Schach Magazin
Schachschule 64 ::

Die Spezialzüge


Glossar


Abzugsschach |   Doppelschach |   en passant |   Rochade


Die Faszination des Schachspiels beruht nicht oder nicht nur auf der Vielzahl an Zugmöglichkeiten. Bereits bei den Grundregeln, der Gangart von Figuren und Bauern, entdeckt der Lernende das Spiel bereichernde Variationen. So kann (muss aber nicht!) der Bauer aus der Ausgangsstellung zwei Felder nach vorn ziehen ("Doppelschritt"), danach geht es jeweils nur ein Feld weiter geradeaus, es sei denn, der Bauer erhält die Gelegenheit zu einem Spezialzug:

En passant


Der Autor dieser Serie kann sich heute noch an einen kleinen Schock bei einer Partie auf dem Schulhof erinnern:

Mit den Spielregeln nur teilweise vertraut, wusste ich, dass Weiß meinen Bauern schlagen kann, wenn ich ihn von f7 nach f6 stelle, also 1. …f6 (das Auslassungszeichen zeigt an, dass es sich um einen Zug von Schwarz handelt), und nun 2. exf6 ("der Bauer schlägt schräg nach vorn", wurde mir beigebracht). Dass der Doppelschritt aus der Ausgangsstellung möglich ist, war mir auch bekannt. Ich spielte daher frohen Mutes 1. …f5, doch statt dass ich dem Gegner ein Schnippchen geschlagen hatte, war - schwupps - der Bauer weg, und mein Gegner stellte seinen Bauern von e5 nach f6. Ich protestierte: "Hallo, das ist gegen die Regel!" - "Was, du kennst en passant nicht?" kam mir entgegen …
Der Unwissende schwieg, akzeptierte und erkundigte sich zu Hause bei dem gut Schach spielenden Vater. Und seit dieser Zeit weiß ich, dass es noch eine zweite Schlagmöglichkeit gibt, die "im Vorübergehen". Auf Französisch heißt das en passant (Kürzel "e. p."), und dieser Begriff hat sich in der Schachwelt eingebürgert.

dia1


Im nebenstehenden Diagramm überschreitet ein Bauer (der auf f7) ein Feld (f6), das von dem gegnerischen Bauern e5 kontrolliert wird, und er kann im darauf folgenden Zug auf eben diesem bedrohten Feld (f6) geschlagen werden (Notation: exf6 e. p.). Die Betonung liegt auf unmittelbar, die en passant Regel kann nur sofort eingesetzt werden, die Schlagmöglichkeit bleibt nicht bestehen. Es kann also dem Weißen ein paar Züge später einfallen, es wäre jetzt doch schön, exf6 e.p. zu spielen - ausführen darf er diesen Zug nicht mehr.

Die Definition lautet: Ein Bauer, der mit einem Doppelschritt ein Feld überschreitet, das von einem gegnerischen Bauern beherrscht wird, kann von ihm im unmittelbar folgenden Zug auf diesem Feld geschlagen werden.







Schwarz am Zug setzt den Bauern von f7 nach f5: 1. …f5






Weiß nimmt den Bauern f5 vom Brett und stellt den Bauern von e5 nach f6: 2. exf6 e.p.

Es gibt gute Gründe, darauf einzugehen. Die falsche Interpretation der en passant Regel führt in der Praxis häufig zu Missverständnissen, ja sogar zu Streitfällen. Das gilt ebenfalls für die Rochaderegeln:


Rochade


Einmal während der Partie darf jede Seite einen Doppelzug mit König und Turm ausführen, die Rochade. Dabei zieht der König zwei Felder zur Seite, und der Turm, auf den er sich dabei zu bewegt, überspringt den König und stellt sich direkt neben ihn. Bei der kurzen Rochade (Notationssymbol: 0-0) zieht der König nach g1 bzw. g8, der h-Turm entsprechend nach f1 bzw. f8. Bei der langen Rochade (Symbol: 0-0-0) zieht der König nach c1 bzw. c8, der a-Turm stellt sich entsprechend nach d1 bzw. d8. Die Rochade ist nur unter folgenden Bedingungen erlaubt: König und Turm stehen in der Ausgangsstellung (König auf e1 bzw. auf e8, die Türme auf a1 oder h1 bzw. a8 oder h8), der König und der jeweils beteiligte Turm dürfen noch nicht gezogen haben, die Felder zwischen König und Turm müssen frei von anderen Steinen sein, der König darf nicht bedroht sein ("im Schach stehen"), die Felder, über die der König zieht oder die er betritt, dürfen nicht von gegnerischen Steinen angegriffen sein.

