Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Taktische Motive




Das erstickte Matt



Jeder Schachspieler weiß, was ein Matt ist, aber nicht unbedingt jedermann ist die Herkunft des Wortes bekannt. Matt ist ein altpersisches Wort für "hilflos", erst später im Arabischen gleichbedeutend mit "tot". Schachtechnisch bedeutet Matt den Zustand eines Königs, der vor einem Angriff in Gestalt eines Schachgebots in keiner Weise mehr in Sicherheit gebracht werden kann.

In den meisten Mattstellungen gibt es um den König herum jede Menge Felder, die allerdings von diesem nicht betreten werden können, wie das Beispiel 1 zeigt:











Ein typisches Beispiel von Mattsetzung in einer „luftigen“ Stellung.

Ein Nichtschachspieler würde die fünf Felder b1 bis f1 sowie das Feld h2 als "leer" empfinden. Dort stehen in der Tat keine Figuren, aber alle dieser Felder werden von den gegnerischen Figuren kontrolliert. Das Schachgebot des Turms a1 kann nicht aufgehoben werden, also wurde der weiße König Matt gesetzt.

Es gibt eine Sonderform der Mattsetzung, das sogenannte erstickte Matt. Per Definition (Standardwerk "Meyers Schachlexikon") ist dies "ein Partieschluss, bei dem ein einzelner Springer den König matt setzt, dem eigene Figuren die Fluchtfelder versperren".

Wie ist es nur zur folgenden Diagrammstellung gekommen?










Alle Felder um den schwarzen König sind durch eigene Figuren verstellt, dem König fehlt „die Luft zum Atmen“, so ist der bildhafte Ausdruck vom „erstickten“ Matt entstanden.

Eine Partie zwischen Paul Keres (der Este war seinerzeit einer der besten Spieler der Welt) und Dr. Arlamowski, gespielt in Polen 1950, wurde wie folgt eröffnet: 1. e4 c6 2. Sc3 d5 3. Sf3 dxe4 4. Sxe4 Sf6



Diese Eröffnung wurde schon öfter gespielt, Weiß schlug meist den Springer auf f6, Se4xf6, oder zog den Se4 nach g3 zurück, worauf die Schwarzspieler mit 5. …Sbd7 fortfuhren. Nun kam Keres auf die Idee, den Springer e4 weder wegzuziehen, noch ihn abzutauschen, sondern ihn mit 5. De2 zu decken, wobei sich der alte Taktik-Fuchs etwas gedacht hat. Aus der Sicht von Schwarz war nun das nahe liegende Schlagen auf e4 angebracht, doch der Nachziehende setzte automatisch die Figurenentwicklung fort, wozu im Allgemeinen anzuraten ist, jedoch sollte man dabei immer die Augen offen lassen. Der Nachziehende tat das nicht, zog 5. …Sbd7? worauf Keres seinen Springer nach d6 stellte: 6. Sd6 matt












Und weil es so schön war, hier das Diagramm noch einmal.


Es wird überliefert, dass sich damals alle Anwesenden amüsierten, nur der Führer der schwarzen Steine nicht. Wie auch immer, die kürzeste entschiedene Partie, die je bei einem internationalen Turnier gespielt wurde, machte ihre Runde durch Schachpresse rund um die Welt.

Zu diesem Mattbild gibt es ein Pendant aus einer anderen Eröffnung, dem sogenannten Budapester Gambit:
1.d4 Sf6 2.c4 e5 In dieser Eröffnung opfert Schwarz vorübergehend einen Bauern, den er sich schnell zurückholt: 3. dxe5 Sg4 4.Sf3 Sc6 5. Lf4 Lb4+ 6. Sbd2 De7



Jetzt ist der Bauer e5 schon dreimal angegriffen und wird von Schwarz abgeholt. Das ist auch nicht weiter schlimm, schließlich hat Weiß einen Bauern mehr, nur muss er nach dem Zug 7.a3 Sgxe5 aufpassen und mit

I.
8.Sxe5 Sxe5 9.e3
dem weißen König Luft verschaffen:



II.
In einer 1957 gespielten Partie Woods-Ursillo passte Weiß nicht auf, freute sich über die Beute auf b4, nahm den Läufer 8. axb4?? und wurde mit 8. …Sd3 mattgesetzt.









