Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Richtig beginnen


Der Kampf um das Zentrum am Beispiel der Philidor-Verteidigung (3)



In den beiden letzten Folgen dieser Serie haben wir uns mit einem der wichtigsten Motive in den Eröffnungen beschäftigt: dem sogenannten kleinen Zentrum.

Von beiden Seiten wird das raumgreifende große Zentrum angestrebt, mit den Bauern auf d4 und e4 respektive d5 und e5, doch wie im Leben so muss man auch im Schach oft Kompromisse eingehen. Klappt es mit dem großen Zentrum nicht, so ist das kleine Zentrum doch auch schon was.

Dieses kleine Zentrum entsteht meist nach den einleitenden Zügen 1. e4 e5 2. Sf3 d6 Die Philidor-Verteidigung, bei der der Punkt e5 nicht mit dem Springer (2. …Sc6), sondern mit einem Bauern gedeckt wird.3. d4 exd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 Le7 6. Le2 0-0 7. 0-0









Beide Seiten haben einen Bauern im Zentrum stehen, der weiße (e4) ist weiter vorgerückt als der schwarze (d6), auch beherrschen die weißen Springer die Felder b5, d5, f5 im gegnerischen Lager, wenn man die Linie zwischen der vierten und fünften Reihe als Grenzlinie betrachtet.

In der letzten Folge wurden die Vorzüge des kleinen Zentrums anhand einer oft vorkommenden Stellung erläutert, so wie sie nach den nahe liegenden Entwicklungszügen 7. …Ld7 8. Le3 Sc6 9. f4 entsteht. Den schwarzen Figuren, die auf den drei letzten Reihen zusammengedrückt stehen, mangelt es an Raum zum Manövrieren. Wie man dies ausnutzt, wurde in der letzten Folge ausgiebig erläutert.

Doch das kleine Zentrum verurteilt Schwarz keineswegs zu einer derart ausgeprägten Passivität. Der Nachziehende muss nur rechtzeitig ein Gegenspiel aufbauen. Und dieses richtet sich gegen den Bauern e4, schließlich ist in der Ausgangsstellung (letztes Diagramm) der Punkt e4 der einzige, der von einer gegnerischen Figur, dem Springer auf f6, angegriffen wird.

Der Bauer e4 wird von dem Springer c3 gedeckt, also muss eine Verstärkung herbeigeholt werden, aber wie?

Die schwarzen Leichtfiguren können zwar auch bei dem Druckaufbau gegen e4 mitwirken, z. B. der Springer (…Sd7-c5) oder der Läufer (…b6 nebst …Lb7), doch sowohl nach 7. …Sbd7 8. f4 Sc5 9. Lf3, als auch nach 7. …b6 8. f4 Lb7 9. Lf3 ist der Punkt e4 gut gedeckt und das Bauernduo e4 plus f4 schränkt den Schwarzen im Zentrum spürbar ein. Ein wirklich wirksames Gegenspiel kann so kaum aufgebaut werden. Für diesen Zweck ist der Zug 7. …Te8 besser geeignet.









Mit …Te8 wird der Turm auf die halboffene Linie gestellt, also eine Linie, auf der kein eigener Bauer den Schwerfiguren beim Angriff auf die gegnerische Bauernstellung mehr im Wege steht. Die benötigte Öffnung der Wirkungslinie wird mit …Le7-f8 erreicht.

In dieser konkreten Stellung ist zwar der Angriff auf den Bauern e4 zunächst nur latent vorhanden (noch steht der Läufer e7 dem Turm e8 im Weg), aber sobald dieser Läufer zieht (meist nach f8), wird die Drohung …Sxe4 aktuell. Und nicht nur das: was ein Turm in seinem Element (freie Linien) anstellen kann, sehen wir zum Beispiel in der

Variante A


8. Le3 Lf8 Der Bauer e4 hängt. 9. f3 d5











Die Öffnung der e-Linie, der damit verbundene Einsatz des Turms und schließlich der Bauernvorstoß nach d5 haben die schwarze Stellung ganz schön aufleben lassen.

Nun kann Weiß weder auf d5 schlagen (nach 10. exd5?? Txe3 oder 10. Sxd5?? Sxd5 11. exd5 Txe3 geht jeweils der Läufer e3 verloren), noch kann er den angegriffenen e-Bauern vorziehen (10. e5 Txe5). Außerdem droht Schwarz nicht nur mit …dxe4, sondern (viel gefährlicher) 10. …c5 11. Sb3 d4 mit Figurengewinn.

Gut, Weiß ist am Zug und kann alle diese Drohungen mit 10. Lg5 abwehren, aber nach der Folge 10. …dxe4 11. Sxe4 Le7 12. Lxf6 Lxf6 kann Schwarz nicht klagen, von einer "gedrückten Stellung" wie in anderen (Ihnen aus der letzten Folge bekannten) Beispielen kann hier nicht die Rede sein.

Hier wurde das Spiel gegen das kleine Zentrum modelhaft vorgeführt und mit Erfolg abgeschlossen. Mehr Anstrengungen muss Schwarz auf sich nehmen, wenn Weiß im achten Zug anders fortfährt:

Variante B


8. f4 Lf8 9. Lf3











Mit dem rechtzeitigen Aufbau f4 und Lf3 (die beste Aufstellung im „kleinen Zentrum“) hat Weiß den Punkt e4 gut gesichert.

