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Richtig beginnen
Es muss nicht immer 1. e4 e5 sein – halboffene Spiele


Grundbegriffe und erste Orientierung

Ausgehend von den drei Grundprinzipien jeder Schachpartie, nämlich den Faktoren Zeit, Raum und Material wurden in den letzten Folgen vor allem Eröffnungsideen erläutert, die für Stellungen nach 1. e4 e5 gelten. Dieser "Offene Spiele" genannte Bereich der Eröffnungstheorie wird vor allem von der Idee geprägt, möglichst bald die zentralen Felder e4, d4, e5 und d5 mit Bauern zu besetzen, um so das Zentrum sowie den benachbarten Raum unter Kontrolle zu bekommen.

Da jedoch in den offenen Spielen bei präzisem Spiel beiderseits nicht selten alle Zentrumsbauern abgetauscht werden und in einem Abwasch gleich noch ein paar Figuren vom Brett verschwinden, gehen viele Spieler dieser direkten Konfrontation in den ersten Züge aus dem Weg. Schwarz kann auf 1. e4 statt mit 1. …e5 auch anders antworten. Einige dieser anderen Möglichkeiten von Schwarz, mit denen der Nachziehende um das Zentrum kämpft, werden nun aufgezeigt. Zusammenfassend werden alle Systeme, in denen Schwarz auf 1. e4 nicht 1. …e5 antwortet, "Halboffene Spiele" genannt. In dieser Folge wollen wir Ihnen einen ersten Überblick verschaffen, auch Grundbegriffe (in diesem Fall: Namen der Eröffnungen) aufzählen, die ein Schachspieler einfach kennen muss. Die Betonung liegt auf Überblick und Erstorientierung, vertieft wird das Thema zu gegebener Zeit.

Wie bereits früher dargelegt, will Weiß nach 1. e4 mit dem Zug d2-d4 das Zentrum besetzen und den eigenen Figuren dadurch möglichst große Wirksamkeit verschaffen. Schwarz kann dem sofortigen Vormarsch d4 durch 1. …e5 entgegentreten, wie in etlichen Beispielen der letzten Folgen dieser Serie untersucht wurde.

Der Nachziehende kann den raumgreifenden Vorstoß d2-d4 aber auch durch 1. …c5 - "Sizilianische Verteidigung" zumindest erschweren. Dieser auf den ersten Blick etwas seltsam erscheinende Bauernzug von Schwarz leistet zwar wenig für die direkte Entwicklung der Figuren - lediglich die schwarze Dame erhält freie Felder -, aber die vorläufige Kontrolle des Zentralfeldes d4 ermöglicht es Schwarz, die Figurenentwicklung nachzuholen.








In der sizilianischen Verteidigung (Sizilianisch genannt) richtet sich der Bauernvorstoß c7-c5 gegen die Besetzung des Zentrums durch d2-d4. Wenn Weiß doch d2-d4 spielt, so wird nach dem Abtausch …cxd4 die Bildung des "Superzentrums" e4 plus d4 nicht mehr möglich sein, der d-Bauer hat ja das Brett bereits verlassen.

Nach dem typischen Aufbau 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3



sind bereits die Umrisse einer asymmetrischen Stellung erkennbar. Auf der halboffenen c-Linie kann später (etwa nach den Zügen …Sc6, …Ld7 und …Tc8) der Turm zum Einsatz kommen, und so verwundert es nicht, dass in Sizilianisch die Chancen von Schwarz eher am Damenflügel liegen, während Weiß oft (z. B. nach vorbereitenden Zügen wie Le2 und g2-g4) am Königsflügel aktiv wird. Schon wegen dieser Ausrichtung auf lebhaftes Spiel zählt die Sizilianische Verteidigung zu den beliebtesten und kampferfülltesten Eröffnungen der Gegenwart.

 


Nach 1. e4 d5 - "Skandinavische Verteidigung" leitet Schwarz sofort ein Gegenspiel im Zentrum ein.











In Skandinavisch prallen die Bauern in der Brettmitte sofort aufeinander und das Zentrum wird – unter Zeitverlust – schnell geöffnet.

Jedoch überlässt er damit Weiß nach 2. exd5 Dxd5 3. Sc3 ein wichtiges Entwicklungstempo:








Die angegriffene schwarze Dame muss ziehen (meist geht sie nach a5), und Weiß hat die Zeit, neben dem Zug Sc3, der ihm ohnehin bereits einigen Entwicklungsvorsprung verschafft hat, noch d2-d4 nachzuschieben und damit das Zentrum zu besetzen bzw. die wichtigen Felder d5 und e5 unter Kontrolle zu bringen.

Der weiße Zeitvorteil macht die Skandinavische Verteidigung für Schwarz etwas verdächtig, auch wenn dieses direkte Gegenangriffssystem immer wieder Anhänger findet.

 


Nach dem einleitenden Zug 1. e4 kann Schwarz den Gegenstoß …d7-d5 in zwei verwandten halboffenen Eröffnungen verwirklichen:
1. …c6 - "Caro-Kann-Verteidigung"
1. …e6 - "Französische Verteidigung"



In der Caro-Kann-Verteidigung, 1. e4 c6 (linkes Diagramm), wird ähnlich wie in Französisch verfahren, nur wird der Vorstoß …d7-d5 hier mit …c7-c6 vorbereitet. | In der Französischen Verteidigung, 1. e4 e6, wird der Aufbau mit e4 und d4 zwar zugelassen, mit …d5 setzt aber Schwarz selbst einen Fuß ins Zentrum.

