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Richtig beginnen


Glossar


Decken |   Doppelangriff |   Fesselung |   Gabel |   Verwicklungen

Der langsam aufziehende Kampf ums Zentrum am Beispiel der Spanischen Partie



Auf die Bedeutung des Zentrums wurde in früheren Folgen dieser Serie eingegangen. In allen Schacheröffnungen spielt die Beherrschung der Brettmitte bzw. die Bestrebungen, dem Gegner das Zentrum nicht zu überlassen, eine wichtige Rolle.

Was kann man in der Eröffnung tun, um im Zentrum Fuß zu fassen? Mit der geradlinigen Methode (die Bauernzüge e2-e4, c2-c3 gefolgt von d2-d4) beschäftigten wir uns in Folge 4. Dabei kommt es oft zu einem schnellen Schlagabtausch und die Bauern im Zentrum verschwinden vom Brett, Linien und Diagonalen sind geöffnet, die Könige werden mit der Rochade in Sicherheit gebracht - ein offenes Spiel.

Im letzten Beitrag standen Gambit-Eröffnungen auf dem Programm. Dabei wird (meist) ein Bauer geopfert und als Kompensation für diesen materiellen Nachteil verspricht sich der Gambitspieler Zeit- und Raumgewinn, die er für eine schnelle Figurenentwicklung nutzt, mit dem Ziel, die wichtigen Zentrumsfelder zu kontrollieren.

Es gibt aber auch Eröffnungen, in denen es ruhiger zugeht (d. h ohne Materialopfer), in denen der Druck langsam aufgebaut wird. Ein Paradebeispiel dafür ist die sogenannte Spanische Partie (oft auch kurz Spanisch genannt), charakterisiert durch die Eröffnungszüge 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5










Mit dem Läuferzug nach b5 verstärkt Weiß den Druck auf den Zentrumsbauern e5.



Von der latenten Drohung Lb5xc6 ist indirekt auch der Bauer e5 betroffen. Wird der Springer getauscht, droht ein Bauernverlust, nämlich durch Sf3xe5. Wohlgemerkt handelt es sich um eine latente Drohung, denn in diesem Stadium der Eröffnung ist dieser Bauerngewinn noch unergiebig, nach beispielsweise 3. …a6 4. Lxc6 dxc6 5. Sxe5 Dd4 gewinnt Schwarz durch den Doppelangriff auf den Springer e5 und den Bauern e4 den soeben verlorenen Bauern zurück.

Da fragt man sich, warum stellt Weiß eine Drohung auf, die er nicht bzw. nur ohne nennenswerten Vorteil durchführen kann? Hier berühren wir die höheren Sphären des Schachspiels, den Bereich der langfristigen Planung. Die Möglichkeit Lxc6 nebst Sxe5 kann später zu einer echten Drohung mutieren, dann nämlich, wenn Weiß seinen Bauern e4 gesichert hat, so dass der soeben skizzierte Bauernrückgewinn mit …Dd4 nicht mehr funktioniert. Dieses Motiv spielt bei den nächsten Standardzügen der Spanischen Partie eine Rolle: 3. …a6 Wie soeben dargelegt, ist 4. Lxc6 dxc6 5. Sxe5 Dd4 6.Sf3 Dxe4+ für Weiß unergiebig. Deshalb zieht Weiß den angegriffenen Läufer weg, jedoch behält er das Ass (die Möglichkeit Lxc6) im Ärmel. 4. La4 Wenn hier Lb5xc6 keinen Bauern gewinnt, so verhält es sich mit La4xc6 ebenso, Schwarz nutzt also die gewonnene Zeit zur Figurenentwicklung, und Weiß macht es ihm nach. 4. …Sf6 5. 0-0











Der Springer f6 greift den Bauern e4 an, doch das ficht Weiß nicht an: er rochiert.


Schwarz könnte nun einen Zentrumsbauern schlagen, 5. …Sxe4, und damit in die von der Theorie als "offene Variante" bezeichnete Spielweise einlenken. Dagegen spricht grundsätzlich nichts, Schwarz muss nur gewahr sein, dass er den Mehrbauern nicht halten kann, sondern dass er ihn umgehend zurückgeben muss. Weiß hat bereits rochiert und kann seinen f-Turm auf die e-Linie stellen, während der schwarze König noch in der Brettmitte steht, eine potentiell gefährliche Konstellation.

