Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Taktische Motive


Kuriose Vorfälle rund um das Schachgebot



In den vorausgegangen 25 Folgen stand das Thema "wie fange ich eigentlich richtig an?" im Vordergrund. In dieser Folge wollen wir locker zu anderen wichtigen Themen überleiten, zu den einfachen, teils unterhaltsamen taktischen Motiven.

Was ist überhaupt Taktik im Schach? Per Definition (Standardwerk Meyers Schachlexikon) handelt es sich um "die Lehre von der Verwirklichung bestimmter Ziele mit konkreten und auf klaren Varianten basierenden meist kurzfristigen Operationen. Das wichtigste und wohl bekannteste taktische Element ist die Kombination, eine taktisch begründete forcierte Zugfolge, bei der - manchmal unter Preisgabe von Material - ein bestimmtes Ziel verwirklicht wird. Dieses Ziel kann z. B. in einem Mattangriff, in Materialgewinn oder einem Stellungsvorteil bestehen, aber auch in einer Remis-Abwicklung in einer kritischen Stellung. In Taktik-Lehrbüchern werden Kombinationen meist geordnet nach den zugrundeliegenden Motiven."

Eines der wichtigsten taktischen Motive ist das Schachgebot, bei dem eine Figur oder ein Bauer den König der Gegenseite bedroht. Ein Schachgebot ist der einzige Zug im Schach, der gemäß den Regeln immer beachtet werden muss. Und wie sieht die Reaktion aus? Es gibt nur drei Möglichkeiten, wie im folgenden Diagramm dargestellt.











Es gibt nur drei Möglichkeiten: 1) die Schach bietende Figur schlagen (hier Sh3xg5). 2) die Wirkungslinie unterbrechen (hier f2-f4 oder auch Sh3-f4). 3) mit dem König wegziehen.

Die Möglichkeiten 1 und 2 stehen nicht immer zur Verfügung, dann muss der König ziehen. Dabei stehen oft mehrere Felder zur Verfügung und oft ist es keineswegs egal, wohin der König hinzieht. Nun ganz konkret: (Die Stellung stammt aus der Partie M. Dziuba gegen M. Rutkowski, gespielt bei der Polnischen Meisterschaft 2010.)









Der Vorteil des Anziehenden ist offensichtlich, er hat einen Bauern mehr (dazu noch einen ganz schön weit vorgerückten) und sein Turm greift den Läufer c5 an. Allerdings steht sein König im Schach durch den Turm auf h1, aber wohin soll er ziehen?

Vielleicht hat sich der Weißspieler auch mit der richtige Fortsetzung 55. Kd2! Th2+ 56. Kc3 beschäftigt, die seine Gewinnchancen gewahrt hätte (55. Ke2 Th2+ mit Zugwiederholung), er glaubte aber wohl, er könne seinen König auf a2 verstecken und setzte mit 55. Kc2?? fort. Doch statt ihm mit 55. …Th2+ 56. Kb1 Th1+ 57. Ka2 eine Freude zu machen, stellte Schwarz mit 55. …Le3! die Doppeldrohung …Tc1 matt und …Lxg5 auf 0:1









Ein Mattbild zum Einprägen. Der Bc4 (der dem weißen König die Felder b3 und d3 nimmt) erzeugt zusammen mit dem Le3 und dem Th1 die Drohung …Tc1 matt. Weiß kann sich zwar aus dem Mattbild herauswinden und Kc3 spielen, dann aber geht der Turm g5 verloren.

Doch nicht jedes Schachgebot ist gefährlich, manchmal wird sogar nur die eigene Stellung verschlimmbessert. Die Erkenntnis ist nicht neu, dass aber ein Schach im 4. Zug (!) einen umgehenden Verlust nach sich ziehen kann, dürfte rekordverdächtig sein:

Französisch C 01
J. Schwerdtfeger - H-J. Hülsberg
Düsseldorf 1997

1. e4 e6 2. d4 Sf6 3. e5 Sd5 4. c4 Nun wäre Schwarz gut beraten gewesen, den Springer nach b6 zurückzuziehen. Er gab jedoch das Schach 4. …Lb4+?











Die offene Flanke verlockt zu einem Schachgebot auf b4. Doch Obacht, dem Läufer auf b4 kann auch der Rückzug abgeschnitten werden, wenn Weiß es schlau anstellt.

Nun rechnete der Nachziehende sicherlich mit den nahe liegenden Zügen 5. Ld2 oder 5. Sbd2, jedoch offensichtlich nicht mit einem Zug des Königs 5. Ke2! der eine Figur gewinnt, entweder den Springer auf d5, oder den Läufer, so wie in der Partie: 5. …Sb6 Oder 5. …Se7 6. a3 La5 7. b4 Lb6 8. c5. 6. c5! Sd5 7. a3 La5 8. b4 mit Figurengewinn und 1:0 im 26.Zug.