Mit "langsamen" Zügen ist Schwarz nicht gedient. 9. …b6? wäre sogar ganz verkehrt, nach 10. e5 gewinnt die Doppeldrohung 11. exf6 und 11. Lxa8 bereits eine Figur. 9. …Sbd7 ist schon eher möglich, aber etwas zu zurückhaltend.

Erheblich aktiver geht Schwarz mit 9. …c5 zur Sache. Zwar muss nun auch er eine Schwäche hinnehmen (den rückständigen Bauern auf d5), aber die ist doppelt geschützt, und den Springer d4 aus dem Zentrum zu vertreiben, darf ruhig etwas kosten. Im Anschluss kann Schwarz schnell seinen Damenflügel entwickeln. Der Springer wird nahe liegend nach c6 gestellt, für den Läufer kommt das Feld e6 in Betracht, in einigen Varianten winkt sogar das Feld g4, so z. B. nach 10. Sde2 Lg4! In einigen Partien kam 10. Sdb5 vor, doch der Springer wurde bald mit …a6 gejagt.

Nach 9. …c5 kommen hauptsächlich zwei Fortsetzungen in Frage:

I.10. Sf5 Sc6









Hier hat der Läufer c8 eine angenehme Aufgabe, er wartet auf den Fehler 11. Le3??, um auf f5 zuzuschlagen, nach …Lxf5 12. exf5 Txe3 wird wieder einmal deutlich, dass ein Turm auf der halboffenen Linie kein Papiertiger ist, sondern ein erstzunehmender Faktor.

Da Weiß 11. …Lxf5 nicht zulassen darf, muss er den Springer f5 zurückziehen, falls Se3 oder Sg3, nistet sich Schwarz aber mit …Sd4 ebendort ein, wo einst ein stolzer weißer Zentrumsspringer stand. Schwarz kann dann mit …Ld7-c6 prima seine Entwicklung vorantreiben.

Aufgrund dieser Überlegungen und der gemachten Erfahrungen wurde in der Turnierpraxis der angegriffene Springer d4 fast immer nach b3 zurückgezogen:

II. 10. Sb3 Schwarz setzte seine Entwicklung fort: 10. …Sc6 Natürlich kann Weiß jetzt auch kleine Brötchen backen und 11. Ld2 spielen, dann aber ist die d-Linie verstellt und Weiß muss nach 11. …c4! den Springer weit zurückführen (Sc1), da das Feld d4 unzugänglich ist. Also wurde der Läufer in vielen Partien ins Zentrum entwickelt: 11. Le3, was jahrelang gut funktionierte, bis 11. …Lf5! entdeckt wurde.

Schwarz hat das Problem, wohin mit dem Damenläufer, taktisch gelöst. Zu dem Schlagen auf f5 gibt es keine sinnvolle Alternative, da der Bauer e4 hängt und nach etwa 12. Dd3? Sb4 gleich verloren geht. Also 12. exf5 Txe3 Der Internationale Meister Christian Seel, der ein Buch über die Philidor-Verteidigung verfasste, vertritt die Meinung, dass Weiß "im Ausgleichssinne Sd5 spielen soll",



denn nach 13. Dd2 ist nicht nur der einfache Rückzug nach e8 möglich, sondern sogar das Qualitätsopfer 13. …Txf3!? 14. Txf3 d5 wonach Schwarz eine ausgezeichnete Kompensation (Ersatz) für die Qualität erlangt. Schwarz lässt Dd7 nebst …. Dxf5 folgen. In einer Partie Pap-Sedlak (Subotica 1992) geschah 15. Td1 c4 16. Sd4 Nach 16. Sc1 Db6+ 17. Kh1 d4 werden die weißen Kräfte vollständig zurückgeworfen. 16. …Lc5 17. Sce2 Se4 18. Dc1, und nun hätte Schwarz mit 18. …Df6 19. c3 Dxf5 einen Bauern gewinnen können, da der Läufer c5 den Springer d4 fesselt und somit die Dame auf f5 tabu ist. Möglich ist dann 20. Kh1 Dg6, und Schwarz kann mit seinen bestens postierten Figuren zuversichtlich in die Zukunft schauen.

Bei diesem Ausflug ins Turnierschach wollen wir es belassen und wieder die elementaren Faktoren extrahieren: Das kleine Zentrum kann schnell zu einer Übermacht in der Brettmitte ausgebaut werden (siehe letzte Folge). Schwarz darf sich nicht an die Wand drücken lassen, sondern muss beizeiten ein aktives Gegenspiel in der Brettmitte einleiten, und dafür eignet sich der Einsatz des Turms auf der halboffenen e-Linie am besten. Als eine flankierende Maßnahme dient die Vertreibung des Springers d4 mittels …c7-c5. Bei der Stellung des weißen Läufers auf e3 sind taktische Tricks wie …Lf5 oder …d5 möglich. Das kleine Zentrum hat seine Vorzüge, doch wer sich vorwagt, wie der Bauer e4, kann auch angegriffen werden.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 24 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, Mai 2012, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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