Zwei Faktoren ermöglichen hier das erstickte Matt: die fehlende „Luft“ um den weißen König und die Fesselung auf der e-Linie; wäre da nicht die Dame e7, könnte Weiß ja exd3 spielen.

Wenn auch die Stellung etwas anders ist als in der Partie von Keres, das Motiv bleibt das gleiche.

Diese Beispiele haben eines gemeinsam: die eine Seite drohte auf einfache Weise (einzügig) die Mattsetzung und die andere Seite schenkte der Drohung nicht genug Beachtung. Nun gibt es in der Spielpraxis Formen vom erstickten Matt, die zwingend sind und sogar unter Figurenopfern herbeigeführt werden. Diese Kombinationen werden - wenn man sie zum ersten Mal gesehen hat - oft als großartig empfunden. Der Autor kann sich noch gut an seine erste Mattsetzung mit ersticktem Matt erinnern (damals noch als Opfer); die Kombination versetzte mich ins Staunen. Doch der Reihe nach. Zunächst das Motiv:





Der schwarze König hat keine freien Felder, der Schach bietende Springer auf f7 setzt zugleich Matt.






Eine Variation des Themas: der Springer g6 bietet Schach, der Bauer h7 ist vom Turm h5 gefesselt, kann den Springer also nicht schlagen, der König kann nicht weichen – ein ersticktes Matt.
Nun kann man einwenden, da hat den Nachziehenden der Teufel geritten, dass er den Turm nach g8 stellte und somit dem eigenen König die Luft nahm. Nein, die Stellung wurde - und zwar nach diesem Muster in Tausenden von Partien - erzwungen. Der Mechanismus des Motivs funktioniert folgendermaßen











Um die Idealstellung zu erreichen, muss das Feld g8 von einer schwarzen Figur besetzt werden und das Feld f7 muss frei zugänglich sein für den weißen Springer.

Hier ist das Feld g8 frei und der Turm f8 verhindert Sf7 matt. Da muss man eben etwas nachhelfen: 1. Dg8+! Lenkt den Turm nach g8, damit der schwarze König keine Bewegungsmöglichkeit mehr hat und der Turm nicht mehr das Feld f7 kontrolliert. 1. …Txg8 2. Sf7 matt.

Manchmal können sogar zwei Figuren die eindringende Dame schlagen, aber der Springer macht alles klar.

Spanisch C 78
R. Kampmann - O. Borik
Mannschaftskampf, Bramsche 1970


1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. 0-0 b5 6. Lb3 Lb7 7. Te1 Lc5 8. c3 Sg4 9. d4 exd4 10. cxd4 Sxd4 11. Sxd4 Dh4



Das Figurenopfer von Schwarz geht in Ordnung, Dame und Springer haben sich drohend vor dem gegnerischen König aufgebaut: die Bauern f2 und h2 hängen. Weiß hätte nun mit dem vorsichtigen Zug 12. Le3, was den Bauern f2 deckt, noch mitmischen können. Nach ein paar Schachgeboten: 12. …Dxh2+ 13. Kf1 Dh1+ 14. Ke2 Dxg2 ist der Ausgang der Partie offen - Schwarz hat eine Figur weniger, dafür aber drei Bauern mehr.












Analysediagramm

Zurück zum vorletzten Diagramm: Weiß fürchtete jedoch mehr den Einschlag auf h2, und verhinderte diesen mit 12. Sf3? Überlegen Sie, wie das Idealbild aussieht und wie man es aus dieser Position erreichen kann: 12. …Dxf2+ 13. Kh1 Dg1+!



Ganz gleich, wie Weiß auf g1 schlägt, ob mit dem Turm, 14. Txg1, oder mit dem Springer, 14. Sxg1, es folgt immer 14. …Sf2 matt. 0:1

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 28 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, September 2012, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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