Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Taktik trifft Strategie




Unterschiedliche Materialkonstellationen: Ein Turm kämpft gegen die Dame



Bereits in mehreren Folgen dieser Trainingsserie warfen wir einen Blick auf Spielsituationen, in denen das Material nicht ganz gleichmäßig verteilt war. Speziell die beiden letzten Folgen der Schachschule waren dem Thema "Das positionelle Qualitätsopfer" gewidmet. Da tauschte die eine Seite ihren Turm gegen eine Leichtfigur ein (also wurde die sogenannte Qualität geopfert) und er erhielt dafür einen Ersatz (Kompensation) in Form von positionellen Faktoren, zum Beispiel eine sehr gut postierte eigene Figur zuzüglich weiterer Annehmlichkeiten wie etwa eine zuverlässig gesicherte eigene Königsstellung oder eine bessere Bauernstellung und und und … alles, was einem das Spiel erleichtert oder dem Gegner erschwert, fließt da mit ein.

Eine andere Materialkonstellation entsteht, wenn eine Seite ihre Dame opfert (oder verliert). Die Dame ist die stärkste Figur, die noch geopfert werden kann (einen König kann man ja nicht opfern; dies liefe den Grundregeln des Schachspiels zuwider), sie steht auf der Werteskala der Figuren ganz oben, sie ist neun Bauerneinheiten wert.

Natürlich kann man niemals eine Dame adäquat gegen (neun) Bauern abtauschen, schließlich befinden sich auf dem Schachbrett selbst in der Grundstellung nur deren acht. Der häufigste Abtausch der Dame gegen eine andersartige Figur ist der gegen zwei Türme oder gegen einen Turm und eine Leichtfigur, ggf. kommt noch ein Bauer dazu. Bei diesen Konstellationen, auf die wir zu gegebener Zeit noch eingehen werden, ist die reine Materialbilanz nahezu ausgeglichen.

Doch im Schach ist das Material, man kann es nicht oft genug wiederholen, nicht alles, die Faktoren Zeit und Raum kommen noch dazu, und zusammen ergibt sich eine starke Wechselwirkung. Besonders gut darstellen lässt sich dieser Sachverhalt in Endspielen, dort sind die Stellungsbilder oft übersichtlicher.

In dieser Folge schauen wir uns den Kampf von Turm gegen die Dame an. Der Turm allein kann gegen eine Dame in der Regel nicht bestehen, aber jede Regel hat auch ihre Ausnahmen.













Hier rettet sich Schwarz mit Schachgeboten, weil der weiße König wegen …Te7 nicht gut die e-Linie überqueren kann.

Studie Domenico Ponziani, 1792
Schwarz am Zug remisiert


Zwar hat hier die Turmseite keine Mitstreiter (z. B. einen Bauern) an ihrer Seite, dennoch kann sie sich behaupten. Aufgezeigt hat den Rettungsweg der italienische Schachmeister Ponziani bereits vor mehr als 200 Jahren:

1. …Th7+ 2. Kg2 Tg7+ 3. Kf3 Tf7+ Der weiße König kann hier und in der Folge nicht gut die e-Linie betreten, es würde …Te7 folgen, wonach sich die weiße Dame verabschiedet. 4. Kg4 Tg7+ 5. Kf5 Tf7+ 6. Kg6 Tg7+













Scheinbar hat sich gar nichts getan, aber dieses Mal ist Schwarz am Zug, und das ändert alles.

Auf den ersten Blick gewinnt nun 7. Kf6, aber der taktische Trick 7. …Tg6+! 8. Kxg6 patt rettet den Nachziehenden. Weiß kann natürlich noch 7. Kh6 versuchen, dann aber rettet sich Schwarz mit 7. …Th7+! Nach 8. Kxh7 ergibt sich ein anderes Patt-Bild, ebenso wie nach 8. Kg6 Th6+. Und falls Weiß 8. Kg5 zieht, geht es wieder los mit den Schachgeboten 8 …Tg7+ usw. wie vor, also remis

Wie gesagt, diese Stellung bzw. dieser Rettungsweg ist eine Ausnahme, die man aber einmal gesehen haben muss, um später in einer Partie eine mögliche Rettung nicht zu verpassen. Ansonsten gewinnt die Dame gegen einen Turm immer, wobei der Gewinnweg nach dem folgenden Schema abläuft.



Lehrbeispiel André Philidor, 1777
Anzug beliebig, Weiß gewinnt
Hier konkret: Weiß am Zug


Das Hauptproblem des Verteidigers besteht darin, dass er seine Schäfchen nicht zusammenhalten, sprich den König und den Turm nicht dauerhaft in einem engen Kontakt halten kann. Und wenn sich dieses Gespann trennt, wird der Turm nach einigen Schachgeboten abgeholt.

