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Schachschule 64 ::

Bauernstrukturen


Nochmals zum Umgang mit Bauernketten
Diesmal: der Angriff auf die Spitze der Kette wird erfolgreich abgewehrt



In Teil 13 haben wir uns mit Bauernketten beschäftigt. Als Musterbeispiel wählten wir eine typische Bauernkette, so wie sie nach den Anfangszügen 1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 c5 4. c3 Sc6 5. Sf3 entsteht.









Schwarz setzt den sogenannten Hebel an. So bezeichnet man eine Aufstellung zweier feindlicher Bauern, die sich so gegenüberstehen, dass einer den anderen schlagen kann. Der Ausdruck wird vorwiegend im Zusammenhang mit der Basis einer Bauernkette gebraucht.

Diese Anfangszüge haben wir in der letzten Folge besprochen und anhand praktischer Beispiele auch die klassische Methode der Bekämpfung der Bauernkette vorgestellt, den Angriff auf den Brennpunkt d4, eingeleitet mit …Db6. Am Ende der letzten Folge wurde auch die andere Methode erwähnt, nämlich der Angriff auf die Spitze der Kette, auf den Bauern e5. Nur wurde dieser Angriff mit 5. …Ld7 vorbereitet. Dies ist nicht nur ein Entwicklungszug, sondern auch eine notwendige Vorbereitung von …f7-f6. Wir sehen gleich, warum das sofortige …f6 nicht gut ist.

Unser Musterpartie riecht geradezu nach Klassik, ist aber alles andere als verstaubt: sie ist 100 Jahre alt, und die weißen Steine führt der große Schachpädagoge Aaron Nimzowitsch. Die Partie bietet, so Großmeister Drazen Marovic, "wegen der klaren logischen Gedankenkette, die Nimzowitsch vorgeführt hat, bis heute ein wertvolles Studienmaterial."

Französisch C 02
A. Nimzowitsch - G. Levenfish
Karlsbad 1911
1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 c5 4. c3 Sc6 5. Sf3 f6?! Schwarz greift die Kette an. Wenn Weiß auf f6 tauscht, folgt …Sxf6, dies fördert die Entwicklung der schwarzen Figuren. 6. Lb5! Weiß entwickelt eine Figur und fesselt sogleich den Springer c6. Spielt Schwarz jetzt oder in der Folge …fxe5, antwortet Weiß Sf3xe5 und besetzt mit seinem Springer einen schönen Vorposten, fast schon mitten im gegnerischen Lager. 6. …Ld7 7. 0-0








Man beachte, dass die kleine Kombination 7. …Sxe5 8. Sxe5 Lxb5 an 9. Dh5+ g6 10. Sxg6 scheitert, z. B.



10. …hxg6 11. Dxh8 Lxf1 12. Dxg8 Ld3 13. Dxe6+, und Weiß hat einen Bauern gewonnen.






7. …Db6 8. Lxc6 Weiß will seinen Springer auf e5 postieren und beseitigt deshalb einen der Verteidiger dieses wichtigen Zentrumsfeldes. 8. …bxc6 9. exf6 Sxf6?! Mit 9. …gxf6 hätte Schwarz dem gegnerischen Springer den Zutritt zu dem Feld e5 verwehren können, wenn auch die sehr gelockerte Bauernstellung vor dem schwarzen König kein Vertrauen erweckt. Dennoch war dies das kleinere Übel. 10. Se5 Weiß nimmt sogleich das Zentrumsfeld in Besitz. 10. …Ld6 11. dxc5 Lxc5 12. Lg5 Weiß droht mit der kleinen Kombination 13. Lxf6 gxf6 14. Dh5+. Wenn Schwarz kurz rochiert, schlägt Weiß auf f6 und dann auf d7. Und im Falle der langen Rochade steigt der Springer auf f7 ein, mit einer Gabel, dem Angriff auf beide schwarzen Türme. Da sieht man sehr anschaulich, wie gut der Springer auf e5 steht.

Das alles leuchtet sicherlich schnell ein, nur eine Frage bleibt noch zu klären, was ist, wenn Schwarz einfach auf b2 den Bauern schlägt.













Was passiert, wenn Schwarz nun den Bauern b2 schlägt?

12. …Dxb2, und sogleich ist auch noch der Turm a1 angegriffen, was nun? Weiß zieht am besten 13. Sd2 und erneuert die Drohung Lxf6 nebst Dh5+. Falls die schwarze Dame weiter räubert und den c-Bauern schlägt, 13. …Dxc3, kann Weiß seinen Entwicklungsvorsprung auf verschiedene Arten ausnutzen, z. B. 14. Lxf6 gxf6 15. Dh5+ Kd8 16. Sf7+ Kc7 17. Sb3





Analysediagramm
Zieht nun der angegriffene Turm h8, so spielt Weiß Tc1, wonach der Läufer c5 ins Gras beißen muss. Rettet Schwarz den Läufer und spielt 17. …La3, wird das Feld c1 von Schwarz kontrolliert und Tac1 ist verhindert, jedoch kann Weiß mit 18. Sxh8 die Qualität gewinnen und nach 18. …Txh8 19. Dh4 mit der Dame nach a4 schwenken. Auf 19. …c5 (nun kontrolliert der Läufer d7 das Feld a4)







kann 20. Tac1 Lxc1 21. Txc1 Db2 22. Dg3+ e5 23. Df3 folgen, mit Drohungen wie Dxf6 und Txc5+.


