Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Richtig beginnen


Über die Bedeutung der schnellen Figurenentwicklung am Beispiel der Damiano-Verteidigung (Folge 2)



In der letzten Ausgabe haben wir uns die sogenannte Damiano-Verteidigung näher angeschaut, sie entsteht nach den einleitenden Zügen 1. e4 e5 2. Sf3 f6












…f7-f6 deckt den Bauern e5, dies ist auf der Habenseite, aber die Diagonale a2-g8 ist offen wie ein Scheunentor

Schwarz deckt den angegriffenen Bauern e5 mit dem f-Bauern. Das ist nicht im Sinne einer schnellstmöglichen Figurenentwicklung (dafür eignet sich der meistgespielte Zug 2…Sc6 besser), doch ist diese kleine Sünde groß genug, um dem Schwarzen beträchtliche Nachteile zu verschaffen? Mancher Schachspieler denkt so und greift gleich zur Holzhammermethode, zu dem Figurenopfer 3. Sxe5, dessen Annahme 3. …fxe5 nach 4. Dh5+ zu einer für Schwarz sehr nachteiligen Stellung führt, was in der letzten Folge ausgiebig erläutert wurde. Ebenso wurde im Dezemberheft auf die noch beste Antwort 3. …De7 hingewiesen, wonach der Springer e5 zurück nach f3 ziehen muss, denn 4. Dh5+ verliert nach 4. …g6 5. Sxg6 Dxe4+ den Springer auf g6.

Gut, der Springer muss also zurück, 4. Sf3. Schwarz kann sich dann den Bauern zurückholen, entweder gleich mit …Dxe4+, oder unter Einschaltung des Zuges 4. …d5, z. B. 5. d3 dxe4 6. dxe4 Dxe4+.










Diese Springeropfervariante führt schnell zu lebhaftem Spiel.

Diese Springeropfervariante führt schnell zu lebhaftem Spiel. Grundsätzlich spricht nichts gegen sie, man muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass es wichtig ist, die genaue Zugfolge zu beachten, und eben das ist die Crux bei vielen selten gespielten Eröffnungen. Wenn sie nach ein-zwei Jahren "Abstinenz" wieder einmal aufs Brett kommen, kramt man im Gedächtnis und kann sich im schlimmsten Fall gar nicht mehr erinnern, wie es weitergeht.

Schon aus diesem Grund ist es besser, in der Eröffnung einfache Züge zu spielen, Züge, die auf den Grundprinzipien des Schachs - Zeit, Raum und Material - basieren. Um Material geht es im dritten Zug noch nicht, aber immer um die Zeit (sprich: schnelle Figurenentwicklung) und um den Raum, in der frühen Eröffnungsphase um das Zentrum. Deshalb ist gegen die Damiano-Verteidigung der Zug 3. d4 goldrichtig.












Sofort Fuß im Zentrum zu fassen ist selten verkehrt. Mit 3.d4 bedroht Weiß auch gleich den Bauern e5.

Der Bauernzug ist vielleicht nicht direkt besser als das Springeropfer 3. Sxe5, aber er belastet das Gedächtnis nicht mit irgendwelchen taktischen Varianten. Und er folgt konsequent den besagten Grundprinzipien. Mit 3. d4 wird die Figurenentwicklung gefördert, weil sich für den Läufer c1 sofort die Diagonale öffnet, und dass mit 3. d4 auch Raum gewonnen wird, muss beim Blick auf die Diagrammstellung gar nicht weiter ausgeführt werden. Der Raumvorteil im Zentrum bleibt auch bestehen, entweder weil auf d4 eben ein zweiter Zentrumsbauer steht, oder auch nach 3…exd4 4. Sxd4, nun steht dort eben der Springer.











Schließlich verschwand der Bauer doch von e5, Schwarz hat im Kampf um die Kontrolle des Zentrums den Kürzeren gezogen.

Mit dem Entwicklungszug 3. d4 wurde die Damiano-Verteidigung in Frage gestellt. Der Zug 2. …f6 hat nur kurzfristig etwas geleistet (den Bauern e5 gedeckt), jetzt aber hat sich die Sache mit dem Bauern auf e5 erledigt und Schwarz bleibt auf seinen positionellen Schwächen sitzen.



Was genau aber ist eigentlich geschwächt? Die weißen Felder am Königsflügel und hier speziell die Diagonale e8-h5! Auch wenn es im Moment nicht bedrohlich aussehen mag, Schwarz muss ständig mit einem Schachgebot auf h5 rechnen. So geht in der Diagrammstellung nach dem Zug 4. …Lc5? (eigentlich ein normaler Entwicklungszug …) der Läufer verloren, Weiß zieht 5. Dh5+ g6 6. Dxc5. Auch 4. …d5? geht nicht gut, erneut folgt 5. Dh5+ und im nächsten Zug Dxd5 mit Bauerngewinn. Und nach anderen Zügen, z. B. 4. …Sc6 oder 4. …Se7, entwickelt sich Weiß schnell mit Sc3, Lc4 und 0-0.