Zwar kann Weiß, also hier die stärkere Seite den gegnerischen Turm nicht direkt erobern, er wird ja vom König gedeckt. Weiß kann auch nicht einfach sagen: Ich passe, zieh du mal... Die Seite mit der Dame muss also eine Situation schaffen, in der in dieser Stellung der Gegner am Zug ist. Dann trennen sich König und Turm, und die Dinge nehmen ihren Lauf: 1. De5+ Ka8 1. …Kc8 geht nicht gut wegen 2. De8 matt; 1. …Ka7 2. Da1+ Kb8 führt zur gleichen Stellung wie weiter besprochen. 2. Da1+ Kb8 2. …Ta7 scheitert an 3. Dh8 matt 3. Da5!













Scheinbar hat sich gar nichts getan, aber dieses Mal ist Schwarz am Zug, und das ändert alles.

Da nun der Nachziehende am Zug ist, kann das schwarze Figuren-Duo den Kontakt nicht mehr aufrechterhalten. Das Hauptziel des Weißen, die Trennung der schwarzen Figuren, ist hiermit erreicht. Der König kann nicht gut nach c8 ziehen, danach käme Da6 (Fesselung) mit Turmgewinn, und …Ta7 führt zu Dd8 matt. Also zieht der Turm, doch wo auch immer er landet, er wird bald erwischt:

  • a) 3. …Th7 4. De5+ Ka8 5. Da1+ Kb8 6. Db1+ Kc8 7. Dxh7 +-
  • b) 3. …Tg7 4. De5+ nebst Dxg7.
  • c) 3. …Tf7 4. De5+ Ka7 5. De3+ Ka8 6. De8+ Ka7 7. Dxf7+ Ka6 8. Da2 matt
  • d) 3. …Te7 4. Db4+ Ka8 5. Dxe7
  • e) 3. …Tb3 4. Dd8+ Ka7 5. Dd4+ Kb8 6. Dh8+ Ka7 7. Dg7+ Ka8 (7. …Ka6 8. Da1+ und Matt) 8. Dg8+ Ka7 9. Dxb3.
  • f) 3. …Tb2 4. De5+ Ka7 5. Dxb2.
  • g) 3. …Tb1 4. De5+ Ka7 5. Dd4+ Ka8 6. Dh8+ Ka7 7. Dh7+ Ka8 8. Dxb1.


  • Gut, eine Dame ist für einen Turm zu stark. Wie sieht es aus, wenn dem Turm ein oder zwei Bauern zur Seite stehen? Wie immer im Schach, kommt es auf die konkrete Stellung an. Ein Wissen um die typischen Motive erleichtert jedoch die richtige Stellungseinschätzung und die Wahl der Züge ungemein. Wir beginnen mit dem

    Motiv der Festung





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    Anzug beliebig, remis

    Der Turm auf g4 erzeugt gleich zwei Sperren, eine auf der vierten Reihe, die andere auf der g-Linie. Diese sind für den schwarzen König unpassierbar, also kann er auch nicht der Dame beistehen.


    Da der schwarze König abgeschnitten ist, bleibt nur noch die Dame, aber sie kann alleine nichts ausrichten. Sie kann natürlich jede Menge Schachgebote erzeugen, aber keines davon setzt matt. Weiß muss also darauf achten, dass er den Bauern hält. Daher bleibt der König stets an dem Bauern h3 dran, nach einem Schachgebot auf der zweiten Reihe zieht er nach g3, nach einem späteren auf der dritten Reihe wiederum zurück nach g2.

    Das gezeigte Motiv funktioniert sogar wenn die materiell stärkere Seite auch über einen Bauern verfügt, wie das nächste Beispiel zeigt.



    Weiß am Zug remisiert



    In der Partie Rogulj-Andric (Jugoslawien 1968) unterlief dem Anziehenden der grobe Fehler Tf3?; Schwarz drückte dann mit …a3+ seinen Bauern nach vorn und verhinderte die Remisstellung nach dem Muster des letzten Beispiels; dies erwies sich in der nicht mehr interessanten Partie als entscheidend.

    Nach der Partie fanden die Gegner in der Analyse den rechten Weg 1. Ta3! und Schwarz kann sich auf den Kopf stellen, einen Gewinn kann er nicht erzwingen, z. B. 1. …Df6+ 2. Ka2 Dh6 droht …Dc1 3. Kb2 Dh1 4. Td3 Der Turm muss stets auf ein geschütztes Feld gestellt werden, aber Weiß hat ja zwei: a3 und d3. Das reicht. 4. …Da8 5. Ta3! Da7 Hofft auf 6.Td3? a3+! 6. Ka2












    Weiß schützt abwechselnd mit dem König und dem Bauern den Turm, der zwischen den Feldern a3 und d3 pendelt und dabei immer gedeckt bleibt.

    Die schwarzen Figuren können nicht in die weiße Stellung eindringen oder die weißen Figuren umgehen, die Stellung ist remis.

    Soweit der erste Blick auf das Thema "Festung", eines der faszinierendsten Motive im Schach überhaupt. In der nächsten Folge wird diese Thematik vertieft.

     


    Schachschule 64 als PDF

    Teil 33 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, Dezember 2012, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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    Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
      Remisschluss einmal anders

    Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

     

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