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Richtig beginnen


Der Kampf um das Zentrum am Beispiel der Philidor-Verteidigung



In den beiden letzten Ausgaben beschäftigten wir uns mit der Damiano-Verteidigung, die nach den Eröffnungszügen 1. e4 e5 2. Sf3 und nun 2. …f6 entsteht. Ohne das bereits Gesagte wiederholen zu wollen, sei hier an die Quintessenz erinnert, dass die Nachteile dieser uralten (aus dem 16. Jahrhundert stammenden) Eröffnung überwiegen, die Diagonale a2-g8 ist geschwächt (insbesondere wenn Weiß Lc4 zieht) und der Bauer auf f6 verhindert den natürlichen Entwicklungszug …Sg8-f6.

In dieser Folge steht der "jüngere Bruder" auf dem Programm, die im 18. Jahrhundert entdeckte und bis heute angewandte Philidor-Verteidigung. Über den Namensgeber - ein Schachmeister und Künstler in Personalunion war - finden Sie einige interessante Anmerkungen im Anschluss an diese Trainingsfolge. Die nach ihm benannte Verteidigung entsteht nach den Anfangszügen 1. e4 e5 2. Sf3 und nun - der "Philidor-Zug" 2. …d6.











Mit 2. …d6 sichert Schwarz den Zentrumsbauern e5 und öffnet sogleich seinem Damenläufer die Diagonale. Der Lf8 hat dagegen bescheidenere Aussichten.

Der lieben Ordnung halber sei es erwähnt, dass der Zug 2. …d6 sehr sporadisch schon in der Zeit vor Philidor gespielt wurde, doch erst der geniale Franzose, der als Wegbereiter der modernen Schachstrategie gilt, hat den Zug sozusagen geadelt, indem er ihn höher als 2. …Sc6 bewertete. Dieses Urteil wurde und wird nicht allgemein akzeptiert, doch ein Wort des damals klar besten Schachspielers der Welt galt einiges und führte dazu, dass diese Verteidigung viel gespielt wurde - bis in die Gegenwart.

Was kann man zu dieser Eröffnung im 21. Jahrhundert sagen? Gut, 2. …d6 sichert den Punkt e5. Analog der Damia-no-Verteidigung 2. …f6 sind auch hier die Entwicklungszüge 3. Sc3 und 3. Lc4 in Ordnung, aber eine echte Herausforderung bietet nur der Zug 3. d4, der dem Grundprinzip Raum Rechnung trägt und gewissermaßen auch das zweite Grundprinzip (die Zeit) miteinbezieht, denn durch den Angriff auf e5 kann Schwarz nicht einfach seine Figuren weiterentwickeln. Solide, aber etwas passiv ist die Deckung 3. …Sd7, darauf kommen wird später noch zurück. Der natürlichste und in der Praxis am häufigsten gespielte Zug ist 3. …exd4, womit sich Schwarz seiner Sorgen um den Bauern e5 sofort entledigt, freilich landet nach 4. Sxd4 ein weißer Springer im Zentrum.











Der Abtausch 3. …exd4 4. Sxd4 vergrößert den Einfluss des Anziehenden im Zentrum, ein weißer Springer macht sich dort breit.

Nach dem Abtausch im Zentrum haben die beiden Streitkräfte keinen direkten Kontakt. Im Moment wird kein Stein angegriffen, nichts ist bedroht, nichts kann getauscht werden. Ist keine Reaktion gefragt, nutzt man die Zeit, um seine Figurenstellung zu optimieren und das heißt in der Eröffnung: Figuren entwickeln. 4. …Sf6 5. Sc3 Le7











Weiß muss sich nun entscheiden, wohin er seinen Königsläufer stellt, die Felder e2, d3, c4 und b5 stehen zur Auswahl.

Die beiden Springer sind raus, nun folgen die Läufer. Auch Lf4, gefolgt von Dd2 und langer Rochade ist eine Option, wir konzentrieren uns aber auf die nahe liegende Fortsetzung und streben die baldige kurze Rochade an; der steht nur der Läufer f1 im Weg. Die Diagonale f1-a6 ist lang, wohin mit dem Läufer? Das Feld a6 ist ja tabu, das Schach 6. Lb5+ ist nicht hilfreich, nach 6. …c6 muss der Läufer doch auf ein anderes Feld ausweichen. Gegen das Feld d3 spricht nichts, aber einen aktiven Eindruck hinterlässt der Läufer hier nicht; er deckt e4 und blockiert die d-Linie.

