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Schachschule 64 ::

Taktische Motive




Variationen des Matts auf der Grundreihe



Diese Folge ist als eine Ergänzung zum Teil 27 (siehe Augustausgabe 2012) dieser Trainingsserie gedacht. Die Thematik ist dieselbe, sie wird nur um weitere Musterbeispiele ergänzt.

Das Eindringen der Schwerfiguren auf die erste bzw. achte Reihe (auch Grundreihe genannt) bringt sehr oft entscheidende Drohungen gegen den gegnerischen König. Obwohl allgemein die Regel zutreffend ist, dass jeder Zug der vor dem rochierten König stehenden Bauern die Rochadestellung schwächt und deshalb diese Bauern in der Grundstellung ausharren sollen, sperren bei Angriffen auf der Grundreihe gerade die eigenen Bauern den König ein. Ein Schachgebot auf der Grundreihe kann ohne "Luftloch" (ein Fluchtfeld für den König auf der zweiten bzw. siebten Reihe, erzeugt durch einen Zug des Bauern) leicht zum Matt führen, wie in der ersten Stellung: Schwarz am Zug würde mit …Te1 mattsetzen, Weiß am Zug kommt ihm zuvor und gewinnt mit dem Turmschach auf d8.











Die schematischen Formen des (bevorstehenden) Matts auf der Grundreihe gibt das Diagramm wieder. Die Grundreihe beider Seiten ist ungeschützt, nun kommt es darauf an, wer am Zug ist.

Während die Aufgabe des Angreifers leicht zu erklären ist - er muss offene Linien für die Schwerfiguren bzw. Diagonalen für die Dame nutzen, um erfolgreich auf der Grundreihe einzudringen, und Verteidigungsfiguren beseitigen - steht der Verteidiger vor mehreren Fragen: Darf er einen Rochadebauern ziehen, um ein Luftloch zu schaffen, oder schwächt dieses "Ventil" die eigene Stellung? Darf er mit relativ passiven Figuren den gegnerischen Einbruch verhindern oder soll er seine Schwerfiguren, zumindest teilweise, völlig in der eigenen Stellung zurückhalten? Einige Beispiele sollen in diesem Artikel die richtige Führung des Angriffs erläutern. Zunächst eine fast 100 Jahre alte Partie, das Motiv ist aber immergrün.

Damengambit D 63
O. Bernstein - J. R. Capablanca
St. Petersburg 1914

1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Sf6 4. Sf3 Le7 5. Lg5 0-0 6. e3 Sbd7 7. Tc1 b6 8. cxd5 exd5 9. Da4 Lb7 10. La6 Lxa6 11. Dxa6 c5 12. Lxf6 Sxf6 13. dxc5 bxc5 14. 0-0 Db6 15. De2 c4 16. Tfd1 Tfd8 17. Sd4 Lb4 18. b3 Tac8 19. bxc4 dxc4 20. Tc2 Lxc3 21. Txc3 Sd5 22. Tc2 c3 23. Tdc1 Tc5 24. Sb3 Tc6 25. Sd4 Tc7 26. Sb5 Tc5 27. Sxc3












In beiden Rochadestellungen fehlt das Luftloch. Für Schwarz ist dies unerheblich, da an das Eindringen der weißen Figuren auf die achte Reihe nicht zu denken ist.

Weiß hätte im letzten Zug nicht mit Sxc3 einen schwarzen Bauern schlagen dürfen. Nach den weiteren Zügen 27. …Sxc3 28. Txc3 Txc3 29. Txc3











Nun bewacht nur noch die Dame die Pforte zur Grundreihe, und diese „Wachmannschaft“ ist entschieden zu klein. Wird die Dame auch noch abgelenkt, wird die Schwäche der Grundreihe entscheiden

verschwand unter anderem einer der Verteidiger der Grundreihe, der weiße Turm, von c1.
19. …Db2!! - 0:1
Weiß kann nicht gleichzeitig seine schwache Grundreihe verteidigen und die überlasteten Figuren decken. Nach dem sofortigen Schlagen der Dame auf b2 folgt einfach …Td1 matt, und im Falle von 20. De1 gewinnt 20…Dxc3! einen Turm, da 21. Dxc1 Td1+ erneut zum Matt führt.

Das nächste Motiv wird sozusagen in zwei Stufen gezeigt. Schaut man sich die folgende Stellung an, so entdeckt man nichts Verdächtiges.



Da auf f7 kein Bauer steht, hat Schwarz auch keine Probleme mit der Grundreihe. Weiß hat zwar in seiner Königsstellung kein Luftloch, aber es ist kein Weg zu sehen, daraus Kapital zu schlagen. Es ist zwar etwas unangenehm, wenn der schwarze Turm auf d2 erscheint, aber mit dem Bauernzug nach b3 hält sich Weiß einigermaßen. Kurzum: hier ist für Schwarz nicht viel zu holen.

