Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Taktische Motive in der Eröffnung


Glossar


Ablenkung |   Kombination |   Schäfermatt

Die ominöse Schwäche f7



Als Schwäche wird im Schach ein Feld (man sagt auch "Punkt") definiert, das nicht oder nur unzureichend gedeckt ist - ganz gleich, ob dort ein Stein steht oder nicht.
Was heißt aber unzureichend? Eine Stellung sagt mehr als tausend Worte:




Der Bauer f7 ist zwar durch die Dame gedeckt, schlägt dort aber der Läufer ein, 1. Lxf7, ist …Dxf7 natürlich keine gute Antwort, da nach 2. Dxf7 die schwarze Dame das Brett verlässt. Das war natürlich ein sehr einfaches Beispiel, verdeutlicht aber den Begriff "unzureichende" oder "ungenügende" Deckung und somit die Schwäche. Den Extremfall einer Schwäche sehen wir im zweiten Diagramm.




Hier kann nach 1. Lxf7+ nicht einmal unter Materialverlust (wie im Beispiel 1) zurückgeschlagen werden, dem stehen die Grundregeln des Schachspiels entgegen. Folglich ist ein Punkt, der nur durch den König gedeckt ist, stets eine Schwäche, mitunter eine entscheidende.
In der Grundstellung einer Partie sind die Punkte f7 und f2 immer schwach. Natürlich verändert sich die Stellung mit jedem ausgeführten Zug, doch die besagten Schwächen "schleppt" man eine ganze Zeit lang mit, erst nach deutlichen Stellungsveränderungen verschwindet diese. Oft geschieht das nach der erfolgten Rochade.
In einem sehr frühen Stadium einer Schachpartie, wenn noch nicht rochiert wurde und auch noch nicht viele Figuren entwickelt sind, können die klassischen Schwächen f7 oder f2 zum Ziel eines taktischen Überfalls werden. Zugegeben, solche Zugfolgen kommen eher nur bei absoluten Anfängern vor.











Das einfachste Beispiel bietet das sogenannte Schäfermatt, das auf verschiedenen Wegen zustande kommen kann, z. B. nach 1. e4 e5 2. Lc4 Sc6 3. Df3 d6??, und Weiß setzt im vierten Zug auf f7 matt: 4. Dxf7 matt.


Den Anfängerschuhen sind wir bei dieser Serie schon entwachsen, stehen jedoch noch nur am Ufer eines Ozeans von Schachwissen. Schauen wir uns in dieser und den nächsten Folgen einige typische Überfälle mit dem Motiv des Angriffs auf die Schwäche f7 an. Das erste davon ist weltberühmt, es gehört zu den ersten Schachnachrichten, die - damals noch per Telegraph - seinerzeit den Globus umrundeten. Die Partie oder die darin enthaltene Kombination stand und steht bis heute in der entsprechenden Literatur, mal findet man sie in der Sparte mit Partien, mal unter den Kombinationen oder sogar in Schachlexika.
Ungewöhnlich sind die Begleitumstände der Partie: Gespielt wurde sie anno 1858 in Paris während einer Aufführung der Oper Der Barbier von Sevilla (die Kontrahenten schienen ihre Präferenzen anders gesetzt zu haben als die meisten Besucher) und zwar zwischen dem Amerikaner Paul Morphy (dem besten Schachspieler jener Zeit, der gerade auf einer Europatournee weilte) und dem sich beratendem Duo Herzog Karl von Braunschweig und Graf Isouard de Vauvenargue.

Philidor-Verteidigung C 41
Paul Morphy
Karl von Braunschweig und Graf Isouard

1. e4 e5 2. Sf3 d6 Dies ist die sogenannte Philidor-Verteidigung (siehe dazu auch Schachschule 64 - Teil 5). In die Praxis eingeführt hat sie übrigens ein Schachmeister und - Opernkomponist! So gesehen, passte sie prima zu dieser während einer Opernaufführung gespielten Partie. Morphy setzte mit 3. d4 fort und sorgte für Raum im Zentrum, ganz getreu der Anfängerfaustregel, die aber auch für namhafte Spieler gilt. Der richtige Zug - und ein fester Bestandteil der besagten Philidor-Verteidigung - wäre nun …Sd7 mit Sicherung des Bauern e5 und somit der Stellung im Zentrum. Doch es geschah 3. …Lg4? 4. dxe5 Lxf3 Das muss schon sein, denn nach dem Zurückschlagen 4. …dxe5 würde Schwarz einen Bauern verlieren, Weiß tauscht mit 5. Dxd8+ die Damen ab und schlägt dann mit dem Springer auf e5. 5. Dxf3 dxe5 6. Lc4











Der Punkt f7 wird attackiert. Wie kann Schwarz die Drohung abwehren?


