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Schachschule 64 ::

Taktische Motive




Besondere Formen des Hineinziehungsopfers –
Das geniale Réti-Motiv



Hinlenkung ist ein Kombinationsmotiv, bei dem eine gegnerische Figur mit einer bestimmten Absicht an einen bestimmten Ort genötigt wird. Wird dabei Material geopfert, so spricht man von einem Hinlenkungsopfer. Wie dieses in der Praxis funktioniert, wird anhand des folgenden Beispiels demonstriert, es stammt aus einer Partie zwischen Emanuel Lasker und Max Euwe, gespielt in Nottingham 1936. Weiß ist am Zug










Die beiden Springer sind angegriffen. Schlägt Weiß den Sc4, hält sich Schwarz an dem Se1 schadlos. Mit einem Hinlenkungsopfer wird die Stellung so verändert, dass sich die angegriffene Figur e1 rettet.


Mit 24. b4! lockte Lasker den Läufer auf ein Feld, auf dem er im nächsten Zug attackiert werden kann: 24. …Lxb4 25. Sc2 Dieser Springer entzieht sich dem Zugriff des Läufers, greift dabei selbst den Läufer an, und der Springer c4 steht weiterhin ein. Schwarz verliert unweigerlich eine Figur. Weiß gewann nach den weiteren Zügen 25. …Ld2 26. Lxd2 Sb2+ 27. Ke2 Kd5 28. Lc1 Sc4 29. Kd3 Sb6 30. Se3+ Ke6 31. Sc4 Sc8 32. Sa5 Sd6 33. Lf4 1:0

Handelt es sich bei der hingelenkten Figur um den gegnerischen König, der aus einer geschützten Stellung ins Freie gezwungen wird, spricht man oft auch von einer Hineinziehung bzw. einem Hineinziehungsopfer. Auch hierzu folgt gleich ein Beispiel, zunächst sei jedoch das Motiv in einer einfachen Form gezeigt.













Weiß droht einzügig Matt – doch wie schaffte es Weiß, den König in eine solch prekäre Lage zu bringen?

Weiß am Zug würde einfach mit Td8+ matt setzen. Dies ist natürlich extrem einfach, doch zugleich der Grundgedanke, auf dem eine raffiniertere Kombination fußt:



M. Vidmar - M. Euwe
Karlsbad 1929
Weiß am Zug


Beide Könige stehen unter Beschuss. Schwarz droht ein einzügiges Matt durch …Dh2, aber Weiß ist am Zug, und er darf sich keine leisen Züge, keine Zwischenzüge leisten. Wir wissen, welche Stellung dem Anziehenden vorschwebt: Der König soll nach f8 gezwungen werden, der Springer die beiden möglichen Fluchtfelder e7 und g7 kontrollieren: 35. Txf8+! Kxf8 36. Sf5+ und Schwarz gab auf, da er hier die Pointe bereits erkannte: 36. …Kg8













Dies ist fast schon die Stellung des Diagramms Nr. 2, nur steht der König noch nicht auf f8. Das muss geändert werden

37. Df8+! Kxf8 37. …Kh7 38. Dg7 matt 38. Td8 matt - so wie im Beispiel Nr. 2.

Eine besonders schöne Form des Hineinziehungsopfers sehen wir im nächsten Beispiel. Die Partie machte anno 1910 ihre Runde um die Welt, denn der geniale Einfall des Weißspielers (der später, in den 20er Jahren, zu den stärksten Schachspielern weltweit zählte) begeisterte:

