Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Bauernstrukturen


„Der Bauer ist die Seele des Spiels“ – und gibt die Marschrichtung vor
Beispiel: die Bauernkette in der Französischen Verteidigung



Der Beginn der modernen, von strategischen Grundsätzen geprägten Schachpartie wird Mitte des 18. Jahrhunderts datiert. In dieser Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs tat sich auch auf dem Schachbrett einiges: neue Erkenntnisse wurden gewonnen und Gesetzmäßigkeiten formuliert, die die Bedeutung der Bauernstellung für den Verlauf der Schachpartie beschreiben. Heute wissen wir, dass Bauernstrukturen die Marschrichtung entscheidend vorgeben; vor rund zweieinhalb Jahrhunderten war dies noch Neuland.

Der Satz, im Schach spiegele sich die Gesellschaft wider, wird zwar sehr strapaziert, aber die Aufwertung der niederwertigen Steine - also der Bauern- ging tatsächlich mit dem Zeitgeist einher bzw. wurde von ihm beeinflusst. In früheren Jahrhunderten, in denen Schach meist ausschließlich vom Adel und Klerus gespielt wurde, passte die Wertigkeit der Schachfiguren zu dem Weltbild jener Zeit, der König war halt alles und die Figuren bedeutend. Den Bauern wurde hingegen wenig Achtung entgegen gebracht und sie wurden leichtfertig geopfert.

Am Vorabend der Französischen Revolution änderte sich manche Wertschätzung, es wurde darüber diskutiert, inwieweit die Bauern das Fundament der Gesellschaft bildeten und deren Existenzmittel erarbeiteten, daher also auch nicht weiterhin missachtet werden dürften. Zwar gibt es im Französischen für Bauer als Landwirt (paysan) und für Bauer als ein Stein im Schach (pion) unterschiedliche Worte, aber der Schachmeister und Musiker in Personalunion André Philidor sah gewisse Parallelen- hier das bislang wenig geschätzte arbeitende Volk, da die unterschätzten zahlreichen niederwertigen Steine auf dem Schachbrett - und etikettierte seine Entdeckungen beim Erforschen des Schachspiels herausfordernd mit der Parole "Der Bauer ist die Seele des Spiels". In der Tat sind die Bauern das Gerüst für die meisten strategischen Pläne. Selbst einzelne Bauern können das Spiel fast zwingend in bestimmte Bahnen lenken. So ist zum Beispiel der Freibauer (alle Definitionen nach Meyers Schachlexikon) ein Bauer, den kein gegnerischer Bauer mehr blockieren oder schlagen kann. Die Folge ist, dass nur "höherstehende" Figuren seine Umwandlung verhindern können, was zu einer ungünstigen Bindung von Kräften führen kann. Vor allem im Endspiel kann ein Freibauer zum entscheidenden Faktor werden.










Der Freibauer auf b4 strebt zum Umwandlungsfeld b8, kein gegnerischer Bauer kann ihm das verwehren. Will Schwarz ihn aufhalten, muss er eine oder mehrere Figuren dorthin delegieren.


Ambivalenter ist die Bewertung eines Einzel- oder isolierten Bauern (Isolani). Dies ist ein Bauer mit dem Merkmal, dass auf benachbarten Linien keine Bauern der- selben Farbe stehen, der also nicht mehr durch einen Bauern gedeckt werden kann. Wird er angegriffen, müssen höherwertige Figuren zur Unterstützung herangezogen werden und sind damit gebunden, was nachteilig ist. Andererseits kann ein isolierter Bauer auch stark sein, wenn er z. B. beweglich ist und es sich vielleicht sogar schon um einen weit vorgerückten Freibauern handelt.









Auch der Isolani auf d4 kann nicht mehr auf die Unterstützung von Bauern aus dem eigenen Lager zählen. Im Gegensatz zu dem b-Bauern im letzten Diagramm handelt es sich bei ihm aber nicht um einen Freibauern, denn der gegnerische Bauer e6 kontrolliert das Feld d5.


Auch der Doppelbauer- es handelt sich dabei um zwei Bauern derselben Farbe auf einer Linie - gelten oft als Schwäche und sind Angriffsmarken, vor allem wenn sie nicht von benachbarten Bauern unter- stützt werden. Dies gilt besonders im Endspiel. Im Mittelspiel hat die Partei mit Doppelbauern oft einen Gegenwert, indem sie eine halboffene Linie durch die Verdopplung bekommt. In Einzelfällen können Doppelbauern im Zentrum auch sehr stark sein, wenn sie viele wichtige Zentrumsfelder kontrollieren.

   

Weder im Zentrum noch am Königsflügel gibt es für den weißen König im linken Diagramm ein Durchkommen. Der Doppelbauer auf der f-Linie (die Bauern f7/f6) deckt die Felder e6, g6, e5 und g5 ab. In Verbindung mit den Bauern g7 und h7 ist der Königsflügel für den weißen König undurchdringlich. Der Bauer c6 verwehrt zudem ein Eindringen über d5. | Unüberlegtes oder vorschnelles Zurücknehmen mit einem Bauern kann leicht zu dauerhaften Schwächen führen. So ist im rechten Diagramm denkbar, dass der g-Bauer durch einen Abtausch auf dem Feld f6 gelandet ist, schwupps öffnet sich für den Gegner ein Durchschlupf.