In etwa gleich oft wird der Königsläufer nach c4 oder nach e2 entwickelt, und die aus Schachdatenbanken ermittelte Erfolgsquote ist fast gleich. In beiden Fällen besetzt der Läufer einen Knotenpunkt, ihm stehen gleich vier Richtungen offen. Er ist aber auch angreifbarer. Die erstgenannte Entwicklung des Läufers 6. Lc4 sieht auf den ersten Blick verlockend aus, denn wie in dieser Serie oft dargestellt, neigt der Punkt f7 zur Schwäche. Sie werden sich aber aus den früheren Folgen erinnern, dass die Attacken gegen den Punkt f7 stets mit dem Läufer c4 und einem Springer auf g5 (der von f3 kommt) oder mit der Dame auf b3 verstärkt wird. Und schon bei einem flüchtigen Blick auf das Diagramm wird deutlich, dass diese beiden Pläne gar nicht realisierbar sind.









Der Läufer steht auf c4 und macht Muskeln, allein ist er keine Bedrohung für f7. Schwarz kann ihn mit …c6 und …d5 vertreiben. Manchmal kommt es auch nach …Sxe4 nebst …d5 zu einer möglicherweise unerwünschten Vereinfachung.

Was leistet der Läufer überhaupt auf c4? Das Feld d5 kontrollieren? Stimmt, aber nur für kurze Zeit. In der Praxis hat man auch schon …c6 nebst …d5 gesehen und das mit gar keinem so schlechten Erfolg. Noch weniger gefällt manchem Weißspieler die Variante 6. …0-0 7. 0-0 Sxe4 8. Sxe4 d5 mit Auflösung des Zentrums.











Die Läuferentwicklung nach c4 ermöglichte die typische Vereinfachungsaktion …Sxe4 und …d5, eine Bauerngabel, die in verschiedenen Eröffnungen vorkommt.


In der Praxis konnten die Weißspieler in den beiden möglichen Varianten nicht viel erreichen:

a) 9. Lxd5 Dxd5 10. Sc3 Dd8 "Der geringe weiße Entwicklungsvorsprung wird durch das schwarze Läuferpaar kompensiert. Schwarz kann in der Folge z. B. einen Aufbau mit …c6 und …Lf6 anstreben", schreibt der Internationale Meister Christian Seel in seinem Buch "Geheimwaffe Philidor" (Verlag Chessgate, ISBN 3-935748-11-6), einer übrigens ausgezeichneten Abhandlung dieser Eröffnung.

b) 9. Ld3 dxe4 10. Lxe4



b1) Seel untersucht in seinem Buch sehr ausführlich taktische Verwicklungen nach 10. …Te8, die interessant sind, jedoch den Rahmen dieser Serie, die vor allem klare strategische Grundlagen in den Mittelpunkt stellt, sprengen würden.

b2) 10. …Sd7 ist ein gesunder Entwicklungszug. Gleich zieht der Springer nach f6, treibt den Läufer von e4 nach f3 zurück, nimmt ihm dann mit …c6 die freie Sicht und vervollständigt anschließend die Figurenentwicklung. Ein gelungenes Beispiel bietet die Partie Tamm-Reinke aus der NRW-Oberliga 2000, in der Schwarz die Eröffnungsphase nach 11. c3 Sf6 12. Lf3 c6 13. Te1 Te8 14. Lg5 Ld7 15. Db3 Db6 16. Tad1 Tad8 zufriedenstellend abgeschlossen hat:



Fazit: Der Zug 6. Lc4 mag aktiv aussehen, viel bringt er aber nicht ein. Kein Wunder, dass weder der amtierende Weltmeister Anand, noch sein Vorvorgänger Topalov sowie die meisten Spitzenspieler der Gegenwart nie 6. Lc4 spielen, sondern andere Züge, darunter 6. Le2 (was auch in Partien unter Amateuren meist aufs Brett kommt), den Vorzug geben, wonach ein besonders spannender und inhaltsreicher Kampf beginnt. Das ist das Thema der nächsten Folge.

 

Eine Frage für "Wer wird Millionär"

Sollte in Günter Jauchs populärer Sendung einmal die Frage gestellt werden "Wer hat sich sowohl als Schachmeister, als auch als Opernkomponist einen Namen gemacht?", so wäre dies wahrscheinlich die Million-Euro-Frage. Dass ein Nichtschachspieler die Antwort weiß, dürfte zu 99,9% ausgeschlossen sein. Aber auch nicht jedem Schachspieler ist bekannt, dass das Schachgenie Francois-André Danican Philidor (*1726, † 1795) auch auf einem anderen Gebiet herausragende Fähigkeiten besaß. Er stammte nämlich aus einer sehr musikalischen Familie, der Vater André Danican Philidor (1652-1730) war ein Komponist, Hofmusiker und Musikarchivar des Sonnenkönigs Ludwigs des XIV. Und der Sohn erbte dieses Talent und wird in den Annalen als Autor von elf Opern geführt. "Heutzutage ist die Erinnerung an sein Musikschaffen verblasst, dafür ist er als grundsteinlegender Vordenker modernen Schachs weltbekannt" (Wikipedia).

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 22 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, März 2012, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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