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Im Diagramm sind alle Voraussetzungen für Schwarz erfüllt: Schwarz darf kurz oder lang rochieren. Weiß darf dagegen nur kurz rochieren: Die schwarze Dame bedroht das Feld c1 und verhindert damit die lange Rochade von Weiß (vgl. Punkt 4).




Möglicher Streitfall

Schiedsrichter berichten, selbst bei Vereinsspielern komme es gelegentlich zu Irritationen, da viele die Regel 4 nicht richtig verinnerlicht hätten: Dass ein bedrohtes Feld weder betreten noch überquert werden darf, betrifft nur den König, der Turm darf beides!

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Der Springer f7 kontrolliert auf der Grundreihe die Felder d8 und h8: Die kurze Rochade ist möglich (die Felder, die der König auf seinem Weg nach g8 betritt, sind nicht bedroht), die lange Rochade verbietet sich, da der König das bedrohte Feld d8 nicht betreten darf.



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Der Läufer d4 kontrolliert auf der Grundreihe die Felder a1 und g1: Die lange Rochade ist möglich (die Felder, die der König auf seinem Weg nach c1 betritt, sind nicht bedroht), die kurze Rochade verbietet sich, da der König das bedrohte Feld g1 nicht betreten darf.


Warum rochiert man überhaupt?

Mit Hilfe der Rochade wird der König aus dem Zentrum, wo erfahrungsgemäß während der Eröffnungsphase und während des Mittelspiels die Hauptkampfhandlungen stattfinden, entfernt; der König wird auf einem der Flügel in Sicherheit gebracht. Gleichzeitig wird ein Turm an das Zentrum herangeführt, mobilisiert. Die Rochade ist als Sicherungszug für den König und als Entwicklungszug des Turms in den meisten Fällen sehr zu empfehlen. Häufig bildet sie den Abschluss der Figurenentwicklung in der Anfangsphase einer Partie, der Eröffnung.

Abzugsschach und Doppelschach


Die letzten beiden Spezialzüge sind die wirkungsvollsten, weil dabei der König bedroht wird:

Abzugsschach: Eine Figur, die zwischen dem gegnerischen König und eine ihn potentiell angreifende Figur steht, wird abgezogen, und der König steht im Schach.

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Der Springer zieht (hier nach a4 oder d1) und macht den Weg frei für ein Schachgebot des Läufers.




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Der Läufer zieht (hier nach f6, e5 oder h6) und der Turm greift den König an.


Doppelschach: Eine Spezialform des Abzugsschachs, bei der die abziehende Figur ebenfalls Schach bietet. Es kommt sehr oft vor, dass ein Schachgebot durch den Abtausch der Schach bietenden Figur aufgehoben wird. Dieses Vorgehen ist beim Doppelschach ausgeschlossen, der bedrohte König kann sich dem Angriff nur durch Flucht entziehen.

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Der Springer zieht mit Schach nach d6 und macht den Weg frei für ein Schachgebot der Dame: Doppelschach.


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Nach 1. Sd6 ++ bleibt dem schwarzen König nur die Flucht. Es hilft ihm nicht, den Springer mit dem Läufer zu schlagen, 1. …Lxd6, der Angriff mit der Dame bliebe bestehen.



Nach der "Grundausbildung" in den ersten drei Folgen geht es in der nächsten Ausgabe mit "Wie eröffne ich richtig" weiter.

 


Schachschule 64 als PDF

Teil 3 der Schachschule 64 ist in Ausgabe Schach-Magazin 64, August 2010, erschienen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Die Printausgabe unterscheidet sich etwas von der Online-Version, bei der das eine oder andere Diagramm und hin und wieder weiterer erklärende Text die jeweilige Folge ergänzen.

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  Remisschluss einmal anders

Zu der nachstehend abgebildeten Stellung kam es am im Januar beim Open in Gibraltar zwischen zwei Spielern der Weltklasse. Weiß hat einen Bauern mehr, kann aber die Punkteteilung – zu der es mehrere Wege gibt – nicht verhindern:

 

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