Caro-Kann B 15
Richard Réti - Saviely Tartakower
Wien 1910


1. e4 c6 Dies ist die sogenannte Caro-Kann-Verteidigung, in der Schwarz …d5 folgen lässt, damit einen Fuß ins Zentrum stellt und dabei dem Damenläufer c8 freie Sicht verschafft. Diese Eröffnung war damals in Ordnung und sie ist es heute noch; die Katastrophe in der vorliegenden Partie hat andere Ursachen als die Eröffnung. 2. d4 d5 3. Sc3 dxe4 4. Sxe4 Sf6 Schwarz hat nichts gegen den Springerabtausch auf f6 einzuwenden, nach z. B. 5. Sxf6+ exf6 öffnet sich die Diagonale für den Läufer f8. Wenn Weiß nicht tauschen will, so muss er entweder mit dem Springer weichen oder ihn decken. Die Überdeckung mit dem Läufer, 5. Ld3, ist fraglich, Schwarz kann einfach den Bauern d4 schlagen, und so spielte Weiß 5. Dd3 Schwarz hat hier mehrere Möglichkeiten, er kann sich beispielsweise mit 5. …Sbd7 weiterentwickeln oder auf e4 schlagen und nach 5. …Sxe4 6. Dxe4 Sd7 mit dem Zug 7. …Sf6 die Dame wieder vertreiben. Gewarnt sei nur vor der Läuferentwicklung nach f5, danach schlägt Weiß auf f6 mit Schach und gewinnt mit Dxf5 ebendiesen Läufer. In der Partie geschah 5. …e5?! 6. dxe5 Da5+ 7. Ld2 Dxe5











Der Springer e4 ist gefesselt, und er ist zweimal angegriffen, aber nur einmal gedeckt. Doch auch die Stellung der schwarzen Dame in Front ihres Königs hat ihre Tücken…, aber es gibt noch weitere Schwachpunkte.

Es ist schon originell, wie sich Schwarz des e-Bauern entledigt hat, gleichzeitig stellte er die Drohung …Dxe4 auf. Nun scheint 8. f3 erzwungen, doch der geniale Réti entdeckte eine Kombination, die in vielen Partien nachgeahmt wurde. 8. 0-0-0 Schwarz kann nicht gut mit der Dame schlagen, nach 8. …Dxe4 9. Te1 wäre seine Dame verloren. Das hatte Schwarz gesehen, und schlug deshalb mit dem Springer zurück. 8. …Sxe4?










Dieses Kombinationsmotiv funktioniert natürlich nicht nur mit dem Springer und einer Schwerfigur, auch Turm und Läufer sind potent genug: Stünde der schwarze König auf d8, so befände er sich praktisch in der Schusslinie des Turms d1. Wie sieht die anzustrebende Stellung aus?

Wie überliefert wird, hatte Tartakower nun nur mit 9. Te1 gerechnet und wollte darauf 9. …Lf5 10. f3 Lg6 11. fxe4 Sd7 12. Sf3 De6 spielen, was in der Tat gar nicht übel ist für Schwarz, der seine Figurenentwicklung vorangetrieben hat und nun …Dxa2 droht.

Alles gut und schön, aber so muss das Spiel nicht laufen. Bitte um etwas Trommelwirbel, eine der berühmtesten Standardkombinationen wird präsentiert: 9. Dd8+!! Was für ein Zug! Die Dame zieht auf ein ungedecktes Feld und opfert sich. Aber dieses Hineinziehungsopfer führt zum Matt. 9. …Kxd8 10. Lg5++ Sowohl der Turm d1, als der Läufer g5 bieten Schach. Während auf ein normales Schachgebot unterschiedlich reagiert werden kann, unter Umständen durch das Schlagen der Schach bietenden Figur, gibt es gegen das Doppelschach keine Verteidigung, allein ein Königszug ist möglich. Doch wohin? Auf 10. …Ke8 folgt 11. Td8 matt, und auf 10. …Kc7 wie in der Partie, folgt 11. Ld8 matt.



Das Réti-Motiv funktioniert auch mit umgekehrten Farben und unter Beteiligung einer anderen Figur. Seine Partie wurde sogar bei Amateurturnieren exakt kopiert, öfter jedoch diente das nunmehr "öffentlich gemachte" Motiv, um in ähnlichen Stellungen dem gegnerischen König zu Leibe zu rücken, sehen Sie selbst:



A. Tschistjakow – A. Kogan
Moskau 1933
Schwarz am Zug


Es geschah 17. …Sd5 wonach die weiße Dame nach g5 hätte fliehen müssen, um sich bei Bedarf nach d2 zurückzuziehen. Danach wäre der Ausgang der Partie noch offen gewesen. Doch Weiß erkannte die Absicht nicht, zog 18. Dd6 Td8 19. Dc5 und Schwarz variierte Rétis Motiv: diesmal bringen nicht Turm und Läufer die Entscheidung, sondern Turm und Springer. 19. …Dd1+!! 20. Kxd1 Se3+ Doppelschach, mit dem zugleich das Fluchtfeld c2 versperrt wird. 21. Ke1 Td1 matt 0:1

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 29 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, Oktober 2012, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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