Im Gegensatz zum isolierten Bauern und dem Doppelbauern, der wie dargelegt nicht immer eine Schwäche darstellt, ist der rückständige Bauer ein Bauer, der von den weiter vorn stehenden Bauern auf benachbarten Linien nicht mehr gedeckt werden kann und der sich zudem auf einer halboffenen Linie befindet - dagegen so gut wie immer ein Nachteil. Diese drei Bauernformen entstehen in der Regel in späteren Phasen der Partie.







Der Bauer d3 ist rückständig: Er steht auf einer halboffenen Linie und das Feld, das er als nächstes betreten muss, wenn er vorgezogen wird, kann nicht mehr von Bauern der eigenen Farbe kontrolliert werden und er selbst kann auch nicht mehr von Bauern gedeckt werden. Figuren müssen sich um ihn kümmern, während die geballte Kraft der gegnerischen Steine ihn unter Druck setzen kann.

 


In der Eröffnung, wo noch nicht viele oder möglicherweise gar keine Bauern abgetauscht wurden, wimmelt es auf dem Brett vor Bauern und sie verkeilen sich manchmal ineinander, es bilden sich sogenannte Bauernketten. Diese entstehen - so Gerhard Schmidt in seinem Buch "Zentrumsformen" (ISBN 9783888054983), aus dem noch einige Sätze zitiert werden - aus anderen (beweglichen) Bauernformationen.

Bewegliche Bauern sind der Ausgangspunkt für Bauernketten. Die Bauern rücken vor, ohne die beidseitigen Tauschmöglichkeiten zu nutzen und stoßen frontal mit den Bauern des Gegners zusammen. Von nun an sind sie unbeweglich. Ein typisches Beispiel stellt eine Variante der Französischen Verteidigung dar: 1.e4 e6 2. d4 d5 3. e5






Hier hat sich beidseitig eine Bauernkette herausgebildet, bei Schwarz f7/e6/d5, bei Weiß d4/e5. Wozu ist eine Bauernkette gut? Oft schränkt sie die Reichweite der gegnerischen Figuren ein. Dies betrifft besonders die langschrittigen Figuren, also die Schwerfiguren und die Läufer, während der Springer - die einzige Figur, die über Steine hinweg springen kann - noch am besten mit dem Bauernwall zurechtkommt.


Die Bauernkette bietet aber auch den größtmöglichen Schutz für die eigenen Bauern, die sich gegenseitig decken (siehe z. B. oben die schwarze Kette f7/e6/d5). Der Bauer e6 deckt den Vordermann auf d5 und wird seinerseits vom Hintermann gedeckt. Es gibt auch längere Bauernketten (s.u. die weiße Kette b2, c3, d4, e5), eines haben sie gemeinsam: nur das letzte Glied der Kette, hier der Bauer f7 bzw. der Bauer b2, die Basis der Kette, wird nicht von einem Bauern gedeckt und ist daher anfälliger als die anderen. Folgerichtig geschieht ein Angriff auf die Bauernkette am schwächsten Punkt, ihrer Basis. Der große Schachpädagoge Aron Nimzowitsch hinterließ viele Lehrsätze, die trotz ihrer etwas altertümlich anmutenden Diktion bis heute als ideale Faustregeln gelten, so hier: Um ein Gebäude zu zerstören, muss man das Fundament sprengen. Das leuchtet natürlich sofort ein. Auf Bauernketten übertragen, bedeutet dies: die Attacke der Basis der Kette.

Der Angriff mit Hebeln

Die Bauern werden derart vorgezogen, dass sie gegnerische Bauern schlagen können, in dem mittleren Diagramm mit dem Zug 3. …c5. Was nun? Schlägt Weiß den Bauern, 4. dxc5, so ist seine Bauernkette zerstört, obendrein verhilft dieser Zug dem Gegner zur Entwicklung, 4. …Lxc5. Das Schlagen aus der Kette heraus ist in den seltensten Fällen empfehlenswert, besser ist es, mit 4. c3 die Kette zu sichern.



Nun hat sich bei Weiß eine ganz schön lange Kette herausgebildet, die reicht von b2 bis nach e5. Dem Lehrsatz von Nimzowitsch folgend, müsste Schwarz eigentlich den Bauern b2 unter Druck setzen, aber wie? Weit und b r e i t sind dafür keine Mittel (Bauern) zu sehen. Deshalb konzentriert sich Schwarz in dieser bekannten Stellung auf den Punkt d4 und macht ihn zu einer (angreifbaren) Basis der weißen Bauernkette. Sofort 4. …cxd4 hätte nach 5. cxd4 dieses Ziel zwar erreicht, jedoch dem Anziehenden das Feld c3 für den Springer gesichert. Mehr Erfolg verspricht die - aus der Erfahrung gewachsene- Zugfolge 4. …Sc6 5.Sf3 Db6.



Nach dem späteren Abtausch auf d4, …cxd4 und als Antwort c3xd4, verkürzt sich die weiße Bauernkette beträchtlich, und die Basis d4 gerät zunehmend unter Beschuss. Diese Aktivität entschädigt den Schwarzen für den immer noch nicht aktiv stehenden Läufer c8.
 


Schachschule 64 als PDF

Teil 12 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, Mai 2011, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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