Bei einer ansonsten identischen Stellung, jedoch mit der Zugabe jeweils einer Figur, kann sich viel verändern. Das nächste Beispiel stammt aus einer tatsächlich gespielten Partie. Der lieben Ordnung halber sei darauf hingewiesen, dass zwei Versionen kursieren, eine mit dem Turm auf a3 und eine andere - wie gezeigt - mit dem Turm auf c3. Das gezeigte Motiv funktioniert in beiden Versionen.











Gleiche Stellung wie zuvor, nur sind zusätzlich Damen auf dem Brett. Die weiße Dame leistet auf h4 nicht viel, sie wirkt nur in Richtung h7 und d8, wo offensichtlich nichts zu holen ist, dafür hat aber die schwarze Dame ein schönes Ziel.

25. …Dxf1+! – 0:1
Unter Opfer wird der Verteidiger der Grundreihe beseitigt, so dass nach 26. Kxf1 einfach …Td1+ 27. Se1 Txe1 matt folgt.

Einen klassischen Fehler bzw. dessen Ausnutzung zeigt das nächste Beispiel. Schwarz hatte in der Partie keine Probleme mit der Grundreihe, er hat sich mit einem unvorsichtigen Zug diese selbst eingebrockt.

Spanisch C 79
I. Kashdan - S. Factor
Chicago 1926

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. 0-0 d6 6. Lxc6+ bxc6 7. d4 exd4 8. Sxd4 Ld7 9. Df3 c5 10. Sf5 Lxf5 11. Dxf5 Dd7 12. Df3 Dg4 13. Dd3 Le7 14. Sc3 0-0 15. Ld2 Tfe8 16. Tae1 Sd7 17. f4 Sb6 18. e5 dxe5 19. Txe5









Schwarz hat zwar eine etwas schlechtere Bauernstellung, ansonsten aber keine nennenswerten Probleme. Er kann zum Beispiel den Läufer e7 nach f6 ziehen, oder zunächst mit …Ted8 die gegnerische Dame angreifen, um dann …Lf6 folgen zu lassen, auch andere Zügen sind denkbar, nur eines darf er nicht spielen....

19. …Tad8?? darf er nicht spielen. Der Angriff dieses Turms auf die gegnerische Dame ist hier gegenstandlos, weil Weiß mit 20. Txe7! die Dame indirekt deckt (20. …Txd3 21. Txe8 führt zum Matt) und auf 20. …Txe7 wiederum 21. Dxd8 nebst Matt geschieht. Und wenn Schwarz gar nichts schlägt, so hat er einfach einen Läufer eingebüßt, weswegen er an dieser Stelle die Partie aufgab. – 1:0

Im vorherigen Beispiel wurde die Schwäche der Grundreihe mit dem Motiv der einfachen Ablenkung (Txe7) ausgebeutet. In der nächsten Stellung wird zweimal in Folge abgelenkt:



B. Sahl - K. Georgiev
Europacup, Fügen 2006
Schwarz am Zug


Auf den ersten Blick scheint es so, als hätte diese Stellung mit dem Motiv der Grundreihe nichts zu tun, denn wie soll der schwarze Turm bloß auf d1 landen, wo dieses Feld gleich zweimal überwacht wird? Das stimmt, aber eine zweifache Überwachung kann mit zweifacher Ablenkung aufgehoben werden.

Schwarz bahnte sich einen Weg auf die Grundreihe mit 27. …Txc3! und nun sah auch Weiß die Bescherung, nach 28. Txc3 Dxf2! 29. Txf2 Td1+ wird der weiße König mattgesetzt 0:1

Hier hat einmal mehr das fehlende Luftloch für Verdruss gesorgt; stünde in der Diagrammstellung der weiße h-Bauer auf h3, so wäre diese Kombination nicht möglich gewesen, da am Schluss der König nach h2 fliehen könnte.

Den Abschluss soll bei dieser Betrachtung des taktischen Motivs "Grundreihenmatt" ein Beispiel aus dem Schaffen des großen Kombinationskünstlers Alexander Aljechin (Weltmeister der Jahre 1927-35 und 1937-46) bilden.



A. Aljechin - E. Colle
Paris 1925
Weiß am Zug

Dies ist ein Sonderfall bei Kombinationen mit dem Motiv der Grundreihe. Obwohl Schwarz vorerst auf h7 ein Schlupfloch für den König hat, ist doch der weitere Weg durch den Doppelbauern und vor allem durch die unglücklich aufgestellte Dame g5 versperrt. Deshalb entscheidet anschaulich das Eindringen der weißen Türme auf der Grundreihe: 1. Dxd7! Txd7 2. Te8+ Kh7 3. Tcc8 1:0

Schwarz gab auf, denn das Matt durch Th8 lässt sich nur durch ein Damenopfer verhindern, wonach Weiß einen Turm mehr besitzt.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 30 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, November 2012, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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