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Richtig beginnen


Über die Bedeutung der schnellen Figurenentwicklung am Beispiel der Damiano-Verteidigung



Aus Schaden wird man klug, weiß der Volksmund. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen die Binsenweisheit: "Untersuchungen mit Tieren und Menschen zeigten, dass sich negative Erlebnisse stärker und dauerhafter ins Gedächtnis einprägen als positive", schreibt Henning Scheich, Professor für Physiologie in Magdeburg im neuen "Leibniz".

Diese Erkenntnisse lassen sich auch auf Schachtraining übertragen. Der Autor, seit rund 50 Jahren Schachspieler, kennt manche seiner vor 25 Jahren gespielten Bundesligapartien nicht mehr (genau), aber erinnert sich sehr gut an seine Schiffbrüche mit der Damiano-Verteidigung anno 1962. Damals habe ich auf etwas schmerzhafte Weise erfahren, wie wichtig die Grundprinzipien des Schachs - Zeit, Raum und Material - sind, in diesem speziellen Fall zunächst die Zeit, sprich die schnelle Figurenentwicklung:

1. e4 e5 2. Sf3
Soweit die Standardzüge, die in dieser Rubrik wiederholt vorkamen, oft folgt darauf der gängige Zug 2. …Sc6, mit dem Schwarz den Bauern e5 rettet (Faktor Material) und gleichzeitig eine seiner Figuren schnell ins Spiel bringt (Zeit). Doch irgendwann einmal fragt sich jeder Schachspieler, warum man den Bauern e5 eigentlich mit dem Springer decken muss, warum nicht mit einem Bauern?

Das geht sehr wohl, das kennen wir zum Beispiel von 2. …d6, der so genannten Philidor-Verteidigung. Aber was ist von dem Zug 2. …f6 - der so genannten Damiano-Verteidigung - zu halten?












In der Damiano-Verteidigung deckt Schwarz den vom Springer f3 angegriffenen Bauern e5 mit 2. …f6.

Seine Aufgabe, die Überdeckung des Bauern e5, erfüllt dieser Zug, aber heiligt der Zweck auch dieses Mittel? Für die Figurenentwicklung leistet der Bauernzug jedenfalls nichts, ja, er behindert sie sogar ein wenig, denn das Feld f6 bietet sich im Allgmeinen als Entwicklungsfeld für den Springer g8 an. Dieses Übel wurde schon vor mehr als 400 Jahren erkannt, und in einer der ersten mit dieser Eröffnung gespielten Partien passierte Folgendes:

Ruy Lopez de Segura (Spanien)
Giovanni Leonardo (Italien)
Rom 1572 1. e4 e5 2. Sf3 f6 3. Sxe5 Weiß opfert eine Figur, um nach 3. …fxe5 mit dem Schachgebot 4. Dh5+ entweder den schwarzen König nach e7 zu treiben (mehr darüber später),












Flüchten oder Standhalten, der schwarze König muss sich entscheiden zwischen …Ke7 und …g6.

oder nach 4. …g6 mit 5. Dxe5+ De7 6. Dxh8 Material zu gewinnen.












Die Dame droht am Königsflügel weiter zu wüten. Nehmen und Schach sagen auf e4 hilft Schwarz nicht weiter.

Im Moment hat Weiß zwei Bauern und die Qualität mehr. Falls nun 6. …Dxe4+, so 7. Kd1, und Schwarz hat kein weiteres Schachgebot, sein Springer g8 sowie der Bauer h7 sind jedoch angegriffen. In der historischen Partie geschah weiter 6. …Sf6 7. d4 Kf7 Schwarz hatte dabei den Damenfang nach …Sc6 und …Lg7 im Sinn. Einfach gewonnen hätte nun 8. e5, drohend Dxf6. Auf 8. …Lg7 folgt prosaisch 9. Dxc8. Die historische Aufzeichnung der Partie (die möglicherweise einen Schreibfehler beinhaltet) geht jedoch weiter mit 8. Lc4+ d5 9. Lxd5+ Sxd5 und Schwarz gab gleich auf: 1:0












Die schwarze Stellung hat im Zentrum und am Königsflügel schwere Schäden genommen.

Die Stellung nach 10. 0-0 Dxe4 (10. …Sf6 11. e5) 11. Dxh7+ Lg7 12. Lh6 Dxd4 13. Sd2 Sc6 14. Sf3 Df6 15. Sg5+ ist aussichtslos.


Wie auch immer die letzten Züge dieser uralten Partien waren, die wesentliche Erkenntnis lautet: nach dem Springeropfer auf e5 folgt ein Schachgebot auf h5 mit Gewinn des Turm auf h8 (das haben wir gerade gesehen), oder mit Verfolgung des schwarzen Königs, und das schauen wir uns genauer an:

1. e4 e5 2. Sf3 f6 3. Sxe5 fxe5 4. Dh5+ und nun nicht wie im ersten Beispiel 4. …g6, sondern 4. …Ke7 5. Dxe5+ Kf7 Hier hat der Bauer g7 nicht gezogen, also ist Dxh8 nicht möglich. Dafür gerät der schwarze König in höchste Gefahr 6.Lc4+











Der schwarze König gerät zunehmend unter Druck, viele Fluchtfelder stehen ihm nicht zur Verfügung.


Läuft der schwarze König sofort weiter, so wird bald die Monarchie abgeschafft und die Republik ausgerufen: 6. …Kg6 7. Df5+ Kh6 8. d4+ (der Läufer c1 bietet Schach) 8. …g5 9. h4 (es droht 10. hxg5+ Kf7 11. Df7 matt) 9. …De7 10. Lxg5+ Kg7 11. Lxe7 Lxe7 12. Df7+ Kh6 13. g4, und der Zug g4-g5+ gibt dem schwarzen König den Rest.