Der König auf e2 mag hier etwas komisch stehen, der Zweck aber wurde erfüllt: der gegnerische Läufer muss ins Gras beißen.

Jo Schwerdtfeger, dessen Name unseren Lesern im Zusammenhang mit einigen interessanten Endspielbeiträgen bekannt sein dürfte, war auf seinen Königszug nach e2 zu Recht stolz und schaute nach, ob diese Idee schon vorgekommen ist. In der Tat, es gibt nichts Neues unter der Sonne, der frühere Nationalspieler Jürgen Dueball spielte anno 1987 in Solingen genauso. Bei weiterer Datenbankrecherche stellte unser Leser überrascht fest, dass die Stellung nach 4. …Lb4+ bereits in mindestens 11 anderen dokumentierten Partien vorkam, jedoch kein einziger der Anziehenden hatte die Idee 5. Ke2! "Zehnmal gab es 5. Ld2, einmal 5. Sd2. Auf diese Weise erreichte Schwarz immerhin noch vier Siege", schreibt Schwerdtfeger.

Einer der Sprüche, die Schachspieler gerne von sich geben, lautet: "Wenn der Patzer ein Schach sieht, gibt er es auch!", davon darf man sich aber ja nicht ins Bockshorn jagen lassen, denn ein Schach nicht zu geben, kann halt auch üble Konsequenzen nach sich ziehen. Also immer Augen auf!

Zu einem amüsanten Remisschluss führte nämlich in dem folgenden Partiefragment aus der Begegnung M. Tseitlin - D. Gershkovich (Givataim 2006) ein nicht gegebenes Schach.











Schwarz ist am Zug: Es droht die Bauernumwandlung auf g8 in eine Dame, verbunden mit einem Matt. Schwarz muss also seinen Läufer für den Bauern g7 geben.

Da 1. …Tg3 2. Tf8+ Ke7 3. g8D Txg8 4. Txg8 den Nachziehenden einen Turm kostet, spielte Schwarz 1. …Lxg7 was gleichzeitig mit einer raffinierten Falle verbunden war. Weiß nahm den Läufer 2. Txg7?? und erlebte nach 2. …Tc7+! 3. Txc7 sein blaues Wunder - Patt!

Weiß hätte gewinnen können, wenn er statt sofort 2. Txg7?? zunächst ein Schachgebot 2. Td7+ eingestreut und erst nach 2. …Ke8 mit 3. Txg7 den Läufer geschlagen hätte.

Tatsächlich vorhandene Schachgebote müssen beachtet werden, latent drohende zwar nicht unbedingt, aber man tut gut daran, sie im Auge zu behalten. Hierzu ein "Unfall", den wir in der Vorschau der letzten Ausgabe (Seite 50) angekündigt haben.

Französisch C 11
Zhai Mo - M. Fominych
Moskau 2012


1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. e5 Sfd7 5. f4 c5 6. Sf3 Sc6 7. Le3 Le7 8. Dd2 b6 9. Lb5 Lb7 10. 0-0 a6 11. Ld3 0-0 12. Kh1 f6 13. exf6 Lxf6 14. Le2 cxd4 15. Sxd4 Sc5 16. Tad1 De7 17. Lg4 Sxd4 18. Lxd4 Lxd4 19. Dxd4 Dh4 20. h3 Tf6 21. b4 Sd7 22. De3 Kh8 23. Lxe6 Te8 24. f5 d4 25. Txd4 Texe6 26. Txd7 Tf8 27. fxe6 Txf1+ 28. Kh2 Lf3



Keine Frage, dass Weiß auf Gewinn steht, doch nach dem nächsten Zug war es aus - Weiß verlor! Und zwar ohne Material einzustellen (und auch nicht durch Zeitverlust), sondern durch den verfrühten Vorstoß 29. e7?? wonach 29. …Th1+! folgte 0:1











Der weiße König wird nach h1 gelenkt, damit nach 30. Kxh1 die Mattsetzung …Dxh3+ 31. Kg1 Dxg2 folgen kann.

Auch dieses Bild sollte man sich einprägen, es handelt sich um ein typisches Hinlenkungsopfer: Hier hat Weiß eine klassische Vorsichtsmaßnahme vergessen, nämlich den Blick kurz übers Brett schweifen lassen: "kann der Gegner noch ein Schach bieten und wenn ja, ist dieses gefährlich?"

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 26 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, Juli 2012, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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