Der Abtausch 3. …exd4 hat das Zentrum gänzlich dem Gegner überlassen. In einigen Partien sicherte Schwarz deshalb nach den einführenden Zügen 1. e4 e5 2. Sf3 f6 3. d4 das Zentrumsfeld e5 mit 4. …Sc6 4. Lc4 d6











Der schwarze König gerät zunehmend unter Druck, viele Fluchtfelder stehen ihm nicht zur Verfügung.


In der Tat konnte Schwarz seine Stellung im Zentrum sichern. Wäre da nicht der "Damiano-Zug" 2. …f6, stünde also der f-Bauer immer noch auf f7, (und wäre stattdessen irgendein Entwicklungszug wie …Le7 erfolgt), so wäre die schwarze Stellung gar nicht schlecht. Nun steht aber der Bauer auf f6, dadurch ist die Diagonale a2-g8 offen wie ein Scheunentor. Und das ist schon manchem Damiano-Anwender zum Verhängnis geworden. Weiß kann neben den nahe liegenden Entwicklungszügen 5. Sc3 oder 5. 0-0, gegen die nichts einzuwenden ist, auch 5. c3 spielen.












Mit c3 bereitet Weiß Db3 vor, mit Angriff auf g8 und einem Schachgebot auf f7.

Dieser Zug bereitet ein wichtiges taktisches Motiv vor. Weiß will die sogenannte "Batterie" aufbauen. So lautet im "normalen" Schach (in der Kunstform Problemschach steht dieser Begriff für etwas anderes) die Bezeichnung für eine Anordnung zweier gleichfarbiger Steine auf derselben Wirkungslinie. Auf einer Diagonale können sich nur die schräg ziehenden Steine tummeln, also kann dort eine Batterie nur aus einer Dame und einem Läufer gebildet werden.

Schauen wir uns das letzte Diagramm an und stellen uns die weiße Dame auf c4 und den weißen Läufer auf b3 vor.










Dieses Figurengespann - bei dem die vordere Figur durch die hintere geschützt wird - bildet die besagte Batterie, und zwar in der besonders gefährlichen Form; Weiß am Zug würde mit Df7 sofort Matt setzen.

Aber auch in einer anderen Form, nämlich mit dem Läufer vorn, kann sich die Batterie ganz schön in Szene setzen. Nach 5. c3 muss Schwarz den Zug Db3 unbedingt verhindern und z. B. 5. …Sa5 spielen, nach 6. Le2 befindet sich der besser entwickelte Weiße im Vorteil, aber noch ist nichts Entscheidendes passiert.

Wenn der Nachziehende jedoch seinem Gegner erlaubt, eine Batterie zu bilden, ist es um ihn schnell geschehen. Bei Amateurturnieren wurde wiederholt die folgende Katastrophe beobachtet: 5. …Lg4? 6. Db3!











Die Batterie aus Dame und Läufer entscheidet bereits die Partie. Der nunmehr zweimal angegriffene Springer auf g8 geht verloren, da er nicht weichen kann.

Nach 6. …Sge7? (Oder 6. …Lxf3 7. Lf7+ Kd7 8. De6 matt bzw. 6. …Sh6 7. Lxh6, drohend Lf7+ und Matt.) folgt 7. Lf7+ Kd7 8. h3 mit Gewinn des Läufers g4, da nach 8. …Lxf3?? wieder 9. De6 matt folgt.



Solche und andere Katastrophen führten dazu, dass die Damiano-Verteidigung in der Praxis nur selten vorkommt.

Der Zug 2. …f6 schwächt nun einmal die schwarze Stellung, wie die aufgeführten Beispielen zeigten. Auch leistet 2. …f6 nichts für die Figurenentwicklung, ja, er behindert sie sogar, da der Springer von g8 in der Regel nach f6 gehört.

Für Schwarz ist die Eröffnung nicht zu empfehlen. Für Weiß ist es ratsam, nach 1.e4 e5 2.Sf3 f6 nicht auf e5 zu opfern, da man dann doch zu sehr auf sein Erinnerungsvermögen angewiesen ist (um die taktischen Varianten zu meistern), sondern mit 3. d4 einfach und gesund nach den klassischen Schachprinzipien zu verfahren, also Fuß im Zentrum zu fassen und die Figurenentwicklung zu fördern.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 21 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, Februar 2012, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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