In der Stellung des letzten Diagramms wurde einige Male 6. …d5 versucht: 7. Lxd5+ Kg6 Durch das Opfer 6. …d5 wurde die Diagonale h3-c8 geöffnet, der Läufer c8 bewacht nun das Feld f5 und verhindert den in der letzten Variante entscheidenden Zug Df5+. Aber Weiß kann dem gejagten schwarzen König trotzdem kräftig zu Leibe rücken: 8. h4 Es droht 9. h5+ Kh6 10. d4 mit Schach. 8. …h5 oder …h6, das ändert nichts.










Das kleinste Übel war nun 11. Lg3 Sxd5 12. exd5 Lg4 13. h3 Lh5 14. Te1 Te8. Mit späterem …f5 engt Schwarz den Gegner am Königsflügel noch mehr ein, aber das ist noch gar nichts gegen die Stellung, die in der Partie vorkommt.

So nebenbei wird hier das wichtige taktische Motiv der Ablenkung präsentiert. Bei einem Blick auf die Diagrammstellung wird klar, dass ohne den Läufer c8 sofort Df5+ nebst d2-d4+ und Matt folgen würde. Der Läufer kontrolliert nun aber das Feld f5, was tun? Schlagen kann man ihn nicht, aber wenigstens versuchen, ihn abzulenken: 9. Lxb7! Schlägt der Läufer c8 nun auf b7, ist die Ablenkung vollzogen, es folgt Df5 nebst Matt. Schwarz versucht daher, die Dame loszuwerden mit 9. …Ld6 aber so schnell lässt Weiß nicht von seinem Vorhaben ab, und behält das Feld f5 weiter im Auge: 10. Da5! Schwarz kann also weiterhin nicht den Läufer auf b7 schlagen. 10. …Sc6 Jetzt ist aber Schluss, weitere Versuche, die Position auf der fünften Reihe zu halten, kämen einer Entwicklungshilfe gleich: Durch Angriffe auf die weiße Dame übernimmt Schwarz die Initiative. Weiß schlägt besser den Springer, und schaltet von einem Angriff auf den König um auf eine Verwertung des eroberten Materials. 11. Lxc6 Hier endet die Variante. Wie wir gesehen haben, nimmt nach dem Damenschach 4. Dh5+ auch die Königswanderung für Schwarz kein gutes Ende; in dieser Schlussstellung hat Weiß noch alle seine acht Bauern, Schwarz hat dagegen die Hälfte seines Fußvolks verloren. Die schnelle Figurenentwicklung von Weiß (Grundprinzip Zeit!) hat sich in allen diesen Beispielen ausgewirkt.


Nun haben wir allerhand Katastrophen in der Damiano-Verteidigung gesehen, so dass der Gedanke aufkommen könnte, diese Eröffnung sei blanker Unsinn und Damiano sollte sich was schämen … Nein, so ist es auch nicht, dieser Schachmeister hat sich bei seiner Verteidigung sehr wohl etwas gedacht (erst später hat er sie verdammt), nämlich:

1. e4 e5 2. Sf3 f6 3. Sxe5 De7









Schwarz stürzt sich nicht sofort gierig auf die geopferte Figur, 3...fxe5, sondern bringt die Dame ins Spiel, die nicht nur den Springer im Auge hat: auch der Bauer e4 und der dahinter stehende gegnerische König werden ins Visier genommen.

Das ist die Hauptidee von Damiano. Er schlägt den Springer nicht, sondern greift ihn erneut an, indirekt wird auch der Bauer e4 aufs Korn genommen. Gleichzeitig stellt Schwarz eine böse Falle auf: Bietet Weiß hier nämlich Schach wie nach 3. …fxe5, 4. Dh5+ so folgt 4. …g6 5. Sxg6










Mechanisches Spiel kann sich im Schach als sehr fatal erweisen: Das scheinbar auf der Hand liegende Schachgebot auf h5, analog der Variante 3...fxe5, hat Weiß ganz schön in die Bredouille gebracht...

Schwarz kann jetzt nicht gut auf g6 schlagen, das verliert den Turm h8 (5. …hxg6 6. Dxh8). Aber 5. …Dxe4+! dreht den Spieß um. Nach Zügen wie Le2 oder Kd1 schlägt die schwarze Dame den Springer auf g6, und der Nachziehende hat eine Figur gewonnen. Nichts ändert 6. De2, denn dann tauscht Schwarz zuerst die Damen ab, 6. …Dxe2+ 7. Lxe2, und holt sich dann mit 7. …hxg6 den Springer.

Wow! Was für eine tolle Variante, dachte ich mir als B-Jugendlicher und begann sie zu spielen. Zu meinem Verdruss fiel keiner meiner Gegner darauf herein. (Zu meinem noch größeren Verdruss sah ich den obigen Reinfall auch schon mal auf einem anderen Brett beim selben Jugendturnier.) Die meisten meiner Gegner opferten gar nicht auf e5, nur einer tat es, zog aber in der Stellung des vorletzten Diagramm nicht 4. Dh5+, sondern 4. Sf3. Immerhin konnte ich mir mit …Dxe4+ den Bauern zurückholen und dann die Partie irgendwie remisieren. Wie, weiß ich auch nicht mehr.

Kann man also die Damiano-Verteidigung doch spielen? Das wäre vielleicht der Fall, wenn nur die soeben gezeigten Varianten zur Verfügung stünden. Es gibt aber etwas Besseres; in der nächsten Folge wird darauf ausführlich eingegangen.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 20 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, Januar 2012, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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