Wieder hat Weiß nach 2. d4 die zentralen Felder besetzt, während Schwarz durch den Gegenstoß 2. … d5 ebenfalls Raum im Zentrum unter Kontrolle nimmt und eigentlich die Rolle des Angreifers einnimmt (momentan wird der Bauer e4 direkt attackiert) und damit der aktivere Teil ist.

Um die strategischen Möglichkeiten zu verdeutlichen, soll die Französische Verteidigung etwas näher in Augenschein genommen werden.









Schlagen, vorziehen oder decken, für jeden Geschmack gibt es etwas. Während das Spiel nach dem Schlagen 3.exd5 exd5 eher zu einfacheren, ausgeglichenen Stellungen führt, dreht sich bei den beiden anderen Möglichkeiten erst einmal alles um ein Druckspiel gegen die weißen Bauern im Zentrum.

Natürlich kann Weiß auf d5 schlagen, 3. exd5, und in die sogenannte Abtauschvariante einleiten. Nach 3. …exd5 entsteht eine symmetrische Bauernstruktur; es kommt zu einfachen, ausgeglichenen Stellungen, die sich weniger durch lebhaftes Spiel auszeichnen.

Weiß kann in der Diagrammstellung das Zentrum mit 3. e5 abriegeln. Auf die Merkmale und die Behandlung der Bauernformation nach 3. …c5 4. c3 Sc6 5. Sf3 (Druckspiel gegen den Bauern d4) wird später in einer besonderen Abhandlung eingegangen.

Weiß muss den e-Bauern aber nicht vorschieben, er kann den angegriffenen Bauern e4 mit dem Damenspringer verteidigen: 3. Sd2, woraufhin Schwarz den Druck auf den Bauern mit 3. …Sf6 weiter direkt verstärkt, oder Weiß spielt 3. Sc3, und durch einen Angriff auf die verteidigende Figur mit 3. …Lb4 übt Schwarz indirekt weiter Druck auf den Bauern aus. In der Regel wird dann der Bauer e4 nach e5 vorgeschoben, und Schwarz beginnt mit der typischen Aktion …c7-c5, um den Druck auf den Dreh- und Angelpunkt in dieser Eröffnung (den Bauern d4) zu steigern. Auch darüber später mehr.

 


In den vier letzten halboffenen Spielen verfolgt der Nachziehende eine andere Strategie. Er versucht nicht, die Bildung des weißen Zentrums e4/d4 zu unterbinden, sondern ist bestrebt, es mit Figuren anzugreifen. Alle diese Eröffnungen sind zwar spielbar, aber erst nach einer näheren Beschäftigung mit taktischen und strategischen Mitteln gut anwendbar, für Einsteiger eignen sie sich weniger. Sie werden hier nur der Vollständigkeit halber aufgezählt:

1. e4 Sf6 - "Aljechin-Verteidigung" Hier wird der Bauer e4 sofort angegriffen und zum Vorgehen provoziert.












In der Aljechin-Verteidigung,1. e4 Sf6, wird der e-Bauer nach e5 gelockt, um ihn später mit …d6 anzugreifen.

Nach der plausiblen Folge 2. e5 Sd5 3. c4 Sb6 4. d4 d6 hat Weiß zwar zentrale Felder besetzt, doch Schwarz kann im Angriff auf die Spitze e5 etwas Gegenspiel kreieren.




 


In der Pirc-Verteidigung 1. e4 d6 2. d4 Sf6 3. Sc3 hat Weiß das ideale Bauernzentrum erreicht, für Schwarz spricht nur, dass er sich ziemlich ungestört entwickeln kann (3. …g6, gefolgt von …Lg7 und …0-0).



Bereits mit seinem ersten Zug, 1.e4, übt Weiß Kontrolle aus über zwei Felder im gegnerischen Lager(d5 und f5). Lässt er noch d2-d4 folgen, besitzt er das ideale Bauernzentrum. Schwarz weicht zunächst der direkten Konfrontation aus und ist bestrebt, seine Kräfte in der eigenen Hälfte optimal auf die kommenden Verwicklungen aufzustellen.


 


In den verwandten Eröffnungen 1. e4 g6 ("Königsfianchetto") und 1. e4 b6 ("Damenfianchetto") lässt sich Schwarz noch alle Möglichkeiten der Zentrumskontrolle offen. Da gibt es sogar sehr viele, sie lassen sich aber nicht so ganz eindeutig definieren, denn vieles hängt davon ab, wie sich der Anziehende aufstellt. Manchmal wird ein Fuß in die Brettmitte gesetzt (…d6, gefolgt von …e5), manchmal konzentriert sich das Spiel gegen den Bauern d4 - aber dabei wollen wir es belassen, bis das entsprechende Thema in ausführlicher Form ansteht.



Im Königsfianchetto (Diagramm rechts) wird das Zentrum von Ferne beäugt; …Lg7 soll folgen, später vielleicht …c5 oder …e5. Im Damenfianchetto wird mit 1. …b6 die Entwicklung des Läufers nach b7 vorbereitet, und mit 2. …Lb7 der Bauer e4 aufs Korn genommen.
 


Schachschule 64 als PDF

Teil 11 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, April 2011, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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