In unserer Partie hatte sich der Schwarzspieler so etwas schon gedacht, deshalb verzichtete er auf das Schlagen auf b2. Nach 12. Lg5 spielte er 12. …Dd8 Es folgte 13. Lxf6 und da 13…gxf6 14. Dh5+ dem Schwarzspieler verständlicherweise nicht gefiel, geschah 13. …Dxf6 14. Dh5+ g6 15. De2 Schwarz kann immer noch nicht kurz rochieren, da der Läufer d7 hängt, deshalb spielte er 15. …Td8 und deckte diesen Läufer. Möglich war außerdem noch 15. …Ld6, wonach Weiß den Springer mit f2-f4 gesichert und im Falle des Abtausches mit dem Bauern zurückgeschlagen hätte. Damit wäre zwar der schöne Springer e5 vom Brett verschwunden, dafür hätte Weiß aber die f-Linie bekommen, die sich auch gut nutzen lässt. Ein konkretes Beispiel: 15. …Ld6 16. f4 Lxe5 17. fxe5 De7 18. Sd2 0-0-0 (kurz rochieren kann Schwarz ja nicht) 19. De3 (der Bauer a7 hängt) 19. …Kb8 20. Tf6 Thf8 21. Taf1, und der weiße Vorteil wird offensichtlich.

Zurück zu unserer Musterpartie: 16. Sd2 Jetzt würde auf …Ld6 natürlich Sdf3 folgen, mit einer beinahe ewigen Sicherung des wunderbaren Springervorpostens. 16. …0-0 17. Tae1 Weiß stellt die erste taktische Drohung auf, Sxd7, gefolgt von dem Bauerngewinn Dxe6. Also deckt Schwarz ebendiesen Bauern mit 17. …Tfe8













Zeit für eine Zwischenbilanz.

Beide Seiten haben ihre Figurenentwicklung vollständig abgeschlossen und mit der Rochade den König aus dem Zentrum entfernt. Nur hat Weiß eine Bauernstellung ohne jegliche ersichtlichen Mängel, kein Bauer hängt, keiner ist bedroht, während es im schwarzen Lager weniger gut aussieht, insbesondere bei den Punkten c6 und e6: beide Bauern sind rückständig. Diesen Begriff haben wir in der vorletzten Folge erläutert, kurz wiederholt handelt es sich um Bauern, die nicht durch eigene Bauern gedeckt werden können, also einen Figurenschutz benötigen, der wiederum Kräfte bindet. Und diese Bauernschwächen wird sich Weiß bald vornehmen.

Zunächst jedoch befreit er seinen Turm f1, der ein bisschen eingeklemmt da steht: 18. Kh1 Ld6 19. f4 Schwarz nutzt den Moment und zieht 19. …c5 um wenigstens einen der rückständigen Bauern loszuwerden, aber die andere Schwäche (e6) bleibt bestehen. Weiß spielte 20. c4 und stellte damit eine kleine taktische Drohung auf.










Weiß am Zug würde mit 21. Sxd7 Txd7 22. cxd5 einen Bauern gewinnen, da sich das Zurückschlagen …exd5 wegen der Fesselung auf der e-Linie verbietet.


Weiß erreichte nun einen deutlichen Vorteil. Leider war es Nimzowitsch nicht vergönnt, auf eine "normale" Art zu gewinnen, sprich seine positionellen Vorteile Zug um Zug zum Gewinn zu verwerten, weil sein durch den gegnerischen Druck genervter Gegner jetzt eine inkorrekte Kombination startete und dabei den Kürzeren zog: 20. …Lf8? 21. cxd5 Lc8 Schwarz versprach sich noch etwas von 22. dxe6 Dxe6 (greift den Bauern a2 an) 23. b3 Lg7, gefolgt von …Lb7, wonach er zwar einen Bauern weniger gehabt hätte, aber immerhin ein freies Figurenspiel. Doch Nimzowitsch spielte viel besser:



22. Se4! Dg7 Auf 22. …De7 wäre 23. d6 gefolgt. 23. dxe6 Lxe6 24. Da6 Kh8 25. Td1 Lg8 26. b3 Td4 27. Txd4 cxd4 28. Da5 Tc8 29. Td1 Tc2 30. h3 Db7 31. Txd4 Lc5








Der schwarze Läufer greift den Turm auf d4 an, der nicht gedeckt ist (= hängt). Wei kann aber auch nicht so einfach den Angreifer, den Lc5, mit dem Springer von e4 schlagen, weil danach die gegnerische Dame von b7 aus freie Sicht auf den bereits durch den Turm auf c2 attackierten Punkt g2 bekäme.


Der Turm d4 hängt und Sxc5 verbietet sich wegen …Dxg2 matt, aber Nimzowitsch hatte vorgesorgt: 32. Dd8! Nach 32…Lxd4 33. Dxd4 droht das Doppelschach auf f7 und g6, was zugleich matt wäre, und falls Schwarz 33. …Dg7 zieht, folgt stark 34. Sd6, und die Drohung Se8 entscheidet. 32. …Le7 33. Dd7 Da6 34. Td3 Gegen die Drohung …Df1+ gerichtet. 34. …Lf8 Dieser Zeitnotfehler verkürzt die ohnehin für Schwarz sehr schlecht stehende Partie. 35. Sf7+ Lxf7 36. Dxf7 Tc8 37. Td7 und kurz vor Matt gab Schwarz auf. – 1:0
 


Schachschule 64 als PDF

Teil 14 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, Juli 2011, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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