Morphy nimmt sofort den eingangs erwähnten Punkt f7 unter Beschuss. Schwarz muss ihn decken. Mit dem Springer geht das nicht gut, nach dem Fehler 6. …Sh6? schlägt Weiß mit dem Läufer c1 ebendiesen Springer und droht wieder Dxf7 matt. Und der Zug 6. …f6 rettet zwar den Punkt f7, öffnet aber die Diagonale a2-g8 wie ein Scheunentor. Kein Wunder, dass sofort "etwas drin" ist, nämlich 7. Db3 mit der Drohung 8. Lxg8, aber auch 8. Dxb7.







Analysediagramm

Nach 7.Db3 sind nicht nur Springer und Bauer bedroht, indirekt ist auch der König angegriffen.


Zu seinem Unglück kann Schwarz nicht einfach den Bauern b7 abschreiben und den Springer retten, nach 7. …Se7 (oder 7. …Sh6 8. Lxh6 gxh6, das läuft auf dasselbe hinaus) folgt 8. Lf7+ Kd7 9. De6 matt. Die Schwäche f7 erwies sich als schicksalhaft!

Noch am besten war es, den Punkt f7 mit der Dame zu decken, z. B. 6. …Dd7 (aus der Stellung des vorletzten Diagramms). In der Partie entschlossen sich die Adligen zu 6. …Sf6 was zwar ebenfalls den Punkt f7 vor dem gegnerischen Zugriff (Dxf7) rettet, das Problem der Schwäche f7 aber nicht dauerhaft löst. 7. Db3 Die Punkte f7 und b7 werden gleichzeitig angegriffen. Da Lxf7+ gefolgt von De6 matt die klar gefährlichere der beiden Drohungen ist, geschah 7. …De7 Auch wenn die besagten Blaublütler dem großen Paul Morphy nicht standhalten konnten, schlechte Spieler waren sie nicht. Mit ihrem letzten Zug wehrten sie sich immerhin halbwegs erfolgreich gegen den Einschlag 8. Dxb7, der nur vermeintlich den Turm a8 gewinnt; Schwarz antwortet nämlich 8. …Db4 mit Schach und Bedrohung der Dame b7. Nach dem erzwungenen Abtausch 9. Dxb4 Lxb4+ wurde immerhin der Turm a8 gerettet, zugegeben, Schwarz büßte einen Bauern ein. Aber das war eben das kleinere Übel; das größere folgte in der Partie: Morphy verzichtete auf den schnöden Bauerngewinn und setzte seine Figurenentwicklung fort. 8. Sc3 Dxb7 droht immer noch, und so erklärt sich der nächste Zug von Schwarz: 8. …c6 Jetzt deckt die Dame e7 den Bauern b7. 9. Lg5 Eine weitere Figur kommt ins Spiel, Schwarz steckt schon ganz schön in Schwierigkeiten. Der nächste Zug von Schwarz 9. …b5 war zwar verständlich, Schwarz will den Läufer c4 vertreiben und damit den auf f7 lastenden Druck mindern, aber der enorme Entwicklungsvorsprung von Weiß erlaubt nun eine Kombination:



10. Sxb5! cxb5 11. Lxb5+ Sbd7 12. 0-0-0 Die Attacke gilt dem Springer d7, der ungenügend geschützt ist. Weiß droht, auf f6 zu schlagen und dann den Springer d7 zu erobern. Schwarz deckt ihn: 12. …Td8



Was nun kommt, hat zwar jetzt nicht mehr direkt mit dem Thema dieser Folge zu tun, die mit der Schwäche f7 verbundenen Motive wurden bereits abgehandelt, dennoch wird der Rest der Partie gezeigt. 13. Txd7! Erzeugt eine Fesselung. 13. …Txd7 14. Td1 Es droht Lxf6, gefolgt von einem Einschlag auf d7. 14. …De6 Jetzt hätte Lxf6 nebst Lxd7+ auch gewonnen, aber nicht so herrlich wie nach der Fortsetzung in der Partie. 15. Lxd7+! Sxd7 16. Db8+!! Weiß gibt auch noch seine Dame, um den Springer d7 abzulenken 16. …Sxb8 und auf der nunmehr offenen d-Linie wird die Partie mit 17. Td8 matt beendet. 1:0

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 8 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, Januar 2011, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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Designelement SM64-Kaleidoskop Designelement
  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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