Hier sind mehrere Fortsetzungen möglich: ist man mit der Variante vertraut, kann man mit 6. d4 Verwicklungen herbeiführen. Kennt man sich dagegen nicht so gut aus, wird man mit 6. Te1 den Bauern zurückgewinnen: 6. …Sc5 7. Sxe5 (Dia links) oder 6. …d5 7. Lxc6+ bxc6 8. d3 Sf6 9. Sxe5 (Dia rechts).

In der Praxis wird meist 5. …Le7 gespielt. Schwarz setzt seine Entwicklung fort und schließt auch die e-Linie, deren Öffnung - wie wir gerade gesehen haben - gefährlich sein kann. Jetzt aber könnte Schwarz auf e4 schlagen, deshalb entschied sich Weiß in unzähligen Partien für 6. Te1.



Man sollte sich in Erinnerung rufen, dass es in der Eröffnung immer um das Zentrum und speziell hier um die e-Bauern beider Seiten, die sich bereits im ersten Zug dorthin vorgewagt haben, geht. Weiß hat seinen e-Bauern mit dem Turm gedeckt und bedroht nun den gegnerischen Bauern e5, der etwa nach 6. …0-0? tatsächlich verloren ginge: 7. Lxc6 dxc6 8. Sxe5, und hier funktioniert die eingangs erwähnte Aktion …Dd4 nicht mehr, der Bauer e4 ist ja geschützt (in der Schachsprache "gedeckt"), Weiß kann einfach den Springer e5 nach f3 zurückziehen und den Mehrbauern behalten. Also muss Schwarz etwas für den Bauern e5 tun. Dies geht hier (und ging auch schon zuvor) mit 6. …d6, aber da ist 7. Lxc6+ bxc6 8. d4 für Schwarz nicht besonders angenehm, Weiß macht sich zunehmend im Zentrum breit. Bewährt hat sich 6. …b5 und nach 7. Lb3 nun 7. …0-0






Mit dem Erreichen dieser Stellung in der sogenannten geschlossenen Variante (geschlossen deshalb, weil keine Bauern früh geschlagen wurden) ist die erste Phase der Partie, von den ersten Bauernzügen bis hin zu den Rochaden beendet. Die Figuren des Königsflügels sind vollständig entwickelt, nun folgen die des Damenflügels, wobei beide Seiten darauf achten, dem Gegner möglichst nicht zu viel Raum im Zentrum zu überlassen.

Eine typische Entwicklung kann z. B. so aussehen: 8. c3 d6 Manchmal wird auch das sogenannte Marshall-Gambit gespielt, 8. …d5 9.exd5 Sxd5. Bevor man sich auf die entstehenden Komplikationen einlässt, sollte man schon einiges an Theorie gebüffelt haben. Das einfache 10. d4 ist völlig in Ordnung. 9. h3 Gegen die Fesselung …Lg4 gerichtet (Stünde der Läufer auf g4, wäre der Springer gefesselt; würde der ziehen, könnte die dahinter stehende Dame geschlagen werden). 9. …Sa5 10. Lc2 c5 11. d4 Dc7 deckt zusätzlich den Bauern e5 12.Sbd2 Ld7 13.Sf1.









Der Springer geht nach g3, später wird noch ein Platz für den Läufer c1 bestimmt, b3 nebst Lb2 ist eine Möglichkeit. Allmählich sind alle Figuren aktiviert, das Mittelspiel beginnt.



 

Warum "Spanische Partie"?



Die Verbreitung des Schachspiels in Europa begann in Spanien, wie u. a. in "Meyers Schachlexikon" dargelegt wird. Die Araber brachten es im Zug ihrer Expansion auf die iberische Halbinsel mit. Die ersten namentlich bekannten Schachspieler auf europäischem Boden lebten im 9. Jahrhundert in Cordoba. Arabische Schachfiguren aus Bergkristall werden im 11. Jh. in Urgel erwähnt und noch heute in einem Museum aufbewahrt. Der spanische König Alfonso el Sabio ("der Weise") diktierte 1283 in Sevilla sein hauptsächlich dem Schach gewidmetes Buch der Spiele; die ersten Schachbücher wurden von Spaniern (Vincent und Lucena) verfasst.

Das erste internationale Turnier der Neuzeit in Form von Zweikämpfen fand 1575 in Madrid vor dem spanischen König Philipp II. statt. Der beste Spieler jener Zeit war der spanische Geistliche Ruy Lopez de Segura, der 1561 seine Schacherkenntnisse in einem Lehrbuch zusammenfasste. Darin wird auch die Eröffnung 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 behandelt, die deshalb in Deutschland die Spanische Partie und in manchen anderen Ländern Ruy Lopez genannt wird.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 7 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, Dezember 2010, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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