannten Wendung Dh8+. 3. Dxe7 Dxe7 4. Lxe7 Sxf3 5. Tf2 Sd4 6. Lxd6 und nach diesem erheblichen Materialverlust kapitulierte Schwarz 1:0

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 38 der Schachschule 64 kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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